Hans König – Der Landwirt, Maler und Heimatpfleger aus der Schrofengasse

von Peter Fink am 01.02.2020


Hans König wird vielen älteren Oberstdorfern noch im Gedächtnis präsent sein. Besonders seine Tätigkeit als Museumspfleger des Oberstdorfer Heimatmuseums (1953-1975) hat bleibende Spuren hinterlassen. Das Wappen am Museum und das darin aufbewahrte Bild „Auszug aus Gerstruben“ geben ein erstes eindrückliches Zeugnis von seinem künstlerischen Schaffen.

„Auszug aus Gerstruben“

Gerstruben war bis 1892 ganzjährig von Bergbauern bewohnt.

Es wurde von den Einwohnern verlassen, da ein Damm geplant war, um das Dietersbachtal zu Zwecken der Energiegewinnung aufzustauen.

In dem Stausee wäre Gerstruben untergegangen.
Das Vorhaben wurde aber nicht verwirklicht, da sich zu wenig Stromabnehmer fanden.

Diesem künstlerischen Schaffen des so vielseitig begabten und wirkenden Mannes soll der folgende Beitrag gewidmet sein.

Ein Amateur (lateinisch amator ‚Liebhaber‘) ist eine Person, die im Gegensatz zum Profi (eigentlich Professionist) - eine Tätigkeit aus Liebhaberei ausübt, ohne einen Beruf daraus zu machen.

Ein Amateur im besten Sinne war Hans König, der Zeit seines Lebens die Liebe zur Kunst und zu seiner Oberstdorfer Heimat auf vielfältige Art und Weise zum Ausdruck brachte.

Dabei war er kein geborener Oberstdorfer, denn das Licht der Welt erblickte er in Fischen als Sohn von Johann König (Postschaffner) und Theresia König (geb. Seelos aus Hinang) und als ältestes von vier Kindern.

Doch schon bald nach seiner Geburt zog die Familie nach Oberstdorf in die Schrofengasse, in das Haus der Familie Seelos (heute Schrofengasse 8).

In Oberstdorf besuchte er sieben Jahre die Volksschule und absolvierte danach zwei Jahre in der Berufsschule Sonthofen.

In dieser Zeit entwickelte er seine Leidenschaft für das Zeichnen und Malen und so war es nur folgerichtig, dass er mit 15 Jahren eine Lehre im Malergeschäft Dreher (Maximiliansstraße) begann.

Rosina Wolf kannte Hans seit seiner Kindheit, denn sie waren Nachbarskinder in der Schrofengasse. Aus dieser Kinderfreundschaft entwickelte sich mehr und am 27.4.1936 heirateten die beiden.

Der gelernte Maler hatte also in eine Landwirtschaft eingeheiratet und musste somit das „Bürsgschäft“ erlernen. Neben der Landwirtschaft arbeitete er zumindest periodisch in seinem angestammten Beruf im Malerbetrieb Dünßer.

Nichts hätte dem Glück der jungen Familie im Weg gestanden, doch dann erging ausgerechnet am Heiligabend 1940 der Stellungsbefehl an den jungen Ehemann.

Hans wurde nach Russland beordert. Welchen Schicksalsschlag dies für die jungen Eheleute bedeutete, Rosina war schwanger, kann und mag man sich heute kaum mehr vorstellen.

Solche Ereignisse sollen sich all jene vor Augen halten, die heute wieder Hass und Gewalt zwischen Menschen und Nationen säen und Krieg und Zerstörung verherrlichen oder zumindest verharmlosen.

Trotz der Trennung von Familie und der Heimat malte Hans weiter und er dokumentierte in seinem Tagebuch Krieg und Zerstörung. Aber er hatte auch den Blick für die Schönheiten Russlands, das Land des „Feindes“.

Bild: "Mein Hannele" , 1940 (Tochter)

„Mein Hannele“, 1940 (Tochter)

Welch ein Unterschied zu der düsteren Kriegs-Szenerie, die er in „Infanterie“ dargestellt hat! Für mich spricht aus diesen Landschafts-Aquarellen eine tiefe Sehnsucht nach Frieden und der fernen Heimat und deren Landschaften.

„Olewsk, Aug.43“ (Olewsk liegt im Norden der heutigen Ukraine; russisch Олевск)

„Olewsk, Aug.43“ (Olewsk liegt im Norden der heutigen Ukraine; russisch Олевск)
Gerstruben Bleistift

Diese Heimat hatte er u.a. schon im Sommer 1940 in der Zeichnung „Gerstruben“ (Bleistift) festgehalten.

Im weiteren Verlauf der Kriegswirren verschlug es Hans König auch nach Dänemark, wo ein Aquarell entstand, das zeigt, dass der „Gebirgler“ Hans König es auch verstand, eine ihm bis dahin sicherlich fremde Hafenszenerie eindrücklich wiederzugeben.

