„Friedels erste Reise“

am 22.06.2022
„Friedels erste Reise“
Ein Kinderbuch als Botschafter Oberstdorfs

„Bücher können die Welt verändern!“ Ob diese Aussage in ihrer Absolutheit stimmt, das wage ich zu bezweifeln. Aber Bücher können in einem Leser etwas anstoßen, was ihn zu Handlungen motiviert, die, wenn sich genügend Gleichgesinnte verbünden, durchaus zu Veränderungen führen können.Die Bibel, „Die Entstehung der Arten“ von Charles Darwin oder Karl Marx’„Kapital“sind Beispiele dafür, welche Kraft das geschriebene Wort entfalten kann.
„Friedels erste Reise“ ist natürlich kein Buch, das sich an Bedeutung mit den oben genannten messen könnte und welches dieWelt verändert hat. Es ist nur die liebevoll erzählte Geschichte dreier Kinder und ihrer Familien, die Anfang
des 20.Jahrhunderts in Oberstdorf zur Sommerfrische weilen. Aber, und das ist der Grund, warum ich dieses Buch vorstellen möchte, diese Erzählung hatte sicherlich einen gewissen Einfluss auf die Entwicklung Oberstdorfs zum beliebten Ferienort.

Die oben abgebildeten Umschlagbilder des Kinderbuches „Friedels erste Reise“ von Beate Jacoby zeigen die Protagonisten der Erzählung:Titelheld Friedel Markwald (mit Hut),der einheimische Bauernjunge Sepp und die elfjährige Marianne (Annerl) Rotenbach

„Es war jedoch ein Kinderbuch aus der Serie Friedel von Beate Jacoby, das Oberstdorf in ganz Deutschland bekannt machte.“ (S.123, Ein Dorf im Spiegel seiner Zeit; Angelika Patel; Hrsg. Markt Oberstdorf,2010)

Was aber ist das Besondere an diesem Buch, dass es solch eine Wirkung auf den Werdegang der Tourismusgemeinde Oberstdorf ausüben konnte?

Inhalt, Sprache und konkrete Bezüge zu Oberstdorf

Friedel Markwald ist zu Beginn der Handlung sechs Jahre alt und lebt mit seinen Eltern in Berlin. Der Arzt Dr. Markwald und seine Frau Dora beschließen, die kränkliche Tochter Marianne ihres verwitweten Freundes Rotenbach mit in die
Sommerfrische nach Oberstdorf zu nehmen.Dort soll Marianne dem Einzelkind Friedel Gesellschaft leisten und wieder gesund werden. Die Anreise erfolgt mit der Bahn und dauert zweiTage inklusive einer Übernachtung in München.Die Reisegruppe kommt im ausgehenden Frühjahr am Bahnhof in Oberstdorf an und begibt sich zum Hotel Mohren, wo Friedel allein gelassen wird, weil die anderen nach einem Quartier suchen.

„Ganz befriedigt ging Friedel auf seine Entdeckungsreise aus. Zuerst besichtigte er den hübschen Kirchhof, der wie ein stiller, friedlicher Garten voll bunter Blumen im grauen Regenwetter lag.Dann ging er weiter um den Marktplatz
herum. Die Querseite füllte einstattliches Haus aus, zu dessen Seiten zwei Straßen auf den Marktplatz mündeten. Unten in dem Hause befand sich ein Papier-und Buchladen, der aber auch noch die köstlichsten anderen Schätze
barg. Da gab e sReise an den ken aller Art, holzgeschnitzte Kühe, Gemsböcke, Gläser mit Ansichten, Federhalter zum Durchgucken, kleine Häuser, deren Deckel zu öffnen waren, und die im Innern ein Tintenfaß bargen, Ansichtspostkarten, Panoramas mit vielen hohen Bergen darauf… Da lag in der etwas versteckten Ecken eben dem Gasthaus zum Mohren die Konditorei von Oberstdorf. Was gab es dafür leckere Dinge. Cremetorten und Kirschkuchen, Windbeutel,…Dazwischen standen Gläser mit Fruchtbonbons und Atlaskissen*und schönen gedrehten Schillerlocken**.Friedel lief ordentlich das Wasser im Mund zusammen bei all den Herrlichkeiten.“

