Der Wilde-Männle-Tanz in Oberstdorf - Ein Deutungsversuch seines kultischen Gehalts

von Arthur Schult am 01.10.2009

„Odins Runenlied” im Hävamäl der Edda kündet vom Ursprung der Runen: Der Göttervater Odin selbst hat sich der Welt zum Opfer gebracht, hat, vom Speer durchbohrt, neun lange Nächte am Weltenbaum Yggdrasil gehangen, der davon seinen Namen empfing. Denn Yggdrasil heißt „Träger des Ygg”, des „Schrecklichen”. Ygg war ein Beiname Odins. So wie der griechische Philosoph Platon davon spricht, daß die Weltseele auf ein Weltenkreuz im Kosmos gespannt sei, so berichtet die Edda vom Hängen Odins am Weltenbaum, der den ganzen Sternenkosmos darstellt. Nur durch dieses Selbstopfer erringt Odin die Sternenweisheit der Runen, die er dann den Menschen als kosmisches Geheimwissen, als höchste Weisheit vermittelt.

Das Wort Runen wird vom gleichen Stamme gebildet wie das hochdeutsche Wort raunen. Die Runenweisheit wird nicht öffentlich verkündet, sie wird vom Meister weitergegeben an den Schüler als Geheimwissen, das man sich nur ins Ohr raunt. Der gotische Bischof Wulfila übersetzt um 370 n. Chr. das germanische Wort „runa” mit dem griechischen Wort Mysterion, das die Bedeutung „Geheimnis” oder „Weihezeichen” hat und als sacramentum, Sakrament oder Weihehandlung ins Lateinische übertragen wurde.

Die Runen sind nämlich ursprünglich nicht Buchstaben, sondern heilige Bildzeichen und magische Kraftsymbole für die Sternenbilder des Himmels, für die Feste, Weihestufen und Monate des Jahres, für die kosmischen Wirkungen des Himmelsgottes auf seiner Jahresbahn durch den Sternenkreis. Der Jahreskreislauf der Sonne ist aber gleichzeitig das Bild aller Lebenskreise und Lebensläufe. Da die göttlichen Sternenkräfte, deren Zeichen die Runen ursprünglich waren, in allem irdischen Leben sich offenbaren, sind diese Runen als Symbolzeichen auch auf alle irdischen Wesen und Vorgänge zu beziehen. So stellt die Runenreihe das umfassendste Wissen vom Sternenwirken in Erdenstoffen, vom Zusammenhang der himmlischgeistigen Welt mit dem irdisch-stofflichen Leben dar. Die Kräfte der göttlichen Geistwelt strömen aus den Sternensphären, welche durch die Runen symbolisiert werden, unter Vermittlung der Sonne nieder auf Erde und Menschheit.

Die ältesten Runen waren also magische Kraftzeichen aus dem Kultus des Himmels und Sonnengottes. Diese magischen Zeichen ritzten dann die Germanen, wie uns der römische Historiker Tacitus berichtet, beim Losorakel auf Buchenstäbchen ein. Nach diesen Buchenstäbchen nennen wir noch heute unsere Schriftzeichen Buchstaben. Das deutsche Wort „lesen” meint ursprünglich das „Auflesen” jener Buchenstäbchen beim altgermanischen Losorakel. Der Sternenhimmel mit seinen Bildern ist das älteste Buch der Menschheit. Die Runen stellten ursprünglich diese Sternenschrift des Himmels dar. So wissen wir z. B. auch, daß das hebräische Alphabet und die ägyptischen Hieroglyphen ursprünglich Symbolzeichen für Sternenweihegrade waren. Erst später wurden diese himmlischen Zeichen zu irdischen Buchstaben.

Dieses uralte Sternenwissen fand bei vielen Völkern seine Darstellung in Mysterienspielen und kultischen Tänzen. Der „Wilde-Männle-Tanz” in Oberstdorf ist der ehrwürdige Rest eines solchen Kulttanzes aus germanischer Vorzeit. Im letzten Teil des Tanzes, wo das Kultbild des Gottes Thor aufgestellt wird, ist es klar zu erkennen, daß es sich hier um einen Kulttanz für den Gott Thor handelt.

