Die Kapelle St. Anna in Rohrmoos ist ein einzigartiges kulturelles Kleinod des Allgäus, ja des gesamten Alpenraumes.
Unter Jakob Truchsess von Waldburg-Wolfegg, einem Erben des Grafen von Sonnenberg, der wiederum 1497 bis 1506 Güter und Alpen in Rohrmoos von den Herren von Heimenhofen erworben hatte, wurde die Holzkapelle 1568 (Spätre-
naissance) erbaut.
St. Anna im Rohrmoos gilt somit als die älteste Holzkapelle des Alpenraumes, zugleich als eine der ältesten erhaltenen Holzkirchen Europas.
Weithin bekannt ist St. Anna wegen der prachtvollen und vollständig erhaltenen Wandmalereien von 1587, die sicherlich zu den schönsten ihrer Art zählen.
Besonders bemerkenswert ist die Darstellung des Jüngsten Gerichts an der Westwand, welche wahrscheinlich einer niederländischen Stichvorlage von 1569 (Marten van Heemskerck) nachempfunden ist.
Aufgrund dieser prachtvollen Gestaltung und Ausmalung des Innenraums der Kapelle übersehen viele Besucher jedoch ein Detail, auf das Marie Luise Althaus im Heft 68 („Unser Oberstdorf“) in ihrem Artikel „Oberstdorf – seine Musik, sein Gesang“ hingewiesen hat.
Marie Luise Althaus: „Dass der unbekannte Meister von 1568, inmitten einer Darstellung der Geburt Jesu, einen Hirten mit Alphorn verewigt hat, muss jenem eine Herzensangelegenheit gewesen sein. Sicher war er ein Mann aus dem Volk, der mit dem Umgang dieses Verständigungsinstrumentes bestens vertraut war.“

Wenn man für die Körpergröße des Hirten ca. 1,70 m annimmt, dann ergibt sich für sein Alphorn eine Länge von 3,40 m. Somit entspricht das Rohrmooser Alphorn mit seinen Maßen exakt den meisten Alphörnern, die heute in der in der
Schweiz hergestellt werden.
Diese „Herzensangelegenheit“ des unbekannten Meisters wird durch die Tatsache deutlich, dass dem linken und dem rechten inneren Flügelbild bis auf diese eine Ausnahme Holzschnitte von Albrecht Dürer bis ins Detail als Vorbilder
dienten. Das linke Altarbild zeigt eine „Anbetung der Hirten“ und rechts analog eine „Anbetung der Könige“. Nur der Alphornbläser auf der linken Altartafel ist
eine Zutat des unbekannten Meisters.
Der etwa handflächengroße Mann, gemalt mit schwarzen Pinselstrichen, ist offenbar ein Hirte, neben dem seine Schafsherde weidet. Er umfasst ein langes, röhrenförmiges Instrument, an dessen Ende ein Schallbecher zu sehen ist.
Diese Darstellung ist es, was dieses Bild so besonders macht. Sie gilt nämlich als die älteste bekannte Abbildung eines Alphorns, dem Instrument, das man gemeinhin als das Instrument der europäischen Alpen schlechthin identifiziert.
Wenn man jedoch die Geschichte archaischer Blasinstrumente etwas näher betrachtet, stellt man schnell fest, dass ähnliche Instrumente nicht nur in den europäischen Alpen, sondern in vielen Kulturkreisen der Welt heimisch sind und
waren.
Gemeinsam ist all diesen Instrumenten, dass es sich um ganz einfache Blasinstrumente handelt, auf denen nur Naturtöne (ohne Ventile, Klappen oder Grifflöcher) gespielt werden können. Die Tonerzeugung erfolgt durch eine
Lippenschwingung, die mit dem Mundstück auf die Luftsäule im Instrument übertragen wird. Der Werkstoff des Rohres, seine Länge und sein Öffnungswinkel (Mensur) beeinflussen hierbei den Klang.
