Wie Gras sind die Tage des Menschen,
wie die Blume des Feldes, so blüht er.
Fährt der Wind nur darüber, ist sie
nimmer, ihre Stätte selbst kennt man
nicht mehr.(Psalm103,Vers15-16)
An der Wand eines denkmalgeschützten Hauses einer Allgäuer Stadt ist zu lesen:
„Der Erste macht’s, der Zweit’ verlacht’s, der Dritt’,der acht’s. Was mach’s?“
Wie treffen solche Sprüche in's Schwarze!
Der Mensch und seine Werke sind endlich und dem zeitlichen Verfall anheim gestellt. Auch an einem herrlichen Herbsttag wurde ich mir dessen bewußt, als ich 1973 mit meinem damals 4-jährigen Sohn ein kleines Bauwerk besichtigte, an welchem ich vormals nur mit einem halben Blick vorbei geradelt war. Wir sind von Oberstdorf nach den Lorettokapellen über die Burgstallsteige auf der Straße nach Christlessee am "Rennenblock" angelangt.Was steht da 50 Schritte von der Straße da oben in der Wiese: Ein Hühnerstall? ein Gartenhäusle? Das Satteldach geschindelt, daran als Attribut ein Starenkasten an langer Stange befestigt. Doch ein Anblick trostlosen Verfalls! Durch die lottrige Tür gewahre ich das Innere: Es ist eine Kapelle! Doch von der einstigen Ausstattung ist nichts mehr zu sehen, außer einer schmutzigen Sitzbank...
Ansicht von Nordwest auf Kapelle und Rennenblock, Hintergrund: Rauheck. Bei geöffnetem Eingang v.Norden sieht man durch Türrahmen und Fensterleibung. Der
First an der Südseite zeigt ein klaffen des Loch. Vielleicht war an dieser Stelle ehemals ein Kreuzsymbol angebracht. Die Fichtenbeschindelung dürfte maximal 40Jahre auf dem Buckel haben. Schäden treten bei diesem Material schon nach 20 Jahren auf. Der Rennenblock wurde noch über einen Dachständer mit Strom versorgt. Der zur
Kapelle südseitig ab führende Draht ist im Fundament verankert und sollte den Strommasten sichern.(Foto:Adolf Schleich)
Wo sich südseitig wohl ein gemauerter Altar befand, ist nur eine zerborstene, rundbogige Conche mit horizontalem Sims für die Aufnahme eines Andachtsbildes aus zu machen. Linker hand zur Straße hinunter die Öffnung für ein nicht
mehr vorhandenes Fenster,dessen Laden ausgehängt, liegt fünf Meter weiter in der Wiese. Die Bodenfläche mißt kaum an die 2 Quadratmeter. Könnte es sein, daß hier ursprünglich mit Bruchsteinen und Ziegelresten ein Bildstock geschaffen war, der dann zu späterer Zeit in Holz erweitert und überdacht zu einer Kapelle in Miniatur wurde? Man darf annehmen, daß dieser Bildstock schon vor dem Renneblock entstand und daß das Bedürfnis, außer
einer Andacht, ein sicheres Obdach für einsame Fußgänger bei Gewittern gegeben war. Das Baumaterial für die gemauerte südliche Hälfte des Kapellchens, also dem ursprünglichen Bestand, könnte noch vom ehem. Burgstall der Herren von Heimenhofen entnommen sein, der unweit von der Kapelle ebenfalls sich am Fuße des Himmelsschrofen befindet. Grundrechtlich zählt der Rennenblock mit dem Platz der ehem.Kapelle zu den ansehnlichen Liegenschaften
des Vereins der ehemaligen Rechtler. Mein ehem. Schulkamerad Thaddäus Steiner (25.05.1933 - 09.11.2017) er‐
wähnt in seiner Dissertation "Die Flurnamen Bayerns, resp. die Flurnamen der Gemeinde Oberstdorf im Allgäu" den Rennenblock und ein Bildstöckle in dessenNähe. Eine Kapelle, statt eines Kreuzleins über dem Dach ein Starenkasten, das ist schon etwas Besonderes! Selbst dem hl.Franz von Assisi dürfte so etwa sein Augenzwinkern entlocken. Aber wann und aus welchem Anlass hatten fromme Seelen dieses kleine Heiligtum errichtet?Wen stellte das verschwundene Andachtsbild dar und wer hat es behütet? Der Zahn der Zeit kennt keine Rast. Er führt alles, auch wenn wir es in den
Zeit läuften nicht bemerken sollten, seinem Ende zu und gibt der Natur das Ihrige zurück. Der Zerfall, vor allem im
Inneren, war vor 49 Jahren schon soruinös, daß eine Wiederherstellung nicht möglich schien.So wird man es später vollends abgebrochen haben und die Reste entfernt. Erinnern wir uns noch der eingangszitierten Sprüche:"Was macht's?"-Jetzt ist an diesem Ort längst Gras darüber gewachsen und im Psalm heißt es: "Ihre Stätte selbst kennt man nicht mehr". Sollten wir alle so vergessen, was gewesen und vergangen ist? EinTäfelchen* zur Erinnerung könnte angeeigneter Stelle dem vorbeiziehenden Wanderer den Schritt verhalten und ihm gute Gedanken für seinen Weg durch diese herrliche Kulturlandschaft mit geben.
*Bloß: Wer macht's? Wer das Großerecht beacht’,auch das Kleine nicht veracht’!
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Anm. der Redaktion: Das Bauwerk wurde bei Petzet 1964 wie folgt beschrieben: "Kapelle bei Dietersberg an der Straße nach Spielmannsau. Kleiner Rechteckbau aus einem verbretterten, fensterlosen Bruchstein teil mit Segmenttonne und einem verbretterten Vorbau mit Eingang und Seitenfenster unter einem
Satteldach. Wohl 1.Hälfte 19. Jahrhundert. Baufällig, ohne Ausstattung."
Ausbruch des Mauerwerks an der Südostecke, schwerer Schaden. Wenn man von der ziemlich sicheren Annahme ausgeht, daß ursprünglich nur ein Bildstock bestand, wird man später zum Ausbaudes Objekts zu einem geschlossenen Raumfolgende Maßnahmen ausgeführt haben: Die Aufdoppelung der Südmauer von außen mit Erweiterung zum Giebel, das Satteldach und die nach Norden anschließenden Holzwände. Der Verbund der
zusätzlichen Aufmauerung hat sich aber gelöst, was
gut bei einem Riß an der Westseite zu sehen ist. Vornesitzend: David Schleich *26.8.1969 mit Golfball, gefunden.( Foto: Adolf Schleich)
Blick in's Innere:Totale Verwüstung. Als einziger Einrichtungsgegenstand eine Bank. Die Konche mit Rundbogen zur Aufnahme eines Andachtsbildes (Gemälde oder Figur) mit großen Rissen, links eine Nische ausgemauert zum Verwahren von Geräten. Die Überdachung liegt als Bruchstückhaufen am Boden, ebenso ein Balkenstück.(Foto:AdolfSchleich)