„Im Fischerhafen von Esbjerg (Dänemark)“, ohne Jahreszahl"

„Im Fischerhafen von Esbjerg (Dänemark)“, ohne Jahreszahl

Schließlich gelangte er nach Frankreich, in die Normandie. Dort schuf er die stimmungsvolle Buntstift-Zeichnung „Sonnenaufgang Normandie 14. Okt. 44“.

Die Hoffnung, die sich im Bild als aufgehende Sonne unter einem blutroten Himmel ihre Bahn bricht, sollte sich bald erfüllen. Nach sechs furchtbaren und verheerenden Jahren endete schließlich der Zweite Weltkrieg, der so viel Leid über zahllose Menschen gebracht hatte.

Hans König hatte überlebt, jedoch wie viele andere durfte er nicht nach Hause. Er kam 1945 in französische Gefangenschaft und wurde danach an die Amerikaner übergeben. Wie all die Jahre zuvor fuhr er fort zu malen und zu zeichnen. So entstanden nicht nur kleine Kunstwerke, sondern auch Zeit-Dokumente.

Er wurde im Argonnerwald zur Holzarbeit eingeteilt und hielt die dortige Landschaft und sein Lagerleben in Aquarellen fest. Auffallend ist, dass in (fast) all diesen Werken aus seiner Zeit als Soldat und Kriegsgefangener keine Menschen zu sehen sind. Gleichgültig, welches Motiv der Maler ausgewählt hat, entsteht so immer der Eindruck einer friedlichen Natur-Idylle. Einzig in der Zeichnung „In-
fanterie“ sind Menschen dargestellt. Diese aber bringen Tod und Zerstörung. Zufall?

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„Argonnerwald m. Ehrenmal v. Varennes 14-18“ Varennes liegt in der Nähe von Verdun (Nordfrankreich), wo im Ersten Weltkrieg eine

„Argonnerwald m. Ehrenmal v. Varennes 14-18“ Varennes liegt in der Nähe von Verdun (Nordfrankreich), wo im Ersten Weltkrieg eine der grausamsten Schlachten stattfand.

Das „Pennsylvania Memorial“, das von Hans König aus der Ferne gemalte „Ehrenmal“ für Freiwillige aus Pennsylvania (USA) während des Ersten Weltkriegs. Es wurde in Varennes in den Zwischenkriegsjahren errichtet.

Das „Pennsylvania Memorial“, das von Hans König aus der Ferne gemalte „Ehrenmal“ für Freiwillige aus Pennsylvania (USA) während

1946 kehrte Hans dann endlich zu seiner Familie heim. Er nahm seine Arbeit als Landwirt wieder auf, arbeitete wieder gelegentlich im Malergeschäft Dünßer und schuf weiterhin Gemälde und Zeichnungen.

Aber er wollte als Zeichner und Maler dazulernen. Deshalb belegte er ein Fern-Studium an der Kunstakademie in Darmstadt, welches er dann auch erfolgreich absolvierte.

Doch damit nicht genug. Von der „Ecole A.B.C. de Dessin“ in Paris erhielt 1962 ein Zertifikat in der Kategorie „Malerei“ (Peinture).

Nach dem Ersten Weltkrieg gründete Henri Gazan die ABC-Schule "Drawing-Painting" (Zeichnen und Malen) in der Rue Lincoln in Paris. Die ABC- School of Drawing hatte in den 1930er Jahren den Ehrgeiz, die bedeutendste Zeichenschule der Welt zu werden. Sie bildete eine große Anzahl von Illustratoren und anerkannten Zeichentrickautoren aus.

Bild: Sohn Max, 1949

Sohn Max, 1949
Zertifikat für Hans König von der Ecole A.B.C. De Dessin, 1962

Zertifikat für Hans König von der Ecole A.B.C. De Dessin, 1962

Skizzenbuch, 1956

In diesen Jahren entstanden folgerichtig dann auch viele seiner bemerkenswertesten Arbeiten. Besonders in seinen Skizzenbüchern sind die Fortschritte seiner zeichnerischen Ausdrucksmöglichkeiten anschaulich nachzuvollziehen.Scheinbar unspektakuläre Naturszenen werden mit einem sicheren Gespür für Raum und Licht eingefangen und lenken den Blick des Betrachters auf Dinge, von denen man gewöhnlich kaum Notiz nimmt.

Skizzenbuch 1956

Und er wird nicht müde, Szenerien seiner Oberstdorfer Heimat zu allen Jahreszeiten anzufertigen. In „Schwand“ kontrastiert das zarte Grün der Frühlingswiesen mit dem kalten Weiß der noch tief verschneiten Trettach -Mädelegabel - Gruppe.

