100 Jahre Gertrud-von-le-Fort- Gymnasium Oberstdorf (Teil 2)

von Peter Fink am 30.06.2024

Der folgende Bericht über die letzten Kriegsjahre und die unmittelbare Nachkriegszeit stützt sich größtenteils auf die Aufzeichnungen des ehemaligen Schulleiters des Oberstdorfer Gymnasiums Günter Glocker, auf die Chronik zum 50jährigen Bestehen der Schule von Dr. Kurt Eberhard und auf die Aufzeichnungen des kommissarischen Schulleiters nach dem Krieg, Fritz Reulein. Ein allgemeiner Jahresbericht erscheint erst wieder 1952. Die Fotos im Artikel stammen mehrheitlich aus dem Archiv des Gymnasiums.

Die Jahre zwischen 1944 und 1951

Das Kriegsschuljahr 1944/45 ist extrem schwierig. Zunächst muss ein Teil des Unterrichts in die Volksschule ausgelagert werden, weil die über 700 Schülerinnen und Schüler der Oberrealschule nicht mehr gleichzeitig im eigenen Schulhaus unterrichtet werden können. In einer dritten Klasse sitzen 62 Kinder. Dieser extreme Anstieg der Schülerzahlen ist darauf zurückzuführen, dass viele Kinder von außerhalb des Landkreises stammen. Besonders Kinder aus den Großstädten, die Fliegerangriffen ausgesetzt sind, suchen Schutz in den neun privaten Kinderheimen. Andere Kinder kommen ab 1943 mit der Organisation Mutter und Kind nach Oberstdorf. Im März 1944 war die Gesamtzahl der offiziell „Geborgenen“ auf fast 4700 Personen gestiegen, von denen viele privat zahlende Gäste mit Dauerwohngenehmigung sind. (Ein Dorf im Spiegel seiner Zeit, Angelika Patel, S.288 f.)

Nächtliche Fliegeralarme führen dazu, dass der Unterricht erst um 10.00 Uhr beginnen kann und die heimische Heuernte und Abkommandierungen zum Hopfenzupfen erschweren die Unterrichtsorganisation zusätzlich.

Weihnachten 1944 wird das Schulhaus für die Einrichtung eines Hilfslazarettes beschlagnahmt. Der Unterricht hätte jedoch nach den Weihnachtsferien nicht aufgenommen werden können, denn bis Mitte Februar sind „_Kohleferien_“ verordnet.

Nach dieser Zwangspause wird trotz aller Erschwernisse der Unterricht in den 17 Klassen (notdürftig) in Oberstdorfer Gaststätten erteilt und das Direktorat wird im Bahnhofsgebäude untergebracht.

In den oberen Klassen werden Schülerinnen und Schüler in „Wehrertüchtigungslagern“ auf den Kriegsdienst vorbereitet, zur Fliegerabwehr (Flak) oder zum Reichsarbeitsdienst eingezogen. Andere müssen auf dem Oberstdorfer Kirchturm während der häufigen Fliegeralarme den Posten der Brandbeobachter ausüben. Das Schuljahr endet mit Beginn der Osterferien, eine Reifeprüfung findet nicht statt. Kurz vor Ende des Krieges bezahlen ein Lehrer und drei Schüler ihren Kriegseinsatz mit dem Leben.

Am 22. April 1945 fällt Stuttgart an die französische Armee, die danach weiter nach Süden vordringt und am 1. Mai besetzen französische Truppen Oberstdorf.

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General de Gaulle bei der Abnahme einer Militärparade im Otterrohr (Unser Oberstdorf, Heft 28)

Am 7. Juli 1945 werden die Franzosen durch US-Truppen abgelöst. In dieser äußerst schwierigen Zeit beauftragt die Marktgemeinde Fritz Reulein, der als Privatlehrer seit 1939 an der Schule unterrichtet hat, mit der Leitung der Schule und im November ergeht der Antrag auf Wiedereröffnung an die Militärregierung.

