Gerstruben Haus Nummer 2 (in der Bildmitte) war
das Jagdhaus der Freiherrn von Heyl, das „Baronenhaus“
Als im dritten Kriegsjahr die Materialreserven des Deutschen Kaiserreiches knapp wurden, erinnerte sich der „Vater Staat“ seiner Kirchen, d.h. an deren Glocken. Wohl alle Gemeinden im Lande erhielten Ablieferungsbefehle für Kirchenglocken; selbst die Kapellen in den hinterstersten Winkeln des Landes wurden nicht vergessen.
In Oberstdorf wurden drei Glocken der kath. Pfarrkirche und je eine von den Kapellen Jauchen, St. Loretto, St. Nikolaus
gefordert, auch das hochgelegene Bergdörflein Gerstruben wurde nicht übersehen.
Am 18. Juni 1917 war der rabenschwarze Tag, an dem die Glocken in einen Waggon der Deutschen Reichsbahn verladen wurden. Die Fahrt ging nach Call in der Eifel, wo die ehernen Stimmen im Ofen der dortigen Bleihütte eingeschmolzen wurden.
Aus Kirchenglocken wurde Kriegsmaterial und statt mit dem Erz Frieden zu verkünden wurde tausendfacher Tod gebracht.
Die Marienkapelle in Gerstruben war nun in den Kriegs- und den nachfolgenden Notjahren stumm. Auch nach der Inflation 1924 waren die einzigen ständigen Bewohner des Dörfleins, der Gastwirt Anton Huber mit seiner Familie und der jeweilige Revierjäger, nicht in der Lage einen Glockenersatz zu schaffen, zumal beide ja nur Pächter bzw. Mieter waren.
Eigentümer des ganzen Dörfleins, ja nicht nur des Dörfleins sondern des ganzen Tales, war Max Freiherr von Heyl zu Herrnsheim, dessen Vater, der Industrielle Cornelius Freiherr von Heyl zu Herrnsheim, im Jahre 1896 das Tal und noch weitere Flächen als reines Jagdrevier erworben hatte.
Nun erschien im September 1925 eine Pressenotiz, daß Baron Max für Gerstruben eine neue Glocke gestiftet habe.
Am Samstag, dem 3. Oktober, wurde in Gerstruben die traditionelle Herbstmesse gefeiert. Bei herrlichem Herbstwetter waren, angeführt vom Bürgermeister, eine ganze Reihe von Honoratioren nach Gerstruben hinaufgestiegen, um dort die hl. Messe und die Glockenweihe mitzuerleben.
Im Beisein des Stifter-Ehepaares und einer großen Menschenmenge aus Oberstdorf und den Tälern weihte Oberstdorfs neuer Pfarrherr Isidor Kohl die Glocke ein. Die Firma Hirt in Kempten hatte den Guß im Auftrag des „Barons“ ausgeführt. Die Glocke wog 57 kg und an einer Seite der Glocke war als Widmung zu lesen:
Zum Gedächtnis an
s. Exzellenz Cornelius Wilhelm Freiherrn Heyl zu Herrnsheim, dem gütigen Wohltäter und Schirmherrn dieses Tales.
Geb. 1843 - gest. 1923
Die andere Glockenseite wies mit folgendem Text die Stifter aus:
Max Freiherr von Heyl zu Herrnsheim
und seine Gattin Anneli Freifrau von Heyl zu Herrnsheim,
geb. Freiin Riedesel zu Eisenbach,
Bewohner der Jagdhütten auf Gerstruben.
Am Mantel der Gerstrubener Glocke stand als Spruch:
„Gottlieben heiß ich; Gottes Ehren preis ich.“
Der Name „Gottlieben“ geht zurück auf die hauseigene „Gottlieben-Kapelle“ in Herrnsheim, in der Baron Cornelius seine letzte Ruhestätte gefunden hatte.
Nach der Weihe zogen kräftige Hände die Glocke in das Türmchen der Kapelle und montierten sie, so daß bereits zur Wandlung bei der folgenden hl. Messe der Glockenklang durch das stille Tal schallte.
Am Vormittag vor der Glockenweihe hatte der „Baron“, so wurden die Freiherrn hier kurz aber respektvoll genannt, eine Reihe von Honoratioren darunter Bürgermeister und Pfarrer zu einem Frühstück ins Gerstrubener Jagdhaus geladen.
Und nach der kirchlichen Handlung mischten sich der „Baron“ und die „Baronin“ in der Gaststätte „unter das Volk“.
Die „Herrschaften von Gerstruben“ waren sehr beliebt und es standen nicht wenige der Talbewohner und Oberstdorfer auf deren Lohnliste. Verwalter, Jäger, Treiber, Waldarbeiter, Handwerker, Fuhrleute, Alp- und Bergwiesenpächter, wie
auch eine Reihe von Lieferanten verdienten beim „Baron“ ihr Geld und zu den Jagdzeiten brachte die Herrschaft noch das Hauspersonal mit.
Daß an so einem Tag die Wirtsleute alles aufboten was Kühe und Keller hergeben konnten, war selbstverständlich. Die Familie Huber bewirtete in vier Generationen von 1907 bis 2004 in Gerstruben die Gäste.
Dem „alten Baron“ und später dessen Sohn verdanken wir die Erhaltung des Kleinodes Gerstruben. Die Herrn haben die Häuser aus dem frühen 17. Jhrh. und die Alphütten des Tales im alten Stil bewahrt und das zu einer Zeit als Denkmalschutz noch lange kein Schlagwort war.
Der Entschluss zur Stiftung der Glocke entsprang der Einstellung, die der „Baron“ und seine Familie zu „ihrem“ Jagdgebiet Gerstruben hatte. Ein weiterer Glücksumstand war später der, daß die Oberstdorfer Rechtler im Jahre 1953 aus dem Nachlass derer von Heyl unter großen finanziellen Opfern das ganze Tal zurückkauften und der bereits
eingesetzten Spekulation entzogen.