Die Seelenkapelle – heute Kriegergedächtniskapelle

von Robert Wohlfahrt am 01.06.2015

Wie ein Denkmal längst vergangener Zeit steht sie da, die Seelenkapelle, wie sie früher und auch noch heute genannt wird. 1931 hatte sie als solche nur unter diesem Namen ausgedient. Als Kriegergedächtniskapelle er- scheint sie uns jetzt, als Mahnmal für die im Ersten und Zweiten Weltkrieg 289 gefallenen und 87 vermissten Soldaten aus unserer Gemeinde, wovon 14 Gedenktafeln in der Kapelle zeugen. Eine würdige Stätte also, mit einer ausdrucksstarken Darstellung von Maria mit dem toten Christus auf dem Schoß, gemäß den Worten der Heiligen Schrift: „Sehet, ob Euer Schmerz dem meinen gleich sei”. Dies soll Trost und Kraft vermitteln für alle mit Sorgen beladenen Menschen, die sich an Maria wenden im Gebet – heute, wie zu Zeiten von Krieg, wie auch in der Zukunft. Während des Zweiten Weltkrieges war die Kapelle ein Ort mit vielen Blumen, Kränzen und Photos von gefallenen Soldaten aus unserer Gemeinde.

Doch begeben wir uns in die Vergangenheit zurück unserer nun wieder so genannten Seelenkapelle oder, wie in früherer Zeit, auch Totenkapelle oder Beinhauskapelle.

Seelenkapelle - Heft 66

Wieviel Tränen mag sie gesehen haben, wenn wieder Verstorbene zu Grabe getragen wurden. Viele tausend Male, viele Jahrhunderte lang, wenn die Einweihung der ersten Pfarrkirche in unserer Gemeinde im Jahr 1141 gewesen sein soll, wie eine verschollene Inschrift, laut Pfarrer J. N. Stützle, noch 1848 bezeugte. Wieviel entsetzte Gesichter mag unsere Kapelle gesehen haben, als im Schwedenkrieg 1632 die Menschen an den Gräbern für ihre Toten gebetet haben. Vielleicht mit dem heimlichen Gedanken, angesichts der Verfolgung durch die plündernden und tötenden Kriegshorden der Schweden, selbst mit den Toten unter der Erde Frieden und Ruhe zu finden, zugleich aber mit der Hoffnung, zu überleben in eine friedlichere Zeit. Wieviel Schreien, Wimmern und Weinen mag um die Seelenkapelle stattgefunden haben, als die Pest wütend um sich griff und keiner wusste, wie bald er unter den Toten sein würde, erlöst dann vom eigenen Leiden. Wie ein Wunder mag es dagegen den Oberstdorfern vor 150 Jahren erschienen sein, als die Kapelle beim Großen Brand vom 5./6. Mai 1865 von den Flammen verschont blieb.

Seelenkapelle - Heft 66

Heiliger Michael

Doch sollten wir, die heutigen Generationen, die hoffentlich weiterhin von solchen Kriegen und Seuchen verschont bleiben, auch in guten Zeiten das Gebet und Gott nicht vergessen.

Doch wollen wir nun unsere Seelenkapelle betrachten, beginnend außen auf der Nordseite mit den ältesten und interessantesten Darstellungen. Ganz oben im Giebel blickt uns ein lächelndes (?) Gesicht entgegen. Manche Historiker meinen, dass es jenes von Pfarrer Johann Frey ist, der vielleicht der Erbauer der Kapelle war. Naheliegend ist es auf jeden Fall. Darunter, aber immer noch in respektabler Höhe, steht der Erzengel Michael, dargestellt als Seelenbegleiter in die Ewigkeit, wenn auch leider mit den fehlenden Attributen: die linke Hand ohne Schwert und die rechte erhobene Hand ohne die Waagschale, die die guten oder schlechten Taten des Menschen wiegt. Unter seinem Kleid sehen wir ein Kind als Symbol für die Seele des Verstorbenen. Ohne diese Darstellung des hl. Michael, der übrigens auch als Patron Deutschlands gilt, hätte unsere Seelenkapelle nicht ihre Bedeutung.

In den Nischen sind dargestellt, soweit erkennbar, Szenen der Auferstehung Christi, in der Mitte ein stehender Patriarch, oben Gottvater in den Wolken, unten sechs knieende Männer – vermutlich aus der Verwandtschaft von Pfarrer Frey – wie solche Darstellungen auch auf Votivtafeln zu sehen sind, so z. B. in Loretto. Auch ein nicht eindeutig erkennbares Wappen ist zu sehen. War es das von Pfarrer Frey oder das des damals regierenden Fürstbischofs von Augsburg? Ebenso sind auf der Nordseite ganz unten nur noch schlecht erkennbare Freskendarstellungen. Jeder Interessierte möge selbst nachsehen, was er in diesen spärlichen Resten zu sehen glaubt.

