90.000 Zuschauer am Schlusstag der ersten Skiflugwoche 1950
Nach 1987 und 2005 sollen im kommenden Winter zum dritten Mal Nordische Ski-Weltmeisterschaften in Oberstdorf stattfinden. Kurz vorher, am 22. Januar 2021, würde einer der erfolgreichsten und bekanntesten Oberstdorfer Sportler, der oftmals als „Springerkönig“ titulierte Sepp Weiler seinen 100. Geburtstag begehen.
Aus heutiger Sicht ist nicht ohne Weiteres zu verstehen, wie in den Jahren unmittelbar nach dem verheerenden 2. Weltkrieg gerade von bedeutenden Sportveranstaltungen und bekannten Sportlern als deren Protagonisten eine besondere Identifikation, verbunden mit Lebensfreude und Zuversicht, ausging.
Nachdem Deutschland aus politischen Gründen bis Ende der vierziger Jahre von der internationalen Sportbühne verbannt war, wurden nationale und ab 1950 auch internationale Sporterfolge mit geradezu euphorischer Begeisterung aufgenommen. Nach den schrecklichen Kriegsereignissen und oftmals traumatischen persönlichen Erlebnissen wurde der Sport für viele gewissermaßen zum friedlichen Feld der Selbstfindung und Identifikation.
Auch für unser Oberstdorf ergaben sich in jenen Jahren ganz entscheidende Weichenstellungen gerade im Bereich des Sports, die bis heute positiv nachwirken. Es waren vorausblickende Kommunalpolitiker, mutige Unternehmer und engagierte (und clevere) Sportfunktionäre und vor allem auch großartige Sportlerpersönlichkeiten, die damals die Grundlagen schufen für die Entwicklung Oberstdorfs zur führenden internationalen Wintersportdestination. Und so war der Sport – und ist es bis heute – eine tragende Säule unserer prosperierenden Tourismuswirtschaft und damit auch unserer hohen Lebensqualität.
Nach dem Ausschluss von Olympia 1948 reifte die Idee zum Bau der ersten Skiflugschanze, die im darauffolgenden Jahr bereits umgesetzt wurde.
Und 1953 schließlich begann die einmalige Erfolgsgeschichte der deutsch-österreichischen Vierschanzentournee, heute ein internationaler Sportklassiker mit unschätzbarem Werbewert. Besondere Strahlkraft gewissermaßen erfuhren diese Initiativen durch die gleichzeitig von Oberstdorf ausgehenden Erfolge der Skispringer, allen voran eben Sepp Weiler.

Und wer weiß, ob es je zu Ski-Weltmeisterschaften in Oberstdorf gekommen wäre, wenn damals nicht Sportler wie Sepp Weiler zusammen mit seinen Kameraden Heini Klopfer, Toni Brutscher und Max Bolkart die so entscheidende „Anlaufspur“ gelegt hätten.
Dabei stand Sepp Weiler, der schon 1947 bei den allerersten bundesdeutschen Wahlen zum Sportler des Jahres als bester Wintersportler auf Platz zehn gewählt wurde (1950 dann unter allen Sportlerinnen und Sportlern sowie Teams insgesamt sogar auf Platz 5), mit seinen ähnlich berühmten Kollegen ja nicht am Anfang einer Oberstdorfer Springertradition, sondern eigentlich schon mittendrin, nur hatten seine Vorgänger und Vorbilder nicht annähernd diesen Popularitätsstatus erreicht.
Am nächsten kam ihm dabei noch der erste Oberstdorfer Olympiateilnehmer Franz Thannheimer, dem 1928 nicht nur die Olympiateilnahme in St. Moritz ge-
lang. Mit seinem inoffiziellen Weltrekordsprung auf 75 Meter beim vorolympischen Training auf der Bernina-Schanze in Pontresina katapultierte er sich in den
Kreis der Favoriten, wie sich damaligen internationalen Pressemeldungen entnehmen lässt.
