Schorsch Noichl mit seiner Frau Bärbel beim Alpenvereinsball im Hotel Sonne
Georg Noichl (Noichls Schorsch) wurde am 4. August 1934 als dritter Sohn des Forstarbeiters Xaver Noichl und seiner Ehefrau Theresia (gebürtige Zoller) in Oberstdorf geboren. In den Jahren von 1939 bis 1947 besuchte er die Volksschule in Oberstdorf.
Beim Oberstdorfer Wagnermeister Otto Schratt in der Nebelhornstraße 16 erlernte Schorsch das Wagner- und Skimacherhandwerk (22.11.1948 – 22.11.1951). Später wurde er als Altlehrling für das Zimmerer- und Treppenbauerhandwerk in einer auf zwei Jahre verkürzten Lehrzeit (12.04.1955 – 12.04.1957) beim Oberstdorfer Zimmermeister Hans Bader in der Wittelsbacherstraße 7 ausgebildet. Nach dem erfolgreichen Abschluss seiner zweiten Gesellenprüfung war Schorsch während der Sommermonate als Zimmerer-Vorarbeiter bei Hans Bader weiterbeschäftigt.
Seine Freizeit widmete Schorsch fast ausschließlich dem Bergsteigen und Skifahren. Seit seinem 14. Lebensjahr beteiligte er sich an Skiwettkämpfen im In- und Ausland. Bei den Deutschen Alpinen Skimeisterschaften 1956 gelang ihm sogar der Aufstieg in die Leistungsklasse 1. Die Eignungsprüfung für den Skilehrer-Anwärter legte Schorsch im April 1961 in Ruhpolding ab.
Am 25. September 1961 heirateten Georg Noichl und Barbara Johanna Schedler (Schedlars Bärbel). Seine Ehefrau war die erste der drei Töchter von Alois Schedler (Schedlars Lise) und dessen Frau Kreszentia (gebürtige Kaiser).
Schedlars Lise gründete in den 1920er-Jahren zusammen mit seinem Bruder Hermann am Karatsbichl die „Skischule Schedler“.
Später erbauten die Brüder Karl, Ernst, Hermann und Lise Schedler, zusammen mit ihrem Freund Anton Jäger (Geagls Dååne) nach einem Plan von Zimmermeister Hans Haneberg durch sehr viel Eigenarbeit im Jahre 1927 die „Skihütte Karatsbichl“. Im Winter 1949/50 entstand durch die Gebrüder Schedler am Karatsbichl der erste Oberstdorfer Skischlepplift (siehe auch Unser Oberstdorf Heft 41, „Der Karatsbichl – ein Stück Oberstdorfer Skigeschichte von Marie Luise Althaus“).
Seit 1937 bewirtschaftete Lise mit seiner Frau Kreszentia das neben der Bergstation der Nebelhornbahn stehende (vom Alpenverein angepachtete) Edmund-Probst-Haus. Später wurde 1965 nach einer mehrere Jahre andauernden Bauzeit das von Lise Schedler neuerbaute „Café Breitenberg“ fertiggestellt, welches sich direkt an der Seealpe-Talabfahrt unten beim „Nennars Hang“ am Wallrafweg befindet.
Die Familie Schedler zog noch im gleichen Jahr in dieses Haus um und betrieb diesen erfolgreichen Gastronomiebetrieb unter tatkräftiger Mithilfe der Wirtstöchter Bärbel, Hannele und Elisabeth.
Im Oktober 1961 nahm Schorsch Noichl in München-Grünwald am theoretischen Lehrgang für die Skilehrerprüfung teil. Sein Diplom für die bestandene Skilehrerprüfung erhielt Schorsch über den Postweg am 31. Juli 1962.
Am 13. Juni 1962 wurde die erste Tochter Michaela aus der Ehe von Schorsch und Bärbel geboren.
Zum 1. Januar 1963 wurde Georg Noichl als erster hauptamtlicher Skilehrer für die Oberstdorfer Volksschule durch den Markt Oberstdorf angestellt. Am 2. August 1963 brachte Bärbel ihre zweite Tochter Karoline auf die Welt.
Im Jahr 1963 belegte Schorsch im Rahmen seiner Ausbildung zum Bergführer beim Deutschen Alpenverein verschiedene Kurse (1.–14.09.1963) in denen er als Bergführer geschult wurde. Seine Eignung für die Zulassung als Bergführer wurde in den die Kurse abschließen den Beurteilungen und Prüfungen festgestellt.