Diesem Antrag wird stattgegeben und somit beginnt am 14. Januar 1946 wieder der Unterricht für die Klassen 1 mit 4 (heute 5-8) in dem stark beschädigten Schulhaus in der Fuggerstraße. Besonders schwere Schäden sind an der Heizungsanlage durch winterlichen Frost entstanden. Die 5. und 6. Klassen folgen am 11. Februar und letztendlich im April 1946 die 7. und 8. Jahrnd letztendlich im April 1946 die 7. und 8. Jahrgangsstufe.

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Lehrer Fritz Reulein aus Gunzenhausen; das Foto stammt aus 1962

Aufgrund der ungünstigen Fahrpläne der Bahn müssen für die Fahrschülerinnen und Fahrschüler („A-Klassen“) die Unterrichtszeiten vorrangig eingerichtet werden, sodass die einheimischen Schülerinnen und Schüler („B-Klassen“) Unterrichtszeiten von 6.30 Uhr bis 8.40 Uhr und von 14.00 Uhr bis 16.10 Uhr hinnehmen müssen. Als besonders schwierig erweisen sich die Verkehrsverbindungen in das Kleine Walsertal.

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Das Schulhaus 1939 in der Fuggerstraße (rechter Bildrand im Wäldchen) - Archiv Peter Fink

Doch dies sind nicht die einzigen Widrigkeiten, mit denen die Schulfamilie zu kämpfen hat. Es gibt keine Schulbücher! Die alten sind als politisch belastet verboten, sodass im Unterricht alles mitgeschrieben werden muss, was aufgrund des Papiermangels aber äußerst problematisch ist. Zudem dürfen etliche hauptamtliche Lehrkräfte und die Schulleitung infolge der „Entnazifizierung“ nicht unterrichten und einige andere befinden sich noch in Kriegsgefangenschaft. Die über 500 Schülerinnen und Schüler werden folglich von nur 17 Lehrkräften unterrichtet. Musik und Turnen finden nicht statt.

Diese wenigen Lehrkräfte müssen neben der Vermittlung von Wissen auch eine psychologische Betreuung der Schülerinnen und Schüler leisten. Man kann und mag sich heute wohl kaum mehr vorstellen, welche Verstörung dieser völlige Zusammenbruch aller bisher geltenden (Un)werte der faschistischen Ideologie für die im Nazi-Deutschland aufgewachsenen jungen Menschen auslöste.

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Neben dieser Suche nach geistiger Neuorientierung bestimmt jedoch die Bewältigung der Alltagsnöte eine wichtige Rolle. In einer behelfsmäßigen Schulküche erhalten die ca. 230 Fahrschülerinnen und Fahrschüler eine warme Suppe. Und natürlich blüht auch in Oberstdorf der illegale Markt. Wegen Schwarzhandel mit Zigaretten, an dem auch ältere Schüler beteiligt sind, sucht die Militärpolizei mehrmals die Schule auf.

Angesichts all dieser Schwierigkeiten ist es dann nur folgerichtig, dass die Schülerinnen und Schüler der Klassen 1 mit 5 zum Schuljahresende „allgemein“ versetzt werden und die der Klassen 6 mit 8 können mit einer bestandenen „Sprungprüfung“ das für sie angeordnete Wiederholungsjahr vermeiden.

Weil unter der Schülerschaft wiederholt ein Befall mit Läusen festgestellt wird, haben sich alle am 1. Januar 1947 einer von der Militärregierung angeordneten Behandlung mit DDT-Pulver (!) zu unterziehen.

Mit der Militärregierung und im Speziellen mit der „_Constabulary School_“ der Amerikaner auf der Ordensburg in Sonthofen „_wird ein gutes Verhältnis gepflegt_“. Eine Verbesserung des Unterrichts stellen die von den Amerikanern zur Verfügung gestellten Armee-Lehrbücher für Mathematik, Physik und Chemie dar, die jedoch zuerst übersetzt werden müssen.