Bei dem von seinen Gegnern gefürchteten „Kleinen mit der Brille“ ging der junge Weiler dann auch in die Skispringer-Lehre. Wie Thannheimers Sohn Alfons von seinem Vater weiß, übte der Sepp sogar in dessen Schreinerwerkstatt in der Schrofengasse von der Hobelbank herunter die elegante Telemarklandung. Bei Sepp Weiler scheint dieses Training besonders effektiv gewesen zu sein, denn kaum ein anderer stand in dieser an Stürzen überaus reichen frühen Zeit des Skispringens so viele extrem weite Schanzenrekorde wie er. Als Beispiel mögen die 82 Meter (1950) am Schattenberg oder die 101 Meter in Willingen (1951) genügen, die rund 20 Jahre bestehen blieben und erst übertroffen werden konnten, nachdem die Schanzen umgebaut worden waren.
Die Sprünge beim Thannheimer Franz waren aber nicht der eigentliche Beginn des „Trainingsprogramms“ des skisprungbegeisterten Buben. Am 22. Januar 1921 als fünftes von sieben Kindern seiner Eltern Ludwig und Maria Weiler geboren, erschreckte er bereits im Kindergartenalter seine Mutter mit Sprüngen vom Küchentisch, zu denen er vielleicht schon durchs Zuschauen bei Wettbewerben an der Halde motiviert worden war.
Mit Anlauf fast von der Hofmannsruhe und einer abenteuerlich langen Aufsprungbahn, die nach der Landung höchstes skifahrerischen Können abverlangte, war dort Thannheimer gegen die Konkurrenten gesprungen, bis sein Talent die Verantwortlichen dazu motivierte, eine adäquate neue Schanze unter dem Schattenberg zu bauen, damals noch unter dem Namen „Faltenbach-Schanze“. Dort fand der erste Wettbewerb Ende Dezember 1925 statt. Gut möglich, dass der knapp fünfjährige Sepp als Zuschauer dabei war und von da an Skispringer werden wollte.
Bild: Max Bolkart, Toni Brutscher, Heini Klopfer und Sepp Weiler
Schon als Sechsjähriger wagte er erste Sprünge auf der damaligen Jugendschanze am Fuße des Kühbergs, bis dann schließlich sechs Jahre später am Schattenberg Weilers erste Wettkampfteilnahme als Zwölfjähriger großes Aufsehen erregte. 1930 hatte er die ersten Deutschen Skimeisterschaften in Oberstdorf noch als neunjähriger Zuschauer erlebt. Und nun feierte er auf der Schattenbergschanze nur wenige Tage nach seinen ersten Sprungversuchen auf dieser Anlage als jüngster Teilnehmer einen fast unglaublichen ersten Erfolg. Dass sein Sieg auch dem mangelnden Stehvermögen von zwei deutlich weiter springenden Konkurrenten zu verdanken war, soll die großartige Leistung des Buben nicht schmälern. Seinen Kraftnachteil gegenüber den Älteren glich er nämlich durch eine besonders mutige Vorlage aus, die ihm auch später noch aerodynamische Vorteile verschaffte, auch wenn es zunächst noch keine Windkanalversuche gab, mit denen ab den fünfziger Jahren die optimale Körperhaltung der Skispringer erforscht wurde.
Wenn man das damalige Pressefoto des Buben sieht, meint man seinen Enkel Frank Löffler abgebildet zu sehen, so sehr ähnelte in diesem Alter der spätere Deutsche Meister des Jahres 2002 seinem Großvater. Wie sehr Sepp Weiler gerade im hessischen Willingen verehrt und geschätzt wurde, zeigt sich auch daran, dass sein Enkel bei der Einweihung der neu umgebauten „größten Großschanze“ der Welt (heutiger Schanzenrekord 152 Meter) im Jahr 2001 den allerersten Sprung zelebrieren durfte.

Seine skispringerischen Erfolge ließen Sepp bald zum drei Jahre älteren Heini Klopfer aufschließen und brachten ihn auch schon mit 16 Jahren in die Nationalmannschaft.
