Oberstdorfer Skigeschichten: Rechnen genügend – Skilauf sehr gut

von Eugen Thomma am 01.12.2017

... so lautete im März 1930, also vor gerade 87 Jahren, die Überschrift eines Artikels der »Berliner Illustrierten Zeitung«, der sich mit dem Wintersport an der Oberstdorfer Volksschule befasste.

In jeder Art von Schule ist Sport heute ein nicht wegzudenkendes Pflichtfach. Eigens ausgebildete Fachpädagogen sorgen für die „Leibesertüchtigung” der Schülerinnen und Schüler. Waren es anfänglich nur gymnastische Übungen und Ballspiele, so entstanden im Laufe der Jahrzehnte Sparten bald in der Menge der fast unzähligen olympischen Disziplinen.

Wenn sich heute Gymnasien und Universitäten Sportwettkämpfe liefern oder gar Studentenweltmeisterschaften ausgetragen werden, so liegt die Wurzel dieses sportlichen Kräftemessens im Schulsport. Natürlich spielen die geographische Lage des jeweiligen Schulortes und die vorhandenen Sportstätten eine nicht geringe Rolle in der Art der Sportausübung. In Orten an der Meeresküste oder einem See werden Wassersportarten und in Gebirgsgegenden der Skilauf überwiegen. Was aber ganz entscheidend ist, dass ein hochmotivierter Pädagoge hinter der ganzen Sache steht.

Nach dem Ersten Weltkrieg kam ein junger Lehrer nach Oberstdorf, der selbst begeisterter Skiläufer war. Er hatte die Idee, in den Wintermonaten mit den Kindern, an Stelle der Gymnastik in einem muffigen Kellerraum, in gesunder, frischer Luft zu sporteln. Skilaufen sollten die Kleinen lernen!

Anton Henkel, so hieß der Lehrer, ließ mehrere „Schulturnstunden” auflaufen, um schließlich einen Ski-Vormittag zu haben. Er machte sich dadurch beileibe nicht nur Freunde. Die Schulbehörden fürchteten das Verletzungsrisiko, verschiedene Eltern glaubten, dass ihr zartes Kind überfordert würde und da war auch noch das liebe Geld, das überall fehlte. Viele Eltern waren finanziell nicht in der Lage, ihren Kindern Skier zu kaufen. Auch da wusste Anton Henkel Rat. Über den Sportgeräte-Etat kaufte die Schule Skier und manch später bekannter Skiläufer und Skispringer hat sich mit Leihskiern der Oberstdorfer Volksschule seine ersten Sporen erworben.

Unser „Lehrar Henkl” verstand es, die Kinder zu motivieren. Ich war selbst ABC-Schütze bei diesem Pädagogen und kenne daher seinen Stil sehr gut. So wurde z. B. unsere Klasse mit über 50 Kindern in mehrere Gruppen eingeteilt. Jeder dieser Abteilungen (ich glaube es waren acht) stand ein „Gruppenführer” vor. Er bekam eine rote Startnummer (mit der entsprechenden Zahl 1 bis 8) umgebunden und seine Schäfchen hatten ihm zu folgen. Im Schulhof oder auf dem Prinzenacker (heute Parkplatz der Oberstdorf Therme) schnallten wir die Skier an und im Gänsemarsch ging es ab zum Karatsbichl oder an die „Halden”. Am Schluss des Zuges fuhr der „Lumpensammler”. Es war dies ein Schüler, der, an Stelle einer Startnummer, ein Brust- und Rückentuch mit einem roten Kreuz trug. Außerdem hatte er einen kleinen Tornister mit Verbandszeug und Hausapotheke zu tragen. Während die Position des Gruppenführers begehrt war (man war doch wer!), fuhr keiner gerne als letzter in der Reihe. Denn der hatte sich um schwache Nachzügler und um solche, die Probleme mit ihren Skiern hatten, zu kümmern. Keiner wollte Lumpensammler sein. Selten genug ging dieser Kelch an mir vorüber.

Skigeschichten - Heft 71

Lehrer Anton Henkel mit seiner Schulklasse am Karatsbichl. Eine Anzahl von Kindern hatte noch keine Skier und nahmen deshalb mit Rodelschlitten am Schulsport teil.

Skigeschichten - Heft 71

Der „Herr Lehrer” mit seinen Buben im Klasszimmer. Stolz tragen alle schon ihre Startnummer für das folgende „Rennen”. In der ersten Bank rechts der „Sanitäter”, als wichtigste Person beim Abfahrtslauf.