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(Archiv Peter Fink)

Aus dem Jahresbericht 1946/47 der „Gemeindlichen Oberrealschule für Jungen“ des kommissarischen Schulleiters Fritz Reulein, der nur in einer Kopie vorliegt.

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Und die US-Armee liefert auch 450 Portionen Suppe. Diese Schülerspeisung wird 5 Jahre Bestand haben und trägt zu der sich langsam verbessernde Ernährungslage bei, die sich auf das körperliche und seelische Wohlbefinden der Schülerinnen und Schüler positiv auszuwirken scheint.

Die Weihnachtsferien werden bis zum 10. Februar 1947 verlängert und danach werden bis Mitte März einige Räume mit aufgestellten Öfen geheizt und somit ist zumindest ein dreitägiger Unterricht gewährleistet. Das Brennholz bringen die Schülerinnen und Schüler mit.

Die schrittweise „Normalisierung“ des Schulbetriebs manifestiert sich auch darin, dass nach vielen Jahren wieder eine Reifeprüfung stattfindet. Die 30 Abiturientinnen und Abiturienten werden während einer kleinen Feier im Musiksaal der Schule verabschiedet.

Bis zu einem tatsächlich „normalen“ Schulbetrieb ist es jedoch auch im Schuljahr 1947/48 noch ein weiter Weg. Für 19 Schülerinnen und Schüler ist es notwendig, dass die Schulleitung sie zu einem 14tägigen Erholungsaufenthalt „_mit Ernährungszulagen_“ in ein Kindererholungsheim schickt. Dass auch die schulische Infrastruktur äußerst prekär ist, verdeutlicht ein Aufruf der Schulleitung mit der Bitte um „_die leihweise Überlassung von Glühbirnen_“, weil sie nur noch zwei besitzt.

Am Ende des Schuljahres wird Fritz Reulein als kommissarischer Leiter der Schule abgelöst. Der Elternbeirat würdigt seine Schulleitertätigkeit dahingehend, dass er in dieser äußerst schwierigen Zeit entscheidend dazu beigetragen hat, einen geregelten Schulbetrieb zu organisieren und zu erhalten. Fritz Reulein unterrichtet noch viele Jahre als nebenberufliche Lehrkraft und richtet ein privates kleines „Internat“ für die Schule ein.

Auf Beschluss des Gemeinderates wird Studienrätin Wiltrud Seidenspinner zur neuen kommissarischen Leiterin der
Schule berufen. Frau Seidenspinner war während der Nazidiktatur als eine der wenigen Lehrkräfte kein Parteimitglied.

Das Schuljahr 1948/49 startet mit einem Schichtbetrieb für die 550 Schülerinnen und Schüler von 7.45 bis 12.00
Uhr und von 12.00 bis 17.40 Uhr. Im Juli 1949 kommt es zu einer Protestversammlung der Eltern, die einen höheren
Staatszuschuss für die gemeindliche Schule fordern.

Diesem Protest folgt ein Gemeinderatsbeschluss, „das neue Schuljahr nur dann zu eröffnen, wenn durch entsprechende Zuschüsse die Fortführung der Schule gegenüber dem Steuerzahler verantwortet werden kann“.

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Frau Seidenspinner unterrichtete seit 1942 an der Schule.

Der Haushalt der Marktgemeinde weist für die Oberrealschule 165 000 DM aus. Da 60% der Schülerinnen und Schüler nicht aus Oberstdorf stammen, wird der Kreistag aufgefordert, sich zu einer Bezuschussungsverpflichtung zu bekennen.

Trotz der anhaltenden Mangelverwaltung erlebt der Schulsport eine erstaunliche Wiedergeburt, für die wohl zu einem großen Teil der junge Studienassessor Walter „Muli“ Müller verantwortlich ist. „_Muli_“ wird für viele Jahre den Sport an der Schule und in den Oberstdorfer Vereinen prägen.

