Landwirt, Zimmerer, Imker und Pfeifenmacher – Heinrich Berktold (Gerschtrubars Heinrich) (Foto: Maria Hornik)
Schlägt man im „Wörterbuch der Oberstdorfer Mundart“ nach, so findet man für den Begriff „Löunar“ zwei Bedeutungen. Einmal bezeichnet „Löunar“ einen Rad- oder Achsnagel am Wagen oder, und das ist die Erklärung, die für diesen Artikel von Belang ist, die „kleine Oberstdorfer Pfeife mit Deckel“.
Diese kleine Pfeife stellt insofern eine Besonderheit dar, da sie fast ausschließlich in Oberstdorf benutzt und hergestellt wurde und wird. Einer, der die Kunst der „Löunar-Herstellung“ beherrschte und viele Pfeifenraucher in Oberstdorf
und im oberen Illertal mit diesen Pfeifen versorgte, war Heinrich Berktold („Gerschtrubars Heinrich“) von der Lutzerite an der Burgstall-Steige.
Mitte der Dreißiger-Jahre des vorigen Jahrhunderts erschien ein Zeitungsartikel mit der Überschrift: „Oberstdorfer Launerpfeifen – Eine winzige Hausindustrie aus dem bayerischen Allgäu“. Mit der „winzigen Hausindustrie“ war insbesondere die Werkstatt des Landwirtes, Zimmerermeisters, Imkers und „Launer-Produzenten“ Heinrich Berktold gemeint.
Zu Beginn des Artikels beschreibt der Verfasser eine Szene auf dem Oberstdorfer Marktplatz:
„Wenn nach dem sonntäglichen Gottesdienst in Oberstdorf die Bauern noch eine ganze Weile auf dem Marktplatz stehen, …, kann man beobachten, daß fast jeder zweite oder dritte eine Tabakspfeife im Mundwinkel hält. An und für sich wäre ja an dieser Tatsache nichts Besonderes, aber die Pfeifen fallen alle durch ihre eigenartige Form auf, die man eben im Allgäu nur in Oberstdorf antrifft.“
Betrachtet man heute Fotos von Oberstdorferinnen und Oberstdorfern aus früheren Zeiten, dann kann man die Beobachtungen des Autors nur bestätigen. Zum einen fällt auf, dass viele der Porträtierten einen Löunar im Mundwinkel haben.
Zum anderen sind auf diesen Fotos auch die Charakteristika der Oberstdorfer Launer zu erkennen, nämlich der schräg nach vorne gerichtete Pfeifenkopf und der silberne Deckel. Diese Pfeifenform findet man heute - außer in Oberstdorf - nur noch im Appenzell, wo dieser Pfeifentyp „Lindauerli“ genannt wird.
„Und woher kam sein (des Lindauerlis) Name, der sich auf nichts im Appenzeller Land bezieht? Er weist dagegen auf die Stadt Lindau, auf die andere Seite des Bodensees. … Geraucht wird es am nördlichen Bodensee nicht mehr. Eine ähnliche Form existiert nur noch in den deutschen Voralpen und wird dort als «Oberstdorfer Launer» bezeichnet.“
„Vom 'Lindauerli", dem Appenzeller Pfeifchen und seiner Herkunft“, Stranz, Ursula, Innerrhoder Geschichtsfreund Band 14 (1968)
Kehren wir aber zurück in das Oberstdorf von 1933 und zur Herstellung eines
Launers.
Der Autor des oben zitierten Artikels darf Heinrich Berktold nach Hause und in dessen Werkstatt begleiten. Heinrich erzählt ihm, dass er die Kunst des Pfeifenmachens von seinem Vater (Josef Berktold von Gerstruben) erlernt habe und dass er neben seiner Arbeit als Zimmermann besonders im Winter seine Löunar herstelle. Wie viele er jährlich produzierte und verkaufte, verriet er niemandem, aber laut seiner Adoptivtochter Maria Hornik, die ihm bei seinem Handwerk von klein auf zur Hand ging, werden es wohl einige Dutzend pro Jahr gewesen sein, die er dann für 40 Reichsmark pro Stück veräußerte. Abnehmer waren z.B. „Tabak Zahler“ in Immenstadt, „Tabak Walter in Oberstdorf“ und viele Launer fanden im Privatverkauf ihre neuen Besitzer. Dankbare Abnehmer der kleinen Pfeifen waren auch unsere Nachbarn, die Walser.
