„Lebensmenschen“ in Oberstdorf Marianne von Werefkin und Alexej von Jawlensky

von Peter Fink am 01.12.2020

„Lebensmenschen“, das war das Motto einer großen Ausstellung in der „Städtischen Galerie im Lenbachhaus und Kunstbau“ in München vom Oktober 2019 bis Mitte Februar 2020. Diese Ausstellung zeigte erstmals die beiden bedeuten den Künstlerpersönlichkeiten der Moderne gemeinsam in einer Ausstellung und
das, obwohl sie fast 30 Jahre sowohl in ihrer Lebensgeschichte als auch in ihrem künstlerischen Werk eng verbunden waren.

Deshalb wurde auch als Motto für diese großartige Werkschau „Lebensmenschen“ gewählt, ein Begriff, der von dem österreichischen Schriftsteller Thomas Bernhard (nicht unbedingt als großer Menschenfreund bekannt) stammt. „Lebensmensch“ bezeichnet jemanden, „den man als wichtigsten Menschen im eigenen Leben empfindet“.

Werefkin und Jawlensky hatten 1896 ihre russische Heimat verlassen und waren nach München gezogen. Begleitet werden sie von Helene Nesnakomoff, dem Dienstmädchen von Marianne von Werefkin. Werefkin, die in der Kunstszene als „russischer Rembrandt“ bekannt war, unterbricht ihr künstlerisches Schaffen, um sich ganz der Förderung Jawlenskys zu widmen.

Sie finden bald Anschluss an die Münchner Kunstszene und Jawlensky, Werefkin und Wassily Kandinsky freunden sich an. 1908 beginnen die Künstlerpaare Werefkin/Jawlensky und Kandinsky/Gabriele Münter in Murnau eine intensive Zusammenarbeit, die erst zur "Neuen Künstlervereinigung München" führt und später im "Blauen Reiter" gipfelt.

Jawlenskys oberstes Gebot in der Malerei lautet zu dieser Zeit "Synthese" - in- dem er die Natur weniger abbilden als vielmehr künstlerisch deuten will. Dabei gelingen ihm farblich äußerst intensive Landschaften, für die er in und um das
oberbayerische Murnau zahlreiche Motive findet.

"Ich verstand, daß der Künstler mit seiner Kunst durch Formen und Farben sagen muß, was in ihm Göttliches ist. Darum ist das Kunstwerk ein sichtbarer Gott, und die Kunst ist Sehnsucht zu Gott." (Jawlensky)

Werefkin und Jawlensky können sich neben ihrem Wohnsitz in München auch viele Reisen leisten. Diese Reisen führen sie durch ganz Europa, aber auch in verschiedene Regionen Bayerns und Deutschlands.

In Füssen entstehen im Jahr 1905 Werke Jawlenskys, die noch vom Impressionismus und besonders von seinem Vorbild van Gogh geprägt sind.

Bild: „Füssen“ von Alexej von Jawlensky (1905) – Öl auf Pappe, 38 × 50cm

Auch in Wasserburg am Inn und in Kaisheim (Donau-Ries) entstehen zahlreiche Werke.

Neben diesen Wirkungsstätten spielt jedoch Oberstdorf eine wichtige Rolle im Lebenswerk des Künstlerpaares. Hier entstehen im Sommer und Herbst 1912 eine Vielzahl von Bildern und im Nachhinein betrachtet, stellt das Jahr 1912 den Zenit der expressionistischen Malerei Jawlenskys dar.

Jawlensky hat den Impressionismus nun ganz hinter sich gelassen und schafft in glühenden Farben großartige Landschaften.

„Oberstdorfer Landschaft“ (1912) Alexej von Jawlensky
Das Bild „Oberstdorfer Landschaft“, das in der Kunsthalle Karlsruhe zu sehen ist, zeigt im Vordergrund flache Hügel, die sich zu hohen Gebirgszügen in der Ferne steigern. Von dem Werk geht eine intensive, leuchtende Farbigkeit aus, die
die gesamte Farbpalette umfasst. Die Landschaft gibt die Ansicht auf die Bergketten südlich von Oberstdorf wieder. Nur im Vordergrund hat der Künstler einige flachere Erhebungen ergänzt, wo sich in Wahrheit der Himmelsschrofen direkt aus der Talsohle erhebt.

