Atlantropa – Die Vision eines neuen Kontinents

am 01.06.2023
In „Unser Oberstdorf“, Heft 38, „Oberstdorf vor 50 Jahren“ findet sich dieses Ereignis: „Ein Vertreter des französischen Hochkommissars für Deutschland besucht das von Ing. Herman Sörgel geleitete Atlantropa-Büro in Oberstdorf, um sich für den Aufbau einer Filiale in Paris zu informieren. Das Büro befaßt sich u. a. mit einem Damm zwischen Afrika und Europa und in diesem Rahmen mit einem Gezeiten Kraftwerk zwischen Tanger und Gibraltar.“

Diese kurz und sachlich formulierte Notiz verweist auf einen Mann, welcher in der ersten Hälfte des vorigen Jahrhunderts zu den faszinierendsten Technik-Visionären der Welt gehörte. Sein Projekt Atlantropa (Land am Atlantik) hätte, wäre es denn jemals verwirklicht worden, das Antlitz der Erde, wie wir sie kennen, in einem kaum
vorstellbaren Maß verändert. Wer dieser Herman Sörgel war, was ihn nach Oberstdorf verschlug und was sich hinter dem Begriff Atlantropa verbirgt, möchte ich im Folgenden darlegen.

Hans Otto Herman Sörgel wurde am 2. April 1885 in
Regensburg geboren. Sein Vater Johann (Hans) Ritter von Sörgel leitete die oberste bayerische Baubehörde und gilt als einer der Pioniere der wasserbetriebenen Elektrizitätskraftwerke. In dieser Funktion gehörte Sörgels Vater auch zu den Initiatoren des Walchensee-Kraftwerks (1924), welches bis heute ein wichtiger Stromerzeuger mit
Hilfe der Wasserkraft in Deutschland ist.

Das Walchenseekraftwerk im Jahre 1928

Herman Sörgel besuchte das Maximilians-Gymnasium in München, studierte vier Jahre an der Technischen Hochschule in München Architektur und arbeitete schließlich am staatlichen Baubüro des Deutschen Museums. Dann lehrte er drei Jahre an der Meisterschule für Bauhandwerker in Bamberg, bevor er als freier Architekt und Journalist für Fachzeitschriften nach München zurückkehrte.

Eine Reise in die USA im Jahre 1925 hinterließ bei Sörgel bleibende Eindrücke. Er war im Auftrag des Magazins Baukunst unterwegs und besonders New York mit seinen Hochhäusern begeisterte den jungen Architekten.

Sörgel sprach von einem „Architektur- Erlebnis“. Diese Hochhaus-Kultur der amerikanischen Metropole inspirierte
ihn nach seiner Rückkehr nach München zu diesem Plan: Hochhäuser sollen zusammen mit bestehenden Kirchen und anderen dominanten Bauwerken einen Ring um die Münchner Altstadt bilden.

Auch in späteren Jahren richtete sich Sörgels Interesse immer wieder auf Unternehmungen jenseits des Atlantiks.

Hochhausring um die Münchner Altstadt (aus: Baukunst, 1 [1925], S. 59)

Die 1933 gegründete Tennessee Valley Authority (TVA) wurde ins Leben gerufen, um die Infrastruktur zu verbessern und gleichzeitig neue Arbeitsplätze und bessere Möglichkeiten für die Region zu schaffen. Das Projekt unterstützte sieben Bundesstaaten in den USA und brachte Wasserkraft und andere Ressourcen in die Region. Mit
dem Know-how von TVA wurde der Verlauf des Tennessee Rivers reguliert, um den Hochwasserschutz zu gewährleisten, es wurden Dämme für eine nachhaltige Energieerzeugung gebaut und gleichzeitig wurde eine sichere Schifffahrt ermöglicht.

Großbaustelle im Tennessee Valley Anfang der Dreißigerjahre des vorherigen Jahrhunderts

Im Anschluss an die Amerika-Reise wurde Herman Sörgel jedoch bald gekündigt - offiziell aus gesundheitlichen Gründen. Doch in Wirklichkeit hatte er sich durch seine Loblieder auf die amerikanische Baukultur, welche als Provokation für europäische Architekten aufgefasst wurden, unbeliebt gemacht. Außerdem fügte er in seine Artikel immer wieder eine sehr persönlich motivierte Kritik an Architektur-Professoren und an Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens ein und schuf sich dadurch viele Gegner innerhalb und außerhalb der Redaktion des Magazins Baukunst (Sörgels Doktorarbeit war in München zweimal abgelehnt worden).

Sörgel blieb dennoch weiterhin als freier Journalist und Buchautor tätig. Seine finanzielle Unabhängigkeit ermöglichten ihm wohl ein auskömmliches Erbe väterlicherseits und die finanzielle Unterstützung durch seine zweite Frau Irene von Villyani (1895-1955), eine Kunsthändlerin, die er 1926 heiratete.

Matthias Lohre schildert in seinem 2021 erschienen Roman „Der kühnste Plan seit Menschengedenken“, wie sich Herman und Irene während der Überfahrt in die USA erstmals begegnen. Ob es sich tatsächlich so zugetragen hat, ist offen, aber der Roman erzählt auf unterhaltsame und gleichzeitig informative Weise die Geschichte von der Beziehung der beiden und von der Geschichte des Projektes Atlantropa.

