Rudi Gering – der Vierte im Bunde

am 16.12.2022
RudiGering–derVierteimBunde
Ein Skiflugweltrekordler aus Thüringen Ergänzte das legendäre Oberstdorfer Springertrio von Franz Bisle

Rudolf Walter Paul Gering (fälschlicherweise oft „Gehring“ geschrieben) wurde am 29. Mai 1917 im kleinen Bergdorf Gehlberg in Thüringen geboren, ganz in der Nähe bekannter Skisprungorte wie Zella-Mehlis und Oberhof. Heute gehört Gehlberg zu Suhl.

Seine Eltern waren der Förster Max Gering und dessen Frau Olga. Wie der Gehlberger Chronist Reinhard Schmidt in seinem Internetbeitrag berichtet (www.gehlberg-chronik.de), zeigte sich Rudis Skispringerisches Talent schon im Kindesalter. „Als 12-Jähriger gewann er ein Knabenspringen … und bekam ein vom Herzog von Sachsen-Coburg-Gotha gestiftetes Paar Skier als Preis.“

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Rudolf Gering (1917-1998) um 1950

An Neujahr 1938, also im Alter von 20 Jahren, stellte Gering auf der Naturschanze in Steinbach (heute Bad Liebenstein) einen Schanzenrekord von 57 Metern auf und wurde im darauffolgenden Jahr Mitglied der deutschen Nationalmannschaft, was ihm entsprechende Auslandsstarts, unter anderem in Skandinavien, ermöglichte.

In seinem sportlich erfolgreichsten Jahr 1941 siegte er zunächst bei den letzten Meisterschaften des Gaues VI in Oberhof, was dem Bereich des vorherigen Thüringer Wintersportverbandes entsprach. Schließlich wurde er als Mitglied des neunköpfigen deutschen Teams für das Skifliegen auf der „Bloudkova Velikanka“ in Jugoslawien nominiert.

Auf dieser damals größten Schanze der Welt im slowenischen Planica starteten damals außer den Reichsdeutschen nur neun slowenische Teilnehmer.

Sepp Weiler, der kurz zuvor noch mit den weitesten Sprüngen bei den Kriegsweltmeisterschaften in Cortina brilliert hatte, aber durch die krass von seinen Kollegen abweichende Wertung eines offenbar missgünstigen Schweizer Sprungrichters (damals gab es nur drei, die allesamt in die Wertung kamen) bis auf den vierten Rang zurückfiel, wurde zu seiner Verärgerung nicht für die Weltrekordjagd, sondern für Wettkämpfe in Skandinavien nominiert.

Am Vormittag des 2. März 1941 (nur einen Monat vor Beginn des Krieges in Jugoslawien) unterbrach die Jury auf der Mammutschanze in Planica nach zwei Durchgängen den Wettkampf, weil die Spur durch Sonneneinstrahlung für große Weiten zu weich geworden war.

Am Nachmittag bei im Schatten liegender Spur stellte Rudi Gering als damals noch relativ unbekannter Springer im Alter von 23 Jahren dann im dritten und bei noch schnellerer Spur auch im vierten Durchgang jeweils einen neuen Weltrekord auf.

Rudolf Gerings Weltrekordflug von 118 m in Planica im März 1941

Zunächst mit 108 Metern – womit er die bisherige Weltbestweite (107 Meter am 15. März 1938) von Weltmeister Sepp Bradl übertraf –, danach sogar mit 118 Metern.

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Rudolf Gerings Weltrekordflug von 118m in Planica im März 1941

Die alte Weltrekordweite wurde auch noch von den Deutschen Palme, Lahr, Kraus und Mair übertroffen, aber Heinz Palme, der im 4. Durchgang vor Rudi Gering startete, konnte seine 109 Meter nicht stehen, und die anderen drei sprangen erst nach Gerings 118 Metern zwischen 109 und 112 Meter weit, sodass sie aufgrund der Startreihenfolge nicht in die ewige Liste der Weltrekordhalter eingetragen werden konnten.

Die damalige Reichspresse schlachtete diesen deutschen Erfolg natürlich triumphierend aus (Eugen Thomma erinnerte sich noch gut an die Schlagzeile in der Heimatzeitung, wie er mir berichtete), allerdings war die Skisprungkarriere für Rudi Gering durch den Zwang zur Kriegsteilnahme erst einmal für mehrere Jahre unterbrochen.

Das Fachamt Skilauf, das im Dritten Reich den Deutschen Skiverband ersetzte, löste Anfang 1942 die Skisprung-Nationalmannschaft auf.

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Deutsche Nationalmannschaft im Jahre 1942 in Thüringen: v.l.n.r. Hans Renner, Sepp Weiler, Paul Kraus, Franz Mair, Hans Marr, Sepp Bradl, Otto Malsch, Paul Schneidenbach, Rudi Gering, Josef Haslinger und Robert Engel

Der Zweite Weltkrieg führte dazu, dass sowohl die Olympischen Spiele 1940 und 1944 wie auch die für 1942 geplanten Weltmeisterschaften in Garmisch-Partenkirchen entfielen und anschließende Startverbote für Deutsche bis etwa 1950 die Teilnahme an internationalen Großveranstaltungen unmöglich machten.