(*Atlaskissen=Bonbon;**Schillerlocke=Gebäck)

Bald danach kehrt Friedel wieder zum Gasthaus zurück und als die Gassenkühe vorbeikommen, lernt Friedel den Waisenjungen Sepp kennen. Sepp ist 11Jahre alt und er lebt und arbeitet bei seinen Pflegeeltern auf dem Rainbauern Hof.

Sepps Eltern erfroren in einem Schneesturm, als sie mit ihrem Kind von Vorarlberg über die Berge nach Bayern wollten, um Arbeit zu finden. Der Säugling überlebte wie durch ein Wunder, aber seine Herkunft blieb ungeklärt, weil keine Dokumente gefunden werden konnten. So wir der von allen nur Sepp genannt.

Marktplatz1900

Marktplatz, Ansichtskarte 1900 mit der „alten“ Konditorei Stempfle

Marktplatz um 1907, v.l. Hotel Mohren, das neuerbaute Café Stempfle, Drogerie Adler, Buchhandlung Volderauer

Marktplatz1907

Die Markwalds mit Marianne und der Hausdame Luise finden Unterkunft in der „Villa Glückauf“,die im Süden Oberstdorfs in den Wiesen liegt und von Herrn Höfner betrieben wird.

Die Reisegruppe richtet sich für sechs Wochen Sommerfrische ein und im Folgenden beschreibt die Autorin verschiedene Unternehmungen und Erlebnisse. Mehrere Figuren kommen hinzu und die nähere Umgebung Oberstdorfs und deren Naturschönheiten werden genau und ausführlich dargestellt.

„Was er da draußen sah, machte ihn (Friedel; Anm.des Verf.) ganz stumm vor Staunen. Da lagen die Wiesen im hellen Sonnenlichte, der Tau funkelte auf allen Gräsern und Blumen, da hinter fing der Wald an und noch ein Stückchen weiter
stand ein Kranz von Bergen im funkelhellen Morgenglanze. Die vordersten waren dunkel und mit Wald bewachsen, dahinter ragten Felskuppen hervor, und die höchsten Bergspitzen waren mit Schnee bedeckt, der glitzerte und leuchtete in strahlendem Weiß.“

„Am nächsten Morgen ging es schon zeitig, gleich nach dem Frühstück, von Hause weg, denn heute wollte man zur Alpenrose hinauf wandern und den ganzen Vormittag im Freien verbringen.…Marianne atmet ein tiefen Zügen
die köstliche Luft ein.Wie wonnig war es dazu sitzen, so lieblich und still. Nur das Glocken geläut der irgendwo in der Nähe weiden den Herden war zuhören und das Summen der Bienen und Hummeln.…Garnicht heiß war es hier
oben, der schöne, frische Bergwind blies so lustig in all den Sonnenschein hinein, dass es einem ganz leicht und fröhlich ums Herz wurde. Und die Berge standen majestätisch und feierlich überall der Lieblichkeit.“