Er absolvierte eine Lehre im „Installateur- und Spenglerhandwerk“ (den Gesellenbrief erwarb er im Dezember 1940) und war schon bald als einer der Besten im deutschen Team unterwegs. Als der Zweite Weltkrieg (1939-1945) ausbrach, war Weiler 18 Jahre alt und als der Krieg zu Ende war, stand er im 25. Lebensjahr und hatte 1942 durch eine Minenexplosion die Sehkraft seines durch eine frühere Verletzung schon zu fünfzig Prozent vorgeschädigten linken Auges nun fast völlig eingebüßt, was das dreidimensionale Sehen erheblich erschwerte.
Dass Weiler selbst bei schlechter Sicht Rekordweiten stand, war nicht zuletzt auch findigen Schanzenpräparatoren zu verdanken, die mit einer einfachen, aber sehr hilfreichen Methode die Sicht im Landebereich verbesserten: Sie streuten Tannenzweige, was bis heute noch bei diffusem Licht mehr Sicherheit schafft.
Die Kriegsjahre brachten natürlich eine erhebliche Einschränkung des Sportbetriebs mit sich. Dennoch konnte Weiler unter anderem 1941 in Cortina bei den später annullierten Kriegsweltmeisterschaften brillieren. Der Zwanzigjährige erzielte dort die größten Weiten, wurde aber aufgrund dubioser Wertungen von damals lediglich drei Sprungrichtern nur Vierter. Und ebenfalls 1941 wurde auf der bis dato größten Schanze der Welt in Planica von Sepp Weilers späterem Schwager, dem Thüringer Rudi Gering der Weltrekord mit 118 Metern erzielt.
Der zwanzigjährige Weiler war zu dessen Verdruss allerdings zeitgleich zum Springen nach Skandinavien geschickt worden und anschließend nach kurzer Rekrutenzeit mit den Gebirgstruppen nach Russland. Aber er soll schon während des Krieges mit Heini Klopfer ausgemacht haben, eine Riesenschanze zu bauen, wenn sie unversehrt wieder nach Hause zurückkehren würden.
Und als dann im besten Springeralter und bei bester Form Sepp Weiler wie auch die anderen deutschen Springer aus politischen Gründen 1948 weder bei Olympia noch in Planica starten durften und als dort auch noch seinem Schwager durch den Schweizer Fritz Tschannen mit 120 Metern der Weltrekord entrissen wurde, da wurde aus den Plänen ernst: „Ietz büe´ber holt seal a Schonz!“ war die Devise, mit der die beiden Oberstdorfer Spitzenspringer den Bau einer neuen, noch größeren Skiflugschanze in Oberstdorf initiierten.

Nach seiner Soldatenzeit hatte Sepp im Sommer 1945 seine um ein Jahr jüngere Frau Brigitte kennengelernt, die nach ihrer Flucht aus dem ostpreußischen Königsberg in der Langenwanger Gaststätte „Illertal“ einquartiert war, in der die Oberstdorfer Skispringer gerne einkehrten. Noch bevor Söhnchen Bernd im April 1946 zur Welt kam - die Töchter Brigitte und Andrea folgten 1952 bzw.1958 - gab es zu Jahresbeginn die Hochzeit. Im Herbst zog die Familie auf die Hochleite, die die Weilers bis 1950 bewirtschafteten.
Da Sepp sehr viel beim Springen und vor allem 1949 mit Heini Klopfer, Toni Brutscher und Rudi Gering auch in ganz Deutschland auf Werbetour mit Halstuchverkauf (galt zugleich als Eintrittskarte) zur Finanzierung des Flugschanzenbaus unterwegs war, blieb die Hauptarbeit oft an seiner Ehefrau hängen, die Sepps Aktivitäten aber immer akzeptierte und unterstützte.
Sepp war ja wegen seiner Erfolge schon in den dreißiger und vierziger Jahren als Sportstar verehrt worden. Als beliebtester Wintersportler zog er aber auch in der Nachkriegszeit auf vielen Schanzen die Massen an.

