Das Wilde Männle um 1902
Einst stand es als ein zu Stein erstarrter Berggeist auf dem zinnengekrönten Grat zwischen dem Wilden Mann und der Rotgundspitze auf rund 2300m Höhe. Hier verläuft die Störzone, an der sich die Lechtal-Decke mit ihrem Dolomit über die Allgäu-Decke schiebt. Man darf sich vorstellen, dass dieser Gebirgskamm sich durch Erosion und Felssturz über
lange Zeit erniedrigte und dass letzten Endes das noch einigermaßen kompakte „Wilde Männle“ stehen blieb. Den Beweis für diese Annahme dürften die vielen Versturzsteine und -blöcke im Oberwiesleskar und im Bacherloch liefern.
Am 11. August 1957, es war ein Sonntag, erstiegen wir zu dritt das Wilde Männle. Ich als letzter hinauf und als erster, der sich wieder abseilte, hinunter, da ich fotografieren wollte. Oben Gerhard Waldau (1937-2016), unten Erich Pechatschek. Zum Abseilen genügte mein 30m-Seil, woraus sich ableiten lässt, dass die Felsensäule nicht mehr als 15 m hoch war. Das oben einbetonierte Stahlrohr, um welches wir bequem das Seil schlingen konnten, war sehr
praktisch. Im Alpenverein-Führer war damals der Schwierigkeitsgrad 4 für die Kletterei angegeben.
Auf alten Fotografien, die um 1900 entstanden sind, ist zu erkennen, dass das Wilde Männle noch seinen Gipfelblock (ca. 2,5 - 3m hoch) besaß. Irgendwann danach wird dieser Block in das Bacherloch hinabgedonnert sein. Das Foto von 1957 zeigt ganz deutlich die kalottenförmige Ausbruchstelle des Blocks, die sich farblich vom übrigen, schon
stärker verwitterten Gestein, abhebt.
Dass dieses filigrane Gebilde nicht dauerhaft auf diesem Grat thronen würde, war natürlich klar und so prophezeite schon Hermann von Barth in seinem Buch „Aus den nördlichen Kalkalpen“ (1874):
„Wohl mag der Zeitpunkt nicht ferne mehr sein, da der letzte Haft sich löst und Donnergetöse die Felsenbombe hinunterstürzt zum Bacherloch und die uralte Firndecke der Schneeflucht krachend durchschlägt.“
In der Gewitternacht vom 8. Mai 1962 erfüllte sich dann Barths Vorahnung. Das Wilde Männle stürzte in das Bacherloch und verschwand für alle Zeiten.
Der Erstbesteiger des Wilden Männle war 1902 der bekannte Bergsteiger und Fotograph Willi Heimhuber. Ihm sollten viele Nachahmer folgen, denn die Besteigung der kühnen Felsnadel war durchaus eine Prestigeangelegenheit, wie folgende Episoden veranschaulichen sollen.
1923 hatten zum Spott der Oberstdorfer Bergführer die Gesellen der Spenglerei Georg Mayer ein Windrädlein mit einem Gockel auf der Spitze des Wilden Männle montiert. Auf diesem war folgender Spruch zu lesen: „Die Führer Rietzler I und II kamen öfter hier vorbei. Doch droben war’n sie nie, drum schreit der Gockel Kikeriki!“
Der junge Bergführer Sepp Müller (Lixars Seppl, 1894-1976) hat daraufhin das Ärgernis heruntergeschlagen.
Einige Jahre später wurden vom Alpenverein diverse Haken am Wilden Männle angebracht, damit auch weniger geübte Kletterer hinaufkommen sollten. Wieder- um Lixars Seppl war es, der sämtliche Haken herausschlug. Seine Begründung lautete: _„Wea do aso it nüfkutt, dea brücht öu it domma sing!“ _
Auch wenn das Wilde Männle nicht die imposanteste Felsnadel der Alpen war, so gehören die Bilder von ihm und die Geschichten, die von ihm erzählt werden, doch für immer zur Alpingeschichte der Oberstdorfer Berge.