Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunden
am 15. Januar 1970 in Megeve durch die Bürgermeister
Gilbert Le Bescond (rechts) und Dr. Paul Dreher.
Eigentlich sollte 2020 das 50jährige Jubiläum der Partnerschaft zwischen Oberstdorf und Megeve mit gegenseitigen Besuchen gebührend gefeiert werden. Doch wie so viele andere Veranstaltungen wurde das Jubiläum ein Opfer der Corona-Pandemie. Auch der neue Termin im April 2021 wurde schon im Februar 2020 abgesagt und ob der neue Termin im Oktober 2021 gehalten werden kann, ist unsicher.
Deshalb soll wenigstens an dieser Stelle die 50 Jahre währende deutsch-französische Partnerschaft gewürdigt werden. Was die Entstehungsgeschichte dieser Partnerschaft anbelangt, möchte ich auf den im Heft 8 von Unser Oberstdorf er-
schienen Artikel „Megeve - Oberstdorf - 15 Jahre Partnerschaft“ von Joseph Kornitzky verweisen, in dem der ehemalige Lehrer am Gymnasium und langjährige Vorsitzende (1984-2001) des „Vereins der Freunde Megeve-Oberstdorf“ sehr detailliert die Anfänge der Jumelage beschreibt.
Einige Eckdaten: 1968 beschließt der Marktgemeinderat die Gründung der Partnerschaft, 1970 fahren 78 Oberstdorfer nach Megeve zur Unterzeichnung der Partnerschaftsurkunde und 1978 wird der „Verein der Freunde Megeve-Oberst-
dorf“ gegründet und Theo Schüle wird zu dessen erstem Vorsitzenden gewählt.
Die Initiative ging von Baron von Richter, dem deutschen Konsul in Annecy aus und dieser lud 1968 die Vertreter der beiden Fremdenverkehrsgemeinden Megeve und Oberstdorf zu Vorgesprächen ein.
Die deutsch-französische Verständigung und die Einigung Europas waren nach dem 2. Weltkrieg wichtige Anliegen der Politik. So entstand schon 1950 zwischen Ludwigsburg und Montbéliard die erste deutsch-französische Städtepart-
nerschaft. Dieses Modell machte Schule und so gibt es heute in Europa rund 20.000 Städtepartnerschaften und ca. 2.200 Partnerschaften existieren allein zwischen Deutschland und Frankreich.
Also besuchten In der Folgezeit Oberstdorfer Gemeinderäte Megeve und die dortigen Amtskollegen kamen, ebenfalls unter Führung ihres Bürgermeisters, nach Oberstdorf und 1970 wurde diese Partnerschaft feierlich besiegelt.
Die in der Gründungsurkunde der Jumelage erwähnten „gemeinsamen Interessen auf kulturellem, sportlichem und wirtschaftlichem Gebiet“ geben weitere Hinweise darauf, warum gerade Megeve und Oberstdorf zusammenfanden.
Megeve ist ein Ort mit 3043 Einwohnern (Stand 2018) im Departement Haute Savoie und liegt auf 1027m Meereshöhe. Megeve hat wie Oberstdorf den Weg von einem landwirtschaftlich geprägten Alpendorf hin zu einer der führenden
Tourismus-Destinationen im Alpenraum zurückgelegt.
Beiden ist es gelungen, zumindest in Teilen ihren dörflichen Charakter zu bewahren, was gerade in Frankreich für Wintersport-Destinationen nicht selbstverständlich ist. Aber Megeve ist wie Oberstdorf von großen Apartmentanlagen
verschont geblieben und das, obwohl alles mit einem Großhotel begann.

m Winter 1916 hatte die Baronin Noemie de Rothschild von St. Moritz genug und meinte, dass Frankreich eine eigene Winterfrische in den Alpen brauche. Noch in der Schweiz beauftragte sie ihren norwegischen Hof-Skilehrer Trygve
Smith, einen adäquaten Ort zu finden mit angenehmem Klima, einem offenen Tal, atemberaubendem Panorama und einem guten Ski-Berg.