Ende der 20er-Jahre des vorigen Jahrhunderts konkretisierte sich Sörgels Idee von Atlantropa. Wie kam es überhaupt zu dieser aus heutiger und wohl auch damaliger Sicht komplexesten aller bekannten Architektur- und Technik-Utopien?

Sörgel kannte den Geschichtsphilosophen Oswald Spengler, der ebenfalls in Schwabing lebte, persönlich und verehrte diesen und dessen Ansichten. Spengler prophezeit in seinem Hauptwerk „Der Untergang des Abendlandes“ (1918) das Absterben der durch „Zivilisation“ und Überbevölkerung geschwächten westlich-abendländischen Kultur.

Auch Herman Sörgel sah den kritikwürdigen Zustand der unkontrolliert gewachsenen Großstädte als ein Zeichen des Niedergangs. Aber spätestens ab 1928 war der Architekt Sörgel fest überzeugt, dass seine Idee von Atlantropa die von Spengler vorhergesagte Apokalypse abwenden könne.

Die technische Grundidee des gesamten Projekts ist die teilweise Trockenlegung des Mittelmeers und den letztendlich entscheidenden Anstoß zur Realisierung seiner Vision erfuhr Sörgel nachweislich durch die Lektüre des Werkes „The outline of history“ (dt.: Die Geschichte unserer Welt) des englischen Historikers und Science-Fiktion-Autors H.G. Wells („Die Zeitmaschine“, 1895; „Der Krieg der Welten“, 1898).

In seinem Abriss der Weltgeschichte beschreibt Wells, dass das Mittelmeer während der Eiszeit nicht existierte und erst nach dem Abschmelzen der Eismassen über die Meerenge von Gibraltar geflutet worden sei.

Was Wells und Sörgel nicht wussten: Das Mittelmeer war zwar tatsächlich ausgetrocknet, aber schon vor 5 Millionen Jahren und nicht während einer Kaltzeit. Während dieser Messinischen Salinitätskrise war die Meerenge von Gibraltar aufgrund tektonischer Verschiebungen auf natürliche Weise verschlossen, was tatsächlich zum starken Absinken des Wasserspiegels im heutigen Mittelmeergebiet führte.

Es dauerte wahrscheinlich 2000 Jahre, bis das Wasser im Mittelmeer verdunstet und eine Salzwüste entstanden war. Durch eine Hebung des vormaligen Meeresbodens entstanden jedoch wieder Risse am „Damm“ und das Mittelmeer füllte sich wieder.

Sörgel war jedenfalls von H.G. Wells Theorie tief beeindruckt und sein phantastisches Projekt nahm Formen an. 1928 veröffentlichte der Regierungsbaumeister Herman Sörgel schließlich seinen Aufsatz „Das Mittelmeerbecken als Neuland, eine phantastische Möglichkeit“.

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Der erste Entwurf für eine Abdämmung der Meerenge von Gibraltar (1928)

Sörgel verfolgte aber nicht nur eine technische Vision, sondern sein Atlantropa war auch getragen von seinem Ideal der Völkerverständigung und des Pazifismus. Er schrieb in einer seiner Schriften:

Eine Friedensarbeit so groß, daß kein Krieg Energien findet! Durch die Mittel und Früchte der modernen und zukünftigen Technik, die die Völker naturnotwendig, zwangsmäßig verbindet! Die Möglichkeit einer großzügigen
Ausnützung des Mittelmeeres könnte der stoßkräftige Ansporn zur machtvollen Vereinigung der Nationen werden. Wenn Bruno Taut aufruft zu großen Taten ohne Nutzen - nur einer hohen, schönen Idee halber - so ruft der hier vorgetragene Gedanke mit den gleichen Worten auf zu einer Tat, die ganz dem Nutzen, die ganz dem Vorteil künftiger Menschen und Kulturen dienen soll.

Der hier erwähnte Bruno Taut (1880-1938) war ein deutscher Architekt und Stadtplaner. Als Vertreter des Neuen Bauens wurde er vor allem durch Großsiedlungen in Berlin bekannt.

Von nun an arbeitete Sörgel ununterbrochen an seinem Atlantropa-Projekt. Die Pläne wurden immer detaillierter und umfangreicher.

Wie auf dem Entwurf zu erkennen ist, sind die wichtigsten Bauten dieses gigantischen Planes riesige Staudämme im Westen zwischen Gibraltar und Marokko und im Osten bei den Dardanellen.

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Die grünen Flächen kennzeichnen das sog. Neuland

Es sind die Orte, an denen das Mittelmeer von äußeren Einflüssen isoliert werden muss, denn erst wenn diese „Korken“ errichtet sind, kann die Absenkung des Meeresspiegels durch Verdunstung erreicht werden. Auch wenn z.B. Rhone und Nil weiterhin Wasser in dieses Becken leiten, reicht diese Menge nicht aus, um die
langsame Austrocknung zu verhindern.

Wie die obige Karte zeigt, sollte das Mittelmeer jedoch nicht zur Gänze trockengelegt, sondern nur um ca. 100m abgesenkt werden. Sörgel rechnete mit einer Absenkung von ungefähr 1,5m pro Jahr nach dem „Verschluss“ bei Gibraltar und den Dardanellen, was inklusive Bauzeit der vorgesehenen Baumaßnahmen ca. 100 Jahre bis zur Fertigstellung des Gesamtprojekts geführt hätte. Sörgel dachte also weit über seine Lebenszeit hinaus und er dachte groß.

