Mitglieder des Kirchenchors um 1960
Der katholische Kirchenchor „St Johannis“ gehört zu den Kulturträgern des Ortes. Sein Wirken bei der Gestaltung von Gottesdiensten und Kirchenkonzerten stellt einen Beitrag zum kulturellen Angebot Oberstdorfs dar, welcher Einheimischen und Gästen zu Gute kommt. Das Singen dient dabei aber auch einer wichtigen menschlichen Entfaltung bei den Mitgliedern des Chores.
Wahrscheinlich gibt es den Chor schon längere Zeit, vermutlich seit dem 18. Jahrhundert. Beim Großen Brand von Oberstdorf 1865 sind in der Kirche aber alle Noten bzw. Hinweise auf sein Wirken verbrannt. Dieser Beitrag behandelt den Zeitraum der letzten 100 Jahre, die geprägt waren von den jeweiligen Chorleitern und auch von gelegentlichen Spannungen zwischen Kirchen- und Chorleitung. Für diesen Artikel konnte ich noch Personen mit persönlichen Erinnerungen befragen.
Um einen ersten Überblick zu geben, werden nachfolgend die einzelnen Chorleiter
des Zeitabschnitts aufgeführt:
• Siegfried Kuen 1922 – 1976
• Johannes Wallschlag 1978 – 1983
• Michael Klein 1983 – 1984
• Mathias Wanner 1985 – 1999
• Winfried Klein 1999 – 2000
• Mathias Wanner Sept. 2000 – Apr. 2001
• Johannes Böhm Apr. 2001 – Apr. 2017
• Christof Krippendorf Mai 2017 – Juni 2022
• Pavol Valasek ab Sept. 2022
Seit 1922 wirkte Siegfried Kuen (1903-1976) als Organist und Chorleiter in Oberstdorf. Er stammte aus einer schwäbischen Lehrer- und Musikerfamilie. Sein Vater, Lehrer und Glockensachverständiger, verlangte von seinen künstlerisch begabten Kindern, dass sie neben ihrer musikalischen Ausbildung noch einen „Brotberuf“ erlernten. Siegfried Kuen wählte das Uhrmacherhandwerk. Sein jüngster Bruder, der später berühmte Kammersänger Paul Kuen, machte eine Lehre als Klavierbauer.
In Oberstdorf heiratete Siegfried Kuen Frau Hildegard Dreher (1909 – 1981). Neben seiner musikalischen Tätigkeit betrieb der dreifache Familienvater in der Nebelhornstraße noch ein Uhrengeschäft mit Werkstätte. Außer seinen Aufgaben als Organist und Leiter des Männergesangsvereins war Kuen auch ein hervorragender Pianist, der aufgrund seiner Improvisationsgabe in jungen Jahren Stummfilme musikalisch untermalte, später in Ensembles für Tanzmusik und als Liedbegleiter wirkte.
Zu Kuens Zeit war es noch üblich, jeden Sonntag im Amt eine Messe mit Orgelbegleitung aus einem im Laufe von Jahrzehnten erarbeiteten Repertoire zu singen. Für höhere Feiertage und gelegentliche Konzerte wurden aber immer wieder Orchestermessen einstudiert und aufgeführt.
Über die Zeit von 1922 bis in die Fünfzigerjahre liegen nur wenige Daten vor. Aber Frau Margret Schall (geb. Schedler) konnte dazu etwas beitragen: Aus ihrer Familie waren sechs Personen Mitwirkende im Kirchenchor. Von diesen wirkten Lise Schedler (Tenor) und Hermann Schedler (Bass) vor und nach dem 2. Weltkrieg zeitweise auch als Solisten mit. Besonders herausragend war aber damals Anna Bader (geb. Schedler) als Sopransolistin. Sie sang noch einige Jahre nach dem 2. Weltkrieg. Für kurze Zeit folgte ihr Frau Johanna Kerle (geb. Geißler) nach.
