Mythos Schneck-Ostwand

von Markus Noichl am 01.12.2015

Schneck-Ostwand – diese senkrechte Mauer aus gelbgrauem Aptychenkalk hat bei Allgäuer Kletterern einen klangvollen Namen. Die 1922 von Philipp Risch eröffnete Tour war eine der ersten Klettereien des sechsten Grades in den gesamten Alpen. Ein Streifzug durch die Geschichte dieser Wand, von Oberstdorf über das Oytal genauso erreichbar wie von Hinterstein über das Bärgündle.

Im Juni 2014 machten sich zwei Oberstdorfer, Klaus Noichl und Tim Felix Heinze, die Mühe, das Wandbuch abzuknipsen. 1.754 Personen kamen bei 845 Begehungen in fast 100 Jahren hier vorbei. Max Zellhuber bezwang diesen Datenberg und präsentierte das Ergebnis unter dem Titel „Mythos Schneck-Ostwand”. Die Sektion Oberstdorf des Deutschen Alpenvereins hatte eingeladen.

Schneck - Heft 67

Der Erstbegeher Philipp Risch lieferte schon als 13jähriger Spenglerlehrling eine Probe seiner Kaltblütigkeit, als er ungesichert die Fassade des Freiburger Münsters hinaufkletterte. Ein früher Fall von „Buildering”, wie das Fassadenklettern heute genannt wird.

Als der aus Umkirch bei Freiburg stammende Draufgänger eine Arbeit in Oberstdorf fand (als Monteur bei Eltrich in der Sonthofener Straße), nahm er natürlich die Berge vor der Haustür unter die Lupe. Dem Südpfeiler der Gehrenspitze im Tannheimer Tal und der Westwand des Südgipfels am Großen Wilden folgte dann 1922 der Paukenschlag: mit nur drei Felshaken als Zwischensicherung, so ist überliefert, bezwang Risch mit seinem Gefährten Karl Seybold das teilweise überhängende Gemäuer. Eine kaum vorstellbare Leistung. Besonders wenn man bedenkt, dass am Schneck bis heute nicht jede Griffschuppe hält, was sie verspricht.

Schneck - Heft 67

Der Schneck, gesehen von Westen, vom Laufbacher Eck

(Foto: www.wanderpfade.de)

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Der Schneck, gesehen von Süden, vom Riefenkopf

(Foto: www.wanderpfade.de)

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Der Freiburger Philipp Risch

Es folgten vergebliche Wiederholungsversuche, die sogar mit einem tödlichen Unfall endeten. Erst 1933 gelang den Oberstdorfern Ignaz Vogler und Otto Niederacher die zweite Begehung. Dann viele Rückzüge, wenig Erfolge.

Schneck - Heft 67

Wehrausweis

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Der handschriftliche Eintrag in Ignaz Voglers Führerbuch lautet:

„Heute, am 25. 8. 32, führte mich Herr Vogler von der Rappenseehütte aufs Hohe Licht, Steinschartenkopf, Bockkarkopf. Ich kann Herrn Vogler nur empfehlen. Wenn auch ohne Seil, so führte er mich an schweren Stellen sicher mit der Hand. Vor allem ist seine Ruhe zu rühmen.
N. N. Wanne-Eickel Westfalen”

1946 war Anderl Heckmair mit dem Rückzug an der Reihe, nachdem er sich nach Griffausbruch einen blutigen Kopf geholt hatte. 1947 aber glückte die fünfte Begehung. Heckmair machte diese Tour bekannt, weil er sie im »Bergsteiger« mit der Nordwand der Großen Zinne verglich, wo Emilio Comici 1933 eine der berühmtesten Alpentouren fand.

Die sechste Begehung holte sich der Münchner Otto Eidenschink. Dann kamen wieder die Oberstdorfer: Kaspar Schwarz, den 1934 der Schneck mit Steinen auf den Kopf zurückgeschlagen hatte, gelang 1948 der 7. Durchstieg. Sein Partner war Willi Klein, wegen seiner Beweglichkeit „Gummi” gerufen. 1950 holte dieser den deutschen Meistertitel im Slalom, 1952 in Abfahrt und Kombination.

Steinschlag war damals ein Hauptrisiko, der Kletterhelm war ja noch nicht erfunden. Der Autor hat heute noch den Filzhut vor Augen, mit dem sein Vater unterwegs war. Manchmal habe er noch „‘s Täschetüech ningschoppet” – das Taschentuch drunter gelegt.

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Kaspar Schwarz machte bei einem Anlauf am 7. August 1934 mit dem Schneck unangenehm Bekanntschaft – der ihn mit Steinschlag begrüßte.

