Oberstdorfer Skigeschichten: Jugendskilauf

von Eugen Thomma am 01.12.2017

Das Skifahren, aber vor allem Skispringen, hat uns als Schulbuben unheimlich fasziniert. Nach der Schule, kaum, dass Zeit zum Essen blieb, versuchte man sich aus dem Haus zu stehlen. Die Schularbeiten? – die konnten abends gemacht werden. Nur keine Stunde Tageslicht versäumen, um Skifahren zu können. Schneepflug, Telemark- und Kristianiaschwünge wurden geübt, mit Ruten und Tannenreisig Slalomläufe ausgesteckt und gefahren. Wir hatten daran unseren großen Spaß.

Wenn wir dann auf unseren selbstgebauten Schneeschanzen im Dummelsmoos Skispringen veranstalteten, legte sich jeder von uns den Namen eines bekannten Springers zu. Sepp Weiler, Heini Klopfer, Rudi Gehring, Sepp Bradl waren die großen Idole. Aber wir erinnerten uns auch noch an die Namen bekannter Skandinavier wie Sörensen oder die Gebrüder Sigmund und Birger Ruud. Je nach Art der Schanze gingen unsere anfänglichen Versuche drei, fünf, sieben, ja zehn Meter weit. Wer einmal oder gar zweimal verloren hatte, der konnte nicht mehr als Sepp Weiler starten, weil der doch fast immer gewann. Es gab um unsere „Künstlernamen” oft heftigen Streit. Natürlich gab es eine „Hackordnung”; darin spielte neben der sportlichen Leistung die Körperstärke eine bedeutende Rolle. Wer neben dem Sportlichen auch hier zu den Schwächeren zählte, der musste sich mit dem Namen eines weniger bekannten Springers begnügen.

Für die Jugendlichen gab es damals in Oberstdorf drei, vier ortsnahe Skigebiete. Da war einmal der Bereich Karatsbichl, zu dem mehrheitlich die „Untermärktlar” gehörten. Im Dummelsmoos sammelte sich der Nordosten, der sich hauptsächlich aus „Fabriklarn” und „Siedlingarn”, auch „Ratzeriedar” genannt, rekrutierte. An den „Halden”, mit dem berühmten „Lange Schutz” und dem „Kemptarle”, dem Sprunghügel, waren die „Obermärktlar” zu Hause. Die Sprungelite ging aber meist aus „Foltebächlarn”, auch „Leachtlar” genannt, hervor. Sie hatten mit der Jugendschanze, der „Mittler” und der „Kleinen”, schon fast ein Skisprungstadion vor der Haustür. An der „Jugend” trafen daher auch die Besten aus all den Übungsgebieten aufeinander. Die „Jugend”, die eigentlich Kühbergschanze hieß und mit einer Lichtanlage für Nachtspringen ausgestattet war, war der große Bubentraum. Hatte man auf der „Mittler” seine 50 oder gar 100 Sprünge absolviert, wurde mit viel Herzklopfen und Selbstüberwindung auf der „Jugend” ein Versuch gestartet.

Die „Mittler”, mit einer Schanzentischhöhe von ca. 1,20 Meter, ließ Sprünge bis etwa 18 Metern zu, wobei diese Weite schon unten im „Loch” (Knick) lag. Ganz andere Dimensionen wies die Kühbergschanze auf, sie war ein regelrechter „Luftbock”. Gut an die zwei Meter Höhe maß der Schanzentisch. Dies war notwendig, weil ein „Buggl” (Schanzenvorbau) von rund 15 Metern überwunden werden musste. Sprünge von über 30 Metern erzielten nur die Besten. Der Schanzenrekord lag bei 42 Metern. Wie an so vielen Schanzen, hat ihn auch hier Sepp Weiler ins „Loch” gesetzt. Nachdem der Aufsprung nur bei offiziellen Springen mit Weitentafeln versehen war, orientierte man sich die übrige Zeit an den Lichtmasten der „Flutlichtanlage”. Die „erscht Schtang” (erste Stange) war etwa bei 18 und die „zwait Schtang” bei rund 32 Metern aufgestellt.

Skigeschichten - Heft 71

Der Karatsbichl war schon immer ein vielbesuchtes Skiübungsgebiet. Hier war der Ausgangspunkt zum Aufstieg über „Bergkristall” nach Schrattenwang-Schönblick und auch wieder der Endpunkt der bekannten Standard-Abfahrt.

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Ein beliebtes Skigebiet, insbesonders für die Jugend, war das „Dummelsmoos”. Es bot im unteren Bereich ein Terrain für Anfänger und an den Steilhängen oben konnten die besonders Mutigen ihr Können beweisen.

Wenn es nun in der Schule hieß, der XY ist gestern fast bis zur zweiten Stange „g’juckt” (gesprungen), das brachte Ansehen bei den Mitschülern. Meistens war es vorher bekannt, wenn sich wieder ein Neuer auf die „Jugend” wagte. Eine Reihe von Freunden und Konkurrenten beobachteten natürlich diesen ersten Versuch. Anderntags war diese Tat Hauptthema in der Schule.

Eine ganze Reihe meiner Klassenkameraden hatte diese „Feuertaufe” schon hinter sich, als ich eine große Lippe riskierte und sagte, es auch zu versuchen. Es gab schon ein paar Zweifler, aber ich hatte eine gute Ausrede, denn ich hatte keine Sprungskier und auch keine Schuhe. Holzschuhe mit dem Oberleder von alten Schuhen meines Vaters waren meine Skistiefel, ja, sogar meine einzigen Schuhe in diesem Winter. Zwei meiner Schulfreunde fuhren den ganzen Winter mit Halbschuhen Skier. Ich entsinne mich sehr gut an den Sturz von Siegfried Müller (Lixar) beim Springen am „Kemptarle”, bei dem die Skier samt den Schuhen davonflogen und der Siegfried dann auf Strümpfen seine Utensilien wieder einsammeln musste.