Alpenros

Diese idealisierten Schilderungen, manche in heutiger Leser mag sie als Kitsch empfinden, sind charakteristisch für den gesamten Text. Mit dieser sehr bildhaften Sprache, die von Metaphern, Vergleichen und Adjektiven geprägt ist, zeichnet die Autorin eine Idylle, die sich jedoch nicht nur auf die Natur bezieht. Auch die Personen, die im Buch auftreten, sind durchwegs sympathische Menschen und wenn sie zuerst eine raue Schale zeigen,dann bergen sie doch einen herzensguten Kern.
Die Kinder des Bierbrauers Purzel aus Kempten, Kaspar und Diktus (Sind damit die „Richterbuben“, die Söhne des Bierbrauers Carl Richter aus Kempten gemeint, der 1902 die Brauerei „Zur Sonne“ in Oberstdorf baut?), die bei ihrer Tante, der Wirtin der„Alpenrose“ den Sommer über einquartiert sind, treten zuerst als wahre Lausbuben in Erscheinung. Sie ärgern die anderen Kinder im Ort bei jeder Gelegenheit und spielen auch den Erwachsenen so manchen Streich.
Letztendlich gelingt es aber der Kinderdame Mariannes,Frau Wedemann, die Rabauken zu läutern und Kaspar und Diktus werden zu strebsamen Schülern und zu vorkommenden Kindern.

„Immer gelang es ihnen ja noch nicht gleich, denn das Brav sein will auch geübt sein, es fliegt einen nicht nur so einfach an.…nicht zum wenigsten trug der Konditor Stempfel zu ihrem neuen Ruhme bei.Er war so gerührt über das
Abzahlen (die Jungs hatten Torten zerstört; Anm. des Verf.) gewesen, dass er sich nun aus ihrem ärgsten Feind zu ihrem besten Freund gewandelt hatte, und er erzählte jedem, der in seinen Laden kam, von den guten Absichten der Purzelbuben.“

Offensichtlich handelt es sich bei dem Konditor um eine literarische Verewigung des Hoflieferanten Gustav Stempfle, der zur damaligen Zeit am Marktplatz schon seit 1883 eine Konditoreibetrieb. Neben dem Marktplatz und der „Alpenrose“ besuchen die Touristen aus Berlin auch die Breitachklamm, die Spielmannsau und den Freibergsee.
Am Freibergsee handelt auch eine Episode der Erzählung, die zu den Spannungselementen der Handlung gehört.
Zuerst geraten Friedels Eltern in ihrem Ruderboot in einen Strudel auf dem See. Sepp, der in der Nähe des Sees
mit Heuarbeit beschäftigt ist, kann die Markwalds retten, aber Friedel, der am Ufer diese Aktion verfolgt, fällt zwischen den an geketteten Ausflugsbooten ins Wasser und wird wiederum von Sepp, der rasch herbei schwimmt, gerettet. Die Markwalds sind Sepp dafür unendlich dankbar und auch Marianne gewinnt den einfach Bauernbuben lieb.
Die Illustrationen des Buches stammen von Willy Planck (1870-1956). Planck stammte aus einem Familienzweig um
den Nobel-Preisträger Max Planck und er war einer der talentiertesten Illustratoren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Willy Planck war sehr vielseitig und illustrierte Kinder- und Jugendbücher aller Genres: sowohl die Heidi-Bücher
von Johanna Spyri als auch die Lederstrumpf-Geschichten von James Fenimore Cooper. Er produzierte sehr viel für
den Loewes Verlag in Stuttgart, aber auch für andere Verlage wie z.B. den Herold Verlag.Planck zeichnete meist
sowohl die Deckelbilder als auch die Innen-Illustrationen.

Sepp rettet Friedel dann noch ein zweites Mal. Kurz vor Ende der Sommerfrische wollen Dr.Markwald und seine Frau das Nebelhorn besteigen. Friedel beobachtet vom Talaus, wie ein heftiges Gewitter am Nebelhorn aufzieht und sich
entlädt. Aus Angst um seine Eltern läuft er los, sie zu suchen, verirrt sich aber. Als Friedel im Tal vermisst wird, folgt Sepp einer Ahnung und findet schließlich den unter kühlten Jungen. Auch die Markwalds kehren heil vom Berg zurück und können ihr einziges Kind unversehrt in Empfang nehmen.