Der Autor fährt fort: „_Das ist nun eine furchtbar leichte Arbeit“, meint Meister Berktold, und sägt aus einem Brett mehrere Pfeifen auf einmal aus._
Das „Brett“ stammte in der Regel von einem Birnen- oder Kirschbaum und wur-
de mehrere Jahre trocken gelagert. Ganz noble Pfeifen wurden und werden jedoch aus dem kostbaren Wurzelbruyèreholz aus dem Mittelmeerraum hergestellt. Ein großer Vorteil dieses Holzes gegenüber anderen Hölzern ist die Hitze- und vor allem Feuerfestigkeit. Hinzu kommen Eigenschaften wie Härte, Festigkeit und Porosität. Es ist so porös, dass die beim Rauchen entstehenden Kondensate gut vom Holz aufgenommen werden können. Hinzu kommt, dass die Oberfläche des Holzes aufgrund seiner Härte gut geglättet und poliert werden kann.

Das Holz aus der Baumheide wird für die Pfeifenherstellung verwendet. Allerdings nur aus den Knollen, die sich zwischen Wurzelstock und Stamm bilden. (https:// www.fotocommunity.de) Das Ausbohren des Pfeifenkopfes (Foto: Maria Hornik)
Heinrich Brutscher in seiner Werkstatt. Sein Handwerker-Wappen ist im Hintergrund zu erkennen. (Foto: „Von der Magd zur Bienenkönigin“)
_„Im Nu wird das große Loch des Pfeifenkopfs ausgebohrt, dieses rundgeraspelt und schon bittet er uns mit ihm vor die Tür zu kommen, denn Ausbohren des Pfeifenrohres mit dem Handbohrer könne man ruhig an der frischen Luft
vornehmen.“_

Ganz so schnell, wie uns der Verfasser dieses Artikels weismachen will, wird ein Löunar sicherlich nicht entstanden sein und so „leicht“, wie Heinrich Berktold das Handwerk beschreibt, ging es wohl nur dem Geübten von der Hand.
Was aber im Artikel nicht erwähnt wird, ist, dass die „Berktold-Launer“ mit Propolis grundiert und poliert wurden. Dies war sicherlich eine Besonderheit, denn hier brachte der Imker Heinrich Berktold sein Wissen ein. (Propolis ist eine von
Bienen hergestellte harzartige Masse, die heutzutage wegen ihrer antibiotischen und antiviralen Wirkung geschätzt wird.)
Heinrich Berktold war offensichtlich ein vielseitig begabter und interessierter Mann. Aber der Verfasser des Artikels beschreibt Heinrich Berktold auch als eine „richtige Type“ und erwähnt zweimal „das herzerfrischende Lachen Meister
Berktolds“.
Diese positive Lebenseinstellung erscheint nicht selbstverständlich, wenn man Heinrichs Biographie genauer betrachtet. Diese war schon im Jahre 1933, also zur Zeit des Erscheinens des Artikels, von schweren Schicksalsschlägen getrübt und auch danach sollten dem „letzten Gerschtrubar“ schwere Prüfungen nicht
erspart bleiben.
Heinrich wurde am 30. November 1891 im Bergdorf Gerstruben geboren. Sein Vater Josef Berktold entstammte dem alten Gerstruber Geschlecht der Berchtold, das um 1600 in dem Bergdorf ansässig geworden war und das zu den Walser Familien gehört hatte, die insbesondere seit dem 16. Jahrhundert den Traufberg und Gerstruben besiedelten. Heinrichs Mutter Maria war eine geborene Mayr.
Ein Jahr nach Heinrichs Geburt, im Jahre 1892/93, nahmen die Gerstruber Bauern das Angebot einer Kemptner Elektrizitätsgesellschaft an (ein Stausee war im Dietersbachtal geplant) und alle damals bestehenden 9 Anwesen wurden verkauft und Gerstruben hörte auf als Siedlung zu existieren. Somit zog Heinrich mit seinen Eltern nach Oberstdorf hinunter.
In Oberstdorf kamen noch zwei Brüder zur Welt, am 18. März 1893 Karl und am 18. Oktober 1897 Urban.