35 km lang, 2,5 km breit und 300 m hoch sollte der westliche Damm werden, um den Zufluss von Wasser aus dem Atlantik zu stoppen. Sörgel veranschaulichte das Volumen des Damms, indem er von 3600 Cheops-Pyramiden sprach, die in dem Bauwerk Platz finden könnten.

Im Innern des Damms war Platz für ein unterirdisches Turbinenkraftwerk eingeplant, um die Kräfte des anströmenden Atlantikwassers zu nutzen.

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Auf der spanischen Seite sollte eine gigantische Schachtschleuse entstehen, in der auch die größten Seeschiffe den Damm passieren konnten.

Das monumentale Westportal Atlantropas wurde über diesem Schleusenkanal konzipiert und zu einem Symbol des gigantischen Vorhabens.

Alle Kraftwerke des Projekts, die meist nach dem Prinzip des Walchenseekraftwerks konstruiert waren, hätten eine Gesamtleistung von 110 000 Megawatt erbracht, was das Viereinhalbfache aller deutschen Kraftwerke der damaligen Zeit gewesen wäre.

Mit dieser Energie hätten nach einem späteren Plan Sörgels auch gigantische Tiefbrunnen in der Sahara Süßwasser an die Oberfläche befördert, um dort großflächig Land zu kultivieren.

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Mit 400m Höhe hätte die Schachtschleuse das damals höchste Gebäude der Welt, das Empire State Building, um 70m überragt.

Was wäre aber mit Städten wie Marseille, Genua und Triest geschehen, die nach einer Absenkung des Meeresspiegels kilometerweit von der Küstenlinie entfernt gelegen wären? Sörgel zeigte wenig Sentimentalität. Er rechnete vor, dass damals inHamburg jährlich ebenso viele Waren umgeschlagen wurden, wie in Marseille, Genua, Algier, Triest und Piräus zusammen. Außerdem hätten die Städte während der Absenkung genügend Zeit gehabt, um sich auf die neuen Gegebenheiten einzustellen. Natürlich stieß diese Einstellung gerade in Italien auf massive Kritik:

„Seht ihr ihn, hinter dem unbefangenen technischen Einfall, den Traum von der deutschen Vorherrschaft? … Hamburg befreit von der Konkurrenz Genuas und Triests; … ganz Europa abhängig von den deutschen Häfen wegen ihrer Verbindungen nach Amerika und Indien. Oh, der arglose Herr Sörgel, hat er nicht andere Felder, auf denen er seine wirre Phantasie betätigen kann?“ (Corriere della Sera)

Um diese Bedenken zu zerstreuen, entwarfen die Architekten des Projekts Konzepte gerade für die italienischen Städte.

Es entstanden Pläne, die einen „dynamischen Städtebau“ propagierten, der die bestehenden Anlagen je nach den loka-
len Voraussetzungen an die Absenkung angepasst hätte.

Plan für das neue Genua nach einer Absenkung des
Mittelmeers um 100 m. Im Hintergrund das „alte“ Genua.

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Einzig Venedig, das Sörgel als „historische, museale Stadt“ bezeichnete, sollte seinen angestammten Platz und seine Einmaligkeit als Lagunenstadt behalten. Ein 30 km vor dem Campanile di San Marco aufgeschütteter Damm hätte die Illusion garantiert, dass Venedig weiterhin am Meer liegt. In Wirklichkeit wäre Venedig zu einer
Stadt in einem Stausee geworden.

Aber nicht nur der europäische Mittelmeerraum wird von Sörgel in seinen Plänen mit Bauten überzogen, sondern auch Afrika ist in seinen Planungen von Anfang an berücksichtigt. Denn Atlantropa bedeutete seiner Ansicht nach, dass ein neuer Kontinent entstehen sollte, gebildet aus Afrika und Europa, der nicht nur wirtschaftlich, sondern auch geografisch eng verbunden wäre. Die Bewässerung der Sahara habe ich schon erwähnt und auch verkehrstechnisch plante Sörgel Afrika und Europa zu verknüpfen.

Über den Gibraltar-Damm sah er eine Eisenbahnstrecke bis Dakar vor und über Rom, Messina und Tunis führte ein Transportweg von Mitteleuropa nach Kapstadt. Bevor gemäß Sörgels Plänen ein Damm die Straße von Sizilien verschloss (das östliche Mittelmeer sollte nach von Sörgel später entworfenen Plänen durch diesen Damm um 200m
abgesenkt werden), war an dieser Stelle eine Brückenverbindung zwischen Messina und Tunesien vorgesehen.

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Interessant ist bei diesem Entwurf von 1931 u.a. die Schwebebahn mit Propellerantrieb

Mit dem Bau des Tunis-Damms, immerhin mit dem halben Volumen des Gibraltar-Dammes, sollte 100 Jahre nach dem Baubeginn bei Gibraltar begonnen werden. Zentraler Bestandteil dieses Bauwerks war ebenfalls ein gigantisches Kraftwerk auf der Dammkrone. Zu Beginn der 1930er-Jahre stieß die Vision von Sörgel durchaus auf Interesse. Denn die Weimarer Republik und andere europäische Staaten waren in den Sog der Weltwirtschaftskrise geraten. Eine solche Vision, deren Verwirklichung hunderttausenden Menschen Arbeit und Lohn verschafft hätte, ließ aufhorchen.

