Wenn man von Norden kommend, den alten Handels- und Salzweg von Oberstdorf ins Lechtal benützend, die bedrohliche und einst gefährliche Enge der „Flucht“ (engste Stelle des Weges von Oberstdorf nach Birgsau) hinter sich gelassen hat, öffnet sich das Stillachtal unvermittelt und der freie Blick auf die Mädelegabel-Gruppe und die diese umgebenden Weideflächen des Alpviehs ist überwältigend.
Daher ist kein Wunder, das gerade hier, im inneren Gschlief (von sliten = fallen, rutschen; Bergsturzgelände), an einem Ort des Innehaltens und des Staunens, eine kleine Kapelle erbaut wurde.
Auf einer Holztafel im Inneren des schlichten Baus ist folgender Text zu lesen:
Kapelle St. Wendel im Gschlief
_Die Grundform der Kapelle stammt aus dem Mittelalter. Vor 1700 war sie eine Wegkapelle „Zu unserer lb. Frau“
Am Wallfahrtsweg nach St. Maria Loretto, am Handels- und Salzweg vom Lechtal nach Oberstdorf. 1785 erhielt sie einen neuen Patron, den Beschützer der Hirten und des Viehs, den hl. Wendelin._
Die letzte Renovierung erfolgte 1982 durch den Verschönerungsverein Oberstdorf. Weitere Renovierung 1996 durch H. Stutz und H. und H. Thaumiller
St. Wendelin im Gschlief (Petzet, 1964). Im Originalzustand verfügte die Kapelle über keinen Turm. Dieser wurde erst im Zuge einer jüngeren Sanierung aufgesetzt. Laut Petzet weisen sowohl die romanischen Proportionen des Gebäudes als auch abgeschrägten Wände des kleinen südlichen Rechteckfensters auf eine Datierung des Baus bis zurück ins Mittelalter hin.

Bevor ich auf die Geschichte der Rettung und Sanierung der Kapelle des heiligen Wendelin im Gschlief ausführlicher eingehe, möchte ich den Schutzheiligen der Hirten und Herden, Schäfer und Bauern, des Viehs, für gedeihliche Witterung und gute Ernte näher vorstellen.
Der Legende folgend war Wendelin ein irischer Königssohn. Der historische Wendelin war demnach einer der vielen Iren, die einst als Missionare auf das europäische Festland kamen.
Wendelin wurde erstmals um 1000 n.Chr. in der Lebensgeschichte des Trierer Bischofs Magnerich erwähnt: während Magnerichs Amtszeit habe ein frommer Einsiedler mit Namen Wendelin gelebt. Dieser keltische Wendelin zählte zu den Deo-Militantes, Gottesstreitern und Einsiedlern, die im 6./7. Jahrhundert im Gebiet des Pfälzer Waldes und des Hunsrücks gewirkt haben.
Die Tradition vom Hirten Wendelin beruht wohl auf altem
Wissen der keltischen Druiden über Viehhaltung und gesundheit, das Wendelin mitbrachte. In jüngster Zeit wird Wendelin daher zunehmend auch als Patron für Natur und Umweltschutz verehrt.
Diese massive Statue des hl. Wendelin aus Stein steht heute in der Kapelle im „Gschlief“. Während der jetzigen Sanierung der Kapelle wurde sie von dem Südiroler Kirchenmaler und Restaurator Remi Insam neu gefasst. Der Heilige ist mit Schäferstab und Vieh dargestellt.
_Der hl. Wendelin (Holzskulptur, ebenfalls mit Schäferstab) im südlichen Seitenaltar der Oberstdorfer Pfarrkirche St. Johannes Baptist. Angeblich schmückte dieser Wendelin einst die Kapelle im Gschlief. Petzet beschreibt 1964
(Kunstdenkmäler des Landkreises Oberallgäu) eine aus Holz gefertigte Wendelin-Figur, Höhe 85cm aus dem späteren 18. Jahrhundert in der Gschlief-Kapelle. (Foto: Peter Fink)_

Mindestens 300 Jahre hatte die Kapelle an ihrem Platz gestanden, hatte Unwettern, Murenabgängen und anderen Unbilden der rauen Gebirgsnatur getrotzt, auch weil die Talbewohner ihr stets helfend zur Seite standen. Die Familie Thaumiller in der Faistenoy hatte sich seit Jahrzehnten um das Kleinod gekümmert, sodass St.Wendelin ein von vielen gerne besuchter Ort der inneren Einkehr war und ist.
Doch trotz all dieser Fürsorge schwebte im Jahr 2017 die Heimstatt des Schutzheiligen im Gschlief selbst in großer Gefahr, denn am Bauwerk waren solch gravierende Schäden aufgetreten, dass ohne eine grundlegende Sanierung der
Zerfall drohte.
Diese substantiellen Beschädigungen gingen von Veränderungen aus, die in der unmittelbaren Umgebung der Kapelle stattgefunden hatten.
Ein falsch gewähltes Niveau der 1972 für den allgemeinen Verkehr geöffneten Straße zur Fellhornbahn, der Bau eines Dammes entlang der Stillach und die Querverbauung des Flusses am südlichen Eingang zur „Flucht“, all das zusam-
men hatte dazu geführt, dass die inzwischen viel zu tief liegende Kapelle „nasse. Füße“ bekommen hatte oder wie es ein Vertreter der Kreisbauverwaltung drastischer ausdrückte: „Leider hocketse im Dreck!“
Auf diesem Bild aus dem Jahr 2014 ist am abfallenden Zugang gut zu erkennen, dass die Kapelle vor der Anhebung beträchtlich unter dem Niveau der „neuen“ Straße und der
übrigen Umgebung lag.