Autorin Julia Boyd
Die Oberstdorfer Lokalgeschichte auf Englisch, das interessiert doch keinen!
Diese Vermutung ist durchaus berechtigt … und trotzdem landete diese Geschichte im Herbst 2022 unter dem Titel A Village in the Third Reich auf der Amazon UK Bestsellerliste. Warum und wie das passierte, darüber soll hier kurz berichtet werden.
Die Frage: „Wie konnte das geschehen?“ war die entscheidende Antriebskraft für jahrelange intensive Recherchen über die Zeit vor, während und nach der nationalsozialistischen Herrschaft in unserer Heimat. Der auf diesen Recherchen basierende Band V der Oberstdorfer Geschichte, Ein Dorf im Spiegel seiner Zeit, 1918–1952, wurde 2010 veröffentlicht.
Neben dem Oberstdorfer Gemeinde- und Fremdenblatt und Dokumenten aus in- und ausländischen Archiven waren es nicht zuletzt die Gespräche mit (damals noch lebenden) Zeitzeugen, die nach und nach ein lebendiges Bild von den Geschehnissen im Oberstdorf jener Jahre entstehen ließen. Dieses Bild war vielschichtig, manchmal widersprüchlich, immer interessant. So zeigte sich unter anderem, dass auch in diesen Jahren die Menschen nicht einfach in Schwarz und Weiß, in Gut und Böse aufzuteilen waren.
Vor allem aber ließen sich auf der überschaubaren lokalen Ebene ganz konkret die Prozesse nachvollziehen, die zur Katastrophe des Dritten Reiches geführt hatten.
Während der Arbeit am Band V der Oberstdorfer Geschichte lebte ich mit meiner Familie in London. In Großbritannien herrschte damals ein (inzwischen abgeschwächtes) eindimensionales Bild von den Deutschen. In den Medien, im öffentlichen Leben und in den Schulen kannte man die Deutschen als autoritätsgläubig, im militärischen, wie im privaten Leben die Hacken zusammenschlagend, die Nation der willigen Vollstrecker des Hitler’schen Gedankenguts.
Ich träumte davon, dieses eindimensionale Deutschlandbild durch die Oberstdorfer Detailstudie zumindest teilweise in Frage zu stellen und zu erweitern. Um diesen Traum in die Tat umzusetzen, brauchte ich aber eine Partnerin oder einen Partner, die oder der die bewusst sachlich gehaltene Chronik in eine dem englischsprachigen Leser zugänglichere und lebendigere Form bringen würde.
Fünf Jahre nach der Veröffentlichung des Band V kam mir der Zufall zu Hilfe. Ich lernte Julia Boyd kennen, die bereits zwei historische Bücher veröffentlicht hatte und an ihrem dritten arbeitete, Travellers in the Third Reich, The Rise of Fascism Seen Through the Eyes of Ordinary People.
Wir verstanden uns auf Anhieb, sowohl persönlich als auch die historische Arbeit betreffend. Nach Abschluss ihrer Arbeit an Travellers konnte ich sie schließlich überzeugen, sich der Oberstdorfer Geschichte zuzuwenden.
So fand ich in ihr eine Partnerin, die sich mit viel Fleiß und Leidenschaft in das vorhandene Material einarbeitete. Mit weiteren Recherchen konnten wir viele persönliche Details ergänzen. Julias packender Schreibstil tat das Seine, um die Chronik in einen politischen Thriller zu verwandeln.
Während unserer vierjährigen Zusammenarbeit wurde Julias Traveller-Buch nach und nach ein internationaler Bestseller. Dieser Erfolg ebnete dem Oberstdorf-Buch den Weg nicht nur zu einem renommierten Verlag, sondern nach der Veröffentlichung auch zu einem beachtlichen Medieninteresse.
Von den Kritikern ernteten wir viel Lob. Utterly absorbing (total fesselnd) nannte es die Times. Der schottische Herald hält es für a masterpiece of historical non-fiction (ein meisterhaftes historisches Sachbuch).
Doch war es der Kommentar von Professor David Reynolds, mit dem sich mein Traum erfüllte:
„Penetrating beneath the clichés about Nazi Germany, here are ordinary people trying to cope with extraordinary times. Their vivid, moving stories leave us asking ‚What would I have done?‘“
(Jenseits der Klischees über Nazi-Deutschland versuchen normale Leute mit unnormalen Zeiten zurechtzukommen. Ihre lebendigen, bewegenden Geschichten stellen uns vor die Frage: „Was hätte ich gemacht?“)
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Im Buchhandel als gebundenes Buch, Taschenbuch und Hörbuch erhältlich.