Skigeschichten - Heft 71

Schulsport einmal anders. Die „Kerze“ mit angeschnallten Skiern und das anschließende „Aufstehen“ sollte den Kindern neben Beweglichkeit auch Vertrautheit mit dem Sportgerät vermitteln.

Skigeschichten - Heft 71

In Reih’ und Glied! Die Ausführung der einzelnen Übungen hatte auf Komman- do ballettartig zu erfolgen. Ja, und dass alle sauber in einer Linie standen, darauf legte der Herr Oberleutnant des
I. Weltkrieges schon besonderen Wert.

Ein besonderer Tag war dann der Schul-Abfahrtslauf. Schon am Vortag wurden in der Schule die Startnummern ausgegeben. Stolz wie ein Spanier trugen wir diese schon umgebunden auf dem Heimweg (manch einer hat seine erste richtige Startnummer sogar mit ins Bett genommen.). Man fieberte dem Start vielleicht mehr entgegen als heute Rennläufer der Spitzenklasse.

Und dann der große Tag!
An dem Morgen kam bestimmt kein Schüler zu spät in die Schule. Klassenweise marschierte man ab und stieg über die „Waldesruh” hinauf in Richtung Wannenköpfle, was mit unseren Schuhen noch möglich war. Am „Almoos” starteten die Kleinen, die Größeren wurden am Wannenköpfle abgelassen und für die Oberklassen begann das Rennen am Kruijers Kreuzle, Ziel für alle war das „Schulthiisle” auf der Reute. Wie das Rennen für den Einzelnen auch verlaufen war, eines war sicher: der Amateur-Status war gewahrt. Den großen Bericht nach dem Abfahrtslauf in der Tagespresse konnte ich zwar noch nicht fließend lesen, aber unsere Namen standen da gedruckt in der Zeitung und darauf waren wir sehr stolz.

Ganz natürlich war der Schulabfahrtslauf Tage später auch Thema eines Aufsatzes. Eine dieser literarischen Meisterleistungen enthielt bei der Beschreibung des Startgeschehens auch folgende zweideutige Stilblüte: „Oben am Kruijers Kreuzle stand der Herr Rektor und ließ alle halbe Minute einen fahren!”

Beim Schulsport wurde aber nicht nur Abfahrtslauf und Slalom geübt, sondern auch Gymnastik auf den Brettern. Kehrtwendungen, „Spitzkehren”, vor- und rückwärts wurden auf Kommando ausgeführt. Gymnastische Schritte und Armbewegungen sowie auf dem Rücken liegend die „Kerze” mit angeschnallten Skiern gehörten da zum Repertoire. Dass bei den Gruppen-Aufstellungen immer auf eine gerade Linie und auf zeitgleiche Ausführung der Übungen geachtet wurde, verriet aber schon, dass unser Lehrer im Ersten Weltkrieg Offizier gewesen war.

Gerade neun Jahre bevor meine Schulklasse diese sportliche Phase durchlief, fanden in Oberstdorf die Deutschen (Jubiläums) - Skimeisterschaften statt. Der Deutsche Skiverband feierte sein 25-jähriges Bestehen. Im Rahmen dieser Wettkämpfe wurde ein Jugend-Skitag angesetzt. Als Vorschau war da im „Oberstdorfer Gemeinde- und Fremdenblatt” zu lesen:

Großer Jugend-Skitag

Mittwoch 5. Februar 1930
Durchgeführt von den ca. 300 Mitgliedern der Oberstdorfer Jugendabteilung. (Kinder von 4 – 16 Jahren).
Vormittag 9 Uhr
Auf dem Platze östlich des Kinderheim „Hohes Licht” werden vorgeführt von ca. 180 Knaben von 6 – 16 Jahren:
1. Freiübungen auf Skiern,
2. Stafettenlauf,
3. Spiele auf Skiern,
4. Umsprung, Quersprung und Geländesprung
Abmarsch: 8 Uhr von der Volksschule
Nachmittag: 1.30 Uhr Abmarsch (Antreten 1 Uhr bei der Schule)
1. Großer Festzug mit Musik von der Schule über den Marktplatz bis zur Mühlenbrücke an der Trettach. Teilnehmer: Alle skilaufenden Knaben und Mädchen von 4 – 16 Jahren.
2. Abfahrts- und Geschicklichkeitslauf für Mädchen und Knaben am Schattenberg nordöstlich der Wirtschaft „Kühberg“.
Ziel: Wasserreserve an der Oytalstraße.
3. Jugendspringen auf mehreren Schanzen am Platz der Jugendschanze.
Die Vorführungen am Jugendskitag werden alle gefilmt. Änderungen vorbehalten.“