Skizzenbuch 1957

Skizzenbuch, 1957

Hans König erprobt in diesen Jahren auch viele Techniken der Malerei und während Reisen nach Italien, in die Schweiz und Frankreich hält er seine Eindrücke in Bildern fest. Die Tuschezeichnung „Findeln b. Zermatt“ (1974) vermittelt einen guten Eindruck davon, wie weit er inzwischen seine Fertigkeiten entwickelt hat.

Er verwahrt seine Werke jedoch nicht nur in Skizzenbüchern, Zeichenmappen oder im heimischen Atelier, das er sich nach einem Umbau der „Huimat“ eingerichtet hatte.

Mit anderen Oberstdorfer Künstlern (Sieber, Gabler, Eckensberger u.a.) organisiert er Ausstellungen in der Oberstdorfer Grundschule, er stellt einen Schaukasten vor seinem Anwesen auf, in dem er Bilder zum Kauf anbietet und er wird in der Öffentlichkeit als Künstler wahrgenommen.

Bild: Findeln b. Zermatt, 1974

Findeln b. Zermatt, 1974
Gedenktafel

So malt er zum Beispiel die Gedenktafel im Traufbachtal, die an ein Lawinenunglück erinnert. Öl auf Blech, Traufberg, nach der Brust.
„Anno 1737 wurde am 2. Mai Franziska Schratt im Kleegarten verländet und erst am 4. Juni gefunden“

Auch eine wichtige Begebenheit aus dem reichen Fundus der Oberstdorfer Sagen hat er künstlerisch interpretiert. Die Sage vom „Schwedenmarte“.

Aus der Schöllanger Chronik:

Am 12. August 1647 haben die Schweden zu Oberstdorf die untere Viehherde weggetrieben. Es sind 18 Mann gewesen.

Am 13. August 1647 ist ein Türk oder schwedischer Offizier durch den Osch gegen die Wallfahrt Maria Loretto geritten. Begegnet ihm ein Bauer mit Namen Martin Schwegerle mit einem Fuder Holz. Der Türk sagt, er soll das schöne Ross ausspannen.

Der Bauer setzt es aus, der türkische Schwed legt seinen Sattel darauf und sitzt auf. Der Bauer, nicht faul, nimmt das Sillscheit von seinem Wagen, schlägt den Türken hinunter, stellt den Wagen samt dem Holz darauf, lässt ihn cripieren darunter bis nach Untergang der Sonne.
In des Türken Sattel ist viel Geld gewesen. Der Bauer ist reich geworden. Sein Geschlecht wird heutzutag - sein Sohn nähmlich - Türken-Martin- Nazele genannt.”

Warum ist auf Königs Bild ein Fuder Heu zu sehen, wo doch in der Schöllanger Chronik von einem Holzfuhrwerk die Rede ist? In der Chronik wurde der Tathergang erst nach 50 Jahren niedergeschrieben.
Tatsache ist jedoch (Steuer- und Grundbeschreibung des Jahres 1637), dass Mar- tin Schwegerle (Schwedemarte) gar keine Holzmark besaß, jedoch ein „Äckerle mit 5 Viertelsaat bei Appach“, wo die Tat geschah. Königs Darstellung ist also aller Wahrscheinlichkeit nach historisch korrekt.

Der »Schwedenmarte«, Gemälde um 1965 im Besitz des Vereins der ehemaligen Rechtler.

Schwedenmarte
Hans König, „Jäger“ (ca. 20cm)

Neben seinen Zeichnungen, Aquarellen, Ölbildern fertigte der Vielbegabte Schützenscheiben und andere Auftragsarbeiten an, er schnitzte leidenschaftlich und viel (Schachbrett, Lampen, Krippen, Wilde Männle, …), er sammelte Briefmarken und er war als Museumspfleger ganz wesentlich am Aufbau des Heimatmuseums beteiligt.

Hans König, „Jäger“ (ca. 20cm)

Die Aufnahme aus dem Jahre 1982 zeigt ihn mit seinen Vorstandsmitgliedern, vier Jahre vor seinem Tod mit 74 Jahren.

Obere Reihe: Leo Huber, Alfons Thannheimer, Hans Kappeler, Prof. Werner Grundmann, Anton Köcheler, Dr. Kurt Eberhard, Vorstand Peter Weiß, Dr. Arnold Schell

Sitzend: Hans König, Anton Berktold, Sepp Joas, Museumspfleger Eugen Thomma, Karl Hofmann, Otto Simbeck

Vorstandsmitglieder

Der „Amateur“ Hans König hat ein Erbe hinterlassen, das es wert ist, daran zu erinnern und es zu bewahren. Er legte ein beredtes Zeugnis davon ab, welche Talente in vielen Menschen schlummern und man nur den Mut und die Leidenschaft besitzen muss, diese zu wecken. Hans König ist dafür ein wahres Vorbild! Ich danke der Familie König für die zur Verfügung gestellten Kunstwerke und für die freundliche Hilfe, ohne die dieser Beitrag nicht möglich gewesen wäre!

Peter Fink, im Februar 2020



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