Einige Oberstdorfer Turnfreunde trafen sich regelmäßig jeden Freitagabend in der an die Volksschule angebauten Turnhalle, um neben dem beruflichen Alltag ihren Ausgleichssport zu betreiben.
Werner King, einer der „Freitagsturner“, und ein paar seiner Turner-Kollegen verabredeten sich für den nächsten Tag, den 5. Oktober 1963, für den späten Nachmittag zu einer Bergtour mit Übernachtung auf der Fiderepasshütte.
Am Samstagmorgen traf Werner King den bergbegeisterten Georg Noichl daheim im Steinach an. Schorsch entschied spontan, an der Bergtour zu der von Hans Scherzl bewirtschafteten Fiderepasshütte teilzunehmen.
Der gelernte Zimmermann und staatlich geprüfte Skilehrer Noichl hatte erst kürzlich alle für die Bergführerprüfung relevanten Kurse bestanden. Die noch ausstehende mündliche Prüfung war nur noch Formsache. Das wollten sie auf der Fiderepasshütte feiern: „Der Scherzl soll an diesem Abend nicht zu früh ins Bett kommen!“ So war der Plan.
Der in Oberding bei Erding geborene Hans Scherzl bewirtschaftete von 1957 bis 1972 die Fiderepasshütte. Zuvor war Hans als Holzer und in den Sommermonaten als Materialträger für verschiedene Berghütten tätig. 1956 wurde eine Materialseilbahn zur Fiderepasshütte gebaut. Im Jahr 1969 konnte die Wasserversorgung der Fiderepasshütte auf das heutige Niveau gebracht werden. Bis 1969 wurde das Wasser von der Mittelstation mit der Materialseilbahn zur Hütte gefahren.
Am späten Samstagnachmittag fuhr die Bergsteigergruppe mit der letzten Kabine zur Kanzelwandbahn-Bergstation. Teilnehmer der fünfköpfigen Gruppe waren: Werner King, Schorsch Noichl, Hugo Kurz, Meinhard Kling und Horst Krause.
Am Berg lag zum Teil Schneereste. Die Bergsteiger teilten sich auf dem Weg zur Fiderepasshütte in zwei Gruppen. Die besseren Kletterer Schorsch Noichl und Meinhard Kling gingen über den Hammerspitzengrat, sie nahmen auch die zwei vorhandenen Taschenlampen mit. Werner King, Hugo Kurz und Horst Krause wählten den weiter unten führenden Bergweg über den Kühg und zur Hütte.
Meinhard Kling ging auf dem Grat voraus und Schorsch Noichl wusste, hinterherkletternd, viel von seinen Sommer-Erlebnissen bei seinen Lehrgängen für die Bergführerprüfung im Wilden Kaiser zu erzählen.
An dem 2251 Meter über dem Meer liegenden Hochgehren bekam der voraukletternde Meinhard von Schorsch keine Antwort mehr, sodass er sagte: „Hoi, schwätzsch du mit mir numma?“. Als er zurückschaute, war Schorsch verschwunden. Meinhard ging suchend zehn bis fünfzehn Meter zurück.
Vom Grat aus sah er in der nördlichen, steilen und felsigen Seite des Abhanges ungefähr 8 Meter weiter unterhalb die rote Zipfelmütze von Schorsch liegen. Weitere 50–60 m tiefer entdeckte er auf einem Absatz so etwas wie einen grauen Anorak. Dort lag offensichtlich Schorsch.
Die viel weiter unter dem Grat auf dem Bergweg gehende Dreiergruppe der gemeinsamen Tour hörte von weit oben am Grat Meinhard Kling laut: „Schorsch, Schorsch!!“ rufen; aufgeregt gestikulierend schrie er „Bergwacht, Bergwacht!“ – So erfuhren die unteren drei Bergkameraden, die sich gerade, in etwa auf gleicher Linie senkrecht unter dem Hochgehren befanden, dass Schorsch Noichl abgestürzt war.
Meinhard Kling lief am Grat ungefähr die halbe Strecke zum Schüsser zurück. Werner King sah, wie Meinhard Kling anschließend sehr gewagt oben vom Grat nacheinander auf darunterliegende kleine Felspodeste heruntersprang. Von unten sah diese Aktion hochgefährlich aus. Meinhard, der damals auch aktives Mitglied bei der Bergwacht Oberstdorf war, stieg anschließend sehr schnell über einen nassen, gefährlich rutschigen, steilen Grasrücken weiter nach unten, um zu Schorsch zu gelangen.