Der Hauptteil aber ist die Ölbergszene im Mittelfeld mit den gotischen Figuren, darstellend Jesus und die drei Jünger, dahinter Judas mit den Häschern durch das Tor des Gartens Gethsemane kommend, darüber der Leidensengel mit dem Kelch. Interessant auch die Darstellung eines geflochtenen Weidezaunes im Hintergrund, wie dieser sicher in früheren Jahrhunderten allgemein so gemacht wurde und heute in verschiedenen Bauernhofmuseen zu sehen ist, wie z. B. in Illerbeuren, Miesbach, ja selbst in Sibiu/Rumänien.

Seelenkapelle - Heft 66

Die Ölbergnische als Mittelpunkt der Fassade.

Links der Ölbergnische befindet sich eine kleinere Nische mit der Darstellung des hl. Johannes des Täufers mit dem Lamm, mit der sonderbaren Bezeichnung Sont Johannes. Er ist der Patron unserer Pfarrkirche mit dem Patrozinium am 24. Juni; seiner Enthauptung wird am 29. August gedacht.

In der rechten kleineren Nische ist dargestellt die hl. Agnes – bezeichnet als Sant Agnes –, deren Fest bzw. Gedenktag am 21. Januar in unserer Kirche gefeiert wird. Bis zum II. Vatikanischen Konzil stand im alten Messbuch noch als Gedenktag der 28. Januar für „Hl. Agnes, Jungfrau und Martyrin zum anderen Mal”, als der Oktavtag des Hauptfestes und das ursprüngliche Geburtsfest der hochverehrten römischen Jungfrau, gestorben zu Anfang des 4. Jahrhunderts in Rom. Bei den unterschiedlichen Schreibweisen von Sont (Johannes) und Sant (Agnes) stellen sich die Fragen: Liegt hier ein Schreibfehler vor oder sollte damit der Unterschied von männlichen und weiblichen Heiligen verdeutlicht werden.

Links unten kann man das Motiv schlecht erkennen. 1943 wurde diese Freske freigelegt, darstellend die Auferstehungsvision des Ezechiel und Gottvater über sechs knieenden Stiftern aus der wohlhabenden Oberstdorfer Familie Frey.

Seelenkapelle - Heft 66

Sont Johannes

Seelenkapelle - Heft 66

Sant Agnes

Laut Pfarrer Stützle wurde alljährlich am Gründonnerstag, nach den Metten zur „Angst Christi”, die Ölbergszene beleuchtet, mit dem Absingen des bekannten Ölbergliedes. Seit einigen Jahren wird die Szene ganzjährig in den Vormitternachtsstunden beleuchtet.

Als Jahreszahlen seien noch erwähnt (lt. Kunstführer Sahner): 1550 „Bainhäusle” und „Totenkapell”; Dekan Johannes Frey war Oberstdorfer Pfarrer von 1615 – 1642; Außenwandfresko 1735; Ölberggruppe nach 1500; Holzskulptur des Erzengels Michael nach 1550.

Die Fensternischen als auch die Türe auf der Nordseite müssen ursprünglich breiter und tiefer gewesen sein, wie es eine Markierung, angebracht vor zehn Jahren, andeutet. Eine Renovierung all dieser Fresken wäre dringend erforderlich, wenn man sie für die Nachwelt erhalten will.

Nun wollen wir uns aber in die Kapelle hinein begeben und zwar in die Vergangenheit. An der Stirnseite, nach Osten, war eine große Nische ausgehauen, in der eine alte Pieta „Maria mit dem toten Sohn auf dem Schoß” stand. Diese befindet sich heute in der Josefskapelle in Loretto. Umrahmt wurde diese Nische mit einer gemalten Mauersteinumfassung, darüber ein Schriftband mit Anrufung der Gottesmutter. Das Tonnengewölbe war mit Blumenmustern verziert. Links neben der Pieta stand, etwas erhöht, eine Madonna aus der Strigelschule, damals noch mit kugelförmiger Krone. Diese Plastik steht heute hoch oben über der Krippendarstellung des rechten Seitenaltars in der Pfarrkirche. Rechts gegenüber hatte, ebenso erhöht und in gleicher Größe, eine Heilige ihren Platz. Direkt bei ihr stand ein Leuchterengel, der beim Großen Brand 1865 aus der brennenden Kirche gerettet wurde und heute im Pfarrhof steht. Der Altar aus Holz, der in der Seelenkapelle stand, dient seit ca. 1980 als Volksaltar in der Pfarrkirche. Zuvor hatte dieser auch eine Funktion als vierter Fronleichnamsaltar vor der Pfarrkirche. Eine Art byzantinische Ampel, in Doppelfunktion als Beleuchtung und ewiges Licht, hing von der Decke der Kapelle.

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Altarraum der Seelenkapelle um 1920.

Während des Wiederaufbaues der Kirche nach dem Großen Brand diente die Kapelle zum Gottesdienst; sonntags las man die Messe in St. Loretto.

Wir wollen aber auch noch mit einer langen Leiter von außen auf den Dachboden steigen und sehen hier die Ölbergnische von der Rückseite mit einer interessanten, bogenförmigen Vermauerung mit Schieferplatten, was der Nische Stabilität verleiht.