Odin, Thor und Tyr waren die drei hervorragendsten altgermanischen Götter. Jeder von ihnen wurde zu einer bestimmten Zeit einmal als der höchste Gott verehrt. Zur Zeit, als die eingangs zitierte Edda entstand, galt Odin als der höchste Gott, in früheren Zeiten waren das einmal Thor und Tyr. Thassilo von Scheffer sagt mit Recht: „Thor-Donar war ursprünglich das Haupt der arischen Gottheiten und genoß ganz besonders im Norden an erster Stelle Verehrung, zumal beim einfachen Volke” (Thassilo von Scheffer, Germanische Göttersagen, S. 18). Besonders die Bauern und die Bewohner der Gebirgstäler verehrten Thor als Herrn des Himmels und der Erde. Er ist der Gott des fruchtbringenden Gewitters, dessen Blitzhammer durch die Wolken fährt, der Gott der Vegetation und Zeugungskraft. Seine Gattin ist Sif, d. h. „die Sippe”; auch sie steht sichtlich in engem Zusammenhang mit dem sprossenden Erdreich. Seine Mutter ist Jörd, die Mutter der Erde. Seine Himmelswohnung heißt Thrudwang, „das Gefilde der Kraft”. Asa-Thor, der Himmelsbaumeister, dreht das Himmelsgewölbe um seine Achse und überwindet mit seinem Blitzhammer alle Finsternismächte und Riesengewalten.

Thors zweiter Name ist Donar, der Donnerer. Der Donnerstag war ihm heilig und hat von ihm seinen Namen. Auch unsere Fluchworte „Himmel, Kreuz, Donnerwetter!” gehen auf Thor-Donar zurück. An die Stelle von Thors Blitzhammer, der in Kreuzform dargestellt wurde, ist da freilich das christliche Kreuz getreten. Wie die Christen mit dem Kreuz segnen, segneten die Germanen mit dem Hammer Thors. Wie Christus durch seinen Tod die Teufelsschlange überwand, so besiegte Thor in der Götterdämmerung die Midgardschlange, und der älteste Troubadour nennt Christus noch den „Herrn des Donners”.

Thor wurde stets mit langem, wallendem Bart dargestellt, so wie ihn das Tafelbild im „Wilde-Männle-Tanz” zeigt, wie die „Wilden Männle” selber auch den langen Bart tragen.

Dreizehn Mann führen den Tanz auf und die Bühne zeigt dreizehn Zellen, an den Seiten zwölf Zellen und in der Mitte die dreizehnte Zelle. Die Zwölf repräsentieren die Kräfte der zwölf Sternbilder der Sonnenbahn, der Dreizehnte die Sonne selber. In Sonne und Sternbildern wirkt sich die Himmelskraft Asa-Thors aus, der das Himmelsgewölbe dreht. Die „Wilden Männle” verkörpern die himmlischen und irdischen Schöpfungs- und Zeugungskräfte Thors. Darum findet man ihre Gestalt auch noch im späten Mittelalter als Wappenhalter, auf Brautkästen und Truhen oder als Begleiter von Liebespaaren. Da deuten sie daraufhin, daß die Geschlechter, deren Wappen die „Wilden Männle” hüten, nie aussterben sollen, daß die Liebespaare und Bräute, die in ihrem Schutze stehen, reichen Kindersegen erlangen mögen. In vielen deutschen Städten gibt es noch heute das „Gasthaus zum Wilden Mann”.

Auf allen jenen altertümlichen Bildern tragen die „Wilden Männer” die gleiche Ausstattung wie im Oberstdorfer Spiel: Ein Gewand aus grau-grünem Tannenbart, einen Gürtel aus Tannenzweigen, einen Kopfschmuck aus Stechpalmenblättern und einen lang herabwallenden Bart aus Tannenflechte. So zeigt z. B. ein 500 Jahre alter Kodex der Münchner Staatsbibliothek zwei tanzende „Wilde Männer” im gleichen Kostüm.