Im Jahre 1933 erweitere Sörgel seinen Plan daher sogar noch. Er schlug tatsächlich vor, das Kongobecken im Herzen Afrikas und den Tschadsee zu künstlichen Meeren aufzustauen und eine Art „zweiten Nil“ anzulegen, um heiße Wüstenregionen wie die Sahelzone zu begrünen und zu kühlen. Dass es dafür notwendig gewesen wäre,
riesige Flächen des Tropenwaldes abzuholzen und Millionen von Afrikanern umzusiedeln, schien für Sörgel kein Problem darzustellen. Auch dass weite Teile des heutigen Kongo, Zaire, Sambia, Simbabwe und Tschad dann unter Wasser gestanden hätten, ordnete er dem höheren Gut seiner Vision unter.

Anders als bei den europäischen Mittelmeermetropolen kannte er bei seinen Plänen für Afrika wenig Skrupel.

Tatsächlich war Sörgel im Geiste ein Kolonialist. Weite Teile des afrikanischen Kontinents waren während der Planung von Atlantropa noch unter Kolonialherrschaft. Er plante daher nicht für die afrikanische Bevölkerung, sondern ausschließlich für die europäischen Besatzer, die sich, wie er schrieb, dort niederließen und „noble Aufbauarbeit leisteten“.

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Zeichnung zum Atlantropa-Projekt aus den 1930er-Jahre die die vorherrschende Überzeugung von der Überlegenheit der "weißen Rasse" deutlich illustriert.

Doch bei allem kolonial-rassistischen Denken waren Sörgels Atlantropa-Plän auch ein Projekt des friedlichen Internationalismus. „Das letzte politische Ziel des Projektes ist die Vereinigung von Europa mit Afrika zu einem mächtigen Weltteil zwischen Pan-Amerika und Asien“, schrieb Sörgel in einer Abhandlung.

Er wollte, dass sich die europäischen und afrikanischen Länder auf ähnliche Weise verbinden, wie es bei den USA in Nordamerika und auf dem ganzen amerikanischen Kontinent mit der Panamericana (ein Straßen-Projekt, das von Alaska bis Feuerland führt) nachzuvollziehen war.

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Sörgels Vision von den drei „großen A“

Herman Sörgel in seinem Büro im Jahre 1933

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Herman Sörgel war seit den Anfängen seines Projektes immer bemüht, weitere Unterstützer zu sammeln und die Begeisterung für Atlantropa aufrecht zu halten.

Doch 1933 gelangten die Nazis an die Macht. Atlantropa als multinationales Projekt, das Völker und Staaten einen sollte, stand im krassen Widerspruch zur völkischen und nationalistischen Ideologie des „Dritten Reichs“. Aber Sörgel warb durchaus auch bei der Nazi-Führung für das Projekt. Er pries Atlantropa als logische Erweiterung der Achse Berlin-Rom zu einer Achse Berlin-Rom-Kapstadt an und als beste Option zur Schaffung von Lebensraum für die selbsternannte „Herrenrasse“.

In seinem Atlantropa-Buch „Die Drei Großen A“ (1938) - gemeint waren Amerika, Atlantropa und Asien – bezeichnete Sörgel Nazi-Deutschland und das faschistische Italien als „die Pfeiler Atlantropas“. Aber all diese Anbiederung nützte nichts, denn letztlich betrachtete der Pazifist Sörgel Atlantropa in seinem Buch als beste Möglichkeit zur „Vermeidung des totalen Krieges“ und verglich das Nazi-Regime ziemlich unverblümt mit einem Jungen im Kindergarten, der die Mädchen an den Haaren zieht, weil er nichts zu tun hat, das ihn fordert. Atlantropa könne jedoch „auf Jahrhunderte eine wohltuend ablenkende Beschäftigung“ sein. Doch Hitler und seine Gesinnungsgenossen waren keine kleinen Jungs. Wie viele Intellektuelle seiner Zeit hat auch Sörgel die kriegslüsterne, rassistische, menschenverachtende und rein nationalistische Ideologie der Nazis nicht erkannt oder erkennen wollen.

Als Sörgel beabsichtigte, seine Vorhaben auf der Weltausstellung 1937 in Paris zu präsentieren, wurde ihm von den reichsdeutschen Behörden ein Platz im deutschen Pavillon versagt. Atlantropa sei „als eine Angelegenheit internationaler Friedensfreunde“ politisch zu einseitig.

Mit „Ein Meer versinkt“ wurde von den Nazis sogar ein Film produziert, der das Atlantropa-Projekt als unvermeidbare Katastrophe diffamierte. In diesem Film bricht der Damm bei Gibraltar aufgrund eines Terroranschlags, so dass die Wassermassen des einströmenden Atlantiks ganze Städte vernichten. Es blieb jedoch nicht
nur bei diesen Diffamierungen.

Zu Beginn der 1940er-Jahre wurde Sörgel sogar von der Geheimen Staatspolizei (Gestapo) vorgeladen und wenig später mit einem Publikationsverbot belegt.

Zum Schutz seiner jüdischen Frau Irene und um sein Atlantropa-Archiv vor Luftangriffen zu sichern, zog Sörgel 1943 nach Oberstdorf. Die Sörgels wohnten wohl ab dem 1. März 1943 für ein paar Jahre unter neuer Adresse: zuerst in St. Loretto 309 (Benefiziatenhaus) und später in der Oststraße 145 (Cafe Franziskus).