Aus den geplanten sechs Wochen Sommerfrische in Oberstdorf sind schließlich zehn geworden.Alles hat sich zum Besten gewendet: Marianne ist durch ihre Bewegung an frischer Bergluft und natürliche Ernährung (kuhwarme Milch und wild wachsende Beeren) völlig genesen und voller Lebensfreude, Friedel hat vieles gelernt, was einem Stadtkind ansonsten verwehrt ist und er hat einen wahren Freund in Sepp gefunden. Diesem Sepp, einem Vorbild an Pflichtbewusstsein, Fleiß und Hilfsbereitschaft wird aber das größte Geschenk zuteil. Die Markwalds haben sich dazu entschlossen, Sepp zu adoptieren. Somit erfüllt sich dessen größter Wunsch, nämlich Vater und Mutter zu haben und einen Namen tragen
zu dürfen.

Stempfle

Konditormeister, Hoflieferant, Unternehmer und großer
Förderer des Tourismus in Oberstdorf Gustav Stempfle

Werbung von 1907

Freibergsee
Die romantische Berg-Idylle– Eine literarische Tradition

Das alles ist natürlich viel zu schön, um wahr zu sein. Es ist kaum die Rede davon, wie entbehrungsreich und mühsam viele der armen Bergbauernfamilien ihren Alltag bestreiten. Nur am Beispiel des Schicksals von Sepps leiblichen El‐
tern, die der großen Not in ihrer Berg-Heimat in Österreich entfliehen wollen und dann tragisch ums Leben kommen und in den Schilderungen des Alltags der Familie des Rainbauern deutet die Autorin an, wie sehr sich damals das Leben der einfachen Leute im Gebirge und auf dem Land von dem der Stadtbewohner unterscheidet. Es ist auch keine Rede davon, was es beiden „einfachen“ Oberstdorfern wohl auslöste, wenn sie Menschen begegneten, die es sich leisten konnten 10 Wochen Urlaub in ihrem Dorf zu verbringen, während sie damit beschäftigt waren, sich mit harter Arbeit im Sommer auf den langen Winter vorzubereiten.

Andererseits ist es ein Buch, das offensichtlich in der Tradition der beiden Kinderbücher„Heidis Lehr- und Wanderjahre“ und„Heidi kann brauchen, was es gelernt hat“ der Schweizer Autorin Johanna Spyri (1827–1901) aus den Jahren
1880 und 1881 steht. Diese gehören bis heute zu den bekanntesten Kinderbüchern der Welt und mit ihnen schuf Johanna Spyrie in noch heute weit verbreitetes romantisches und idealtypisches Bild der Schweiz. Auch wenn es nicht ihre Absicht war, so verlieh Spyrider Schweiz ein Image, das bis heute prägend ist.

Heidi, das Naturkind, geht wie Friedels Freund Sepp barfuß und hütet Vieh (Ziegen) und Heidis Freundin, die kranke Klara Sesemann, wird wie Friedels Reisebegleiterin Marianne Rotenbuch in der Natur der Berge wieder gesund.

Beate Jacoby veröffentlichte ca. 40 Jahre nach Spyri mit „Friedels erste Reise“ ein Buch, das sicherlich den Zeitgeist traf, indem es manche Motive aus den Heidi-Romanen aufgreift: Das Mädchen aus der Stadt wird in den Bergen wieder gesund. Die Menschen in den Bergen sind ehrlich, hilfsbereit, verlässlich. Freundschaften beruhen nicht auf Äußerlichkeiten, sondern entspringen aufrichtiger Zuneigung und Zuwendung. Innere Werte zählen mehr als materieller Reichtum und Trost findet man im Glauben.

Daher ist es sicherlich kein Zufall, dass der Stuttgarter Loewe-Verlag, der in den 20er-Jahren die „Heidi-Bücher“auf den deutschen Markt brachte, auch Beate Jacoby verlegte. Die Sehnsucht nach der Idylle bewegte viele Leser und Leserinnen, nicht nur junge.