An diesen mangelnden Ausrüstungen war nicht nur die Kriegszeit schuldig. Unsere Eltern hatten einfach das Geld nicht, um uns entsprechend auszustatten. Bei sehr vielen guten Talenten, die sonst verkümmert wären, sprang unser Hauptlehrer Anton Henkel ein. Er hat für die Volksschule aus dem Sportetat Skier gekauft und an besonders bedürftige Schüler, die aber gute sportliche Leistungen erbrachten, ausgeliehen. Manch späterer Spitzensportler wurde so unterstützt.

Aber zurück zu meiner Ankündigung, auf die „Jugend” gehen zu wollen. Verglichen mit unseren damaligen Spitzenkönnern war ich nur ganz bescheidenes Mittelmaß als Skifahrer. Ich freute mich immer noch über meine gute Ausrede, keine Sprungskier zu haben, da kam doch der Erhard Karl und sagte vor allen andern, mir seine Sprungskier zu borgen. Jetzt hatte ich den Dreck! Der Karl war einige Jahre älter als ich und hatte von der Schule ein Paar alte Zweirinner-Sprungski als Leihgabe erhalten. Mit diesen und den eingepassten Schuhen sollte ich nun meinen „Jungfernflug” auf der Jugendschanze machen.

An einem schönen Nachmittag stand ich nun oben am Anlauf der Kühbergschanze und schaute hinunter. Mein Gott, wenn ich nur nicht gesagt hätte, dass ich springen werde. Mir war ganz flau im Magen. Heute glaube ich, dass mir die Knie auch geschlottert haben. Aber jetzt musste ich mich entscheiden: den inneren (riesengroßen) Schweinehund zu überwinden und hinunterzufahren oder – schrecklich – vor allen Freunden als Feigling und Maulheld dazustehen. Ich hatte keine Wahl. Ich stieg in die Anlaufspur, ach war das schnell! Sollte ich aus der Spur steigen und neben der Schanze hinunterfahren? Komme ich mit den langen Skiern überhaupt aus der tiefen Anlaufspur heraus? Und dann war es für weitere Überlegungen und Ängste schon zu spät. Ich stand wohl auf an der Schanze, wie es die guten Springer machten, aber zum Nach-vorne-Springen fehlte einfach der Mut. In der Luft bekam ich Rücklage, landete mit der Kehrseite auf dem Schanzenvorbau und purzelte mit einigen Überschlägen den Aufsprung hinunter. Als die ganze Sache zum Stillstand kam, stellte ich mit großer Erleichterung fest, dass ich heil unten war. Auch den Skiern ist nichts passiert. Bei diesem Premiere-Flug blieb es. Sehr schnell hatte ich erkannt, dass Skispringen nicht meine Stärke sein würde.

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Die Kühbergschanze und links daneben die „Mittler” und die „Kleine” stellten schon ein bescheidenes Sprungstadion dar. Die Jugendschanze, wie sie im Volksmund hieß, war das Sprungbrett für die besten Jugendspringer auf ihrem Weg zur Schattenbergschanze.

Wenn ich heute gelegentlich als Zuschauer am Auslauf einer Schanze stehe und junge Burschen – je nach Alter und Schanze – 20, 50, 100, ja mehr als 200 Meter hinuntersegeln sehe, denke ich öfters an meinen einzigen und gleich gescheiterten Versuch zurück. Wenn heute nach einem geglückten 200-Meter-Flug der nächste Sportler bei „nur” 150 Meter aufsetzt, ist das für viele Zuschauer schon kein Grund mehr, die Hände aus den Hosentaschen zu nehmen. Welchen Mut und welche Überwindung selbst Spitzensportler aufbringen müssen, um an Großschanzen in die Spur zu springen, bedenken diese sensationshungrigen Zeitgenossen nicht. Der Großteil von ihnen hätte schon die Hosen voll, wenn er nur die Hälfte des Aufsprungs hinunterfahren müsste. Ja, auch die Spitzenathleten haben „Muffensausen” vor dem Sprung auf einer Großschanze, es ist daher nicht verwunderlich, dass am Anlaufturm solcher Anlagen eine eigene „Pippirinne” installiert ist.

Der heutige Jugendskisport ist mit den Anfängen unserer Jugendzeit nicht zu vergleichen. Trainer und sprungfertig hergerichtete Schanzen gab es nicht. Die Springer mussten ihre Schanzen selbst präparieren. Aber es gab eines was heute fehlt: Kameradschaftsspringen. Da starteten von der Spitze der Klasse I über die verschiedenen Altersklassen bis hinunter zu acht- und zehnjährigen Jugendspringern alles, was im Club auf Sprungskiern stand. Wenn dann noch einer von den ganz Großen so einem Knirps ein paar Tipps gab, war das für den Kleinen das Evangelium und spornte seinen Ehrgeiz ganz gewaltig an. Die Überfütterung mit Fernsehaufnahmen von Springen der Weltelite mindern das Interesse an solch kleinen Veranstaltungen. Die von der FIS aufgestellten und von den bestimmenden, weil bezahlenden, Fernsehanstalten festgesetzten Termine der Großveranstaltungen lassen den Spitzensportlern auch kaum Zeit an Springen gemeinsam mit dem Nachwuchs teilzunehmen ... und das ist schade, sehr schade.

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