Der Skilehrer wurde mit dem kleinen Dorf Megeve fündig und bereits 1921 eröffneten die Rothschilds ihr „Mont d'Arbois Palace Hotel“, das bis heute über dem Ort thront. Die ersten Gäste ließ die Baronin von den Bauern des Ortes in
Pferdeschlitten zum Hotel hinaufbringen, denn damals waren die Kutschen das einzige Transportmittel in schneereichen Wintern. Heute stehen sie für romantische Touren durch das historische Zentrum von Megève am Kirchplatz bereit
und erinnern durchaus an unsere Stellwagen.
Mit dem Rothschild-Hotel begann der Aufstieg Megeves zu einem Wintersportort von Weltrang, der bis heute von vielen Wohlhabenden und Prominenten besucht wird. Diese und „Normalsterbliche“ haben im Winter die Auswahl zwischen 221 markierten Abfahrten, die sich zwischen 1113 und 2353 Höhenmetern erstrecken und sich zu 445 Pistenkilometern summieren.
Kutschen auf dem Kirchplatz in Megeve
Im Sommer erschließen die Bergbahnen ein weitläufiges Wandergebiet, das häufig großartige Ausblicke auf den nahen Mont Blanc bietet.
Auf kulturellem, sportlichem aber auch wirtschaftlichem Gebiet können beide Orte also viele Gemeinsamkeiten vorweisen. Noch wichtiger ist jedoch die Pflege menschlicher Begegnungen. Dies ist die vornehmste Aufgabe des „Vereins
der Freunde Megeve-Oberstdorf“ und diese Aufgabe hat er über die Jahre hinweg mit großem Engagement verfolgt.
Kabinenbahn „Le Jaillet“ mit dem Mont Blanc

Mit der folgenden Bildergalerie sollen die vielfältigen Kontakte und Beziehungen zwischen den Partnerorten veranschaulicht werden.
1971 Beginn des Schüleraustausches zwischen Gymnasium Oberstdorf und dem College in Megève
1975 Austausch von Geschenken zwischen den Feuerwehren der Partnerorte
1978 37 Oberstdorfer gründen den „Verein der Freunde Megève – Oberstdorf“.
1980 251 Megèver kommen nach Oberstdorf, um das 10jährige Bestehen der
Partnerschaft zu feiern. 340 Oberstdorfer besuchen Megève.
1985 Der südliche Platz des Rathauses wird zum „Megèver Platz“ benannt.
1990 Zum „Zwanzigjährigen“ kommen 500 Freunde aus Megève und 300
Oberstdorfer starten zum Gegenbesuch.
1992 Als Dank für die Gastfreundschaft der Oberstdorfer bringen „Les Cuisiniers du Montblanc“ alle Zutaten mit und bewirten 200 Gäste im Kurhaus.
1995 Neun Oberstdorfer fahren mit dem Rennrad nach Megève.
2001 Sechs Megèver besuchen eine Skiflugveranstaltung in Oberstdorf.
2001 100 Jahre Oberstdorfer Trachtenverein: 21 Megèver zu Besuch.
2003 „Lehrling auf Zeit“ - Praktikum des Megèvers Julien Durr in einem Oberstdorf Sportgeschäft.
2006 Besuch beim Fête du cheval in Megève mit einem Treffen beider Trachtengruppen (historische Tracht Oberstdorf, Folkloregruppe Megève) und beider Partnerschaftsvereine.
2009 Ludwig Vogler arbeitet als ehrenamtlich als „ambassadeur“ auf den Skipisten in Megève und Laura Périnet im Restaurant Seeblick.
2010 besuchen Rennrad-Fahrer aus Megeve Oberstdorf.
2015 Die zweite Eheschließung zwischen Megève und Oberstdorf: Yann Vallet und Katrin Zeller.
2018 Sechs Oberstdorfer besuchen Megève und nehmen an der Feier zum Ende des Ersten Weltkrieges teil.
2020 Wegen der Covid-19-Pandemie muss die geplante Feier 50. Partnerschaftsjubiläums in Megève abgesagt werden.
Start der Rennradfahrer in Megeve
Angesichts dieser vielen und vielfältigen Begegnungen der Menschen aus beiden Orten in der Vergangenheit bleibt nur zu hoffen, dass auch in Zukunft wieder viele Begegnungen möglich werden – ganz im Sinne der von den Gründungs-
müttern und -vätern 1970 ins Leben gerufenen Jumelage.
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Frau Christine Übelhör und Herrn Wolfgang Ländle für die Hilfe bei der Vorbereitung des Artikels und für die Bereitstellung von Fotos!