Bild: „Oberstdorfer Landschaft“ (1912) Alexej von Jawlensky

Das mit Ölfarben auf Pappe gemalte Bild „Hügel“ ist in der Nähe von Tiefenbach entstanden und zeigt die „Kackenköpfe“ oberhalb von Rohrmoos. Auch hier
spielt die naturgetreue Wiedergabe einer Landschaft nur eine untergeordnete Rolle. Die Farben, hier dominant ein leuchtendes Gelb, prägen das Bild und auch hier fällt wieder der wellenartige Aufbau des Vordergrundes auf. Ganz anders geht Marianne von Werefkin ans Werk. Ihre Bilder, die in Oberstdorf entstehen, unterscheiden sich doch grundlegend von denen Jawlenskys, obwohl auch sie den Expressionisten zugerechnet wird. Sie malt ebenfalls die Landschaft in und um Oberstdorf. Aber nicht die Landschaft steht im Vordergrund, sondern sie ist Kulisse für Geschichten, die sie mit ihren Bildern erzählen möchte. Werefkins Werke sind geprägt von der „ihrer gesamten Bildwelt zugrundeliegende(n) Grundstimmung, (dem) Andeuten von Geschichten, die der Betrachter
weiterspinnen, quasi im Geiste fortführen und ausmalen kann, …“

Bild: „Hügel“ (1912) Alexej von Jawlensky

Im Gegensatz zu Jawlensky zeigt sie auch Menschen, aber diese „marionettenhaft und fremdbestimmt“. Werefkins Figuren sind Fabrik- oder Feldarbeiter, Nonnen und Schulkinder. Somit bildet sie auch die soziale Wirklichkeit der Menschen ab und die Landschaft, die dieser Wirklichkeit als Kulisse dient, ist keine „heile Welt“, sondern wirkt eher bedrohlich als anziehend. Während die Bilder von Jawlensky, Franz Marc und anderen Expressionisten heute auch einem breiten Publikum gefallen und vielfach dekorativen Zwecken dienen, war und ist Werefkins Malerei nicht „gefällig“. Das liegt insbesondere an dem Thema der „Sozialen Frage“, welche sie in ihren Bildern häufig aufgreift. Der Gebirgsort, hier „Fabrikstadt“, Oberstdorf besitzt im obigen Bild nichts Idyllisches. Der schwefelgelbe Himmel thront über dunklen, bedrohlichen wirkenden Bergen. Die schwarzen Dächer der Häuser drängen sich dicht an dicht und der schlanke Kirchturm wird von einem Qualm ausstoßenden Fabrikschlot überragt. Arbeiter kehren mit schleppendem Schritt von ihrer Arbeit heim, ihre Haltung ist gebeugt. Berge, Wälder, Wiesen werden so zur Staffage für die sozialkritischen Elemente im Vordergrund.

Bild: „Fabrikstadt – Der Heimweg“ (1912) Marianne von Werefkin

Zwar greift auch Jawlensky das Motiv der „Fabrik in den Bergen“ in zwei Bildern auf, aber allein die Farbgebung macht den Unterschied zu Werefkins Arbeit offensichtlich. Und – es fehlt die Darstellung von Menschen. Zwar sind die Symbole der Industrialisierung, die auch in die Gebirgsregionen vorgedrungen ist, vorhanden, aber Fabrikschlot und Strommasten wirken hier nicht bedrohlich, sondern fügen sich harmonisch in die Landschaft ein. Die soziale Kritik, die in Werefkins Darstellung der erschöpften Arbeiter Ausdruck findet, fehlt bei Jawlensky völlig. Der Fabrikschlot, der in beiden Bildern zu sehen ist, gehörte zu der 1893 im Nordosten Oberstdorfs gebauten Baumwoll-Spinnerei und Weberei, in der ca. 150 Menschen Arbeit fanden.

Bild unten: „Fabrik in den Bergen“ (1912) Jawlensky
Bild oben: „Blaue Berge – Landschaft mit Schornstein“ (1912) Alexej von Jawlensky

7 Fabrik in den Bergen Jawlensky  (1912)

Die beiden Künstler, beides Repräsentanten des aufkommenden Tourismus in Oberstdorf, waren sicherlich fasziniert von dem Nebeneinander von Industrie und bäuerlicher Kultur und von den Widersprüchen, die sich in diesem Neben-
einander ergaben.

Allgäuer Baumwoll-Spinnerei und Weberei in Oberstdorf (1901)

Allgäuer Baumwoll-Spinnerei und Weberei in Oberstdorf (1901)

Ortsansicht Oberstdorfs mit der Fabrik um 1936

Ortsansicht Oberstdorfs mit der Fabrik um 1936

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