Inzwischen war es schon ca. 19 Uhr. Die Dreiergruppe am Weg vereinbarte, dass einer von ihnen, Horst Krause, nun möglichst schnell den Weg zur Bergstation der Kanzelwandbahn zurückläuft, um dort die Bergrettung zu alarmieren.
Werner King und Hugo Kurz kletterten derweil etwa 100 Meter hinauf. Sie kamen jedoch nicht zum viel weiter oben liegenden Schorsch Noichl. Daraufhin stieg Hugo Kurz von dort aus – angetrieben durch das furchtbare Ereignis – so schnell er konnte weiter durch schneebedecktes, mit Latschenkiefern bewachsenes, zum Teil kiesiges Gelände zu einem sehr steilen, nassen und rutschigen Grashang hinauf. So erreichten Hugo Kurz und Meinhard Kling den auf einem Felsvorsprung liegenden Schorsch.
Die aufgeregten Männer spürten beim Pulsfühlen an Schorsch nur ihren eigenen. Schockiert durch das furchtbare Erlebnis waren Hugo und Meinhard noch zuversichtlich: „Ja, er lebt ja noch!“. In dieser verzweifelten Hoffnung, dass Schorsch noch leben könnte, legten sie ihn in einen Biwaksack. So wollten sie ihn vor der Kälte schützen. Um einen weiteren Absturz zu verhindern, sicherte Meinhard den Körper seines guten Freundes Schorsch mit einer Schnur.
Die Beteiligten warteten nun bei nasskaltem Wetter auf die Bergretter. Sie hielten sich dort oben mit Bewegung am Platz warm, um nach ihrer vorausgegangenen körperlichen Höchstleistung während der schier endlosen Zeit des Wartens nicht noch mehr zu frieren. Sie wechselten dabei ihre immer wieder vereisenden Standplätze.
Endlich, gegen 22.00 Uhr, sahen sie Licht von der Bergstation der Kanzelwandbahn und sie konnten Fahrgeräusche der Bergbahn hören. Um 22.30 Uhr kamen sieben bis acht Bergwachtmänner bei zwischendurch einsetzendem Schneegestöber über den Hammerspitzengrat zur Absturzstelle beim Hochgehren.
Als erster wurde der Bergwacht-Arzt Dr. Harro Kluge samt seinem Arztrucksack, mit dem neuen 100 Meter (!) Perlonseil, zu dem verunglückten Schorsch abgeseilt. Dr. Kluge konnte leider nur noch den Tod von Schorsch Noichl feststellen.
Der erfahrene Bergwachtmann Georg Miller (Millars Gogo) kam nun am Stahlseil mit dem Akia (wannenförmiger Rettungsschlitten) herunter. Der Arzt wurde wieder zum Grat zurückgeholt. Seinen schweren Rucksack ließ er bei dem Verunglückten stehen.
Die Bergwacht begann nun mit der nicht ganz einfachen Bergung von Schorschs Leichnam. Auf dem Akia wurde er in der Nacht durch das schwierige Gelände in Richtung Weg abgeseilt. Die zwei 100 Meter langen, hintereinandergehängten und über eine Winde heruntergelassenen Stahlseile mussten auch noch mit einem Hanfseil verlängert werden. Das beanspruchte eine weitere ½ bis ¾ Stunde Zeit. „Ewiges Abseilen bei schlechter Verständigung mit Gogo.“, so berichtete damals der Bergwachtarzt Dr. Kluge. Der Rucksack des Arztes kam auch mit nach unten. Nachdem die Beteiligten mit dem Akia unter der Felswand waren, holte die Bergwacht ihre Seile wieder nach oben.
Im Vergleich zum vorigen Abstieg ging jetzt alles recht leicht hinunter zum Weg. Vier Männer (Werner King, Meinhard Kling, Hugo Kurz und der Bergwachtmann Gogo Miller) transportierten nun in der Dunkelheit den Leichnam auf dem Bergweg und durch mit Latschenkiefern bewachsene Abkürzer talwärts zur Warmatsgundhütte.
Millars Gogo setzte sich in seiner Freizeit 40 Jahre lang mit einem außerordentlich großen ideellen Engagement für die Bergwacht Oberstdorf als Bergretter ein.