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Anderl Heckmair holte sich 1947 die fünfte Begehung. 1946 hatte ihn die Ostwand vier Mal abgewiesen: drei Mal Unwetter, ein Mal Steinschlag (siehe Bild).

(Foto: Archiv Auffermann)

Noch im gleichen Jahr kamen Sepp Högerle und Gustl Spiwak (1950 bis 1955 Wirt auf dem Fiderepass). 1949 folgten als Neunte „Waldi” Ihle und Ludwig Schedler. Bekannte Oberstdorfer Namen sind auch Meinhard Kling und Fedor Göpfert, die 1950 als Elfte kamen.

Noch heute hat jeder Respekt, der am Schneck einsteigt, neben der großen Gufel ins schräg geschichtete, abdrängende Gestein greift. Man ist dankbar für die soliden Bohrhaken, die diese maßvoll sanierte Wand heute aufweist und denkt mit Gruseln an die alten Rostgurken, die bis zur Jahrtausendwende die Spalten zierten und sich ab und zu auch aus diesen verabschiedeten.

Schneck - Heft 67

Max Spiß bei der 13. Begehung am 6. Oktober 1950 (mit Erich Hafner). Die Seilschaft musste in der Wand biwakieren. Für Spiß war es ein goldener Herbst: er holte sich am 22. Oktober gleich noch die 14. Begehung und am 7. Oktober
1952 die 16.

(Foto: Max Spiß)

Selbst mit den Gummisohlen der modernen Kletterschuhe verlangen die schrägen Tritte Bewegungsintelligenz. Wie sich die Altvorderen mit rutschigen Patschen oder gefühlstauben Bollerstiefeln und schweren Hanfseilen hier hocharbeiteten, ist ein Rätsel. Der Autor dieser Zeilen durchstieg schon alle drei erwähnten Touren von Risch. Sie zeichnen sich durch kühne Linienführung aus, auch durch brüchiges Gelände ließ sich dieser Risch nicht aufhalten. Dass dieser Abenteurer „bei den Frauen beliebt war”, wie sich Bergführer Ludwig Schedler erinnert, liegt auf der Hand. Dass er alle Konkurrenten nicht nur in steilen Wänden abhängte, machte ihn hingegen bei anderen Geschlechtsgenossen nicht gerade beliebt. Als er die Oberstdorfer Bergführer im Oytal dann auch noch provozierte mit dem Satz: „Was könnt ihr denn schon?”, erntete er eine Tracht Prügel.

Ein botanisches Kuriosum wartet hoch droben auf die Kletterer: aus senkrechter Wand wächst ein Sadebaum, auch Stinkwacholder genannt. Mancher Kletterer greift dankbar in dessen knorksige Äste. „Juniperus sabina" heißt dieser Strauch unter Botanikern. Eine Rarität. Diese ohnehin seltene Pflanze wurde früher für Abtreibungen verwendet und darum auf Betreiben von Kirche und Obrigkeit ausgemerzt. Auch dem gelernten Gärtner Anderl Heckmair fiel dieses seltsame Gewächs auf, das er allerdings für eine „Zwergkonifere” hielt, die sonst nur südlich der Alpen wächst. „Aber in dieser Wand muss wohl alles sonderbar sein”, ist Heckmairs Fazit.

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Edi Bußjäger bei einer seiner 36 Begehungen der Ostwand.

(Foto: Gerhard Fricke)

Doch die Wand hält noch andere Kuriositäten bereit: nachdem das Schwerste geschafft war, wartete früher ein Maßkrug mit einladendem „Bierhenkel”, wie die komfortablen großen Griffe genannt werden. Inzwischen hängt allerdings tatsächlich nur noch der Henkel dort. Der Rest des Krugs fiel Steinschlag zum Opfer. Ein weiteres Utensil, das kleine Schild „Nicht hinauslehnen”, von einer Gondel der früheren Söllereckbahn abgeschraubt, erwartet die Kletterer vor dem ausgesetzten Quergang mit 100 Meter Luft unter den Sohlen.

Neuere Alpingeschichte schrieben 1999 und 2000 die Brüder Jürgen und Michael Schafroth, als sie gleich vier neue Routen durch die Ostwand legten. Bis zum achten Schwierigkeitsgrad können sich Alpinisten nun hier austoben. Bohrhaken in maßvollen Abständen verlangen Ergänzung durch Klemmkeile.