Seine Duelle mit dem ehemaligen Weltrekordler und Weltmeister Sepp („Bubi“) Bradl aus Österreich sind legendär. Sepp stellte einen Schanzenrekord nach dem anderen auf, erzielte unter anderem mit 94 Metern auf der von Heini Klopfer geplanten Kobelschanze in Füssen den bis dahin weitesten Sprung innerhalb Deutschlands und gewann in seiner besten Saison 1948/49 tatsächlich 35 von 36 nationalen und internationalen Wettbewerben. Lediglich bei den Deutschen Meisterschaften in Isny stürzte er zweimal, als die Jury einen viel zu langen Anlauf festgelegt hatte, und musste den Sieg seinem jungen Clubkameraden Doppelsprung Weiler/Bradl Toni Brutscher überlassen.
Jeder, der sich in der Sportwelt auskannte, wusste, dass es diesem Sepp Weiler durch Krieg und Nachkriegszeit verwehrt war, seine herausragende Form und sein Können mit einem Weltmeistertitel oder Olympiasieg oder wenigstens einem Medaillengewinn zu krönen.
Die ausgefallenen Olympische Winterspiele 1940 und 1944, das Teilnahmeverbot für deutsche Sportler 1948, all das in Weilers allerbesten Jahren, sind sportlich gesehen die traurige Nebenwirkung einer natürlich in noch ganz anderen Dimensionen verheerenden Katastrophe.
Bild: Doppelsprung Weiler/Bradl
Weiler galt als bescheidener Mensch, der sich über dieses Schicksal nie beklagte. Sein Blick nach vorn sollte sich dann endlich 1950 ausbezahlen. Bei der ersten Skiflugwoche, die auf ein ungeheures Medieninteresse stieß und mit geschätzt insgesamt 170 000 Zuschauern die Kassen nicht nur des Skiklubs füllte, erzielte er auf der von ihm selbst initiierten Oberstdorfer Flugschanze am 1. März 1950 mit 127 Metern einen neuen Weltrekord, den der Schwede Dan Netzel allerdings tags darauf mit 135 Metern überbot. Weiler steigerte sich noch auf seine persönliche Bestweite und den deutschen Rekord von 133 Metern.
So bleibt Sepp Weilers Name für alle Zeiten in den entsprechenden Listen verewigt. Das gilt auch für seinen Deutschen-Meister-Titel im selben Jahr und seinen 8. Platz bei der Olympiateilnahme von 1952 in Oslo, wo er als Mitfavorit angetreten war. Seinen Gesamtsieg bei der Skiflugwoche von 1950 konnte Sepp 1952 sogar wiederholen. 1953 war er bei der ersten Vierschanzentournee Fünfter der Gesamtwertung und selbst 1956 wurde er noch einmal für Olympia nominiert, eilte aber wegen des Todes seiner Mutter vorzeitig aus Cortina nach Oberstdorf zurück.
Bild: 133m Flug von Sepp Weiler

In diesen Jahren zog sich Sepp Weiler nach und nach vom Skisport zurück. Auch als Springer der Nationalmannschaft wollte er nicht mehr antreten, um sich ganz seinem 1952 gegründetem Sportgeschäft widmen zu können. Nur noch für den Skiclub wollte er gelegentlich starten und nahm für diesen auch im Vorfeld der Skiflugwoche 1955 an entsprechenden Werbeveran-staltungen teil.
In einer für ihn beruflich schwierigen Situation kam im Herbst 1957 vom Skiclubvorsitzenden Hans Schlömer aus Willingen, wo Weiler eine ungeheure Popularität genoss, ein Angebot, dem Sepp seine „Liftgaststätte am Ettelsberg“ zu verpachten. Sepp Weiler fasste in Willingen rasch Fuß.
Die im Volksmund als „Sepp-Weiler-Hütte“ bekannte Gastronomie wurde bald zum beliebten Treffpunkt. Und auch der Deutsche Skiverband erinnerte sich an seine große sportliche Erfahrung und noch 1968 wurde er zu einem Trainingslehrgang nach St. Moritz gebeten, wo er versuchte, der damals zum Teil „aufsprungschwachen“ Nationalmannschaft seinen eleganten Landungsstil beizubringen.