Denn ähnlich wie heute entstand in den städtischen Gesellschaften zu Beginn des 20. Jahrhunderts eine Sehnsucht nach dem natürlichen und unverfälschten, „echten“ und zufriedenen Leben in heiler Natur unter authentischen Menschen.

Man wollte dem vielfach als entfremdend empfundenen Großstadt Getriebe und dem technisierten Leben entfliehen.

Dieser Flucht-Gedanke war zwar schon damals eher ein trügerischer, der aber sicherlich manch einen be‐
wog, diese Berg-Idylle mit eigenen Augen kennenzulernen.

Berlin um 1920

Berlin
Handlungszeit

„Friedels erste Reise“ erschien erstmals um 1920. Die Handlung der Erzählung
ist jedoch wesentlich früher ein zuordnen. Dazu eine Einlassung der Autorin im
Nachwort einer Ausgabe aus den 1930er-Jahren.

„Liebe Kinder!
Manche von euch werden wohl schon einmal in Oberstdorf gewesen sein, und viele werden noch dahin reisen. Dann werdet Ihr euch gewiß nach all den Plätzen umsehen, wo die Kinder dieses Buches gelebt, gelernt und gespielt haben.
Und ihr werdet vielleicht denken: Aber das stimmt doch hier nicht ganz!…Damals gab es in Oberstdorf noch keinen Kurplatz mit Konzerten,…In der Ecke des Marktplatzes, wo jetzt ein Kaffeehaus ist, lag damals die gemütliche
Konditorei,… Das neue Oberstdorfer Schulhaus war auch noch nicht erbaut, sondern die Buben und Mädel gingen noch in dem einfachen Haus nahe der Kirche zur Schule,…und vorallem gab es noch keine Drahtseilbahn auf das Nebelhorn hinauf.“

Keine Nebelhornbahn (1930), kein neues Schulhaus, kein Café Baur. Das bedeutet, dass die Handlung von „Friedels erste Reise“ sicher vor dem Ersten Weltkrieg und wahrscheinlich vor 1906/1907 (1907 wird die neue Volksschule bezogen) angelegt ist.

V.l. n.R: Nebelhornbahn kurz vor ihrer Einweihung1930, Café Baur (vormals Café Stempfle) und die Volksschule um 1920

Die Eltern von Friedel besuchen auch die Breitachklamm, die ab 1905 der Öffentlichkeit zugänglich gemacht wurde.Obwohl dieser Ausflug nur erwähnt und nicht genauer beschrieben wird, vermute ich aufgrund der vielen anderen sehr genau beobachteten und historisch überprüfbaren Details zum Leben im damaligen Oberstdorf, dass Beate Jacoby sich über einen längeren Zeitraum mehrmals in Oberstdorf aufhielt und die Schauplätze ihrer Erzählung persönlich in Augenschein genommen hat.Die Genauigkeit in der Beschreibung von Sitten, Örtlichkeiten und Personen setzt eine persönliche Begegnung mit jenen voraus.

Beate Jacoby– eine vergessene Autorin

Wer aber war die Autorin, die offensichtlich eine derart profunde Kenntnis Oberstdorfs besaß, dass sie die Marktgemeinde zum Schauplatz und zur„Hauptdarstellerin“eines ganzen Buches machen konnte?

Beate Jacoby kam 1878 in Leipzig zur Welt und war die Tochter des Komponisten und Pianisten Salomon Jadassohn und der Gesangspädagogin Helene Friedländer. Beate wuchs also in einem Elternhaus auf, das von der Liebe zur Musik und humanistischer Bildung geprägt war. Ab 1901 lebte sie in Berlin und war mit dem Unternehmer
Alfred Jacoby verheiratet, der eine Großhandelsfirma betrieb.