Flechten, Tannen, Stechpalme sind Symbolpflanzen für die Zeit der Wintersonnenwende. Wie wir das Tannengrün als Zimmerschmuck in der Weihnachtszeit, in der Zeit der Wintersonnenwende, lieben, so verwendet man in England als Wintersonnenwendschmuck noch heute Stechpalme und Mistel. Die Wintersonnenwende war in altgermanischer Zeit zugleich die Zeit des Jahres-Neubeginnes. Prokopius berichtet im „Gotenkrieg von den skandinavischen Völkern: „Die Wintersonnenwende war das höchste Fest der Bewohner von Thule.” Die alten Germanen feierten die Auferstehung des Lebens am 25. Dezember, am Julfest, das dem Gotte der Jugend, Fro oder Freyer geweiht war, der die wieder jung gewordene, aus dem Wintergrabe erstandene Sonne symbolisierte.

Seine Rune war die Fe-Rune, mit der der Runenkreis in der Wintersonnenwende begann. Das ganze erste Drittel des steigenden Sonnenbogens hieß darum Freyers Aett, d. h. Himmelsrichtung oder Jahreszeit Freyers. Mit der Darstellung dieser Fe-Rune beginnt darum auch der „Wilde-Männle-Tanz”.

Bevor wir die einzelnen Gänge des Tanzes anschauen, wollen wir die Komposition dieses Kulttanzes im ganzen betrachten. Er hat sechzehn Gänge, weil das alte Runenalphabet sechzehnstäbig ist. Im Oberstdorfer Programm werden freilich siebzehn Gänge aufgezählt, da man unnötigerweise die Entfernung der Bildtafeln am Ende als gesonderten Gang aufführt. Sieht man davon ab, diesen rein negativen Abbau gesondert zu zählen, so sind es sechzehn Gänge. Diese sechzehn Gänge gliedern sich deutlich in drei Abteilungen.

Runen als heilige Bilder, als Hieroglyphen, bilden den ersten Teil. Mathematische Figuren formieren den zweiten Teil und der dritte Teil umfaßt die heilige Kulthandlung im engeren Sinne, die mit der Aufstellung des Kultbildes beginnt und mit einer Kommunionszene endet, in welcher der die Sonne repräsentierende Dreizehnte den Kreis der Zwölfe, welche die Tierkreisbilder darstellen, mit heiligem Jul-Met tränkt.

Die heiligen Bildzeichen der Runen deuten, wie eingangs ausgeführt, auf die Tierkreisbilder des Sternenhimmels. Die mathematischen Figuren des zweiten Teils beziehen sich, wie wir noch sehen werden, auf das Sonnensystem und den Lauf von Sonne und Planeten. Die Verehrung des Thorbildes und die Kulthandlung vollzieht sich auf der Erde. Der Tanz führt uns also aus den Höhen des Sternenhimmels über die Sonnen- und Planetensphäre herab zur Erde. Der höchste Gott Thor wird zuerst geschaut in den Sternbildern und offenbart sich dann im Schwingen, Kreisen und Tönen von Sonne und Planeten.

Auf das Schauen der Sternbilder und das Hören der tönenden Sphärenharmonie des Sonnensystems folgt zuletzt das Ergreifen des Göttlichen auf der Erde, die Wesenseinigung des Menschen mit dem Gott in der heiligen Handlung.

Der Kulttanz schreitet also vom Schauen zum Hören, zum Eingreifen des Gottes fort, indem der Gott gleichsam aus Sternenhöhen über Sonne und Planeten herabsteigt zur Erde, um sich leibhaftig mit den Menschen zu einen. Es ist der gleiche Einweihungsweg, den wir in allen antiken Mysterien finden und der auch noch nachklingt im Aufbau der christlichen Abendmahlshandlung oder Messe.

Wir wenden uns nun der Deutung der einzelnen Gänge des Tanzes zu.

Werfen wir zunächst einen Blick auf das ganze sechzehnstäbige Runenalphabet (Figur 1), das in drei Reihen angeordnet wird: Oben die sechs Stäbe des Freyers-Aett, der Jahreszeit des Gottes Freyer, welche den Sternbildern der steigenden Sonnenbahn von der Mittwinterzeit bis zum vollentfalteten Frühjahr zugeordnet werden. In der Mitte die fünf Stäbe des Flagals-Aett, der Jahreszeit des hohen Alls, welche den Sternbildern des Hochsommers zugehören. Unten die fünf Stäbe des Tyrs-Aett, der Jahreszeit des Gottes Tyr, welche den Sternbildern der sinkenden Sonnenbahn bis zur Wintersonnenwende zugeteilt werden.

