In einer schwarzen Handtasche meiner Mutter, wo es vermutlich seit 1967 gelegen hatte, fand ich vor kurzem ein leicht zerknittertes Sterbebildchen. Mit dem Namen und dem demütig-edlen Frauenportrait auf dem bescheidenen Kärtchen kamen Erinnerungen zurück an eine Frau, die niemand vergaß, der das Glück hatte, sie zu kennen.
Selbst auf dem Sterbebildchen stand der Kosename, der eigentlich kleinen Kindern vorbehalten ist. Dabei hatte sie gerade ihren sechsundachtzigsten Geburtstag gefeiert, als sie im Juni 1967 starb.
Doch in Oberstdorf war sie zeitlebens bei Jung und Alt bekannt als s’Viktörle. Sie sprach jeden mit „Du“ an. Sollte sie ganz selten mal ein „Sie“ benützen, so war das kein gutes Zeichen.
Ich kannte sie gar nicht besonders gut, denn schließlich wohnte ich nicht im oberen Markt. Nur manchmal, wenn ich an ihrem Haus vorbei radelte, sah ich sie, schwarz gekleidet, immer mit einem Tuch oder einer Haube auf dem Kopf auf dem Bänkle vor ihrem Haus sitzen, oder geschäftig zwischen Haus und Stall unterwegs.
Vielleicht war es ihre ruhige und fröhliche Ausstrahlung, wie sie so auf dem Bänkle saß, vielleicht waren es aufgeschnappte Bemerkungen von anderen, die sie besser kannten. Ich wusste auf jeden Fall, dass s’Viktörle eine besondere und außerordentlich beliebte und respektierte Frau in unserem Dorf war. Auch meine alten Freunde, die in ihrer Nachbarschaft aufgewachsen waren, erinnern sich sofort und mit einem Lächeln an sie.
• „Eine herzensgute Frau!“ (Franz Bisle)
• „Des war a gonz Liebe. Se hott iis Kind miege. Wenn do a Ball geege’s Hüs donnret isch, do hott se nuits g’seit.“ (Thomas Dünßer)
• „Wenn se auf ihram Bänkle g’seaße isch, hot se g’seit, hokh‘de hea und hot mit iis Kind uifach so gschwäzt.“ (Christl Kindt, geb. Huber)
Aus dem unteren Markt war sie 1906 nach der Eheschließung mit Franz Kappeler in das altehrwürdige Haus in der Rechbergstraße gezogen, das vom großen Brand 1865 verschont geblieben war.
Mit ihrem Mann betrieb sie eine Landwirtschaft. Im Rahmen des zunehmenden Fremdenverkehrs – wie der Tourismus damals hieß – vermietete sie auch Zimmer an Erholungsuchende.
Eine Lehrerin, die sie beherbergte, war von dem Haus und der Gastgeberin so begeistert, dass sie beim damaligen Eisen Müller in der Hauptstraße das Emaille-Schild „Viktörle-Haus“ anfertigen ließ, das noch heute das inzwischen neu erbaute Haus schmückt.
Viktörles Leben verlief in sehr ähnlichen Bahnen wie das ihrer Zeitgenossinnen aus den bäuerlichen Oberstdorfer Familien. Heu ernten, melken, Stall ausmisten, Vieh füttern und tränken, Betten machen, putzen, einkaufen, kochen, einkochen, Wäsche waschen, aufhängen, bügeln und flicken, nähen, stricken und häkeln. Die Liste der alltäglichen Aufgaben der Oberstdorfer Frauen im frühen 20. Jahrhundert ist damit sicher nicht erschöpft. Immerhin wurde s‘Viktörle in diesem arbeitsreichen Leben unterstützt von ihrer Nichte Lena Titscher.
Thomas Dünßer erinnert sich an die große, hagere „b’n iis dät ba sage diire“ Frau, immer in Grau gekleidet, die ihrer Tante an Humor und Freundlichkeit nicht nachstand. Doch dem Viktörle haftete darüber hinaus etwas Besonderes an. Sie strahlte eine selbstverständliche Weisheit aus, hatte im Überfluss das, was man Herzensbildung nennt.
Dass ihre Ehe mit Franz Kappeler kinderlos geblieben war, glich sie aus, indem sie ihre Liebe auf alle Kinder im Dorf verteilte, ganz besonders auf ihre zwölf Patenkinder.
Im Gespräch mit Albert Titscher und seiner Tochter Caroline Jäger - Nachkommen von Viktörles Bruder und die heutigen Besitzer vom Viktörle Hüs – klärt sich die Frage, warum s’Viktörle nie ohne Kopfbedeckung zu sehen gewesen war. Sie fand ein Kopftuch oder eine Haube wesentlich schöner als ihren spärlichen Haarwuchs.
Albert und Caroline zitieren auch einige wenige ihrer Sprüche, die über die Generationen überliefert wurden.
Ma sott kuin uff d’Sitte schupfe, bloss uff d‘ Sitte schtelle. D‘ g’scholtene Krittle miessed öü g‘eaße weare.
Und gemeinsam schmunzeln wir über ihren bekanntesten Spruch. Mir war er von meiner Mutter – eines ihrer zwölf Patenkinder – überliefert worden und ich gab ihn in England an meine Töchter weiter.
Der genaue Anlass, der s’Viktörle dazu brachte, ihn fallen zu lassen, ist nicht mehr eindeutig zu klären. Vielleicht war es ein nachmittäglicher Huigarte, bei dem schließlich auch Likörgläschen aus dem Schrank geholt wurden, oder es war – wie meine Mutter erzählte – der Fronturlaub ihres Mannes während des Ersten Weltkriegs.
In der Uhrzeit stimmen die Überlieferungen aber überein: es war 4 Uhr nachmittags, als eine Nachbarin am Haus in der Rechbergstraße vorbei lief und erstaunt sah, wie s’Viktörle die Fensterläden zumachte. Auf ihre Frage, ob das nicht ein bisschen früh sei, meinte s’Viktörle kurz und bündig: „Was tong isch, isch tong.“