1900 erschien ihr erstes Werk („Ruth von Felseck“) noch unter ihrem Mädchennamen und in den darauffolgenden
Jahren veröffentlichten renommierte deutsche Verlage ihre Kinder- und Jugendbücher, die Titel wie „Fräulein
Ungestüm“,„Für junge Herzen“ oder „Die Wetterhexe Liesel“ trugen und die sie teilweise unter dem Pseudonym Beate Frederich verfasste. Mit diesen Büchern konnte Beate Jacoby in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts bald eine große und treue Leserschaft für ihre Werke gewinnen.

Am bekanntesten waren aber die drei Bände „Friedels erste Reise“,„Friedels großer Bruder“ und „Friedels neue Freunde“.Diese Trilogie erschien ab den frühen 1920er Jahren im Stuttgarter Verlag Loewe in mehreren Auflagen, zuletzt 1935. Auflagen anderer Bücher von Beate Jacoby erschienen noch bis 1940.

Neue Bücher von ihr sind ab 1933 nicht mehr aufgelegt worden. Der Grund: Beate Jacoby war Jüdin, daher war es ihr verboten, Mitglied in der von den Nationalsozialisten eingerichteten „Reichsschrifttums-Kammer“ zu werden und folglich wurde sie mit einem Berufsverbot belegt.

Dieses Berufsverbot sollte jedoch die „harmloseste“ der Grausamkeiten sein, die die Nazi-Diktatur ihr und ihrem Mann zufügten. In„ Erlebnisse einer deutschen Jüdin“gab sie 1955 in London ihr Schicksal zu Protokoll.

Eine kurze Zusammenfassung:

Das Ehepaar Jacoby hatte in Berlin/Grunewald in komfortablen Verhältnissen gelebt. Das Haus gehörte jüdischen Freunden und als es verkauft wurde, mussten sie umziehen. Schließlich wohnten sie in der winzigen Behausung ihrer
Schwester. Beates Bruder emigrierte 1938 in die USA, der Sohn der Jacobys lebte bereits in Großbritannien. Aber die Eltern unterschätzten die Gefahren für Juden lange Zeit und dann war es für sie zu spät. Sie wurden 1942 in das große
Berliner Sammellager gebracht und am 14. September in das Ghetto von Theresienstadt deportiert. Beate Jacoby war zu diesem Zeitpunkt 64, ihr Mann 66 Jahre alt.

Alfred Jacobys körperlicher Verfall war aufgrund der katastrophalen Verhältnisse (Verpflegung,Hygiene,…) unaufhaltsam und im September 1943 starb er. Auch Beate Jacoby erkrankte schwer, erholte sich jedoch und betätigte sich bis zur Befreiung in der Fürsorge für Mitgefangene.

Da sie nicht nach Berlin zurückkehren, sondern nach England auswandern wollte, wo ihr Sohn auf sie wartete, wurde sie nach Deggendorf in ein Lagerfür „Displaced Persons“ transportiert.

Den Verwaltungsbegriff "Displaced Persons (DP)" hatten die Westalliierten 1944 geprägt."Displaced"bezeichnet im Englischen etwas"Ortsfremdes".In übertragenen Sinn galt jeder als DP, der durch die Politik der Nazis und den Krieg sozial entwurzelt und politisch rechtlos wurde, in der Regel KZ-Häftlinge und aus den von den Nazis besetzten Ländern rekrutierte Zwangsarbeiter. Als die alliierten Truppen im Mai 1945 in Deutschland einrückten, fanden sie im Gebiet der späteren drei westlichen Besatzungszonen etwa sieben Millionen sogenannter "Displaced Persons"(DP)vor. Sie waren während des Krieges von den Nazis aus allen Teilen Europas verschleppt worden, aus ihrer Heimat vertrieben oder geflohen.

Ein weiterer Schicksalsschlag blieb Beate Jacoby aber nicht erspart. Ihr Sohn starb und deshalb erhielt sie für ihre Ausreise keine Anforderung aus Großbritannien, die von einem engen Verwandten stammen musste. Zwei Jahre
harrte sie deshalb in Deggendorf aus, bis sie im Juni 1947 nach England ausreisen konnte.