Skigeschichten - Heft 71

Dünn war die Schneeschicht und auf der Straße nur Matsch, doch das tat der Begeisterung der Kinder beim Festumzug kei- nen Abbruch. Die festlich geschmückte Hauptstraße bot auch einen entsprechenden Rahmen.

Dieser Jugend-Skitag wurde regelrecht zu einem Skifestival. Eine besondere Note erhielt die Veranstaltung, weil zu dieser Zeit Königin Wilhelmine der Niederlande mit Prinzgemahl Heinrich und Kronprinzessin Juliane in Oberstdorf weilten. Die Kronprinzessin hat dabei, neben ihrem Skiunterricht, auch Veranstaltungen der Meisterschaften besucht.

Bedingt durch die geringe Schneemenge und die herrschenden Temperaturen waren die Straßen zwar nur mit einem braunen Schneematsch bedeckt, aber das tat der Feststimmung keinen Abbruch. Unter den Klängen der Musikkapelle zog eine Riesenschar von Schulkindern mit angeschnallten Skiern in einem Festzug durch den Ort. Eine Attraktion des Festzuges, ja der ganzen Sportveranstaltung, war der vom Meister Josef Schratt hergestellte „Riesenschuh” (ein Skistiefel der Größe 450), der auf einem Brückenwagen der Spedition Haug im Umzug mitgeführt wurde.

Skigeschichten - Heft 71

„Der größte Schuh der Welt”, ein Skistiefel der Größe 450, den Meister Josef Schratt 1929 hergestellt hatte, war eine Attraktion im Festzug.

Auf dem Wagen von rechts: Josef Schratt, Fuhrmann Hans Eberle, auf dem Schuh des Meisters Kinder Elsa und Franz.

Im Rahmen der Deutschen Skimeisterschaften und der gleichzeitig ablaufenden Deutschen Heeresskimeisterschaften fand der Jugendskitag größtes Interesse bei der „schreibenden Zunft”. Nicht nur in deutschen Blättern, sondern auch in französischen, englischen und amerikanischen Gazetten „stahlen” die Knirpse ihren großen Vorbildern regelrecht die Schau.

Ein damals führendes Blatt, die »Berliner Illustrierte Zeitung«, nahm den Jugendskitag zum Aufhänger und veröffentlichte einen Artikel mit dem eingangs zitierten Titel.

„Rechnen: genügend. Skilaufen: Sehr gut”

Gebirgskinder sind Skikinder; schon die Kleinsten werden auf die ,Bretteln’ gestellt. Skifahren ist dort kein Sport, sondern die selbstverständliche Art, im Winter vom Fleck zu kommen. In Oberstdorf in Bayern hat die Volksschule nun den Skiunterricht obligatorisch gemacht. Die Kinder kommen mit ihren Skiern zur Schule, und zwischen Rechnen, Schreiben und Lesen geht es mit dem Lehrer hinaus in den Schnee, auf die Hänge. Glückliche Oberstdorfer Kinder, für die Skifahren ein Teil der Allgemeinbildung ist!“

Skigeschichten - Heft 71

Ein Bild aus der »Berliner Illustrierten«; eigens für den Fotografen wurden die Skier an der Garderobe vor dem Klasszimmer abgestellt. Durch die offene Tür ist Lehrer Anton Henkel zu sehen. Normal lehnten viele Dutzend Paar Skier draußen an der Wand des Schulhauses.

Bekannte Skiläufer und Springer sind aus den Ski-Kindern des Jahres 1930 hervorgegangen. Um nur zwei Namen zu nennen: Heini Klopfer und Sepp Weiler. Sie trugen, zusammen mit späteren Skigrößen, den Namen Oberstdorf in alle Welt und haben den Ruf des Ortes als ein Zentrum des Skisportes mitbegründet.

Der Skiklub Oberstdorf hat dem verdienten Skipionier und großen Förderer der Jugend, Anton Henkel, am Ort seines Wirkens, an den „Halden”, einen Gedenkstein errichtet.

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