Doch 1972 schlug das Schicksal hart zu, denn ein Brand vernichtete Weilers Gaststätte und darin auch fast alle seiner Siegestrophäen. Der von Sepp finanzierten und an anderer Stelle neu errichteten Gaststätte war nicht der erwünschte geschäftliche Erfolg beschieden und so verkaufte er 1976 das Anwesen und kehrte, nicht zuletzt auf Drängen seines Springerfreundes Toni Brutscher, nach Oberstdorf zurück.
Dort konnte Sepp an der Stätte seiner größten Triumphe, nämlich neben dem Auslauf der Skiflugschanze, einen Kiosk mit Bewirtungsmöglichkeit betreiben.
Als im Vorfeld der Nordischen Skiweltmeisterschaften von 1987 auf der Südseite des Flugschanzenauslaufs ein Funktionsgebäude für Langlauf und Skifliegen errichtet wurde, zog der ehemalige Springerkönig in eine neu eingerichtete Gastwirtschaft im Erdgeschoss ein und führte dort noch ein Jahrzehnt lang sein Geschäft.
Am 24. Mai 1997 verstarb Sepp Weiler, nachdem er schon 1980 seine geliebte Ehefrau Brigitte im Alter von nur 58 Jahren verloren hatte.
Nach dem Tod seines Vaters übernahm Bernd Weiler mit seiner Frau Uschi den Traditionsbetrieb. Als die beiden 2016 in Rente gegangen waren, entschied der Gemeinderat, den Funktionsbau an der Flugschanze umzugestalten.
Vor der Ostseite des neu errichteten Lokals, dort wo die Sonne am Vormittag über den Himmelschrofen steigt und mit ihren warmen Strahlen für die Thermik im Aufsprunghang sorgt, die einst auch den Springerkönig von Oberstdorf bis zum Weltrekord trug, dort scheint sie heute auf eine Gedenktafel für Sepp Weiler, auf der Bilder aus seiner ruhmreichen Zeit und seine größten Erfolge
verewigt sind.

„ … Schon in den vierziger Jahren habe ich den Skispringer-König des Allgäus bewundert, als er auf fast allen Schanzen Deutschlands den Schanzenrekord sprang. Bei der ersten Skiflug-Woche 1950 in Oberstdorf habe ich mich über seinen Weltrekordsprung unglaublich gefreut, auch wenn dieser Rekord nur wenige Tage anhielt. Ich wurde einmal gefragt, wer meine großen Sportidole seien. Meine Antwort war: Fritz Walter im Fußball, Max Schmeling im Boxen und Sepp Weiler im Skisport. Bei einem Skispringen in Oberstdorf stand er einmal hinter mir auf der Tribüne, klopfte mir auf die Schulter und zeigte mir die Zeitung, wo das stand. Freudentränen rannen über sein Gesicht. … Hätte er 1948 an den Olympischen Spielen teilnehmen dürfen, wäre ihm eine Medaille gewiss gewesen. So gehört Sepp Weiler untrennbar auch zu meinem Leben.“
Altbürgermeister Eduard Geyer schrieb uns:
Ich bin in Füssen aufgewachsen und habe am Dreikönigstag 1949 auf der neuen „Kobel-Schanze“, der damals größten deutschen Sprungschanze, den 94-Meter-Rekordsprung von Sepp Weiler miterlebt. Das blieb für mich ein unvergesslicher Eindruck und Sepp Weiler war somit das Sportidol meiner Jugendzeit. So habe ich mich dann viele Jahre später besonders gefreut, dass ich als Oberstdorfer Bürgermeister maßgeblich dazu beitragen durfte, dass Sepp Weiler die neugeschaffene Wirtsstube an der Skiflugschanze anpachten konnte. Sepp Weiler hat durch seine großartigen Sporterfolge unglaublich viel für seine Heimat Oberstdorf eingebracht. So war es für mich selbstverständlich, damals auch gegen Widerstände von Seiten der Grundbesitzer und der Ausflugsgastronomie, Sepp Weiler die ideale Chance für eine wirtschaftlich gesicherte Existenz zu bieten. Sepp Weiler war in seinem Kiosk an der Skiflugschanze für alle Besucher ein beliebter Gesprächspartner mit Fachwissen und Humor. Hier blühte er nochmals so richtig auf.
