Vorarbeiten zu einer Oberstdorfer Grammatik

von Dr. Hans-Jürgen Pankow am 01.06.1995

A. Vorschläge zur Verschriftung

Meine Vorschläge zu einer Verschriftung von Dialekttexten gehen über die Forderung nach „Lesbarkeit des Lauttextes für Laien” hinaus. Denn der Dialekt wird von mir als eine Sprachvarietät betrachtet, die gleichrangig neben dem stärker normierten Hochdeutschen zur Verwendung kommt.

Dabei werden geschriebene Dialektäußerungen als selbstverständlicher Kulturbestandteil angesehen. Es gibt schließlich eine überkommene Tradition geschriebenen Dialekts, die von Dialektsprechern zumindest rezeptiv beherrscht wird. Vorschläge für Schreibweisen haben an dieser Tradition anzusetzen und nicht an der Lautschrifttradition der Dialektologen. Schließlich kommt auch im Hochdeutschen niemand auf die Idee, Wörterbucheinträge und Beispiele in Grammatiken rein lautschriftlich wiederzugeben. Dabei sollen folgende (sich teilweise widersprechende) Prinzipien als Richtschnur gelten:

1. Die bereits erfolgte Schriftbildgewöhnung bei interessierten Dialektlesern. (Man hat es eben schon zigmal so gelesen!)

2. Die Lesbarkeit für ein breiteres Publikum durch maßvolle Orientierung am hochdeutschen Orthographiestandard.

3. Die Sicherstellung der Gegenstandsangemessenheit durch die Einführung neuer Grapheme, wenn Dialektlaute durch die hochdeutschen Grapheme nicht erkennbar erfaßt werden.

4. Die Orientierung am üblichen Schreibzeichenstandard von Schreibmaschinen, um eine möglichst hohe Druckverbreitung sicherzustellen.

Die vier genannten Prinzipien können oft nur durch Kompromisse gleichzeitig berücksichtigt werden. Insofern soll / muß / kann die von mir vorgeschlagene Schreibweise selbstverständlich korrigiert werden. Es geht eben darum, zu einer akzeptablen Schreibweise zu gelangen, die allerdings an der prinzipiellen Unnormiertheit der Mundartschreibung nichts ändern kann und wird. Wenn ein Wort auf dreierlei Weise geschrieben wird und trotzdem jeder ohne Probleme weiß, was gemeint ist - ja, warum denn nicht! Die Sprache dient ja der Kommunikation und nicht die Kommunikation der Sprache oder gar deren Normen.

Für nicht im Hochdeutschen durch Grapheme bzw. Graphemverbindungen erfaßte Vokale, Umlaute und Diphthonge werden o, oa, ea, üe, ie und öü eingeführt.

Beispiele:
„o” wie in „Dorar” (Donner), „oa” wie in „moan” (morgen), ,,üe” wie in „güet” (gut), „ea” wie in „gweache” (gewesen), „ie” wie in „Friehling” (Frühling), „öü” wie in ,,Öüg” (Auge).
„e” im Auslaut wird wie in „Dumme” (Daumen) gesprochen, also wie im Englischen in „the”.

B. Pluralbildung der Nomina im Oberstdorfer Dialekt

Der folgende Text dient als Vorarbeit zu einer geplanten didaktischen Gebrauchsgrammatik, die sowohl Einheimischen als auch Zugereisten und Touristen aus dem In- und Ausland helfen soll, die Strukturen der Oberallgäuer (Oberstdorfer) Grammatik schnell zu erfassen und die Sicherheit im Gebrauch des Dialektes zu erhöhen bzw. diesen Dialekt erst einmal zu erlernen. Der versierte Dialektsprecher allerdings wird nur insofern davon profitieren, als ihm bewußt wird, was er unreflektiert immer schon ausgezeichnet macht.

Ein Kapitel aus der Morphologie scheint mir für den Einstieg besonders geeignet: die Pluralbildung der Nomina. Der dabei zugrundegelegte Wortschatz ergab sich bei einer Durcharbeitung von Dialekttexten (vor allem von Seeweg und Weissensteiner), aus eigener Grundwortschatzkompetenz (die freilich - nach 20 Jahren in Augsburg - nur noch auf sehr unsicheren Füßen steht) und durch die kritische Sichtung des Westallgäuer Wörterbuchs von Anton Gruber. Wertvolle Hinweise zu Wortschatz und Grammatik konnte ich auch den Untersuchungen von Thaddäus Steiner entnehmen.

Kritisch helfende Leser waren meine Mutter Anni Bisle, Klaus Kirsch und Joachim Jäger, denen ich zu Dank verpflichtet bin. Verantwortlich für Schwächen der Untersuchung bin ich natürlich allein.

Als erste Orientierung können für den Oberstdorfer Dialekt folgende Faustregeln gelten:

  • I. Nullendung ist üblich, also wesentlich häufiger als im Hochdeutschen.
  • II. Feminina sind markiert mit der Endung -a, haben also im Gegensatz zum Hochdeutschen eine exklusive Endung.
  • III. Maskulina, die keine Nullendung haben, haben die Endung -e.
  • IV. Neutra, die keine Nullendung haben, haben fast immer die Endung -er.

Bei all diesen Regeln gibt es Ausnahmen, aber die Regeln sind für den Dialekt leichter zu gestalten als für das Hochdeutsche.

