Die St. Wendelin-Kapelle im Sommer 2021
Wenn man von Norden kommend, den alten Handels- und Salzweg von Oberstdorf ins Lechtal benützend, die bedrohliche und einst gefährliche Enge der „Flucht“ (engste Stelle des Weges von Oberstdorf nach Birgsau) hinter sich gelassen hat, öffnet sich das Stillachtal unvermittelt und der freie Blick auf die Mädelegabel-Gruppe und die diese umgebenden Weideflächen des Alpviehs ist überwältigend.
Daher ist kein Wunder, das gerade hier, im inneren Gschlief (von sliten = fallen, rutschen; Bergsturzgelände), an einem Ort des Innehaltens und des Staunens, eine kleine Kapelle erbaut wurde.
Auf einer Holztafel im Inneren des schlichten Baus ist folgender Text zu lesen:
Kapelle St. Wendel im Gschlief
_Die Grundform der Kapelle stammt aus dem Mittelalter. Vor 1700 war sie eine Wegkapelle „Zu unserer lb. Frau“
Am Wallfahrtsweg nach St. Maria Loretto, am Handels- und Salzweg vom Lechtal nach Oberstdorf. 1785 erhielt sie einen neuen Patron, den Beschützer der Hirten und des Viehs, den hl. Wendelin._
Die letzte Renovierung erfolgte 1982 durch den Verschönerungsverein Oberstdorf. Weitere Renovierung 1996 durch H. Stutz und H. und H. Thaumiller
St. Wendelin im Gschlief (Petzet, 1964). Im Originalzustand verfügte die Kapelle über keinen Turm. Dieser wurde erst im Zuge einer jüngeren Sanierung aufgesetzt. Laut Petzet weisen sowohl die romanischen Proportionen des Gebäudes als auch abgeschrägten Wände des kleinen südlichen Rechteckfensters auf eine Datierung des Baus bis zurück ins Mittelalter hin.

Bevor ich auf die Geschichte der Rettung und Sanierung der Kapelle des heiligen Wendelin im Gschlief ausführlicher eingehe, möchte ich den Schutzheiligen der Hirten und Herden, Schäfer und Bauern, des Viehs, für gedeihliche Witterung und gute Ernte näher vorstellen.
Der Legende folgend war Wendelin ein irischer Königssohn. Der historische Wendelin war demnach einer der vielen Iren, die einst als Missionare auf das europäische Festland kamen.
Wendelin wurde erstmals um 1000 n.Chr. in der Lebensgeschichte des Trierer Bischofs Magnerich erwähnt: während Magnerichs Amtszeit habe ein frommer Einsiedler mit Namen Wendelin gelebt. Dieser keltische Wendelin zählte zu den Deo-Militantes, Gottesstreitern und Einsiedlern, die im 6./7. Jahrhundert im Gebiet des Pfälzer Waldes und des Hunsrücks gewirkt haben.
Die Tradition vom Hirten Wendelin wohl auf altem Wissen der keltischen Druiden über Viehhaltung und Gesundheit, das Wendelin mitbrachte. In jüngster Zeit wird Wendelin daher zunehmend auch als Patron für Natur und Umweltschutz verehrt.
Diese massive Statue des hl. Wendelin aus Stein steht heute in der Kapelle im „Gschlief“. Während der jetzigen Sanierung der Kapelle wurde sie von dem Südiroler Kirchenmaler und Restaurator Remi Insam neu gefasst. Der Heilige ist mit Schäferstab und Vieh dargestellt.
Der hl. Wendelin (Holzskulptur, ebenfalls mit Schäferstab) im südlichen Seitenaltar der Oberstdorfer Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Angeblich schmückte dieser Wendelin einst die Kapelle im Gschlief. Petzet beschreibt 1964
(Kunstdenkmäler des Landkreises Oberallgäu) eine aus Holz gefertigte Wendelin-Figur, Höhe 85cm aus dem späteren 18. Jahrhundert in der Gschlief-Kapelle. (Foto: Peter Fink)