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Die Meldekarte der Sörgels, abgestempelt im August 1943 in Oberstdorf. Ab dem 1.3.1943 gemeldet in St. Loretto 309 (benefizitatenhaus). Mit Bleistift vermerkt ist die Ummeldung in 145 Ostr. (heute Cafe Franziskus; Besitzer war Herr Seif)

Anmerkung: Auch wenn Sörgels Vorname auch auf dieser Meldekarte wie auch in manchen Quellen mit zwei „n“ geschrieben ist, so ist doch die Schreibung mit einem „n“ in allen wichtigen Veröffentlichungen zu Atlantropa gebräuchlich!

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Frau Margot Anhegger-Dilger, eine treue Leserin von „Unser Oberstdorf“, kannte die Sörgels noch persönlich und ist damit sicherlich eine der letzten Zeitzeuginnen in dieser Hinsicht. Sie schreibt in einem Brief an den Verschönerungsverein:

„… in Heft 76/ Juni 2020 auf Seite 521 … wird ein Herman Sörgel erwähnt. Ich kann mich an ihn sehr gut erinnern, er fuhr mit dem Fahrrad durchs Dorf und hatte ein Monokel. Das war was für die Kinder! Frau Sörgel hat meine Schwester und mich öfters eingeladen. Nach meiner Erinnerung wohnte das Ehepaar im heutigen Cafe Franziskus und zog in den 50er-Jahren wieder nach München.“

(Anm.: Frau Anhegger-Dilger bezieht sich auf den Artikel: „Über die anstehende Sanierung unserer Pfarrkirche St. Johannes Baptist“ von Klaus Noichl). Interessant ist der Artikel von Klaus Noichl noch in einem weiteren Aspekt. Noichl schreibt nämlich:

„Der Planer der Umgestaltung (Anm.: gemeint ist die Neugestaltung des Innenraumes der Oberstdorfer Pfarrkirche St. Johannes Baptist im Jahre 1939) ist uns leider nicht bekannt, Nachforschungen zeigen jedoch, dass Pfarrer Rupp befreundet war mit dem in der Baugeschichte als Architekt des Neuen Bauens bekannten Herman Sörgel. Wie für Rupp belegt, muss auch Sörgel als überzeugter Pazifist in Distanz zum herrschenden nationalsozialistischen Regime gestanden haben. …“

Wenn also Pfarrer Rupp und der seit 1920 konfessionslose Herman Sörgel schon in den 30er-Jahren befreundet waren und Rupp bis 1956 als Pfarrer in Oberstdorf wirkte, ist es durchaus vorstellbar, dass Joseph Rupp 1943 den Schutz suchenden Sörgels anbot, nach Oberstdorf zu kommen.

Für diese Sichtweise spricht auch, dass die erste Meldeadresse von Sörgel und seiner Frau das Benefiziatenhaus in der Lorettostraße 309 ist (siehe Meldekarte). Pfarrer Rupp hätte demnach dem befreundeten Paar eine erste Bleibe in Oberstdorf angeboten, bevor es dann in die Wohnung im Haus Ostraße 145 zog.

Doch trotz der nun gewonnenen relativen Sicherheit in Oberstdorf empfand die sonst so willensstarke Irene Sörgel diese Jahre der Verbannung und der drohenden Verfolgung als besonders bedrückend und verarbeitete ihre Sorgen und Ängste in Gedichten:

Wiegenlied
(Irene Sörgel, Winter 1944/45)

Schlaf mein armes kleines Kind,
draußen steht die Not.
Draußen weht ein blutger Wind,
der bringt Pest und Tod.
Nur in Mutters dunklem Schoß
Warst du warm und satt.
Jetz ach bist du nackt und bloß
Ohne Heimatstatt.
Schlaf mein Kind, du hast kein Brot,
kein Gewand, kein Land.
Einzig schützt dich vor der Not
Mutters magre Hand.
Schlaf du armes, armes Kind,
Gott erbarm‘ dich dein.
Hol‘ dich durch den Himmelswind
Zu den Engelein.

Aber so deprimierend die Situation für die Sörgels auch gewesen sein mag, das Ehepaar Sörgel hielt an Hermans großem Plan fest und arbeitete auch in Oberstdorf weiter an ihrem Projekt. Und dass der „Professor“, wie ihn die Oberstdorfer nannten, einen großen Plan verfolgte, davon wussten auch die Einheimischen.

In einer Dokumentation des WDR von 2002 kommen drei Zeitzeugen aus Oberst- dorf zu Wort:

Max Maile (Hotelier und Mitbegründer des Höllwies-Liftes):
„Ein stattlicher Mann (Sörgel) mit Monokel und Kamelhaarmantel im Winter und er war also eine Erscheinung, dass man sagte: Des isch dr Professor Sörgel!“

Coletta Fischer (ehemalige Chefin der Bahnhofs-Gaststätten):
„Ich kann mich noch sehr gut erinnern, dass er (Sörgel) immer erzählt hat, dass die Bevölkerung auf unserer Welt so groß wird, dass man ganz Afrika begrünen muss, oder einen großen Teil von Afrika und dass er das Mittelmeer auspumpen will mit Entsalzungsanlagen und mit einem Damm wollte er Gibraltar zumachen. Mein Vater hat zwar immer - der war sehr interessiert an dem Projekt. Und der hat immer gesagt: Ihr werdet schon sehen, das kommt!“

Fridl Müller (Schuhmachermeister und Mundartdichter):
„Es wurde dann in Oberstdorf darüber gesprochen, was er (Sörgel) für einen Plan hat, und da waren wir natürlich überwältigt.“

Als dann im Mai 1945 Oberstdorf zuerst von den Franzosen und später von den Amerikanern besetzt wurde, erhielt Sörgels Projekt wieder Auftrieb. Aus dem während des Krieges von München nach Oberstdorf verbrachten Atlantropa-Archiv entstand ab 1945 eine Forschungsstelle, die sich „Atlantropa Institut e.V. Oberstdorf“ nannte und sich durch Jahresbeiträge von Mitgliedern, Förderern und Stiftern finanzierte.

