Inge Weissensteiner in 1997 auf einem Foto von Reiner Metzger aus seinem Bildband »Ewig jung ist nur die Sonne«
1921 geboren, verbrachte sie die ersten Jahre ihrer Kindheit in Tiefenbach, wo ihr Vater Martin Müller, die Poststallung, den Karriolpostverkehr Oberstdorf –Tiefenbach und seit 1920 auch die Paketzustellung in Oberstdorf betrieb. Nach
dem Tod des Vaters 1929 erfolgte der Umzug ihrer Mutter Creszenz Müller, nach Oberstdorf in die Weststrasse 11. Dort befand sich dann die Poststelle mit Poststallung, von der aus bis 1940 die Paketpost noch mit Ross und Kutsche ausgefahren wurde, sowie der Postverkehr Oberstdorf – Tiefenbach. Später entstand an dieser Stelle das Speisehaus Müller, dann umbenannt in Tiroler Stuben, das Inge Weissensteiner viele Jahre mit ihrem aus Südtirol stammenden Mann Gerhard, geführt hat.
Durch ihre lebenslange Freundschaft mit meinen Eltern lernte ich Inge schon sehr früh kennen und las so auch über viele Jahre in ihren Karten und Briefen zu Jahres- und Feiertagen, aber auch zu Faschingsbällen immer wieder neue Gedichte und Geschichten im Dialekt. Dieser Schatz ruhte aber leider nur im Verborgenen.
Als wir im Verschönerungsverein 1982 die Heftenreihe „Unser Oberstdorf“ begonnen haben, habe ich auch bei Inge nachgefragt, ob sie uns nicht ein Gedicht oder eine Geschichte für das erste Heft habe. Zuerst hat sie abgelehnt, in ihrer bescheidenen Art meinte sie, dass ihre Werke doch nicht gut genug für eine Veröffentlichung wären. Einige Tage später erhielt ich aber einen Anruf von ihr: „Du, khumm amoal, i hoa was gschriibe“. Sie gab mir dann einen Artikel zu
unserem zwei Jahre vorher erschienenen Bildband „Alt-Oberstdorf“ mit.
Schon beim ersten Durchlesen war ich begeistert, aber ich musste ihr hoch und heilig versprechen, niemandem ihren Namen als Autorin zu nennen. Daran habe ich mich auch gegenüber Redaktion und Vorstand gehalten, obwohl wir zu keinem Artikel jemals mehr Nachfragen erhalten haben wie zu „vu ar Oberschdoarfare“.
Der enorme Zuspruch dieses Artikels bei der Oberstdorfer Bevölkerung hat sie dann doch ermutigt, mit ihrem großen Schatz an Gedanken, die sie im Oberstdorfer Dialekt, in Gedichten und Erzählungen festgehalten hat, an die Öffentlichkeit zu gehen. Ihre sehr persönliche Widmung, als sie mir 1983 ihr erstes Büchlein „Isa Huimat“ gegeben hat, berührt und freut mich heute noch. Der letzte Absatz der ersten Geschichte, “Huimat“ dieses Büchleins zeigt deutlich, aus welchem Antrieb ihre Arbeit erfolgte:
Isa Huimatschproach – so tuif, so schtark,
woa a gozegs Weartle mea seit, wie sies a lange Red.
Huit wird se gschtreckt und vrmischled mit’m Hoachditsche,
dass se uin vrschtoandet - die Fremde.
So wird se allad ermer und ermer - und goat ünder…
I hoa a bizle namas üfgschriibe, losebr a wile zue…
Mit unglaublichem Gespür für Natur und Menschen in Oberstdorf und ihrer Liebe zum Dialekt hat sie ohne Heimattümelei den Grundstein dazu gelegt, dass ihre Befürchtungen weniger wahrscheinlich geworden sind.
Obwohl eine langjährige, mit vielen Schmerzen verbundene Krankheit ihren Radius immer weiter einengte, verlor sie nie ihren feinen Humor und ihre genaue Beobachtungsgabe, was in so vielen Gedichten und Geschichten erkennbar wird.
Bis zu ihrem Tod folgten die weiteren Büchlein „Dur’s Ruckarle“, „Wenn es wiehnächted“,„Mill und Brocke“, „Hindanoache“ und zum Schluss im Jahr 1997 „Schprockla“. Nachfolger*innen, wie der leider viel zu früh verstorbene Martin Hehl, wurden durch sie inspiriert, folgten und folgen ihrem Weg. Am vorläufigen Ende dieses Weges steht das „Oberstdorfer Mundart Wörterbuch“, das den Oberstdorfer Dialekt vor dem Vergessen bewahrt.
Bei ihrem Vortrag zur Präsentation dieses Buches am 28. November 2003, sagte Marie-Luise Althaus, die Leiterin der Gruppe von 14 Oberstdorfer*innen, die in fünfjähriger Arbeit dieses herausragende Werk zum Erhalt des Oberstdorfer Dialekts geschaffen haben:
In unserem Leitspruch von Inge Weissensteiner heißt es:
Ma ka vu freier it alls pfebe
Abr d‘ Sproach sobba vrhebe
Will d‘ Muetterschproach öü i dear Zit
No Gmiet und Hearz und Huimat git.
Das heißt, Mundart bedeutet uns Heimat und Geborgenheit.
Es ist schade, dass Inge Weissensteiner das Erscheinen dieses Buches nicht mehr erlebt hat. Reiner Metzger, von dem das Foto zu dieser Erinnerung stammt und der für seinen leider vergriffenen Bildband „Ewig jung ist nur die Sonne“, eine Reihe von Aufnahmen von Inge Weissensteiner gemacht hat, sagte mir „sie war
einfach ein feiner Mensch“.