Zu I: Nullendung (keine besondere Pluralendung)

1. Ohne Vokalwechsel

a) Fremd- und Lehnwörter, Kurzwörter:
Apparat, EKG, Kanabee, Kino, Klo, LKW, Öuto, Pizza, Sanka, . . .

b) Maskulina bzw. Neutra auf -1, -ar/-r, -e (nach Konsonat):
Biegl, Briegl, Buckl, Gealdbittl, Kändl, Kittl, Läggl, Seckl, Stäffl, Schlissl, Winkl, Zeadl, . . .
Beasmülar, Bechar, Dellar, Drielar, Feagar, Fehlebuselar, Gockelar, Heschar, Kromar, Lätschar, Lehrar, Leackar, Lüsar, Luimsiedar, Mammelar, Metzgar, Schüelar, . . .
Buttr, Finschtr, Gättr, Lüedr, Meassr, . . .
Bole, Bolle, Bösche, Botsche, Butzele, Featze, Güetzle, Hüfe, Huinze, Schlitte, Steacke, Schtraife, Zapfe, . . .

c) U. a. folgende einsilbige Maskulina und Neutra (teilweise auch mit -er Plural): Bearg, Blitz, Bsüech, Da (Dächr), Disch, Eck, Feal, Hiersch, Hoan, Hör, Kind, Krieg, Kriz (Krizr), Schtrih, Schtui, . . .

2. Mit Vokalwechsel:

a) Einsilbige Feminina:
Angscht/Ängscht, Bonk/Bänk, Brütt/Britt, Hond/Händ, Küe/Kieh, Müs/ Mies, Nacht/Nächt, Noat/Neat, Wond/Wänd, Wurscht/Wierscht, . . .

b) Einsilbige Maskulina:
Bart/Bart, Bomm/Bämm, Dag/Däg, Frosch/Fresch, Füeß/Fieß, Hag/Häg, Luft /Lift, Rühsch/Riesch, Schopf / Schepf, Schtal/Schtäl, Schtock/Schteck, Schtüehl / Schtiehl, Schurz/Schierz, Schwonz/Schwänz, Wurm/Wierm, Zah / Zäh, Zopf/Zepf, Zug/Zieg, . . .

c) Einige Maskulina und Neutra auf -e und -1:
Brunne/Brinne, Garte/Gärte, Name/Näme, Ofe/Efe, Tobl/Tebl, Vogl/Vegl, Wage /Wäge, . . .

Zu II. Pluralendung -a bei Feminina*

Bäs, Biere, Bige, Blache, Bolle, Bone, Bretzge, Buind, Bune, Decke, Docke, Dübe, Falle, Fehl, Fluige, Fröü, Gabi, Gasse, Glufe, Gütsche, Henn, Hex, Hitte, Katz, Keerze, Konte, Schear, Schibe, Schnättr, Schtieg, Seages, Sind, Zit, Zusl, . . .
Beachte: Lehrare/Lehrarna, Müeddr/ Mieddra

Zu III. Pluralendung-e bei Maskulina mit-en / -n-Plural im Hochdeutschen

Aff, Büe/Büebe, Bür, Has, Närv, Russ, Schreak, Schtudent, . . . Wenige Neutra: Oar, Öüg Zu

Zu IV. Pluralendung -(e)r bei vielen Neutra (mit Vokalwechsel, wenn möglich):

Breatt, Mannsbild, Viech, Wieb, . . .

Im Gegensatz zum Hochdeutschen: Bett, Bui/Buiner, Gwehr, Gwicht, Gschäft, Gschtell, Hämed, Papier, . . .
Mit Vokalwechsel: Bad/Beeder, Blatt/ Bletter, Büech/Biecher, Dal/Deeler, Rad/Reeder, Roos/Ressr, . . .

Aus diesem Überblick ergibt sich der folgende kontrastive Vergleich zwischen den Pluralendungen im Hochdeutschen und im Oberstdorfer Dialekt:

Hochdeutsch Dialekt
1. -s -
2. (") e-
3. -en/-n -e (Mask. /Neutr.)
-en/-n -a (Fem.)
- en/-n -er (Neutr.)
4. {"} er (") (e)r /-
5. (") (")
Aber beachte: -er, -el, -en [Hdt.] sind im Dialekt -ar/r, -1, -e)
Zur Umlautung läßt sich dialektintern folgendes Schema festhalten:
Singular Plural
u(h)i/ie
ü(h)i/ie
ü+e+i+e+
o(h)e(h)
o ä
aä
a(h)e(h)
oa ea
(Das „h” steht für eine Dehnung, kann also auch als Doppelvokal [„oo”, „aa”, „ee”J gelesen werden.)
Im kontrastiven Vergleich der Stammvokale im Plural im Hochdeutschen und im Dialekt ergeben sich folgende Regeln:
HochdeutschDialekt
ö e(h)/ ea
ü i / ie / i+e+
äu i/ie
ä ä / e(h)

Wenn diese vorläufigen Regelformulierungen dazu führen, daß möglichst viele Oberstdorfer ihre Gültigkeit testen oder sogar widerlegen möchten, dann ist der Verfasser glücklich. Denn, den Anstoß zur Wahrheit zu geben, ist allemal schöner, als der Verantwortliche für eine falsche Behauptung zu sein.

Kontakt

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