Als Hirten- oder Signalinstrumente eignen sich diese Hörner oder Trompeten deshalb, weil die tiefen Töne sehr weit zu hören sind.
Das Middewinterhorn wird in Norddeutschland, an der Grenze zu den Niederlanden, vom 1. Advent bis zum Dreikönigstag geblasen. Schon in germanischer Zeit
sollen sich die Menschen zwischen den Bauernhöfen mit solchen Holzhörnern verständigt haben. Bei Feuer und anderen Notlagen konnte so Hilfe gerufen werden und auch die bösen Geister wurden mit den Rufen der Hörner vertrieben.
Doch im 18. Jahrhundert gerieten diese archaischen Instrumente in Europa fast in Vergessenheit, sogar in der Schweiz. Das Alphorn wurde nur noch von verarmten Hirten in den Städten gespielt und von der Stadtbevölkerung als «Bettlerhorn» verspottet. So dauerte es bis ins frühe 20. Jahrhundert, ehe es sich wieder in der Gesellschaft etablieren konnte und es zu dem wurde, was man heute unter «dem» Alphorn versteht.
Durch den aufkommenden Tourismus und dem folkloristischen Interesse der Reisenden im 19. Jahrhundert eröffneten sich den Alphornbläsern aber ungeahnte Verdienstmöglichkeiten und dies führte zu einer Renaissance des Alphorns in der Schweiz und dazu, dass das Alphorn heute als das Schweizer Volksinstrument angesehen wird.
Später wurde das fast vergessene Instrument dann auch wieder in manchen Alpenregionen populär. Alphornbläser finden sich heutzutage zu internationalen Treffen zusammen, wie beispielsweise zum jährlichen Allgäuer Alphornbläsertreffen oder zum Alphornfestival in Baad im Kleinwalsertal.
Aber es gibt in Europa auch vereinzelt Regionen außerhalb der Alpen, wo Traditionen und Formen alter Blasintrumente, dem Alphorn sehr ähnlich, überdauert haben:
Solch ein ähnliches Instrument hat sich bis in unsere Tage auch in Oberstdorf halten können. Das kleine Alphorn – von den Einheimischen „d’ Küehblôse” genannt – ertönt immer noch, von keinem neuen Brauch überlagert, ganz dem ur-
sprünglichen Verwendungszweck gehorchend, zum Aus- und Eintrieb der Gassenkühe.Somit schließt sich der Kreis über Jahrhunderte hinweg vom unbekannten Alphornbläser in der Rohrmooser St. Anna-Kapelle bis zum „Khie länd üs“ der Oberstdorfer Gassenhirten.
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Quellen:
„Die Geschichte des Alphorns“; Universität Basel: https://tales.nmc.unibas.ch/de/opos/alphorn-13/beobachten-3-18/die-geschichte-des-alphorns-67
„Kurzinformation über Alphörner“: https://www.angelfire.com/pe2/petznetz/pa-pa/infos.html
„Zunftmeister blies das Herterhorn“; Schwarzwälder Bote: https://www.schwarzwaelder-bote.de/inhalt.villingen-schwenningen-zunftmeister-blies-das-herterhorn.4ccdec42-d510-45b9-8007-7230c2bd64a2.html
_„Hornbläser: Germanischer Brauch feiert in Niedersachsen eine Renaissance“; Hannoversche Allgemeine: https://www.haz.de/Nachrichten/Panorama/Uebersicht/Germanischer-Brauch-feiert-in-Niedersachsen-eine-
Renaissance_
“An Advent Tradition”: http://www.philipkosloski.com/an-advent-tradition-ligawka/
https://8tracks.com/patricia-89/bucium
https://www.alphorn-center.de/ueber-das-alphorn.html
https://www.dein-allgaeu.de/kultur/oberstdorf/st._anna_kapelle_oberstdorf.html
Unser Oberstdorf, Heft 68: “Oberstdorf – seine Musik, sein Gesang“, Marie Luise Althaus, 2016