Beim Schneiden einer Platte kam in Petersbuch dieses Petrefakt (Versteinerung) zutage. (Bild:Adolf Schleich)
Anfang der 1990er Jahre mussten umfangreiche Sanierungsmaßnahmen bei den Loretto-Kapellen durchgeführt werden. Vor allem die aufsteigende Feuchtigkeit in den Gemäuern bedrohte die Bausubstanz. Auch die Fußböden sollten teilweise erneuert werden. All diese Vorhaben waren natürlich nur mit einem hohen Kostenaufwand zu bewältigen und so hatte der zuständige Kirchenpfleger die Idee, dass die in der Gemeinde vorrätigen Traufbergsteine hierfür verwendet werden könnten.
1990/92 hatte die Marktgemeine Oberstdorf die einheimische Firma Geiger beauftragt, mit schwerem Gerät eine größere Anzahl von Steinen aus dem Traufbach zu entnehmen. Ein Teil dieser Steine wurden dann im Oberstdorfer Ortsbereich als Schaustücke an breiten Gehsteigen aufgestellt. Das restliche Material, an das der Kirchenpfleger gedacht hatte, lagerte seitdem an der Stillach.
Die Gemeinde griff die Idee auf und nahm Verbindung mit den „Frankenschotter-Werken“ in Petersbuch bei Eichstätt auf. Die Firma, die Steinplatten aus Muschelkalk für Fenstersimse, Treppenbeläge usw. herstellt, nahm den Auftrag an und somit lenkte Hans Scharl einen schwer beladenen LKW viermal von Oberstdorf nach Petersbuch, wo die Oberstdorfer Traufbergsteine fachgerecht zu Platten geschnitten wurden.
Der Traufbergstein oder Traufberger Marmor, wie man ihn in Oberstdorf nennt, wird in der Geologie als Hierlatzkalk bezeichnet. Geschnitten und poliert wirkt der Traufbergstein tatsächlich wie echter Marmor, obwohl er keiner ist, weil er keine kristalline Struktur aufweist. Die weißen Calzit-Adern und die Einschlüsse (meist calzinierte Stielglieder von Seelilien, seltener Ammoniten) wirken wie weiße Speckstücke in einer Blutwurst.
Wegen dieser interessanten Struktur und dank seiner guten Polierfähigkeit eignet sich der Stein sehr gut für Fußböden und Portale im Innenbereich von Sakralbauten. Nachteilig sind seine Empfindlichkeit gegen Verwitterung und seine
Härte und Sprödigkeit bei der Bearbeitung. Im Traufbachtal wurde der Stein schon seit Jahrhunderten abgebaut und laut Überlieferung war dort früher eine Steinsäge installiert. So war z.B. das äußere Portal der Josefskapelle ursprünglich aus Traufbergstein ausgeführt. Weil es jedoch ständig der Witterung ausgesetzt war, wies das Portal aus Traufbergstein erhebliche Schäden auf.
Um 1960 musste deshalb auf Veranlassung des Benefiziumvikars von Loretto, Clemens Schwandner, das Portal aus einem widerstandsfähigeren Material neu errichtet werden.
Monsignore Werner Schnell war Anfang der Neunzigerjahre der Leiter des Diözesanbauamtes in Augsburg.
Er ließ seinen Mitarbeiter Felix Landgraf einen Entwurf für einen neuen Altar zur Appach-Kapelle entwerfen und
nach diesem Entwurf fertigte ich ein Styropormodell im Maßstab 1:1 an.
Monsignore Werner Schnell war ehemals Kaplan in Oberstdorf. Am 13. Juli 2023 ist er in den ewigen Frieden heimgegangen. Wir verneigen uns in Hochachtung vor seiner Person.
Das Styropormodell demonstrierte sehr anschaulich, wie die Figur des 1971 gestohlenen und 1972 wieder aufgetauchten Auferstandenen auf dem Altar platziert werden konnte.
Alsdann wurde der neue Altar angefertigt. Die Altarplatte schnitt man aus einem Traufbergstein, ebenso die Plinthe als Basis der Figur.
1993 erfolgte dann die Erneuerung der Fußböden in der Appach-Kapelle, wobei hier das Sternmuster der Holzdecke nachgeahmt wurde. Anschließend erfuhr das Vorzeichen (Schöpfle) der Loretto-Kapelle eine Erneuerung.
Im Jahr 2000 erhielt die Josefs-Kapelle einen neuen Fußboden und im Vorzeichen und im Fries entlang der Mauern im Schiff ist in Majuskeln „RENOVATUM 2000“ zu lesen.
Für die fachgerechte Planung und Überwachung dieser Maßnahmen zeichnete der Architekt Sepp Noichl (1931-2004) verantwortlich. Auch ihm gilt posthum mein herzlicher Dank! Ruhe in Frieden!
Die anfangs erwähnten Kosten wurden folgendermaßen aufgeteilt: Die Katholische Pfarrkirchenstiftung übernahm die Restaurierungskosten für die Wandfresken in der Appach-Kapelle (75 000 DM). Alle übrigen Kosten beglich der Markt Oberstdorf, der jedoch darauf drängte, dass die Kirchenstiftung zukünftig die Baulast übernimmt, was auch vertraglich vereinbart wurde. Meines Erachtens eine sehr einseitige Regelung, die aber auch seitens der Bischöflichen Finanzkammer unwidersprochen blieb. Ich gebe aber zu bedenken, dass das Loretto-Ensemble ein sakrales Kulturgut aller Oberstdorfer ist und nicht nur der Katholischen Kirche!
„Was du ererbt von deinen Vätern, erwirb es, um es zu besitzen!“ (J.W. von Goethe)
Wichtig ist jedoch, dass die oben beschriebenen Erhaltungsmaßnahmen abgeschlossen werden konnten. Aber der Zahn der Zeit kennt keine Gnade!
Im Jahre 1994 schien eine neue Eindeckung mit Schindeln der Marienkapelle unaufschiebbar. Dabei sollte jedoch auch der über die drei zurückliegenden Jahrhunderte aus der Symmetrie geratene Dachstuhl über der Kuppel korrigiert werden. Die Schäden waren so erheblich, dass die darunter befindliche Kuppel gefährdet war.
Aus baulicher Sicht ist wissenswert, dass die aus Tuffstein gemauerte Kuppelschale nur etwa 15 cm dick ist und schon gegen das Orgelchörle hin einen fingerbreiten Riss aufwies. Trotzdem war ich schon mehrmals darüber gerobbt und es hat gehalten. Tuff ist sehr leicht und porös und verbindet sich gut mit Kalkmörtel. Ein großes Lob den Handwerkern, die zur Bauzeit der Kapelle so famos gearbeitet haben!
Nun wurde mit dem Architekten Sepp Noichl und mit der Zimmerei Hornik & Schleich darüber beraten, wie man die Arbeiten an Dachstuhl und Dach zügig erledigen könnte, ohne der Unbill der Witterung ausgesetzt zu sein.
Schließlich kam man zu dem Schluss, ein sturmsicheres Schutzdach zu erstellen. Für die Dimensionierung dieses Daches war zum Glück eine Bauaufnahme von 1954 zur Hand. Dieses pyramidenförmige Schutzdach wurde dann auf einem Nachbargrundstück gefertigt.