Außerdem 1955 erschienen „Erlebnisse(n)“ habe ich keine Angaben mehr zu Beate Jacoby gefunden, sogar ihr Sterbedatum ist mir nicht bekannt. Recherchen bei ihren ehemaligen Verlagen blieben ergebnislos. Entweder erhielt ich keine Auskunft oder das Archiv, wie im Fall Loewe-Verlag-Stuttgart, war im 2.Weltkrieg vollständig zerstört worden. Auch die Suche nach einem Foto Jacobys blieb ohne Erfolg.

So ist Beate Jacoby eine heute fast vollständig vergessene Autorin. Vielleicht kann dieser Artikel dazu beitragen, dass zumindest in Oberstdorf ihrer gedacht wird, denn „Friedels ersteReise“ ist eine einzige Liebeserklärung der Autorin an
unser Dorf, an dieMenschen, die hier gelebt haben und an die Natur, in der wir leben dürfen.

—
Quellen:

Friedels erste Reise, Erzählung für Kinder von Beate Jacoby, 5.Auflage, Loewes Verlag Ferdinand Carl, Stuttgart
Theresienstadt– Eine Geschichte von Täuschung und Vernichtung, Wolfgang Benz, Verlag C.H. Becko HG, München 2013
https://www.lexm.uni-amburg.de/object/lexm_lexmperson_00001066
https://www.loewe-verlag.de/
http://www.detlef-heinsohn.de/ki-jacoby.htm
https://de.wikipedia.org/wiki/Salomon_Jadassohn
https://www.br.de/themen/religion/juden-bayern-juedisches-leben106.html

Kontakt

Verschönerungsverein Oberstdorf e.V.
1. Vorsitzender
Peter Titzler
Brunnackerweg 5
87561 Oberstdorf
DEUTSCHLAND
Tel. +49 8322 6759

Der Verein

Unser gemeinnütziger Verein unterstützt und fördert den Erhalt und Pflege von Landschaft, Umwelt, Geschichte, Mundart und Brauchtum in Oberstdorf. Mehr

Unser Oberstdorf

Seit Februar 1982 werden die Hefte der Reihe "Unser Oberstdorf" zweimal im Jahr vom Verschönerungsverein Oberstdorf herausgegeben und brachten seit dem ersten Erscheinen einen wirklichen Schub für die Heimatforschung. Mehr

Wir verwenden Cookies und andere Technologien.
Wir und unsere Partner verwenden Cookies und vergleichbare Technologien, um unsere Webseite optimal zu gestalten und fortlaufend zu verbessern. Dabei können personenbezogene Daten wie Browserinformationen erfasst und analysiert werden. Durch Klicken auf „Alle akzeptieren“ stimmen Sie der Verwendung zu. Durch Klicken auf „Einstellungen“ können Sie eine individuelle Auswahl treffen und erteilte Einwilligungen für die Zukunft widerrufen. Weitere Informationen erhalten Sie in unserer Datenschutzerklärung.
Einstellungen  ·  Datenschutzerklärung  ·  Impressum
zurück
Cookie- und Datenschutzeinstellungen
Cookies die für den Betrieb der Webseite unbedingt notwendig sind. weitere Details
Google Analytics
Verwendungszweck: Cookies von Google für die Generierung statischer Daten zur Analyse des Website-Verhaltens. Dieser Anbieter kann Ihre personenbezogenen Daten außerhalb des EWR/der EU übertragen, speichern oder verarbeiten. Diese Länder haben möglicherweise nicht das gleiche Datenschutzniveau und die Durchsetzung Ihrer Rechte kann eingeschränkt oder nicht möglich sein.