Ab den Fünfzigerjahren liegen genauere Angaben vor. So wurden bis ca. 1976 folgende größere Orchestermessen aufgeführt:
• „Krönungsmesse C-Dur“ von W.A. Mozart
• „Theresienmesse B-Dur“ von Josef Haydn
• „Messe in C-Dur“ von Ludwig van Beethoven
• „Messe in B-Dur“ von Franz Schubert
Das für diese Messen erforderliche Orchester setzte sich aus Musikern des gesamten Oberallgäus zusammen. Aber die Gesangssolisten konnten alle aus dem eigenen Chor gestellt werden.
Während und nach dem 2. Weltkrieg lebten in Oberstdorf die beiden Sängerinnen Hertha Stolzenberg (1889 in Köln - 1960 in Oberstdorf), frühere Kammersängerin an der Deutschen Oper Berlin und Mimi Poensgen (1878 in Blumenthal - 1958 in Oberstdorf), dramatischer Sopran und Gesangspädagogin. Beide Sängerinnen gaben jedoch 1932 ihre jeweiligen Engagements auf. Wahrscheinlich konnten sie keinen arischen Nachweis erbringen und zogen sich daher rechtzeitig aus der Öffentlichkeit zurück.
Eine Reihe von jungen Oberstdorferinnen und Oberstdorfern nutzte die Gelegenheit und nahm bei ihnen Gesangsunterricht. Vom Kirchenchor waren dies Elisabeth Bader-Halder, Hildegard Kuen, Pepi Kaufmann, Anny Jäger, Sina Braxmair und Xaver Laber. Deshalb standen damals dem Chor viele ausgebildete Stimmen zur Verfügung.
Sopran-Soli sang bis zu ihrem Wegzug von Oberstdorf Mitte der Sechzigerjahre hauptsächlich Elisabeth Bader-Halder, danach trat Pepi Kaufmann, eine Tochter des Wirtes der Rappenseehütte, an ihre Stelle.
Alt-Soli sang Hildegard Kuen, Tenor-Soli Xaver Laber und die Bass-Partien übernahm Mitte der Fünfzigerjahre hauptsächlich Oberlehrer Otto Hengge.
1959 kam der Konzertsänger Baßbariton Willi Blaicher (1912 – 2003) mit seiner Frau, die hier einen Friseursalon eröffnete, nach Oberstdorf, trat dem Chor bei und übernahm bis ca. 1982 die anfallenden Baß-Soli. Häufig sang er am Ende der Proben noch ein Stück aus seinem Konzertrepertoire, begleitet von Siegfried Kuen.
Das Orchester dirigierte ab Ende der 50er Jahre der Musikstudent und spätere Schulmusiker Ottmar Ruhland, da Siegfried Kuen lieber an der Orgel begleitete. Bei den Orgelmessen an den „normalen“ Sonntagen dirigierten dann verschiedene Kräfte wie z.B. Max Bolkart von der Blasmusik, der aber auch Chormitglied war und gelegentlich Tenorsolo sang.
Im Jahre 1972 konnte das 50-jährige Dienstjubiläum von Siegfried Kuen im Hirsch gefeiert werden. Chormitglied Regina Zengerle verfasste dazu das feierliche Gedicht „Die Orgel“ und trug es vor.
Am dem 30.05.1976 wirkte der Chor noch bei der Einweihung der Sühnekirche in Wigratzbad (Westallgäu) mit (_Arthur Piechler_: Franziskusmesse).
Im Herbst 1976 verstarb dann nach längerer Krankheit Siegfried Kuen. Nach seinem Tod kam die Mitwirkung des Chores bei Gottesdiensten jedoch nicht ganz zum Erliegen. Zumindest an den hohen Feiertagen und einigen Sonntagen dazwischen mit einzelnen sporadischen Proben zur Vorbereitung sang der Chor Messen aus dem erarbeiteten Repertoire.