Sörgel gelang es sehr schnell, Kontakt zu hochrangigen Besatzungsoffizieren der Amerikaner und Franzosen
herzustellen und seine Pläne stießen durchaus auf Interesse.

Die Ordensburg in Sonthofen wollte er zu einer Atlantropa- Universität umgestalten, zu einem Atlantropa-Campus, der der Völkerverständigung dienen sollte.

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Mit dem Kriegsende bezogen für kurze Zeit französische Truppen die aufgegebene Anlage in Sonthofen, deren Bauten weitgehend unbeschädigt geblieben waren. Nach der Einrichtung der amerikanischen Besatzungszone entstand dort vorübergehend eine Schule für Hilfspolizisten des US-Militärs, nachfolgend wurden neu in der Besatzungszone eintreffende US-Soldaten in Kurzlehrgängen mit den Verhaltensregeln im Kontrollgebiet vertraut gemacht.

Als die Immobilie nach dem Abzug der Amerikaner 1952 für neue Nutzungen frei wurde, errichtete die Bundeswehr dort mit der Bezeichnung "Generaloberst Beck Kaserne" einen Bundeswehrstandort.

Auch von Seiten der UNO, die im Jahre 1945 gegründet worden war, gab es sehr wohlwollende Signale für Sörgel und seine Idee. Prominente Unterstützung erfuhr Sörgel nach dem Krieg weiterhin von John Knittel (1891-1970), dem berühmten Schweizer Autor des Romans „Via Mala“ (1934). Knittel hatte schon in seinem Roman „Amadeus“ (1939) das Atlantropa-Projekt propagiert und besuchte nun Sörgel im August 1949 in Oberstdorf (laut Vorarlberger Volksblatt, 8. August 1949). 1950 finanzierte Knittel sogar einen Dokumentarfilm für das Institut und Atlantropa, der Ende November im Lichtspielhaus am Sendlinger Tor in München Premiere feierte.

In mehr als 1000 Veröffentlichungen und mehreren Ausstellungen warb Herman Sörgel zeitlebens für seine Idee. Eine dieser Veröffentlichungen aus dem Jahr 1947, als die Sörgels noch in Oberstdorf lebten, erschien in der Halbmonatsschrift Natur und Technik. Sie trägt den Titel „Atlantropa – Die Chance für die das Abendland“. Sörgel beschwört in seinem Artikel, dass „wir allen abendländischen Untergangsstimmungen zum Trotz eine Wiedergeburt der Kultur des Abendlandes erleben können“. Atlantropa als hoffnungsspendende Idee nach den Katastrophen der Kriege in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Aber trotz all dieser Bemühungen erlahmte das Interesse an Sörgels Vision und 1952 kamen alle Anstrengungen auf tragische Weise zum Stillstand. Herman Sörgel war mit seinem Fahrrad unterwegs und wurde am 25. Dezember 1952 auf der Prinzregentenstraße in München von einem Auto überfahren. Er konnte noch in ein Krankenhaus gebracht werden, wo er aber drei Wochen später seinen schweren Verletzungen erlag. Wer ihn angefahren hat, ist bis heute nicht geklärt.

Das Atlantropa-Institut existierte noch die ganzen 50er-Jahre über Sörgels Tod hinaus. Es gab jedoch Entwicklungen, die auch den noch vorhandenen und engagierten Atlantropa-Anhängern so langsam den Glauben an ihr Projekt nahmen. Eine davon war sicherlich die Nutzbarmachung der Atomenergie. Und es ist bezeichnend, dass die letzte Kuratoriumssitzung des Instituts im Jahre 1957 mit einem in dieser Beziehung besonderen Gast stattfand. Dieser Gast war der Minister des Bundesministeriums für Atomkernenergie und Wasserwirtschaft, der einen eindeutigen Standpunkt vertrat: Wir haben jetzt neben den fossilen Energieträgern die Atomkraft und daher brauchen wir die Wasserkraft nicht mehr. (Anm.: Erster „Atomminister“ war Franz Josef Strauß, sein Nachfolger wurde am 16. Oktober 1956 Siegfried Balke, beide CSU)

Ich denke, dass die Pläne Sörgels niemals einen Realitätstest bestanden hätten. Zwar wäre die Technologie zum Bau des Mega-Damms bei Gibraltar zur Verfügung gestanden. Auch wäre der Damm statisch und architektonisch zwar eine Herausforderung gewesen, aber vielleicht umsetzbar. Kleinere, aber dennoch gigantische Projekte wie der Assuan-Staudamm in Ägypten oder der Drei-Schluchten-Damm in China haben inzwischen bewiesen, dass solche Makro-Projekte machbar sind.