Das war sie und ich bin dankbar, sie erlebt und gekannt zu haben.
——
Sie erhalten die Büchlein von Inge Weissensteiner bei Ihrem Sohn, Jörg Weissensteiner, im „Der kleine Laden“ in der Weststr. 11, die zweite Auflage 1995, von „Alt Oberstdorf“ beim Verschönerungsverein Oberstdorf, das „Wörterbuch der
Oberstdorfer Mundart“ beim Heimatmuseum Oberstdorf sowie teilweise im örtlichen Buchhandel.
Schtündawis hock i ibr deam Buech, ibr deana oalta Fotografia - mit heisse Bagge und koalte Fiess. So isches gwea, freier! Jeds Hüs hobba kennt. Die Gassa hend is keart, de Kind; zum Bale, zum Gluggle, zum Hislejucke. Ibr alle Häg
simbr ghearzed im gonze Viertel. I de Buinda troled und boled, händ anond gfoacht ums Schluch-Hisle rum.
Im Doarfba hembr d’ Hölzle schwimme long und sind mittena gschprunge, na und na. Uf de warme Schteffel simbr ghocked, mit de Docka… Voarhuss ufm Bänkle, wenn ba ’s Millgschier gwäsche hot, hobba ’s Wasser vum Brunne hole
miesse. I dr Küche hobbas us am Kiebel gschepft, mit ar Kelle, bm Koche. „Fliessend Wasser“ hembr schu ghett - im Brunne voarduss - it i dr Küche und it uf dr Löue! ’S Schpielwasser und ’s Putzwasser hobba in Doarfba gleert. Gwä-
sche hobba im Schopf, odr vorem Schopftoar bm guete Weattr, und birschted und gschwänzt i de hilzene Zuber und üfghenkt. It umesies hobba schneawiesse Schtubesböde ghett, ma hotts uf de Kniene nüsbutzed und Bändlblacha druf
tong. Mitm Blachawäsche hobba viel vrlitte.
Wuchawis hon i im Lenzeg mitm Male bändlet, drno, uf dr Aldane. Vum Male hobba braits nuiz gsea, so hot se ’s Kopftue is Gsichtning zöge, weages dr Sunne, die hot se it miege, und gschnupft hot se! I ho gschränzt und ’s Male hot bschnitte und zämedgneit und Knuibl gwuende. Und ui ums oandr moal hon i durg- schränzt, so lang, bis ’s Male grieft hot: „Eia bigottscht, i kumm ja gar numma noche!“ Des hot des Bändle uendrhältlener gmacht. ’S Male isch amoal gfalle. Drbisat hot se an Fuess noachezoge und hot an Schteake bruecht - abr kuin Doktr. Ihr Leabtag hot se kui Schtuend an Doktr ghett. Zmoal ische a bizle marod gwea und isch as Bett. De Moanats hot se gseit: „Ma sott uin doch grad mit am Bigl vrschlage, wenn ba numma üfschtong ka“. Drno ische vrschloafe - fr allad - mit sechsedachtzge.
- was kubbr alls in Si! I hear’s „Kieh lend rüs“ fr d’ Gassekieh, wo se no nimede giert hend, dur de obre und uendre Mart. I hear ’s Üssche- alle vum Gmuindsdinar. Do simbr waile gloffe und hend glosed und ibral hobba
d’ Finschtre üftong. Wenn es heiss gwea isch de Summr, hot Wilde Hans de Schpritzewage gfahre mit ’m Roos. Do simbr barfuess hindanoche gschprunge, a Bruslat Kind, bis br bätschnass gwea sind. I nam wile isch alls wiedr tricknet.
Bm Holzmache hot alls zämedgholfe. D’ Mannsbilder händ die buechene und tännene Schittr vrseaget und klobe, und d’ Wibr hend bieget. Die schienschte Schprigla hembr dr Muettr botte, zum Kritzbieg mache. ’S goanz Joahr hobba a
klingldiers Holz ghett, wil d’ Muettr allad nochm Zaiche gange isch, nochm Kemptar Kalendar: „Ibrgeande Mong - uendrgeande Mong - de dritte Tag nui...“ und bloass im reachte Zaiche hobba d’ Hoar gschnitte, odr d’ Bettr gfillt, odr im Holz gschaffed.
- i lose i mi ning und hear ’s Dengle de Summr, z’ oabed... i hear ’s Gscheall vu de Roos im Wintr, vu de Rennschlitte, vum Pflueg, vu de Boammar, i schmeck ’s Burde-Hoi... Ja, doa . . . Und huit? „’S ischt alls oan-
derscht woare - bloass d’ Henna schearet allad no hinderse“. Huit hear i bloass no Öuto und Öuto. Und die Sükäre schtinked, kasch numma mit Luib uf d’ Aldane hocke! Oft hear i z’ nacht it amoal mea schlage, wenn i it schloafe ka - öu z’ nacht no: Öuto, Öuto, Öuto… und fremd Lit. Mit de Joahre goat dr Si eandr zruck as vire. Ma isch numma wuendrgeal uf nammas Nuis.
Schtuendawis hock i ibr deam Buech - Oalt Obrschdoarf. I tue be bsinne und tue troame, mit heisse Bagge und koalte Fiess und zmoal: mit nasse Öuge. I gang as Bett.
Dr Klei isch vrnuned
b’m Male im Arm -
do hot a sing Bleazle,
do dünkt es ’n warm.
A nolled am Dumme
und trieled a wink -
gonz hofele gaitsche,
des migedse, d’ Kind.
Und ’s Male isch glickle
und wegged se it,
se wehrt bloass de Fluiga,
waisch, di mag se it.
So lass es a wile
und luegena zue -
bis ’s Male seal öu schloaft,
no holen, de Bue!