1926 Der fünfjährige Seppl eifert mit Sprüngen vom elterlichen Küchentisch seinem Idol Franz Thannheimer nach, der zwei Jahre später erster Oberstdorfer Olympiateilnehmer in St. Moritz wird.
1927 Mit sechs Jahren springt er auf der heimischen Kühbergschanze 24 Meter.
1933 Beim sog. „Schauspringen“ des Ski-Clubs auf der Schattenbergschanze erreicht der Zwölfjährige die Tagesbestnote mit Weiten von 39 und zweimal 40 Metern
1935 Mit vierzehn Jahren springt Sepp Weiler erstmals auf der Olympiaschanze in Garmisch-Partenkirchen und erreicht 65 Meter
1937 Bei den Titelkämpfen in Neustadt/Schwarzwald wird er überlegen deutscher Jugendmeister und bereits mit 16 Jahren in die National-
mannschaft berufen. Nächster Höhepunkt ist ein Start am weltberühmten Holmenkollen in Oslo.
1938 Mit 17 Jahren erstmals Teilnahme an einer Weltmeisterschaft in Lahti/Finnland. Starts in Stockholm und in Oslo vor 100.000 Zuschauern.
1939 Sieger beim Osterspringen in Zakopane/Polen
1940 Auf der Großschanze in Planica/Jugoslawien macht er seinen bis dahin weitesten Sprung mit 96 Metern. Sieger beim Weihnachtsspringen in Oberstdorf mit neuem Schanzenrekord von 67 Metern.
1941 Zweiter hinter dem amtierenden Weltmeister Sepp Bradl beim sog. „Vergleichsspringen“ in Oberstdorf. Bradl verbessert den Schanzenrekord auf 68 Meter. Krönender Abschluss dieses Springens ist ein „wunderbarer Doppelsprung“ von Bradl und Weiler. Sieger beim Drei-Königs-Springen am Bergisel/Innsbruck mit 70,5 und 71 Metern. 4. Platz bei der „Kriegs-Weltmeisterschaft“ in Cortina/Italien. Sepp Weiler springt zwar am weitesten, wird jedoch von den Punktrichtern skandalös benachteiligt. Diese WM wird nach dem Krieg von der FIS annulliert und fortan werden fünf statt drei Punktrichter eingesetzt.
1942 Schwere Augenverletzung durch einen Minensplitter während des Kriegseinsatzes in Russland.
1944 Sieger beim sog. „Länderspringen“ in Borsafüred/Ungarn vor seinem Freund und Klubkameraden Heini Klopfer mit 91,5 Metern
1945/46 Sieger beim Eröffnungsspringen auf der heimischen Schattenbergschanze mit neuem Rekord von 71,5 Metern. Die marode Anlage wird
sofort nach dem Krieg gemeinsam von Ski-Club und Gemeinde restauriert. Sepp Weiler gewinnt auch das Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen mit zweimal 80 Metern.
1947 Neuer Schanzenrekord beim Neujahrsspringen in Garmisch-Partenkirchen mit 86 Metern.
1948/49 Das Neujahrsspringen in Ga-Pa gewinnt Sepp Weiler vor 10.000 Zuschauern. Sieg beim Eröffnungsspringen auf der neuen „Kobelschanze“ in Füssen am Dreikönigstag 1949 vor 20.000 Zuschauern. Höhepunkt ist ein zusätzlicher Rekordsprung mit vollem Anlauf auf 94 Meter, der bis dahin größten auf einer deutschen Schanze erzielten Weite.
Schanzenrekorde in Ga-Pa mit 88 Metern, in Oberstdorf mit 77 Metern, auf der Köpfleschanze in Riezlern mit 68 Metern, in Weiler mit 55 Metern.
