Max Speiser (1866-1935) Bild: Archiv Johann Althaus
„Ich will kein Buch schreiben, könnte dies mit meiner kaum achtmonatigen Werktagsschulbildung, die wegen langjähriger Krankheit so kurz ausfiel, ja auch garnicht. Aber vielen Naturfreunden und deutschen Jägern, die unsere schönen Allgäuer Berge nicht kennen und bejagen können, möchte ich in unserer Sprache, Art und Ausdrücken wenigstens von diesen Bergen und ihren Tieren etwas erzählen.“ (Max Speiser, Oberjäger – Oberstdorf im Allgäu, Oktober 1935)
Diese Aussagen des Autors und seines Jagdherrn beziehen sich auf die Tagebuchnotizen und Beobachtungen von Oberjäger i.R. Max Speiser, die 1935 in dem Buch „Erlebnisse eines Bergjägers“ ihren literarischen Niederschlag fanden. Die Wertschätzung, die dieses Buch bis in die heutigen Tage erfährt, lässt sich daran ablesen, dass
Max Speiser und sein Buch 2022 in das Literaturportal Bayern aufgenommen wurden.
Doch Max Speiser war ein bescheidener Mensch und so erfahren wir beim Lesen seiner Erlebnisse als Jäger wenig über ihn selbst und seine Familie. Dies ist bedauerlich, ist doch auch sein „privates“ Leben, was natürlich immer mit seinem Beruf und seiner Berufung, der Jagd, verbunden ist, höchst bemerkenswert.
Max wird am 6. Juli 1866 in Sonthofen als Sohn eines Landwirts geboren. Seine Kindheit ist geprägt von einem Schicksalsschlag, dessen Folgen Max Speiser ein Leben lang begleiten werden. Im Alter von 6 Jahren stürzt er vom heimischen Heuboden und bricht sich die Hüfte. Die schwere Verletzung fesselt ihn jahrelang ans Krankenbett und führt dazu, dass Max nur die oben erwähnte „achtmonatige Werktagsschulbildung“ genießen kann, weil sie einen geregelten Schulbesuch unmöglich macht.
Die aus dieser Verletzung resultierende Einschränkung ist auch verantwortlich dafür, dass Max zeit seines Lebens „krumm geht“, also hinkt. Wenn man bedenkt, welche Strecken er in seinem Leben als Revierjäger zurücklegt, ist dies eine sehr erstaunliche Tatsache und zeugt von einem starken Willen und von Beharrlichkeit.
Aber damit nicht genug der Schicksalsschläge! 1875 stirbt seine Mutter im Wochenbett, nach der Geburt seiner Schwester Verena (17. April 1875 - 28. Januar 1957). Wie der Lebensweg des jungen Max danach verläuft, das lässt sich nicht genau belegen. Doch in seinem Buch finden sich vereinzelt Hinweise auf seinen Werdegang, ehe er später in die Dienste des Cornelius von Heyl in Gerstruben eintritt.
„Ehe ich in das Hochgebirge kam, war ich einige Jahre bei einem Herrn in den Vorbergen.“ (EeB, S.1) — Mit diesen Worten leitet Max Speiser die erste Geschichte in seinem Buch ein. Was er unter „Vorbergen“ versteht und wer sein „Herr“ ist, bleibt offen, ist jedoch ein konkreter Hinweis darauf, dass Max in jungen Jahren eine Ausbildung als Jäger absolviert.
Welch ausgezeichneter Schütze Max Speiser zu dieser Zeit schon ist, beweisen diese beiden Prämien, die er bei großen Wettschießen (1888 und 1890) gewinnt:
Speiser reiste offensichtlich bis nach München und nach Berlin, um an diesen Wettbewerben teilzunehmen (Bidler: Archiv der Marktgemeinde Oberstdorf)
Etwas genauer werden seine biographischen Aussagen im weiteren Verlauf seiner Erinnerungen:
„Mein Vater hatte seiner Zeit eine kleine Eigenjagd hinter Spielmannsau: Schießer, Sperrbach und Trettach, ein abgelegenes, wildes, minderes Gemsrevier mit zirka siebenhundertfünfzig Tagwerk. Da der Vater selbst nicht Jäger war und auch keine Zeit zur Jagd gehabt hatte, war es jahrelang um fünfundzwanzig Mark an den Regenten ver-
pachtet. Als ich achtzehn Jahre alt wurde, hatte ich meinen Vater solange gebettelt, bis er das kleine Revier selbst behielt, und ich es nebenher begehen durfte. Das war 1885.“ (EeB, S.112)
Dieses „nebenher“ verweist wahrscheinlich darauf, dass Max neben seiner Anstellung in den „Vorbergen“ in der väterlichen Landwirtschaft hilft.
„Im Frühjahr 1889 hatte mich mein Vater ins Lechtal geschickt, um etwas Vieh zu kaufen. Ich brachte acht Kühe zusammen und wollte sie mit mehreren Oberstdorfer Bauern und Händlern über den Schrofenpaß durchs Rappenalpertal herausnehmen.“ (EeB, S.10)
Diese väterliche Landwirtschaft scheint zu den damals größeren im Umkreis gehört zu haben, denn acht Kühe auf einmal zu kaufen, war im oberen Allgäu sicherlich nur wohlhabenden Bauern vorbehalten.