So mussten sich Gering, Sepp Weiler und Co., anstatt um Olympiasiege und Weltmeistertitel zu kämpfen, erst einmal mit kleineren, meist nationalen Wettbewerben zufriedengeben, wobei sie allerdings häufig ihr brillantes Können unter Beweis stellten.

Die letzten Kriegstage hatte Gering mit fünf weiteren Kriegskameraden auf einer Almhütte im Zillertal verbracht, von der er bald darauf mit einem Fahrrad nach Feldafing am Starnberger See aufbrach, wo sein vormaliger Trainer, der Norweger Ramund Sörensen, lebte. Sörensen hatte ein gut gehendes Schuhgeschäft in der Münchner Innenstadt (Kaufingerstraße) und verhalf Gering, sich in Feldafing niederzulassen, wo dieser dann einen erfolgreichen Holzhandel begann.

Sörensens Tochter Randi kam damals als Kind (wie sich Sepp Weilers Nichte Hanne Lingg erinnert) wiederholt mit ihren Eltern und Rudi Gering nach Oberstdorf und heiratete später den bekannten Sportreporter Harry Valérien.

Rudi Gering heiratete schon im Jahre 1942 Sieglinde Malsch, die Tochter des Unternehmers und Skisprungförderers Otto Malsch aus Steinbach, und im Dezember 1945 kam ihr gemeinsamer Sohn namens Peter zur Welt. Seine Thüringer Frau wollte allerdings, wie in der Gehlberger Chronik nachzulesen ist, „ihren alternden Vater und das Familienunternehmen in der damaligen Ostzone nicht im Stich lassen. So brach die junge Familie ... auseinander“.
Berichten aus Gehlberg zufolge lassen sich mehrere Besuche Gerings zwischen 1946 und 1952 nachweisen und auch die Teilnahme an einem Schauspringen in Oberhof im Jahr 1951.

Gering verliebte sich schließlich in Maria Weiler, die zweitjüngste Schwester seines Springerkollegen Sepp Weiler aus Oberstdorf.

Aus der Heirat mit ihr im Januar 1949 gingen Sohn_ Rudolf jun._ (geb. 1952) und Tochter Marlies (geb. 1960) hervor.
Wie der Sohn erzählt, wurde er in der Februarnacht geboren, in der sein Vater gerade von den Deutschen Meisterschaften in Braunlage im Harz zurück nach Feldafing kam.

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Heini Klopfer, Ramund Sörensen und Rudi Gering

v.l.n.r: Toni Brutscher, Heini Klopfer, Mariele Gering (geb. Weiler), Sepp Weiler und Rudi Gering

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1948 wurde Rudi Gerings Weltrekord beim Nachkriegs-Skifliegen in Planica vom Schweizer Fritz Tschannen mit 120 m überboten. Bei dieser Veranstaltung wie auch schon im Jahr zuvor in Planica und auch bei den Olympischen Spielen 1948 in St. Moritz in der Schweiz durften Gering, sein späterer Schwager Sepp Weiler und auch alle anderen deutschen Skispringer nicht teilnehmen.

Besonders auch aus diesem Grund beschlossen Sepp Weiler, Heini Klopfer und Toni Brutscher (bekannt als das „Oberstdorfer Springertrio“) zusammen mit Rudi Gering durch den Bau einer eigenen, noch größeren Schanze den Weltrekord zurückzuholen.

Die Bezeichnung „_Flugschanze_“ soll (laut dem ehemaligen Oberstdorfer FIS-Funktionär Oskar Fischer) allerdings vor dem Bau in Oberstdorf offiziell noch nicht verwendet worden sein, wogegen im Internationalen Skiverband durchaus schon über die Zulassung des „_Skifliegens_“ gestritten wurde.

1949 gehörte Gering noch immer zu den deutschen Spitzenspringern und belegte bei den erstmalig ausgetragenen deutschen Meisterschaften der Westzonen in Isny einen ausgezeichneten dritten Rang. Toni Brutscher wurde vor Julian Gastaldo aus Ruhpolding Deutscher Meister. Allerdings war Sepp Weiler mit den weitesten Sprüngen zweimal gestürzt.

In den Annalen ist nachzulesen, dass Gering damals für den TSV 1860 München an den Start ging. Der vielseitige Verein hatte zu dieser Zeit eine eigene Abteilung Skisprung. Erst später wurde Gering Mitglied des SC Partenkirchen.

Wie Oto Giacomelli 2021 in seinem Artikel zum 80-jährigen Jubiläum von Gerings Weltrekord schreibt, hat dieser im Jahr 1949 mit 100 Metern auch in Bischofshofen einen legendären neuen Schanzenrekord aufgestellt, der im folgenden Jahr allerdings von Sepp Weiler um zwei Meter überboten wurde.

Im Sommer 1949 reiste Gering mit seinen Oberstdorfer Springerkollegen in seinem Fiat Simca 1100 (so „Der SPIEGEL“ am 26.10.1949) quer durch die junge Bundesrepublik, um Werbung für das in Oberstdorf geplante Skifliegen zu machen und für den Bau Geld einzusammeln.

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