An der Orgel spielte Frau Martha Lacher, die bereits seit 1960 als Zweitorganistin tätig war. Sie war eine Nichte von Siegfried Kuen und spielte schon seit frühester Jugend Orgel. Später nahm sie auch noch Unterricht bei dem bekannten Professor Lehrndorfer aus München. Erst 2017 beendete sie ihre offizielle Tätigkeit.
Neben Frau Lacher wirkte der Hauptlehrer Langer aus Sonthofen als weiterer Organist. Der evangelische Kantor Heinrich Lüders half sowohl bei Proben als auch beim Orgelspiel aus. Das Dirigieren übernahm an Feiertagen der schon erwähnte Ottmar Ruhland, der dazu bis von Fürth anreiste und an „normalen“ Sonntagen dirigierte Max Bolkart.
An hohen Feiertagen wurde meistens die kurz zuvor noch von S. Kuen einstudierte Schubert-Orchestermesse in B aufgeführt. Anstelle der mit demTod des Mannes ausgeschiedenen Hilde Kuenmübernahm Frau Anny Jäger (1912 – 1987) die Altsoli und anstelle von Xaver Laber sang Max Bolkart (1910 – 1995) die Tenorsoli bis ca. 1985.
Am 04.12.1977 fand auf der Chorempore der Pfarrkirche eine Vorstellung von Kandidaten für die Stelle des neuen Chorleiters statt. Dabei war auch der Kirchenchor zugegen. Die Wahl fiel auf Johannes Wallschlag (1951 – 1993), der zu diesem Zeitpunkt noch an der Kirchenmusikschule Regensburg studierte. Nach deren Abschluss trat er ab September 1978 die neue Stelle an.
Ab dieser Zeit gab es wieder regelmäßige wöchentliche Chorproben. Sein Anfang war für manche Chormitglieder nicht leicht, denn es galt, sich an zeitgemäße Gepflogenheiten anzupassen:
• Singen in größeren Zeitabständen (höchstens an jedem 3. oder 4. Sonntag)
• Modernisierung des Repertoires
• neue kompakte Choraufstellung
• Einführung eines Einsingens bei Proben und vor Gottesdiensten
Aber Johannes Wallschlag übte auch eine Anziehungskraft auf jüngere Leute aus. In den Jahren 1978 und 1979 traten 26 Personen neu in den Chor ein. Dadurch konnte der Chor wieder auf ca. 40 Mitglieder wachsen. Wallschlag ging mit Chormitgliedern regelmäßig nach der Probe ins Gasthaus und organisierte gelungene Chorausflüge und Faschingsveranstaltungen.
In größeren Abständen veranstaltete er auch Kirchenkonzerte unter Mitwirkung des Chores. Besonders zu erwähnen sind hierbei die konzertanten Aufführungen der berühmten Cäcilienmesse von Charles Gounod zusammen mit dem Chor des Kleinwalsertals in Riezlern (19.02.1982) und später in Oberstdorf (29.12.1982).
Leider gab es intern im Verhältnis zu Pfarrer und Kirchenverwaltung größere Meinungsverschiedenheiten, so dass Herr Wallschlag seine Stelle zum Frühjahr 1983 kündigte und mit seiner Frau Monika, geb. Wimmer, zum großen Bedauern des Chores, nach Traunstein zog, wo er eine neue Stelle erhielt.
Nach dem Wegzug von Herrn Wallschlag konnte die Chorarbeit aber ohne Unterbrechung weitergeführt werden, da sich der Kantor der evangelischen Gemeinde Heinrich Lüders bereit erklärte, die Proben fortzuführen und dabei die Krönungsmesse von Mozart einstudierte. Beim Patrozinium am 26.06.1983 und an Mariä Himmelfahrt 15.08. wurde dann diese Messe im Hauptgottesdienst aufgeführt. Die Sopransoli übernahm von diesem Zeitpunkt an die Sopranistin Ulrike Riezler aus dem Kleinwalsertal (bis 2017). Die Tenorsoli sang Max Bolkart, die Baßsoli ab 1982 Hans Anton Jäger.