Wieder auf dem Boden des alten Friedhofs angelangt, sehen wir noch zwei Mauernischen. Was hatten diese wohl für einen Zweck? Es existiert auch ein geschnitztes und bemaltes Armenseelenbildnis, das das Fegefeuer darstellt. Es dürfte einst in der Kapelle gestanden haben als anschaulich mahnendes Bild und zum Gebet für die Verstorbenen.

Seelenkapelle - Heft 66

Die Pieta im neu gestalteten Innenraum wurde geschaffen von den Münchner Holzbildhauerinnen Minnie Goossens und Johanna Bieler.

Seelenkapelle - Heft 66

Gedenken für die Gefallenen
im Jahr 1943

Seelenkapelle - Heft 66

Die Fegefeuerdarstellung stammt aus der Zeit des Kapellenbaues; Künstler unbekannt

Die Seelenkapelle diente zweitweise auch als Aufbewahrungsort für die sieben großen Passionsbilder des Malers Johann Herz aus Immenstadt, die hier auf dem Dachboden den Brand überstanden und heute an den Wänden des Langschiffes der Pfarrkirche hängen. Auch unser Palmesel, ein lebensgroßes Schnitzwerk von Franz Xaver Schmädel, der heute in der Josefskapelle steht, hat hier den Brand überlebt. Wahrscheinlich war ihm nicht ganz wohl dabei, ob er wohl aus seinem hölzernen Maul aus Angst geschrien hat? Das wäre ein wahres „Eselswunder”. Aber er wusste ja, wen er auf seinem Rücken trug und ihn beschützte. Schade, dass er, „in die Jahre gekommen”, seine Funktion am Palmsonntag in der Pfarrkirche verloren hat und nicht mehr, wie früher, von Loretto bzw. von der Nikolauskapelle in der Prozession zur Kirche gezogen wird.

Auf der Ostseite sind noch vier Gedenktafeln angebracht – etwas verborgen vor den Augen der Friedhofsbesucher – mit den Inschriften bekannter Oberstdorfer Persönlichkeiten wie die Bürgermeister Ludwig Vogler und Franz Paul Brack, der Historienmaler Claudius Schraudolph und Urban Jochum, Ökonom in Birgsau und Erstersteiger der Trettachspitze (zusammen mit seinen Brüdern) im Jahr 1855.

Seelenkapelle - Heft 66

Der alte Friedhof - letzte Beerdigung 1929, aufgelassen 1948.

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Grab (links vom Kapelleneingang) von
Pfr. Witzigmann, gest. am 7. Februar 1925

Die Außenwände der Kapelle haben noch die ockergelbe Farbe beibehalten, womit auch die Pfarrkirche bis Ende der 1950er Jahre getüncht war. Auch soll noch erwähnt sein, dass direkt neben den Soldatendarstellungen [von Bernhard Breeker] am Eingang sich auch zwei Priestergräber befinden, links das von Pfarrer Johann Baptist Witzigmann (Pfr. von 1916 – 25) und rechts von Pfarrer Alois Heinle (Pfr. von 1881 – 1916) »R.I.P«. Von Pfarrer Witzigmann gibt es eine hübsche, romantische Gedichtesammlung, unsere schöne Heimat beschreibend.

Auch ein Türmchen (Dachreiter) hatte die Seelenkapelle, wie auf einer Photographie um 1875 zu sehen ist, mit sicher einem Glöcklein, mit dem bei einer Beerdigung sozusagen „ins Grab geläutet” wurde. Ich meine mich zu erinnern, dass das Glockengestühl sich noch auf dem Dachboden der Kapelle befand – oder noch befindet?

Interessant zu wissen wäre es, ob unsere Seelenkapelle einst einen Keller hatte für die Aufbewahrung der Gebeine unserer Uroberstdorfer, wie dies z. B. in Elbingenalp im Tiroler Lechtal der Fall ist als echtes „Memento mori” oder ob Fresken aus der Erbauungszeit noch vorhanden sind.

Seelenkapelle - Heft 66

Kirche mit Wetterhahn und Papstkreuz auf der Turmspitze sowie Dachreitertürmchen auf der Seelenkapelle; Fotografie um 1875.

Zum Abschluss möge noch gesagt sein:

„Iil idd dur de ôlte Friedhof, gang idd bloas züe!
Blieb ab ünd züe schdônde und beat fier all die Vrschtoarbene,
die huit no dô vrgrabe sind, um die ewige Rüeh!
Mibba dinn d’ Sealekappel as himmlischa Troschd,
öü fier dii, wenn am End vum Leabe vu dear Wealt du goschd!”

Seelenkapelle - Heft 66

Ausschnitt aus einem Gemälde von Theo Schmitz, gemalt auf einer Zedernschindel der Dachrenovierung 1998.

Quellen:
Dr. W. Sahner, Oberallgäuer Erzähler, März 1955, Nr. 3.
Johann Nepomuk Stützle, Die katholische Pfarrei Oberstdorf, J. Kösel’sche Buchhandlung, 1848

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