Im Winter 1948/49 gewinnt Sepp Weiler 35 von 36 Wettkämpfen. Lediglich bei den Deutschen Meisterschaften in Isny stürzt er und muss den Meistertitel seinem Klubkameraden Toni Brutscher überlassen.
1950 Sieger der Internationalen Wintersportwoche in Ga-Pa und einer internationalen Springertournee in der Schweiz mit fünf Bewerben. Am 26. Januar verbessert er auf der heimischen Schattenbergschanze den Rekord auf 82 Meter, der bis zum Umbau 1969 Bestand hat. Auf einer der damals größten Schanzen in Ponte di Legno/Italien gewinnt er mit 105 Metern.
Deutscher Meister in Reit i. W.; T. Brutscher und H. Klopfer werden Dritter und Vierter. In Bischofshofen siegt Sepp Weiler mit neuem Schanzenrekord von102 Metern.
Saisonhöhepunkt ist die 1. Skiflugwoche in Oberstdorf mit dem Gesamtsieger Sepp Weiler. Am 3. Tag fliegt er mit 127 Metern auf einen neuen Weltrekord, der jedoch nur 24 Stunden Bestand hat. Am Folgetag erreicht er zwar mit 133 Metern deutschen Rekord, bleibt aber knapp hinter dem Schweden Dan Netzel, der mit 135 Metern einen neuen Weltrekord aufstellt.
Zum Winterabschluss siegt er am Feldberg im Schwarzwald vor seinem Springerfreund Toni Brutscher.
1951 Sepp Weiler gewinnt das Internationale Neujahrsspringen auf der Partenkirchner Olympiaschanze.
Sieger und Schanzenrekord auf der Mühlenkopf-Schanze in Willingen/Sauerland mit 101 Metern.
3. Platz bei den Deutschen Meisterschaften in Neustadt im Schwarzwald.
1952 Sieger bei der Internationalen Wintersportwoche in Ga-Pa.
Olympische Winterspiele Oslo: 8. Platz vor 150.000 Zuschauern; Toni Brutscher wird Vierter hinter drei Skandinaviern. Sepp Weiler und Toni Brutscher erhalten das Silberne Lorbeerblatt aus der Hand von Bundespräsident Theodor Heuss als höchste deutsche Sportauszeichnung.
Bei der 3. Skiflugwoche in Oberstdorf springt er nochmals 127 Meter und wird Gesamtsieger.
1953 5. Platz in der Gesamtwertung der 1. Vierschanzen-Tournee.
4. Platz bei den Deutschen Meisterschaften im Schwarzwald.
6. Platz bei der Skiflugwoche am Kulm/Österreich.
1954/55 Gegen Ende seiner Karriere belegt Sepp Weiler bei den Deutschen Meisterschaften 1954 in Oberaudorf den 4. Platz und 1955 in Neustadt /Schwarzwald den 6. Platz.
1956 Sepp Weiler qualifiziert sich zwar für die Olympischen Winterspiele 1956 in Cortina d’Ampezzo, kann jedoch wegen des Todes seiner Mutter nicht starten.
Mit Ablauf der Saison 1955/56 beendet er seine so einmalige und erfolgreiche aktive Laufbahn.
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Quellen:
• 75 Jahre SC 1906 Oberstdorf, Herausgeber: Ski-Club 1906 Oberstdorf
• 100 Jahre SC 1906 Oberstdorf, Herausgeber: Ski-Club 1906 Oberstdorf
• „skiflug-wm’73 oberstdorf“, Herausgeber: Organisationskomitee der 2. Skiflug-Weltmeisterschaften Oberstdorf
• Archiv der Marktgemeinde Oberstdorf
• Archiv des Allgäuer Anzeigeblatts Immenstadt
• Bild- und Schriftdokumente aus dem Privatbesitz von Bernd Weiler
• Fotosammlung von Willi Blattner
• Wikipedia – Sepp Weiler
Anmerkung der Redaktion: Die uns vorgelegte sehr ausführliche Dokumentation über Sepp Weiler wurde mit Einverständnis der Autoren von der Redaktion gekürzt.