Schneck - Heft 67

Dieser Gipfel trug früher verschiedene Namen von Hindelanger und Oberstdorfer Seite. „Hymelhorn” ist schon 1478 dokumentiert für den aus dem Bärgündletal tatsächlich hoch aufragenden Gipfel. Diesen Namen trägt inzwischen der weiter südliche Punkt am Gratzug, zu dem aus dem Oytal der Rädlergrat emporzieht. Für den Hauptgipfel hat sich Schneck durchgesetzt. Namensforschung muss man hier nicht treiben, kriecht doch dieses Riff wie eine Nacktschnecke hoch über dem Oytal.

Hier noch die Highlights der Wandbuch-Statistik. „Mister Schneck” ist mit 40 Begehungen Albert Schwarz aus Margrethen bei Hindelang, gefolgt von Edi Bußjäger aus Oberstdorf (36 Mal), der mit seiner Heidi auch die erste Frau durch dieses Gemäuer lotste. 33 Mal war Rudl Schalber aus Bad Oberdorf unterwegs, der die Wand sogar noch als 67Jähiger packte. Albert Kleemaier aus Kempten, der Allgäuer und Tannheimer Gipfel durch viele Erstbegehungen prägte, kam zwischen 1950 und 1958 acht Mal, er holte sich die zehnte Begehung und am Nikolaustag 1953 die erste Winterbegehung. Sieben Mal allein im Jahr 1957 war der Oberstdorfer Michel Tauscher hier. Tauscher überstand übrigens unzählige seilfreie Alleingänge bis zum sechsten Grad in den Allgäuer Bergen. Noch mit über 70 war er „free solo” unterwegs. Den Ostgrat der Kellespitze mit dem babylonischen Turm absolvierte er 120 Mal. Am Westgrat dieses Berges verlor Edi Bussjäger durch einen Stolperer im leichten Gelände sein Leben. Sonst wären zu seinen 36 Schneckost-Begehungen noch einige dazugekommen.

Verbesserte Ausrüstung und Technik taten das ihre: die 100. Begehung war 1964 erreicht.

Zur Jugend – Die Schafroths hatten ihre Kinder dabei: Jürgen die 11jährige Mona und Michael den 14jährigen Moritz. Der jüngste Vorsteiger in dieser Wand war der 15jährige Peter Kaiser. Er kam in den folgenden 46 Jahren weitere 26 Mal, hat also einiges zu erzählen. Bei seiner ersten Begehung geriet sein Quergang zu kurz, er befand sich schließlich im senkrechten Gelände, 20 Meter über dem letzten Haken, Seil aus und kein Stand in Sicht. Ob die zwei alten Rostgurken, die er auf diesem Trip erspähte, tatsächlich vom Erstbegeher Risch stammten oder von einer Bergwacht-Übung, das ist nicht mehr zu klären. In seiner Verzweiflung erwägte Kaiser sogar, ins Seil zu springen, was einen 40-Meter-Flug bedeutet hätte. Doch schließlich gelang es ihm, seine falsche „Direttissima” wieder abzuklettern. Auch mit dem Gleitschirm auf dem Rücken war Kaiser schon unterwegs, zusammen mit Andrea Niederacher, Enkelin des Zweitbegehers. Bis auf 75 Minuten in Zweierseilschaft schmolz Kaiser die Begehungszeit zusammen.

Mit Kaiser stieg bereits als 17Jähriger Max Zellhuber durch die Wand, der das Material des Wandbuches ordnete. Als 17jähriger Vorsteiger war auch Autor Markus Noichl in der Wand, zusammen mit dem gleichaltrigen Johannes Kappeler – eine Woche, nachdem er mit Michael Heckmair, Enkel von Anderl, den Rückzug antreten musste. Heckmair hatte in der zweiten Seillänge wegen eines ausbrechenden Hakens einen satten Flug hingelegt, der einen ordentlichen Riss im Schenkel nach sich zog. Nachdem Noichl seinen blutenden Seilgefährten auf den Boden abgelassen hatte, war er so aufgeregt, dass ihm bei den Abseil-Vorbereitungen das Seil aus der Hand rutschte und auf den 20 Meter tieferen Boden fiel. Nachdem er, gesichert mit allen Schlingen und Karabinern, die er noch hatte, von Haken zu Haken hinabkletterte, hing er schließlich in der Gufel, rund vier Meter über dem Boden, und bat seinen Kameraden, ihm das Seil hochzuwerfen. Doch der war wegen seiner Verletzung dazu nicht mehr in der Lage. Eine zufällig vorbeikommende Hindelanger Bergwachtstreife befreite Noichl aus der peinlichsten Situation seines Alpinisten-Daseins. Sie sei hier enthüllt, stellvertretend für all die ruhmarmen Momente, um die, in der Schneck-Ost oder woanders, die Helden der Berge lieber den Mantel des Schweigens hängen.

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