Im Winter des Jahres 1947/48 hatte die Zimmerei Clement Krach, wo ich zu der Zeit Lehrling war, einen Auftrag bei der Metzgerei Herberg in der Weststraße auszuführen. Im Rückgebäude der Schlachträume waren Reparaturen fällig.
Unser Meister hat den Gesellen Anton Schmid, "Isakars Done", mit zwei Lehrlingen, Hans Sedlbauer und mich, dahin beordert. Oh, bei einem Lebensmittelhändler, Bäcker, Metzger, Landwirt oder dergl. zu arbeiten war damals für uns
hungrige "Stifte" immer ein Traum, denn da gab es eine Brotzeit für unsere leeren Mägen.
Das Anwesen Weststraße 3, alte Hausnummer 154, beherbergte über Jahrzehnte die Metzgerei Herberg, den größten Betrieb dieser Art hier am Ort. Noch im 19. Jahrhundert von Josef Herberg gegründet, ging das Geschäft am den Sohn Hans über, der auch in der Nachkriegszeit, der Zeit unserer Geschichte, Chef des Hauses war.
Das Bild zeigt rechts das Haus Herberg, daneben die Buchdruckerei Hofmann in den 1940er Jahren. Unsere Histörchen ereignete sich in Herbergs Rückgebäude, das zur Sonnenstraße hin liegt.
Bei unserer Arbeit sahen wir, daß der "Obermetzer" Michl Wolf den Wurstkessel heizte. Er tat dies nur mit ganz kleinen Holzscheitchen, so daß nur eine kleine Flamme entstand. Der Fachmann erklärte uns Neugierigen, daß bei größerer
Flamme und mehr Hitze die Würstchen im Kessel leicht platzen könnten.
Nach einiger Zeit rief uns der Michl und reichte uns eine Schüssel in der zwei oder drei geplatze Würstchen lagen. Die Frage "Wollt ihr die?", war so überflüssig wie ein zweiter Kropf. Wir nahmen diese Gabe mit Handkuß an. Aber - sie
brachte uns auch auf einen hinterhältigen Gedanken: wie wäre es wenn noch mehr Würstchen platzen könnten?
Bei diesem Sud gab es keine Gelegenheit mehr, aber es wurde ja auch noch eine weitere Ladung Würste gekocht. Und da ein paar Stückchen Steinkohle unter das leichte Holzfeuerchen geschoben brachten dann auch den gewünschten Erfolg.
Michl kam angerannt und meinte, er könne das nicht verstehen, daß trotz seiner Vorsicht eine Reihe von Würsten geplatzt sei. Es müsse das Missgeschick verschwinden lassen ehe der Chef das sieht. Wir sollen uns Gefäße besorgen wo er uns die "Wurstsuppe"geben kann.
Hans hatte ein altes Damenfahrrad, raste damit heim und kam mit einer Milchkanne wieder. Dann übergab er den Drahtesel mir, denn ich war damals mit 16 Jahren noch nicht Besitzer eines solch feudalen Fahrzeuges.
So schnell ich konnte besorgte ich Daheim auch eine Kanne. Auf der ganzen Fahrt hatte ich Angst, daß bis zu meiner Rückkehr nichts mehr da sein könnte von dem Würstles-Segen. Doch ich hatte Glück.
Ich habe meiner Mutter nie gesagt wie es zum Platzen der Würste gekommen ist. Bei uns zu Hause gab es über Tage als Festmahl Wurstsuppe. Sicher gab es die bei uns etwas öfter als beim Hans, denn ich hatte die größere Milchkanne gewählt. Aus heutiger Sicht betrachtet war das nicht "die feine englische Art" wie wir uns diese Lebensmittel-Sonderration beschafft haben, aber ich weiß nicht wie ich heute reagieren würde bei dem Hunger, den ich damals als junger Bursche hatte.