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Figur 1

Der Tanz beginnt im ersten Teil mit der Darstellung der Fe-Rune, der Rune des jugendlichen Gottes Freyer oder Fro, dessen Fest das Julfest der Wntersonnenwende war und nach dem der steigende Sonnenbogen bis zum vollentfalteten Frühjahr den Namen Freyers-Aett, Jahreszeit des Freyer, erhalten hat.

Dieser erste Gang des Tanzes stellt sinnfällig das Erwachen des Lebens aus der Todesstarre des Winters dar. Aus den Tannenzellen zu beiden Seiten der Bühne strecken die „Widen Männle” Arme und Beine und Köpfe hervor, bis sie schließlich mit ganzer Gestalt, zwölf an der Zahl, hervorspringen, um nach den Takten einer alten, seltsamen Musik in wuchtig-rhythmischen Tanzbewegungen das Beginnen des Frühjahres zu feiern.

Den zweiten Gang des Tanzes charakterisiert das Oberstdorfer Programm mit den Worten: „Aufstellung zu zwei einander gegenüber befindlichen Reihen, taktmäßiges, kreuzweises Zusammenklatschen der erhobenen flachen Hände mit den des gegenüberliegenden Partners.” Dabei wird die zweite Rune, die Ur-Rune, gebildet (Figur 2). Während die erste Rune, die Fe-Rune, auf Werden, Neugestaltung, auf das zeugende Prinzip in der Natur hinweist, deutet die Ur-Rune auf den Ursprung, den Mutterschoß, auf das ewige Sein, auf den tragenden Ewigkeitsgrund, das ewige Ur.

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Figur 2

Beim dritten Gang heißt es: „Aufstellen in gerader Linie, Schwingen der Beine.” Abwechselnd wird das linke und das rechte Bein seitwärts hinausgeschwungen und so deutlich die Not- und Ar-Rune zur Darstellung gebracht. Diese beiden Runen gehören ebenso wie die beiden im folgenden vierten Gang vorgeführten Runen, die Is-und Hagal-Rune, dem hochsommerlichen Sternenbogen an.

Die Not- und Ar-Rune sehen wir in Figur 3. Das eine Mal wird die Senkrechte von links her geschnitten, das andere Mal von rechts her, im Tanz wiedergegeben durch das Herausschwingen des linken und rechten Beines. Damit werden entgegengesetzte Kräfte symbolisiert. Die Not-Rune deutet auf die Not des Schicksalszwanges, auf schicksalhafte Bindung, auf das „Notband der Nornen” hin, von dem Goethe in seinen orphischen Urworten spricht:

"Wie an dem Tag, der dich der Welt verliehen.
Die Sonne stand zum Gruße der Planeten,
Bist also bald und fort und fort gediehen,
Nach dem Gesetz, wonach du angetreten.
So mußt du sein, dir kannst du nicht entfliehen,
So sagten schon Sibyllen, so Propheten;
Und keine Zeit und keine Macht zerstückelt
Geprägte Form, die lebend sich entwickelt."

Die Ar-Rune dagegen weist hin auf die Wende aller Not, die schicksalsbezwingende Freiheit des Geistes. Ar, der Adler, ist der königliche Vogel, der in den Höhen horstet und aufwärts zur Sonne strebt, Symbolum der Adlergeistigkeit, die den Menschen über allen Schicksalszwang hinaushebt. Von solcher Überwindung des Schicksalsgesetzes durch den ausstrahlenden Freiheitswillen kündet auch Goethe in den gleichen orphischen Urworten:

"Doch solcher Grenzen, solcher ehernen Mauer
Höchst widerwärtige Pforte wird entriegelt,
Sie stehe nur mit alter Felsendauer!
Ein Wesen regt sich leicht und ungezügelt:
Aus Wolkendecke, Nebel, Regenschauer,
Erhebt sie uns, mit ihr, durch sie beflügelt,
Ihr kennt’ sie wohl, sie schwärmt durch alle Zonen;
Ein Flügelschlag - und hinter uns Äonen."

