Abt Vogler im Jahr 1747 im Alter von 57 Jahren
Im neu gestalteten Geschichten- und Fundstückeraum im Oberstdorfer Heimatmuseum ist der alte Opferstock aus der Kapelle Maria Loretto, dem Mittelpunkt der Oberstdorfer Marienwallfahrt, aus dem 17. Jhdt., mit einem Marienmonogramm ausgestellt. Er wanderte 1804, nach der Schließung der Kapellen, zusammen mit dem Gnadenbild in die Pfarrkirche und wurde dort beim „Großen Brand“ 1865 stark beschädigt. Der weitere Verbleib des Opferstockes liegt im Dunkeln, bis 1930 das Gemeinde- und Fremdenblatt berichtete, dass der heimatkundlich interessierte Graf Christoph Voikffy den damals im Rathaus aufbewahrten Opferstock renovieren ließ und ihn 1932 ins neue Heimatmuseum brachte.
90 Jahre später, seit Frühjahr 2022, befindet sich nun neben dem Opferstock aus Loretto auch eine geschichtsträchtige Ofenplatte mit einem Wappen, von deren Verbindung mit Loretto hier erzählt werden soll.
Die Zuordnung der uns zunächst unbekannten Inschrift HA ZR auf dem Wappen war schnell hergestellt, da das Museum im Kornhaus in Bad Waldsee auf seiner Internetseite eben so ein Wappen mit der Jahreszahl 1714 zeigt.1 Nach deren freundlicher Auskunft wurden solche Wappen „in oder an jedes neue Bauwerk, besonders bei repräsentativen Bauwerken des 18. Jahrhunderts des jeweiligen Erbauers angebracht um zu demonstrieren, wer für den Neubau verantwortlich zeichnet. Das konnten Wappen in Stein oder eben auch zusätzlich gusseiserne Ofenplatten sein.“
Die damals weitverbreiteten Wappenplatten beschrieb Werner Grundmann bereits in dieser Heftreihe (Nr. 3) als Huldigungen an den Gebiets- oder Grundherren.
1 Herzlichen Dank an Frau Brigitte Hecht-Lang in Bad Waldsee für die freundliche Auskunft
Als „Zinsplatten” waren sie zugleich Mahnungen für den Bauern, der zu Zinsleistungen den Herren gegenüber verpflichtet war. Man behielt die Zinsplatten selbst nach Ablösung der Lehenspflicht (Leibeigenschaft) gegen 1900 als nützliche und schmucke Relikte gern im Haus. Sie dienten hinter offenen Feuerstellen dem Schutz der Wand und strahlten zugleich die Hitze in den Nachbarraum aus.
Das Wappen zeigt also: HA ZR für Hermann Abt zu Rot, in ovalem, durch einen mit Kreuzbalken viergeteilten Schild im 1. Feld und im 4. Feld einen gekrümmten Salm mit einem Ring im Maul (nach Legende der hl. Verena, Kirchenpatronin von Rot2) und im 2. und 3. Feld einen auffliegenden Vogel, der von einem Mann gehalten wird.
Das Besondere daran: dieser Abt Hermann Vogler (1680 – 1749) war einer der vielen Oberstdorfer, die auch außerhalb ihrer Heimat als Geistliche segensreich tätig waren. Getauft wurde er als Joseph Vogler am 5. Oktober 1680, seine Eltern waren Jerg Vogler und Maria Hartman. 1687 legte er unter dem Klosternamen Herman mit knapp 17 Jahren im Kloster in Rot sein Profess (Ordensgelübte) ab. In Dillingen widmete er sich theologischen, philosophischen und juristischen Studien. 1704 feierte er seine Primiz, ebenfalls im Kloster Rot.
Als Nachfolger von Abt Martin Ertle, einem gebürtigen Greggenhofener aus der Pfarrei Untermaiselstein, wurde er Abt im Kloster Mönchsrot (Rot an der Rot) im heutigen Landkreis Biberach. Dort wirkte er von 1711 – 1739 als Abt des Prämonstratenser-Klosters. Der für Wallfahrt und Marienverehrung begeisterte fromme Abt Vogler verehrte u. a. auch die hl. Theresia von Avila, und mit der Mystikerin und später selig gesprochenen Crescentia Höss von Kaufbeuren stand er in Briefkontakt.
Die zweite interessante Besonderheit der Ofenplatte für Oberstdorf ist die Jahreszahl 1714. In der „Geschichte des Marktes Oberstdorf“ lesen wir, dass dieser Abt Hermann Vogler zum Andenken an seinen Besuch des Gnadenaltares in Loretto ein schönes Gemälde stiftete. Es ist heute noch auf der linken Seite in der Marienkapelle in Loretto zu sehen.