Bürgermeister Kerle dankt den zum Schuljahresende ausscheidenden nebenamtlichen Lehrerinnen und Lehrer. Von den 18 während des Schuljahrs beschäftigten Lehrkräften hatten nur 5 eine Lehramtsprüfung abgelegt.

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Studienassesor Walter „Muli“ Müller

Skirennen am Söllereck, rechts Walter Müller

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Siegerehrung vor der Schule mit v.l. Walter Müller Dr. Beßler und Frau Seidenspinner

Stellv. Schulleiter Walter Stöhr,‘seit 1931 in Oberstdorf

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Im Schuljahr 1949/50 kann der Unterricht erstmals wieder ohne Kürzungen durchgeführt werden. Alle Räume des Schulhauses werden mit neuen Möbeln ausgestattet und im Dezember wird ein Staatszuschuss von 94 000 DM zugesagt. Der Fortbestand der Schule scheint gesichert. Oberstudiendirektor Dr. Beßler und Oberstudienrat Walter Stöhr werden wieder als Anstaltsleiter bzw. als Stellvertreter eingesetzt. Nach dem Sportunterricht wird im Schuljahr
1950/51 der Musikunterricht wieder eingeführt.

Sämtliche Unterrichtsräume werden mit einer Schulfunkanlage ausgestattet, um die Schulfunksendungen in den Unterricht einbauen zu können und von der Kreisbildstelle erhält die Schule einen eigenen Filmprojektor.

Auf dem Sportplatz im Oybele wird erstmals wieder ein großes Schulsportfest (in Verbindung mit den Bundesjugendspielen) veranstaltet und bei der Schlussfeier treten das Schulorchester und der Chor seit langer Zeit wieder vor die Öffentlichkeit.

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Schulsportfest im Oybele

Schwimmfest im Moorbad

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Am Ende des Schuljahres 1951/52 erscheint erstmals wieder ein gedruckter Jahresbericht. Wie sehr sich die Menschen damals bemühten, nach vorne zu blicken und die bedrückende Vergangenheit hinter sich zu lassen und wie ausgeprägt die Solidarität der Oberstdorfer mit ihrem Gymnasium war, belegen folgende Zitate aus diesem Jahresbericht:

„_Seit Wiedereröffnung der Schule im Jahre 1946 waren mancherlei Nöte zu überwinden, darauf soll hier nicht näher_ eingegangen werden. Es ist jedenfalls dank der treuen Mithilfe der Marktgemeinde und der tatkräftigen Unterstützung der Elternschaft gelungen, die Schule wieder so zu festigen und auszustatten, daß ein erfolgreiches Arbeiten gesichert ist.“

„Nachtrag zu: Unterstützung und Förderung der Schule – Der Skiklub 1906 Oberstdorf hat in entgegenkommender Weise aus den Erträgnissen der Skiflugwoche der Schule einen Betrag von 1000.- zur Verfügung gestellt zur Anschaffung von Leihskiern. Für diese hochherzige Spende sei dem Skiklub besonders herzlicher Dank gesagt.“

Kontakt

Verschönerungsverein Oberstdorf e.V.
1. Vorsitzender
Peter Titzler
Brunnackerweg 5
87561 Oberstdorf
DEUTSCHLAND
Tel. +49 8322 6759

Der Verein

Unser gemeinnütziger Verein unterstützt und fördert den Erhalt und Pflege von Landschaft, Umwelt, Geschichte, Mundart und Brauchtum in Oberstdorf. Mehr

Unser Oberstdorf

Seit Februar 1982 werden die Hefte der Reihe "Unser Oberstdorf" zweimal im Jahr vom Verschönerungsverein Oberstdorf herausgegeben und brachten seit dem ersten Erscheinen einen wirklichen Schub für die Heimatforschung. Mehr

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