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Figur 3

Zwischen Schicksalszwang und Geisteskraft, zwischen Notwendigkeit und Freiheit schwingt alles Leben im Mikro- und Makrokosmos, im Ich des Menschen und im großen Weltall, wie Oben so Unten, wie Unten so Oben. Darum folgt nun im vierten Gange des Tanzes die Darstellung der Ich- und der Weltall-Rune. Im Programm lesen wir: „Aufreihen zur Frontlinie, taktmäßiges Bewegen des Kopfes.” Damit wird die Is- oder Ich-Rune dargestellt, welche später den Lautwert „i” bekam. Der bewegte Kopf ist gleichsam der Punkt auf dem durch den senkrecht gestreckten Körper symbolisierten „i”. Weiter heißt es im Programm „Armeläuten”. Dabei fassen je zwei der Wilden Männer sich bei den Händen und bilden eine Schaukel, welche die Form der Hagal-Rune hat, der Rune des großen Weltalls. Hagal ist der schützende Hag des die allumhegende Weltharmonie. Die beiden Runen „Ich und All” zeigt uns Figur 4.

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Figur 4

Im fünften Gang trägt jeder Tänzer einen aus Tannenzweigen und Laubwerk gewundenen Reifkranz. Alle ordnen sich in hintereinanderstehende Reihen und schwingen die halbbogenförmigen Kränze nach links und rechts, so daß deutlich die Dorn- oder Thors-Rune von jedem Tänzer gebildet wird, wie wir sie in Figur 5 sehen. Diesen feierlichen Kranz- und Bogenschmuck tragen die Tänzer nur in diesem Gang. Thor ist der Herr des Sternenkreises. In der Thors-Rune faßt sich gleichsam der ganze Tierkreis zusammen. Sie wurde in der jüngeren Steinzeit als Symbolzeichen zugleich für Winter- und Sommersonnenwende verwandt und bezeichnete das ganze Himmelsgewölbe, das Thor, der höchste Himmelsgott, dreht.

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Figur 5

Im sechsten Gang stellen sich die Tänzer in einer geraden Reihe auf den Kopf und vollführen rhythmische Bewegungen mit den nach oben gestreckten Beinen. Das ist eine völlig sinndeutliche Darstellung der letzten Rune des sechzehnstäbigen Runenalphabets, der Yr-, Weib- oder Nacht-Rune, die zugleich auch Materie und Tod bedeutet. Auf Frühlings- und Hochsommerzeit folgt so Herbst und Winter, die Sterbezeit im Jahreskreis der Sternbilder. Die Yr-, Weib-, Nacht- oder Todes-Rune ist die Umkehrung der Mann-, Tag- oder Lebens-Rune. Wir sehen beide Zeichen in Figur 6. Damit ist der Sternenkreis im Runenalphabet durchlaufen.

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Figur 6

Nun beginnt der zweite Teil des Tanzes, der in mathematischen Figuren uns den Lauf von Sonne und Planeten in ihrem Steigen und Fallen über dem Horizont vor Augen führt. In der Wintersonnenwende erreicht die Sonne nur eine geringe Höhe über dem Horizont, sie steht, wie die Alten sagten, auf dem niedrigen Winterberg. Zur Zeit der Sommersonnenwende dagegen erreicht die Sonne ihre größte Höhe über dem Horizont, sie steht auf dem hohen Sommerberg. Der Winterberg wird im Tanz durch die kleine Pyramide dargestellt, mit welcher der zweite Teil im siebten Gang beginnt. Der Sommerberg wird durch die große Pyramide dargestellt, mit welcher der zweite Teil im elften Gange endet (Figur 7).

Im achten Gang heißt es im Programm: „Aufstellung in einer Reihe hintereinander; taktmäßiges Schwingen der Beine seitwärts.” So entsteht die Figur des Jahres- oder Lebensbaumes mit zweimal zwölf Ästen. Sie ist uns auf vielen alten Steinzeichnungen als Bild der Sonnenbahn überliefert (siehe Figur 8). Im neunten Gang stellen sich sechs Tänzer im Kreise auf, stehen auf dem Kopf und bewegen rhythmisch die Beine. Dieser kleine Kreis, gebildet von sechs auf dem Kopfe stehenden Männern, symbolisiert den Winterkreislauf der Sonne in ihrer Tagesdrehung (Figur 8).