2 Die Heiligenlegende berichtet, dass Verena in Zurzach am Rhein als Wirtschafterin eines Priesters dessen goldenen Ring in Verwahrung bekommt. Er wird ihr von einem Diener gestohlen, aber dann aus Furcht vor Entdeckung in den Rhein geworfen. Ein Fischer bringt dem Pfarrer einen Salm, in dessen Bauch man den Ring findet. Der Priester lässt daraufhin Verena eine Zelle bauen, in der sie bis zu ihrem Tode (344) wohnt. Vermutlich hat wegen dieses Fisches auch Fischen im Allgäu die hl. Verena zur Kirchenpatronin
Auf ihm ist Abt Hermann Vogler selbst mit dem Gefolge seiner weiß gekleideten Ordensbrüder und der Ansicht des
Klosters Rot abgebildet, wie er sich 1714 der in den Wolken erscheinenden wundertätigen Frau von ‘Loreto‘ ergibt.
In der rechten unteren Ecke hält ein Engel eine ovale gerahmte Tafel mit der lateinischen Stifterinschrift.
3 Regina Zirkel-George lässt uns, vielleicht durch das Gemälde angeregt, in dieses Jahr 1714 eintauchen.
In ihrer Geschichte über Elias Hueber erzählt sie unter anderem, dass der Alpmeister dem Hirten Michael Weißenbach auf Bierenwang _„von einer großen Wallfahrt erzählt, die am nächsten Sonntag zur Altarweihe nach Loretto kommen
sollte._
Der Abt Josef Hermann von Kloster Roth, selber ein Oberstdorfer Kind, käme mit seinem ganzen Konvent.“ Und weiter: „Als Weißenbach von Schwand hinunter nach der Zimmeroy sprang […] da kam ihm das festliche Geläute der Oberstdorfer Kirchenglocken entgegen.“
Dann: „Schon von Ferne sah der Weißenbach ein schwarzes Menschengewimmel um Kapellen und Pilgerhaus wogen. Näherkommend unterschied er bald, dass rechts und links an der Straße auch noch Buden aufgestellt waren, wie etwa an Markttagen um die Pfarrkirche. Und während sie schon kleine Erfrischungen und Wachs zum Opfern kauften, blickten die herbei geströmten Landleute doch immer wieder die Straße hinab, die ins Dorf führt.
Schon krachten Böllerschüsse in der Ferne. ‘Sie kommen aus der Kirche!‘ rief ein Vorbeieilender. Alles drängte sich in zwei Reihen rechts und links der Straße, denn jedes wollte die Prozession sehen. Da kamen die Fahnen feierlich die lange Straße heraufgewandelt. Farbig prangten sie zwischen den grünen Alleebäumen und reich prunkten funkelnde Goldstickereien und Quasten in der Sonne. Eine Oberstdorfer Pfeiferschar zog voraus. – Michael stellte sich auf die der Lorettokapelle gegenüberliegende Seite, denn er hatte gehört, dass der Platz um die Linde für die Pilger sogleich geräumt werden müsste.
3 Weil auf diesem Bild Bauten enthalten sind, die erst 1723 errichtet worden sind, ist das (üblicherweise genannte) Datum 1714 allerdings zu hinterfragen. Möglicherweise hat Abt Vogler das Bild erst später gestiftet.
Als die Musikanten vorbei waren, kamen von Mönchen in schneeweißen Gewändern getragen, das hohe, goldglänzende Wallfahrtskreuz, die Fahnen des Rother Konvents, Rauchfässer und Brennende Kerzen.
Seite an Seite, auf einem Rappen der eine, auf einem herrlichen Apfelschimmel der andere, ritten der Oberstdorfer Pfarrherr Lukas Jäger und der fremde Abt. Das war nun der Josef Vogler, der vor 15 Jahren ein Prämonstratenser geworden und heute zur Ehre seiner Heimat mit den weißen Vätern kam!
Hinter den beiden großmächtigen Reitergestalten aber folgte noch eine lange Reihe kerzentragender Kanoniker. Endlich schloss viel Volkes den Zug – Vor dem Vorzeichen der Marienkapelle, dem ‘Schöpfle‘, stand in spitzengeschmückter Albe der Wallfahrtskapellen Herr Michael Aichelsberger und empfing die Prozession.
Als die beiden Reiter vom Pferde gestiegen waren, ging er hinter ihnen über die mit rotem Teppich belegte Schwelle. Eine Unzahl von Kerzen flimmerte in der Kapelle, die sich schnell mit dem Rother Konvent und den wenigen bevorzugten Oberstdorfern füllte. – Rechts und links des Vorzeichens hatten die Mönche ihre herrlichen Fahnen aufgestellt.
Die Pferde waren hinüber in des Kaplans Buind geführt worden. Die Glocken schwiegen. Das feierliche Hochamt begann. – Mächtig dröhnte der Gesang der Mönche aus dem kleinen Gotteshause und die rund um die Gnadenstätte kniende Volksmenge lauschte andächtig und still.“ Und: „Endlich als der Pilgerhaufe sich drüben im Unterkunftshaus gütlich tat, der Abt und die hohen Herren aber sich mit dem Pfarrer nach dem Markte zurückgezogen hatten, verlief sich auch die fremde Volksmenge.“
(Das „Benefizatenhaus“ in Loretto wurde 1661 ursprünglich als Pilgerhaus errichtet und beherbergte bestimmt schon 1665 die ersten Wallfahrer aus dem Lechtal).