Dass jedoch die Logistik (Transport, Verpflegung, Unterbringung) rund um die von Sörgel als nötig berechneten Arbeitermassen zu bewerkstelligen gewesen wäre, ist sehr zweifelhaft. Die Bauzeit wurde mit zehn Jahren veranschlagt und in vier Schichten sollten je 200.000 Arbeiter eingesetzt werden. Ungeklärt blieben auch die logistischen Probleme bei der Baumaterialbeschaffung und dem Arbeitertransport.

Sicher ist, dass Sörgel bei der Gewinnung der neuen Landmassen allzu optimistisch war und ökologische Folgen ausblendete. Die freigelegten Landmassen wären nach dem Verdunsten des Wassers riesige Salzwüsten gewesen, die über Jahrzehnte aufwendig und kostenintensiv kultiviert und aufbereitet hätten werden müssen.

Geologisch betrachtet wäre der Damm neben den Gefahren der Plattentektonik einer erhöhten Gefährdung durch Tsunamis ausgesetzt gewesen. Eine Auswirkung der immensen Druckveränderung auf die vulkanisch und seismisch aktiven Zonen etwa in Italien, Griechenland oder der Türkei ist nach heutigen Erkenntnissen sehr wahrscheinlich. Induzierte Seismizität (durch menschliche Aktivitäten verursachte Erdbeben) ist schon von weit kleineren Eingriffen in und an der Erdoberfläche bekannt. Im verkleinerten Mittelmeer hätte eine dramatisch erhöhte Salzkonzentration im Restwasser geherrscht, die nur wenige Fischarten und andere Meereslebewesen überstanden hätten. Und ob das in manchen Plänen Sörgels vorgesehene Bewässern der Sahara mit Meerwasser die positiven Effekte gehabt hätte,
auf die Sörgel hoffte, ist eher unwahrscheinlich.

Albert Einstein schrieb schon 1929 in einem Brief an Sörgel zu dieser Problematik: „So wie ich gehört habe, eignet sich Meerwasser nicht zur Bewässerung von Kulturen. Mit vorzüglicher Hochachtung A. Einstein“

Vollkommen unvorhersehbar wäre der Einfluss des schrumpfenden Mittelmeeres sowie der von Sörgel geplanten Kunst-Meere auf dem afrikanischen Kontinent für das Weltklima gewesen. Manche Meteorologen vermuten heute, dass das Projekt möglicherweise den warmen Golfstrom beeinflusst und von seiner jetzigen Bahn abgelenkt hätte. Damit hätte Sörgel unbeabsichtigt das Wetter zahlreicher Küsten-Metropolen und auch ganzer Küsten-Regionen geändert. Dass z.B. an der Küste von Norwegens Fjorden Apfelplantagen gedeihen, wäre bei einem abgelenkten Golfstrom undenkbar.

Neben all diesen technologischen und ökologischen Zweifeln an diesem gigantischen Projekt erscheinen mir auch andere Aspekte als äußerst wichtig. Man bedenke, wie diese fundamentalen Eingriffe in die natürlichen Gegebenheiten auch die wirtschaftlichen und kulturellen Grundlagen der Bewohner der betroffenen Regionen verändert hätten. Und zwar nicht zum Positiven! Vertreibung und Umsiedlung von Millionen Menschen, Verlust von traditionellen Lebensweisen, Verlust von unersetzbarem kulturellem Erbe, wahrscheinlich auch gewaltsame Widerstände gegen
das Projekt. Die finanziellen Dimensionen sind bei all diesen Einwänden noch garnicht berücksichtigt.

Herman Sörgel war eine Ingenieur-Persönlichkeit seiner Zeit. Es war von geopolitischem Denken, uneingeschränkter Technikgläubigkeit, aber auch von einer gewissen Rücksichtslosigkeit und von einem Hang zum Gigantismus geprägt.

Der Schriftsteller Max Frisch hat in den Fünfzigerjahren mit seinem Roman „Homo Faber“ einen Abgesang auf diesen Typus verfasst, als man nach und nach feststellen musste, dass ein unkritisches „Anything goes“ die Probleme dieser Welt alleine nicht lösen kann, dafür jedoch neue schafft. Auch die Kernspaltung, der scheinbar erfüllte Traum von einer nie versiegenden und sauberen Energiequelle, ermöglichte die Vernichtung der japanischen Metropolen Hiroshima und Nagasaki und war in neuerer Zeit verantwortlich für die furchtbaren Katastrophen von Harrisburg (USA), Tschernobyl (Ukraine) und Fukushima (Japan).

Bei jeder neuen Errungenschaft müssen eventuelle negative Auswirkungen unbedingt mitgedacht werden, um dann abzuwägen, welche Schlussfolgerungen mandaraus ableitet. Sörgel war jedoch fasziniert von der Vorstellung, die Grenzen des Machbaren zu verschieben.

Charakteristisch für ihn ist das Zitat, das er seinem Aufsatz von 1928 (siehe oben)
voranstellt: „Den lieb‘ ich, der Unmögliches begehrt.“ (J.W. von Goethe; Faust II)

Im vierten Akt von Faust II äußert der Professor Faust das Verlangen, von nun an weder weltliche Macht noch die Liebe einer Frau zu erlangen. Er stellt sich ein höheres Ziel, nämlich die Natur (speziell das Meer) zu kontrollieren. Dies soll in Form von Landgewinnung durch Einsatz von Dämmen und Kanälen durchzuführen sein.