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li. Figur 7 und re. Figur 8

Beim zehnten Gang stehen 12 Tänzer aufrecht und vollführen einen Zirkeltanz. Sechs Tänzer bewegen sich im Kreise vorwärts, die anderen sechs in entgegengesetzter Richtung, damit wird die Sommerlaufbahn der Sonne dargestellt, und zwar sowohl in ihrer Tagesdrehung wie in ihrer Jahresbahn. Denn die Sonne bewegt sich im Tageslauf von links nach rechts über den Horizont, dagegen in ihrer Jahresbahn von rechts nach links (siehe Figur 8). Der zweite Teil des Tanzes schließt im elften Gang mit der schon besprochenen großen Pyramide, dem Sommerberg.

Nachdem wir so im ersten und zweiten Teil des Tanzes die Offenbarung des Thors im Sternbilderkranz und im Sonnensystem erlebt haben, kommt es im dritten und letzten Teil des Tanzes, der mit der Aufstellung des Thorkultbildes beginnt, zur Offenbarung des Gottes auf der Erde.

Im zwölften Gang werden zehn Tafeln mit Zwischenräumen aufgestellt, durch die alle dreizehn Tänzer die Köpfe stecken und dann taktmäßig bewegen. Jede der zehn Tafeln trägt das Bild des Gottes Thor. Das ist keine komisch verkehrte Aufstellung der Tafeln, wie man gemeint hat, sondern die Offenbarung des Gottes Thor im Gesamtkosmos. Jede der zehn Tafeln trägt ja das Thorbildnis. Zehn ist in der Zahlensymbolik die Zahl des Gesamtkosmos. Wir zählen ja eigentlich nur bis zehn. Die Elf ist eine neue Eins. Vier Aggregatzustände unterscheiden die Alten im Gesamtkosmos, den festen, flüssigen, gasförmigen und strahlenförmigen Zustand, denen die Zahlenwerte 1, 2, 3, 4 zugeeignet werden. 1 + 2 + 3 + 4 weist also die Offenbarung Thors im ganzen weiten All hin. Das ganze All ist gleichsam des
Gottes Kleid.

Im dreizehnten Gang wird dann aus zehn eins. Die Tafeln werden so zusammengesteckt, daß sie ein einziges großes Thor-Bild formieren, vor dem die Tänzer sich nun verehrend neigen. Die Zehn wird Eins, d. h. hinter der Vielheit der göttlichen Offenbarungen im All steht der eine höchste Gott.

Im vierzehnten Gang bilden die Tänzer, um den Gott zu verehren, neben dem Thor-Bild zwei schwingende Glocken. Man hat wohl gemeint, diese Glocken müßten spätere christliche Zutat sein. Es ist aber nicht so. Wir wissen heute, daß sowohl die Türme als auch die Glocken der christlichen Kirchen als ein Erbteil aus dem Germanentum angesehen werden müssen. Die ersten Kirchengebäude im Mittelmeergebiet hatten ebenso wenig wie die antiken Tempelbauten Türme. Glocken gab es in Rom erst im 7. Jahrhundert n. Chr., als germanische Sitten in großer Zahl vom Christentum aufgenommen wurden. Anfangs mag man die heidnischen Glocken versenkt haben, daher gibt es so viele Sagen von versunkenen Glocken. Später hat man die Glocken getauft und als christliche Kultgegenstände akzeptiert. Es gibt ein altes Kinderspiel „Hammer und Glocke”, in dem die altgermanischen Kultsymbole von Glocke, Hammer und Schimmel Vorkommen. Der Schimmel meint ursprünglich Odins Schimmel Sleipnir, Hammer und Glocke waren dem Thor heilig. So ist also auch die Glocke im vierzehnten Gang des Wilde-Männle-Tanzes uraltes germanisches Kultsymbol (siehe Wilhelm Teudt, Germanische Heiligtümer Jena 1929, Seite 122 f.).