Anbieter: Google Ireland Limited, Gordon House, Barrow Street, Dublin 4, Irland

Verwendete Technologien: Cookies.

verwendete Cookies:, gat, gid, _ga, _gat, _gid

verwendete Cookies:
  • _ga: Speicherung der Sitzung eines Nutzers.
  • _gid: Speicherung der Sitzung eines Nutzers innerhalb eines Tages.
  • _gat: Speicherung der Performance-Daten der Sitzung eines Nutzers.
Speicherdauer: Die Cookies werden bis zu 730 Tage gespeichert.

Rechtsgrundlage: Einwilligung (DSGVO 6.1.a)

Datenschutzhinweise: https://policies.google.com/privacy?fg=1
Website
Verwendungszweck: Unbedingt erforderliche Cookies gewährleisten Funktionen, ohne die Sie unsere Webseite nicht wie vorgesehen nutzen können.

Anbieter: Diese Cookies werden von Verschönerungsverein Oberstdorf auf Basis des eingestezten Redaktionssystems Tramino angeboten.

verwendete Cookies:
  • TraminoCartSession:Speicherung des Warenkorbs und der Gefällt-mir Angaben auf dieser Website.
  • TraminoSession: Speicherung der Sitzung eines Besuchers.
  • Consent: Speicherung Ihrer Entscheidung hinsichtlich der Verwendung der Cookies.
Speicherdauer: Die Cookies werden bis zu 1 Jahr gespeichert.

Rechtsgrundlage: Berechtigtes Interesse (kein Opt-Out möglich) (DSGVO 6.1.f)
Cookies die wir benötigen um den Aufenthalt auf unserer Seite noch besser zugestalten. weitere Details
Externer Videodienst YouTube
Verwendungszweck: Cookies die benötigt werden um YouTube Videos auf der Webseite zu integrieren und vom Benutzer abgespielt werden können. Dieser Anbieter kann Ihre personenbezogenen Daten außerhalb des EWR/der EU übertragen, speichern oder verarbeiten. Diese Länder haben möglicherweise nicht das gleiche Datenschutzniveau und die Durchsetzung Ihrer Rechte kann eingeschränkt oder nicht möglich sein.

Anbieter: Google Ireland Limited, Gordon House, Barrow Street, Dublin 4, Irland

verwendete Cookies:
  • VISITOR_INFO1_LIVE: Speicherung der Performance-Parameter eines Nutzers.
  • YSC: Speicherung der Sitzung eines Nutzers für die Videointeraktion.
  • PREF: Speicherung der Nutzereinstellungen.
  • IDE: Speicherung für Werbung und Messung von Anzeigen.
  • CONSENT: Speicherung der Cookie-Einwilligung.
Speicherdauer: Die Cookies werden bis zu 179 Tage gespeichert.

Rechtsgrundlage: Einwilligung (DSGVO 6.1.a)

Datenschutzerklärung: https://policies.google.com/privacy?hl=de&gl=de
Externer Videodienst Vimeo
Verwendungszweck: Cookies die benötigt werden um Vimeo Videos auf der Webseite zu integrieren und vom Benutzer abgespielt werden können. Dieser Anbieter kann Ihre personenbezogenen Daten außerhalb des EWR/der EU übertragen, speichern oder verarbeiten. Diese Länder haben möglicherweise nicht das gleiche Datenschutzniveau und die Durchsetzung Ihrer Rechte kann eingeschränkt oder nicht möglich sein.

Anbieter: Vimeo.com, Inc., 330 West 34th Street, 5th Floor, New York 10001, USA

verwendete Cookies:
  • vuid: Speicherung der Sitzung eines Nutzers.
  • player: Speicherung der Nutzereinstellungen am Player.
  • _abexps: Speicherung von Informatioenbei A/B-Tests zur Optimierung des Players.
  • continous_play_v3: Speicherung von Player-Einstellungen.
Speicherdauer: Die Cookies werden bis zu 1 Jahr gespeichert.

Rechtsgrundlage: Einwilligung (DSGVO 6.1.a)

Datenschutzerklärung: https://vimeo.com/privacy