Sörgel vergleicht sich also indirekt mit Goethes Faust, dem „Übermenschen“ (Faust I). Dies verstärkt den Eindruck, dass Herman Sörgel eine faszinierende, jedoch auch von einem gewissen Realitätsverlust geprägte Persönlichkeit gewesen sein muss. Gerade deshalb war Sörgel kein seriöser Wissenschaftler im eigentlichen Sinne. Wissenschaft besteht immer darin, objektive, d.h. nachprüfbare Beweise für Thesen zu sammeln, Ergebnisse zu hinterfragen, zu überprüfen und zu vergleichen. Wissenschaft ist keine Meinung oder Wunschdenken!

Deshalb war Sörgel kein kritischer Forscher, sondern ein Phantast, der eine Vision propagierte, die auf zu vielen Vermutungen, Behauptungen und falschen Voraussetzungen beruhte.

Aber - Atlantropa war aber auch ein Projekt des Idealismus. Atlantropa war ein Traum von verschwindenden Grenzen, von Pazifismus und von Nationen, die gemeinsam ein Ziel verfolgen. Dies galt aber nur für weiße, europäische Völker.

Dennoch lebt die Faszination, die von diesem kühnsten Plan seit Menschengedenken immer noch ausgeht, heutzutage in historischen und dokumentarischen Werken, aber auch bezeichnenderweise in der Welt der Science-Fiction fort.

„Das Orakel vom Berge“ (englischer Originaltitel: „The Man in the High Castle“) ist eine sog. Alternativweltgeschichte und Dystopie, also eine Erzählung, in der eine erschreckende Gesellschaftsordnung dargestellt wird. Der US-amerikanischen Schriftstellers Philip K. Dick verfasste die Geschichte 1962. Sie spielt im selben Jahr in einer fiktiven Gegenwart, in der das Dritte Reich und Japan die USA besiegt und unter sich aufgeteilt haben.

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Graphik aus „The man in the high castle“ mit einer Abbildung des Gibraltar-Dammes

Aus Dicks Geschichte entstand eine gleichnamige US-amerikanische Fernseh-Serie, die von 2015 bis 2019 ausgestrahlt wurde. In dieser Serie wird in einer Episode das mittlerweile von den Nazis vollendete Gibraltar-Projekt von einem Ingenieur erläutert und es ist offensichtlich, dass an dieser Stelle Atlantropa zitiert wird (siehe Bild oben).

Aber in völliger Verkehrung von Sörgels Idee dient die Trockenlegung des Mittelmeers in der Fiktion des Romans und des Films allein der Erweiterung von Lebensraum des Dritten Reiches und die Nazis sind unter anderem damit beschäftigt, die indigene Bevölkerung Afrikas vollständig auszurotten. Atlantropa als Beispiel für den Größenwahn der Nazis.

Eine weniger bedrückende, aber dafür wissenschaftlich fundierte „Würdigung“ Sörgels und seiner Utopie erfuhr Atlantropa in einer Ausstellung des Deutschen Museums in München. Am bundesweiten „Tag der Archive“ am 3. März 2018 wurden erstmals Originaldokumente zum Projekt aus den Beständen des Museums gezeigt.
Wer hören möchte, was im Deutschen Museum zum Thema Atlantropa erforscht wurde, dem sei der DM-Podcast: “Museum zum Hören: Ein Leben für die Vision“ empfohlen.

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Herman Sörgel, ca. 1950

Quellen:
• https://dmpodcast.podigee.io/7-ein-leben-fur-die-vision
• https://www.geschichte.fm/archiv/fgag01-atlantropa/
• Atlantropa – Der Traum vom neuen Kontinent: https://www.youtube.com/watch?v=dBRKYj4F1tU
• https://www.swr.de/swr2/wissen/archivradio/das-mittelmeer-tieferlegen-herman-soergel-erklaert-seinen-atlantropa-plan-100.html
• https://www.sueddeutsche.de/wissen/das-trockene-mittelmeer-verstopfung-bei-gibraltar-1.468544-0
• https://steemit.com/deutsch/@koenau/verrueckter-atlantropa-plan-stoepsel-aus-aus-dem-mittelmeer
• https://1e9.community/t/atlantropa-als-ein-muenchner-architekt-das-mittelmeer-trocken-legen-wollte/3643
• https://www.historisches-lexikon-bayerns.de/Lexikon/NS-Ordensburg_Sonthofen
• https://de.wikipedia.org/wiki/Herman_S%C3%B6rgel
• https://de.wikipedia.org/wiki/H._G._Wells
• https://the-man-in-the-high-castle.fandom.com/wiki/List_of_Nazi_Science_and_Technologies
• https://www.deutsche-biographie.de/sfz122640.html
• zu Irene Sörgel: https://kunstory.lwl.org/de/kunstwelten-provenienz/
• zu John Knittel: https://www.deutsche-biographie.de/sfz43240.html
• Voigt Wolfgang, Atlantropa, Bauen am Mittelmeer. Ein Architektentraum der Moderne, Dölling und Galitz Verlag GmbH, Hamburg, 2. Auflage 2007 (mit einer DVD)
• Lohre Matthias, Der kühnste Plan seit Menschengedenken, Verlag Klaus Wagenbach, Berlin 2023
• Herman Sörgel, Das Mittelmeerbecken als Neuland, eine phantastische Möglichkeit, 1928
• Natur und Technik, Nr.23, Wedding Verlag, Berlin, 1947

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