Viele der heutigen modernen technischen Hilfsmittel für die Bergrettung gab es in seinen frühen Dienstjahren noch nicht. Der zeitliche Aufwand und der körperliche Einsatz der Bergwachtleute für die einzelnen Rettungs- und Bergungsmaßnahmen war damals entsprechend.
Vor der Warmatsgundhütte warteten die traurigen Männer in niedergeschlagener Stimmung auf die Ankunft der Bergwachtfahrzeuge. Mit dem Haflinger, einem Geländefahrzeug der Bergwacht Oberstdorf vom österreichischen Hersteller Steyr-Puch, fuhren die Männer der Bergwacht mit dem Leichnam nach Oberstdorf. Mit einem weiteren PKW, einem VW-Käfer, konnten die verbliebenen Teilnehmer der Bergtour dorwärts mitfahren. Am frühen Morgen waren die Beteiligten im Dorf zurück.
Werner King, der am Vortag die Tour mit Schorsch Noichl verabredet hatte, oblag nun zusammen mit Meinhard Kling die traurige Aufgabe, Bärbel (Ehefrau von Schorsch und damals noch junge Mutter von zwei kleinen Mädchen im Alter von 2 und 16 Monaten) die schlimme Todesnachricht zu überbringen.
Die Tragik, die in der Nachricht vom plötzlichen Unfalltod des 29-jährigen Familienvaters lag, erschütterte damals das ganze Dorf.
Sehr groß war die Anzahl der Trauernden bei der Beerdigung von Schorsch Noichl auf dem Oberstdorfer Friedhof. Sechs Kameraden vom Skiclub Oberstdorf 1906 trugen den Sarg zu Grabe.
Am Grab ergriffen nach Kaplan Keppeler mehrere Personen das Wort: Hans Lacher als Vorsitzender des SCO, Rektor Max Meier für die Volksschule Oberstdorf, Walter Rimkus (aus Oberstaufen) als ASV-Vorsitzender, Dr. Christmann (aus Immenstadt) als Referent für das Bergführerwesen beim Deutschen Alpenverein, Max Speiser (aus Fischen) für den Skilehrerverband sowie Fritz Hesselschwerdt als Kreisobmann für die Bergführer.
Die Kinder der Volksschule Oberstdorf überbrachten den Kranz der Schule. Für die Oberstdorfer Skilehrer legte Ottomäx Titscher einen Kranz am Grabe nieder. Die Alterskameraden gedachten durch Karl Berktold (Bärtese Karle) ihres Freundes.
Der „_Kratzerlauf_“, das jährlich auf dem Kratzerfeld bei der Kemptner Hütte stattfindende, die Saison abschließende Skirennen des Skiclub Oberstdorf, wurde zum ehrenden Gedenken an Schorsch in „Schorsch-Noichl-Gedächtnislauf“ umbenannt.
Die Erinnerung an dieses sehr schlimme Erlebnis begleitete die Teilnehmer der damaligen Bergtour sowie die an der Rettungsaktion beteiligten Männer der Bergwacht ihr ganzes Leben.
Zum Gedenken an Schorsch Noichl wurde von Meinhard Kling, Willi Klein (Gummi), Gerhard Fricke (Jimmy) und Sepp Noichl (einer der beiden älteren Brüder von Schorsch) in der Nähe der Absturzstelle am Hammerspitzengrat ein Kreuz aufgestellt.
Der lebenslustige Schorsch war durch sein freundliches, entgegenkommendes Wesen ein Sympathieträger, dem auch immer ein humorvoller „guter Spruch“ einfiel.
Als ich mich bei meiner Recherche mit Personen, die Schorsch persönlich gut kannten, unterhielt, kam immer wieder seine angenehme, hilfsbereite und positive Art sowie sein großes bergsteigerisches und skifahrerisches Können zur Sprache.
Bei den Gesprächen mit Barbara Luitz, Karoline Gehring, Meinhard Kling, Werner King, Hildegard Miller, Margitta Raps und Hugo Kurz konnten wir immer wieder interessante Einzelheiten rekonstruieren.
Für das vertrauensvolle Überlassen der Unterlagen und Fotos bedanke ich mich bei Barbara Luitz, Karoline Gehring, Familie Kling, Hildegard Miller, Anni Sonntag und bei der DAV-Sektion Oberstdorf. Weitere Quellen: Allgäuer Zeitung