Mindestens 300 Jahre hatte die Kapelle an ihrem Platz gestanden, hatte Unwettern, Murenabgängen und anderen Unbilden der rauen Gebirgsnatur getrotzt, auch weil die Talbewohner ihr stets helfend zur Seite standen. Die Familie Thaumiller in der Faistenoy hatte sich seit Jahrzehnten um das Kleinod gekümmert, sodass St.Wendelin ein von vielen gerne besuchter Ort der inneren Einkehr war und ist.
Doch trotz all dieser Fürsorge schwebte im Jahr 2017 die Heimstatt des Schutzheiligen im Gschlief selbst in großer Gefahr, denn am Bauwerk waren solch gravierende Schäden aufgetreten, dass ohne eine grundlegende Sanierung der
Zerfall drohte.
Diese substantiellen Beschädigungen gingen von Veränderungen aus, die in der unmittelbaren Umgebung der Kapelle stattgefunden hatten.
Ein falsch gewähltes Niveau der 1972 für den allgemeinen Verkehr geöffneten Straße zur Fellhornbahn, der Bau eines Dammes entlang der Stillach und die Querverbauung des Flusses am südlichen Eingang zur „Flucht“, all das zusam-
men hatte dazu geführt, dass die inzwischen viel zu tief liegende Kapelle „nasse. Füße“ bekommen hatte oder wie es ein Vertreter der Kreisbauverwaltung drastischer ausdrückte: „Leider hocketse im Dreck!“
Aufgrund der alarmierenden Analyse bezüglich des baulichen Zustandes der Gschlief-Kapelle fand auf Initiative von Helmut Thaumiller am 11. Oktober 2017 ein Ortstermin an der „Gschliefkapelle“ statt. Alle Teilnehmer waren sich
dessen bewusst, dass schnelles Handeln erforderlich war und darum bildete sich eine Interessengemeinschaft aus Talbewohnern und Oberstdorfern, die sich die Generalsanierung der Kapelle zum Ziel setzte.
Man war sich aber auch darin einig, dass nur eine Anhebung des Gebäudes mit seinen zwar überstarken Mauern, jedoch trotzdem fragilen Struktur eine nachhaltige Sicherung des Gebäudes garantieren konnte. Die Frage war nur: „Wer kann
solch eine Maßnahme durchführen?“
Da erschien in der „Allgäuer Rundschau“ am 31. Oktober 2017 ein Beitrag mit der Überschrift: „Anna-Kapelle bei Frauenzell schwebt zu ihrem neuen Standort“. Das zu diesem Beitrag gehörende Foto zeigt die „schwebende“ Anna-Kapelle, die auf ein neues Fundament gehoben wird, um vor der Feuchtigkeit des alten Platzes geschützt zu
sein.
Anhebung der St. Anna Kapelle in Frauenzell (Markt Altusried)
Natürlich wurden die Verantwortlichen der IG (Interessengemeinschaft) sofort hellhörig und nahmen Kontakt mit der in Frauenzell engagierten Baufirma
(Oberall-Bau GmbH und Co. KG) auf und erhielten von dieser die Zusage, dass sie St. Wendelin um ca. einen Meter anheben könne.
Das größte technische Problem schien gelöst, doch nun galt es die Genehmigung des BLfD (Bayerisches Landesamtes für Denkmalpflege) zu erhalten und die Finanzierung der zu erwartenden erheblichen Kosten zu sichern.
Das BLfD „litt“ zwar aufgrund der erforderlichen Anhebung der Kapelle unter „größten Bauchschmerzen“, stimmte dieser aber letztendlich doch zu, weil sämtliche Alternativen keine grundlegende Verbesserung der bedrohlichen Situation garantierten.
Um die Finanzierung des anspruchsvollen Vorhabens zu gewährleisten, entschloss sich die IG unter Federführung von David Huber und Hannes Thaumiller einen Spendenaufruf zu starten, um die prognostizierten Kosten der Sanierung von 120.000 Euro aufbringen zu können.
Der Verschönerungsverein Oberstdorf übernahm die Organisation und Abwicklung dieser Spendenaktion und die Resonanz auf diesen Aufruf war großartig (ca.
70 Einzelspenden von bis zu 25 000 Euro). Somit konnte die IG den Auftrag für die Anhebung der Kapelle an die Firma Oberall-Bau vergeben.

Am 9. September 2020 begannen dann die Baumaßnahmen im Gschlief und am 13. Oktober 2020 wurde der 300 Jahre alte Bau angehoben.
Dass St. Wendelin überhaupt „schweben“ konnte, wurde nur dadurch möglich, weil ein stabiler Unterbau aus Stahl und Beton angefertigt worden war. Dafür waren die Grundmauern segmentweise unterfangen worden.
Nach all diesen Vorarbeiten hob ein 400t-Autokran die 75 Tonnen fast spielerisch in die Höhe und senkte die Kapelle sanft auf ihr neues Fundament, das direkt neben dem alten Standort errichtet worden war.
St. Wendelin wird auf das neue Fundament gesetzt.
Natürlich waren alle Beteiligten erleichtert, dass St. Wendelin alles unbeschadet überstand und nun wieder sicheren Boden unter „seinen Füßen“ hatte.
Die Sanierungs- und Reparaturarbeiten konnten anschließend fortgeführt und die Dacheindeckung (Schindeln aus dem Holz der Alaska-Zeder) abgeschlossen werden. Der Bodenbelag wurde nach Abschluss der Putz- und Malerabreiten neu aufgebracht und so erstrahlt das Kleinod im Gschlief in neuem Glanz.
Zum Abschluss der Arbeiten und zur Feier der erfolgreichen Rettung der Kapelle fand dann am Gedenktag des heiligen Wendelin, am 20. Oktober 2021 eine Messe statt. An diesem strahlend schönen Herbsttag zelebrierte Pfarrer Maurus B. Mayer eine feierliche Wendelins-Messe an der Gschlief-Kapelle, wo sich eine stattliche Anzahl all derer eingefunden hatten, die mit ihrer Arbeit, ihrem Wissen, ihrem Können und mit ihren Spenden dazu beigetragen hatten, dass die Kapelle gerettet werden konnte.
Die Gesangsgruppe „nätt gli“ verlieh der Feier einen würdigen und stimmungsvollen Rahmen und David Huber (Vertreter der IG) zeichnete in seiner Rede die Geschichte der Sanierung mit all ihren Hindernissen und Schwierigkeiten nach und brachte den großen Dank an all jene zum Ausdruck, die zum letztendlich erfolgreichen Gelingen der Sanierung beigetragen hatten.
Diesen Dank wiederholte und bekräftigte auch der Oberstdorfs Bürgermeister Klaus King und betonte ausdrücklich den unschätzbaren Wert der Kapelle als Manifestation der heimischen Tradition und Kultur
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Quellen:
https://www.heiligenlexikon.de/BiographienW/Wendelin.html
https://www.allgaeuer-zeitung.de/bilder/spektakul
https://www.oberstdorf-lexikon.de/
Ich bedanke mich ganz herzlich bei Franz Ohmayer, der mich mit vielen Informationen und Fotos „versorgt“ hat, die diesen Artikel erst ermöglicht haben.