Das Auseinandernehmen des Thor-Bildes sollte man, wie schon gesagt, nicht als besonderen fünfzehnten Gang zählen. Der fünfzehnte Gang wird vielmehr gebildet vom Keulenkampf der Wilden Männer. Die Keule oder der Hammer ist die dem Thor heilige Waffe, mit der er die Riesen und Finsternismächte besiegt. Die Keulen werden mehrfach im Takte über Kreuz zur Form des Sonnenrades zusammengeschlagen. Der Kampf stellt selber das Ringen des Lichtes mit der Finsternis und den endgültigen Sieg des Lichtgottes über alle dunklen Gewalten dar.

Bei den letzten Aufführungen des Tanzes in den Jahren 1955 und 1960 hat man zwischen dem Keulenkampf und der Schlußszene noch einmal eine kunstvoll gegliederte große Figur in Gestalt eines Fünfecks durch vierzehn Tänzer formieren lassen, welche in dem gedruckten Oberstdorfer Programm nicht ausgeführt wird, offenbar also eine Neuerung, die besser wegbliebe. Mathematische Figuren gehören nur in den zweiten Teil des Tanzes.

Das Schlußbild, richtig als sechzehnter, nicht als siebzehnter Gang zu zählen, ist eine Kommunionszene. Während die zwölf Tänzer, welche die zwölf Tierkreisbilder darstellen, aus den Seitenzellen hervorkommen, mit Bechern in den Händen, tritt der Dreizehnte, die Verkörperung der Sonne, aus der Mittelzelle heraus und tränkt die Zwölfe mit heiligem Jul-Met, die leibhafte Wesenseinigung des Menschen mit dem Sonnengott dadurch symbolisierend. Diese heilige Kommunionszene ist sicher einst durch einen alten Kultgesang abgeschlossen worden. Der heutige Schlußchor ist modern und entspricht nicht mehr dem altehrwürdigen Kulttanz, der in der leibhaften Wesenseinigung des Menschen mit dem Gott gipfelte. In der Kommunion mit dem Gott kommt der Mensch zu seiner Vollendung.

Das Symbolzeichen des vollendeten Menschen ist in der germanischen Überlieferung die Fünfzahl. Fünf Lebensreiche gibt es auf der Erde: Das Steinreich, das Pflanzenreich, das Tierreich, das Menschenreich und als fünftes das Reich des Gottmenschen. Fünf heilige Namen hat der Jahr- und Sonnengott, dessen Kreislauf der Wilde-Männle-Tanz darstellt, gebildet aus den fünf Vokalen A, E, I, 0, U. Al heißt der Jahrgott beim Wachsen des Lichtes nach der Wintersonnenwende, El heißt er in der Frühlings-Tag-und-Nachtgleiche, Il in der Sommersonnenwende, Ol in der Herbst-Tag-und-Nachtgleiche und Ul im Tiefwinter.

Die fünf Vokale malen klanglich im Hellerwerden das Zunehmen des Lichtes von der Wintersonnenwende bis zur Sommersonnenwende durch A, E, I und das Abnehmen des Lichtes von der Sommersonnenwende bis zur Wintersonnenwende durch das Abdunkeln des I zu O und U. In der Fünfzahl vollendet sich der Name der Gottheit und das Leben des Menschen. Darum ist es sinnvoll, den Tanz in der Fünfzahl der Jahre, d. h. alle fünf Jahre aufzuführen.

Der Wilde-Männle-Tanz enthält also uralte germanische Mysterienweisheit, die, von Generation zu Generation in heiligen Symbolen mündlich überliefert, uns bis heute erhalten blieb*). Oberstdorf hütet in diesem Kulttanz ältestes deutsches Kulturgut, ein heiliges Vermächtnis unserer Ahnen, für das ihm ganz Deutschland dankbar sein muß.

Anmerkungen:

*)Wie alte Mysterienweisheit durch Jahrtausende erhalten bleibt in religiöser und volkstümlicher Überlieferung, zeigt eingehender des Verfassers Buch „Maria-Sophia, das Ewig-Weibliche in Gott, Mensch und Kosmos” (Turm-Verlag), Bietigheim 1960.

Dieser Beitrag erschien erstmals in der Zeitschrift „Das schöne Allgäu” (Kempten, Dezember 1960), dann im „Veranstaltungskalender Sommer 1965”, hg. vom Gebirgstrachten- und Heimatschutzverein Oberstdorf.

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