Aufschlussreich bezüglich Max Speisers beruflichem und privatem Lebensweg sind die nachfolgenden Ausführungen. Erstmals taucht der Name Gerstruben auf und auch der Hinweis darauf, in wessen Diensten er dort unterwegs ist. Die „Kemptner Herren“ sind wohl niemand anderer als die Mitglieder einer Kemptener Elektrizitätsgesellschaft, die 1892 Gerstruben kauften, um im Hölltobel ein Wasserkraftwerk zu errichten.
„Es war im Sommer 1893, …; ich hatte damals die Jagd in Gerstruben zu begehen und war noch ein junges flinkes Bürschlein und ein guter Steiger, mit Berg und Jagd verwachsen wie die Äste mit dem Baum.“ (EeB, S.24)
„Im Nachsommer 1893 beging ich für die damaligen Besitzer, Kemptner Herren, die schöne, aber noch kleine Gerstruber Jagd. Ich war immer nur vorübergehend einige Tage droben und wohnte sonst in Niederdorf, wo ich ein nettes Anwesen besaß, nahezu drei Stunden von Gerstruben entfernt. Auch hatte ich eine kleine Jagd zwei Stunden hinterm Rohrmoos in Pacht und konnte sonst noch in Fischen, Langenwang und an anderen Orten mitjagen. Damit man nicht immer wußte, wo ich war, mußte ich viele lange Nachtmärsche in die verschiedenen Reviere machen.“ (EeB, S.28)
„Im Jahre 1893 hatte ich von meinen Verwandten in dem schönen Rohrmooser Tal ein kleines, aber sehr gutes Revierlein – wie man so sagt, eine richtige Strumpfkappenjagd gepachtet;“ (EeB, S.12)
Neben der erstaunlichen Tatsache, dass sich Max Speisers Jagdleidenschaft in diesen Jahren auf mehrere Reviere verteilt, ist ebenfalls aufschlussreich, dass er ein Anwesen in Niederdorf (bei Obermaiselstein) besitzt. Doch obwohl er nun nicht mehr auf dem elterlichen Hof in Berghofen bei Sonthofen wohnt, ist er noch lange Zeit Bürger der Gemeinde Sonthofen.
„1894, an einem Balzmorgen, war ich mit einem Doppelbüchsdrilling bei den vier Schinden im Gerstrubergündle gesessen.“ (EeB, S.16)
Er orientiert sich aber beruflich und privat immer mehr nach Gerstruben und Oberstdorf, denn er bleibt weiterhin in Diensten der „Kemptner Herren“ und um 1895, Max ist zu dieser Zeit schon fast 30, heiratet er Johanna Schratt aus Oberstdorf. Johanna stammt auch aus einer Familie, die der Jagd sehr zugetan ist.
1896 erwirbt Cornelius Freiherr von Heyl zu Herrnsheim (Besitzer der Wormser Lederwerke Cornelius Heyl AG von 1834 und Reichstagsabgeordneter) Gerstruben und das Gebiet im Dietersbachtal und macht es zu seiner Jagd. Cornelius Heyl übernimmt den ortskundigen Jäger Max Speiser in seinen Dienst, den Max dann viele Jahre mit der ihm eigenen Sorgfalt und Begeisterung versieht.
Verena, Max und Johannas Erstgeborene, kommt am 13. Oktober 1897 zur Welt. Paula, die zweite Tochter, wird am 24. November 1899 in Gerstruben geboren und zwar im Haus Nr. 7, das damals Speisers Dienstwohnung ist, die Heyl für ihn eingerichtet hat.
Es ist zwar nur eine Vermutung, aber dass Speiser vor allen anderen aus der Jagdgruppe direkt neben Cornelius Heyl platziert ist (photographische Aufnahmen waren damals keine zufälligen Schnappschüsse), lässt darauf schließen, dass Max Speiser in der Hierarchie von Heyls Jägern von Anfang weit oben angesiedelt ist und er deshalb mit seiner Familie das „Privileg“ einer Dienstwohnung genießen darf.
Ein langjähriger Weggefährte Speisers in Gerstruben ist der gleichaltrige Jäger Medardus Rohrmoser (4.6.1866 - 23.8.1946).
Medardus, gebürtig aus Kierwang, kommt als Landwirt und Jäger nach Oberstdorf. Er heiratet Therese Speiser aus Kornau und ist mit ihr auf einer kleinen Landwirtschaft am Burgbichl wohnhaft. Nachdem diese infolge einer Erbteilung verkauft werden muss, erhält er eine Stellung als Revierjäger bei Cornelius Heyl.
Heyl gibt Medardus auch das Haus Nr. 3 in Gerstruben mit etwas Grund dazu, um dort eine kleine Landwirtschaft betreiben zu können. Man spricht nun nur noch vom „Medardese-Hisle”, in welchem auch alle seine vier Kinder zur Welt kommen.
Als die Kinder schulpflichtig werden, zieht die Familie an den Haseltopf, weil der steile Gerstruber-Stieg doch zu sehr den Lawinen ausgesetzt ist und damit zu gefährlich für den Schulweg.
Max Speiser mit Familie lebt bis nach der Jahrhundertwende in Gerstruben, siedelt dann aber in das Heylsche Jagdhaushaus am Renneblock um, wo er sich wieder in unmittelbarer Nachbarschaft zu Rohrmoser befindet. Das Haus am Renneblock des Ludwig Jäger (Christlessee) ging im Dezember 1907 durch Kauf in den Besitz von Cornelius von Heyl über.