Abt Herman Vogler blieb auf alle Fälle im Gedächtnis der Oberstdorfer. In der „Geschichte des Marktes Oberstdorf“ ist vermerkt, dass in den 1960er Jahren einige Oberstdorfer sein Grab in Rot besuchen wollten und recht enttäuscht waren, dass von diesem damals dort nichts mehr bekannt war.
Die allgemeine Auflösung (Säkularisation) der Kirchen und Kapellen 1804 erreichte auch die Wallfahrtskapelle Maria Loretto. Die Orgel kam ins Meßnerhaus.
Wie schon oben erwähnt, wurde das Gnadenbild in die Pfarrkirche gebracht: „der traurigste Tag, da musste man sehen, das mirakulose Gnadenbild zu Loretto, nachmittags um 1 Uhr mit Kreuz und Fahnen hereingetragen und in die Pfarrkirche übersetzen, alles Klein und Groß hat geweinet…“ ist im Heft über die Loretto Kapelle zu lesen.
Nachdem die Oberstdorfer 1806 die Kapellen für 800 fl (Gulden) gekauft hatten, durften die Kapellen wieder geöffnet werden. Das Gnadenbild kehrte 1828 und die Orgel erst 1843 nach Loretto zurück.
1827 - 1835 wurde Johann Michael Lerf, geboren 1806 in Eggen bei Kempten, Kaplan in Oberstdorf und hat bestimmt miterlebt, wie das Gnadenbild 1828 wieder an seinen ursprünglichen Platz nach Loretto kam. 1836 - 1839 wurde er selbst Benefiziat in M. Loretto zu Oberstdorf.
Benefiziat Lerf brachte das seit 1804 bis 1836 unbesetzte Wallfahrts-Beneficium „durch eine Colekte in der Pfarrei und Nachbarschaft zu einer solchen Höhe, dass es wieder besetzt werden konnte, und so wurde Herr M. Lerf auch wirklich nach 32 Jahren der Erledigung der erste neue Benefiziat zu S. Maria Loretto.“ schrieb Pfarrer Stützle 1848.
Ab 1839 wirkte Michael Lerf als Pfarrer in Schöllang, wo er im Auftrag des bischöflichen Ordinariates und kgl. Landgerichts zufolge die Schöllanger Matrikelbücher mit Hilfe des Sohnes von Lehrer Buhl 1834 bis zum Februar 1840 ergänzte.
Die Schöllanger Pfarrchronik berichtet „1847 Pfarrer Lerf sei für das Bild auf dem Hochaltar in der Burgkirche (hl. Michael) eine große Summe geboten worden. Daraus schloß man auf großen Wert desselben und wurde dann in den Hochaltar in Schöllang übersetzt.“ und weiter: „1839- 1853 Pfarrer Johann Michael Lerf gebürtig von Kempten, ein sehr tüchtiger und beliebter Pfarrer.
Pfarrer Lerf war früher in Oberstdorf, durch seine Bemühung wurde das Benefizium in Loretto gegründet. Er war sehr lebhaft, guter Gesellschafter, konnte alle Vögel nachahmen in ihrem Gesang, sprang als Kaplan über sehr hohe Zäune und breite Gräben, einmal noch in Oberstdorf übersprang er einen sehr breiten Graben, er möchte dabei eine innere Verletzung empfangen haben, und soll der Abszess an dem er starb von daher entstanden sein.“
Verstorben ist Pfarrer Joh. Michael Lerf am 03.12.1853 mit 47 Jahren und 8 Monaten in Schöllang „morgens 1 Uhr Tod und 5. Dezember morgens 9 Uhr Beerdigung des Hochw. Hr. Pfarrers Johann Michael Lerf.“
Abt Hermann Voglers schöne Wappenplatte kam erstaunlicherweise 2022 in Oberthalhofen bei Umbauarbeiten zu Tage. Eine Verbindung mit Loretto war zunächst unklar, bis sich im Kataster ein Hinweis fand.
Pfarrer Lerf wurde hier 1853 als kurzzeitiger Vorbesitzer eben dieses Hauses in Oberthalhofen genannt. Nehmen wir also an, dass der kunstsinnige Johann Michael Lerf die bedeutungsvolle Wappenplatte für die Nachwelt „gerettet“ hat.
Welch ein Glücksfall, dass Familie Bechteler sich mit diesem bedeutsamen Fund gleich an das Oberstdorfer Museum gewandt hat und ihm die Ofenplatte überlassen hat! Ganz herzlichen Dank für diese besondere Bereicherung der vielfältigen Sammlung des Heimatmuseums.
Das Heimatmuseum hat Dienstag bis Sonntag von 11.00 bis 17.00 Uhr geöffnet.
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Quellen:
• Zirkel, Grundmann „Geschichte des Marktes Oberstdorf“, Band 3
• Werner Grundmann, Archiv
• Dieter Weigel, „Unser Oberstdorf“ Heft 6
• M. Petzet, Die Kunstmäler des Landkreises Sonthofen
• Pius Bieri www.sueddeutscher-barock.ch