Oberstdorfs Bergführer - ihnen vertrauen sich Generationen von Touristen an (Teil 3)

von Eugen Thomma am 01.12.1998

Im Sommer 1881 haben die Münchner Studenten Michael Reichert und die Gebrüder Heinrich und Joseph Zametzer (im Zusammenhang mit J. B. Schraudolph schon erwähnt) ihre Steigeisen in Oberstdorf zur Reparatur gegeben. Nach wochenlanger Tour in der Hornbachkette und am Hochvogel waren diese stumpfgelaufen. Zametzer beschreibt in seinem Tourenbuch nun das Bekanntwerden mit Ignaz Zobel wie folgt: eine sehnige, wettergebräunte Gestalt, seines Zeichens Zeugschmied. Daneben auch Bergführer, Namens Zobel. Er ermutigte uns zum Versuch auf die Trettachspitze, rieth uns aber zugleich, wo möglich mit der Ilfen-Spitze anzubinden, u. nannte als Krone aller Bergkletterei die ja auch in unserem Programm stehende Zimbaspitze im Montavon. Als er dann tags darauf die Eisen wieder brachte u. 10 dl [Anm.: Pfennige] für deren Reparatur verlangte, strich er diesen Spottpreis ein mit den Worten: ,Wiedr a Geald wo’s Wieb nichts davon weiß’ - eine originelle Hochlandfigur.”

Da Ignaz Zobel den Touristen neben der Besteigung der Trettach auch zur IIfenspitze und zur Zimba geraten hat, war er selbst sicher dort oben gewesen. Für damalige Verhältnisse stellten die genannten Gipfel ansehnliche Leistungen dar. Nun ja, wenn man eine Frau wie die Johanna (wir haben schon früher von ihr gehört) zu Hause hat, muß der Mann fast zwangsläufig mit alpinen Leistungen glänzen.

Doch bevor wir uns über den Bergführer Zobel näher unterhalten, zunächst ein Wort zum Schlossermeister Zobel. Dazu ist in Modlmayrs Buch »Bunte Bilder aus dem oberen Allgäu« (Memmingen 1903) eine interessante Fußnote zu finden: „Bereits 1853 sang den achtzackigen allgäuer Gliedeisen in der Beilage zur »Allgemeinen Zeitung« hohes Lob Otto Sendtner, der berühmte Botaniker, welcher auf seinen wissenschaftlichen Bergfahrten dieselben an manch steiler Grashalde erprobt hatte:

,Der Oberstdorfer Schlosser Joseph Zobel liefert euch ein wahres Meisterstück. Aus einem Stück Sensenstahl geschmiedet, nicht geschweißt, mit acht Zinken und gegliedert, vereinigen sie mit einer besonderen Leichtigkeit Härte und Zähigkeit in dem Maße, daß jahrelanger Gebrauch auf dem rauhen Gestein sie weder abstumpft noch bei dem heftigen Anprallen springen läßt. Wer damit auf dem abschüssigen Rasenboden von zu 70° Neigung so sicher wie auf der Ebene schreitet, so werdet ihr den Meister preisen, der euern Fuß bewaffnet hat’.”

Das hier auf die Eisen des Joseph Zobel gesungene hohe Lied traf auch (oder auch nicht) auf die Eisen des Ignaz Zobel zu. Meister Zobel hat also seine alpine Erfahrung gleich in die Praxis umgesetzt.

Im Archiv der AV-Sektion Allgäu-Kempten finden sich über Ignaz Zobel einige Aufzeichnungen. Denen zufolge wurde er 1880 autorisiert und erhielt den Hüttenschlüssel Nr. 76. (Alle AV-Hütten waren mit einem Schlüssel zu öffnen. Die Hütten waren unbewirtschaftet, hatten aber einen Proviant-Schrank. Für die entnommene Ware wurde der entsprechende Geldbetrag eingelegt. Ein Hüttenschlüssel war daher ein großer Vertrauensbeweis.)

In seiner Eigenschaft als Führer erhielt Zobel vom Alpenverein die Qualifikation „Sehr gut”. Das erste Führerbuch wurde ihm am 16. Juli 1880 ausgefertigt. Bei der Überprüfung des Führerbuches 1885 hat der Führer-Referent der Sektion Kempten über Zobels „Arbeit” eine Strichliste angefertigt, die uns heute die Führungstouren zwischen 1880 und 1885 Jahr für Jahr nachvollziehen läßt. So war Ignaz Zobel in diesem Zeitraum 29mal auf dem Nebelhorn, neunmal auf dem Großen Krottenkopf (am 12. August 1880 mit August Roos und Anton Spiehler, wobei der Abstieg ins Bernhardstal erfolgte). An weiteren Gipfeltouren finden wir: Hohes Licht 9, Mädelegabel 21, Höfats 7 (1884 einmal zusammen mit J. B. Schraudolph und Edmund Probst; es dürfte dies Schraudolphs einzige Höfats- Führung gewesen sein). An anderen Führungen stehen zu Buche: Kreuzeck - Rauheck 3, „Schecken” [Schneck] 1, Ilfenspitz 1, Daumen 1, Hoher Ifen 6, Widderstein 1 und noch eine Reihe von Touren mit Paßüberschreitungen und dergleichen. Ein Vermerk des Führer-Referenten lautet: „Erteile am 17. VII. 88 neues Führerbuch, weil altes vollständig mit Eintragungen gefüllt ist."

Ignaz Zobel war am 13. April 1833 in Oberstdorf geboren und verehelichte sich mit Johanna Weitenauer. Damit heiratete er in das Anwesen Haus Nr. 144 ein. Das Haus brannte 1865 ab (an der Stelle steht heute der Plus-Markt in der Pfarrstraße). Zobel erwarb den Bauplatz des ebenfalls abgebrannten Anwesens Haus Nr. 137, wo er sich ein Wohnhaus mit Ökonomie und Schlosserei einrichtete (heute Pfarrstraße 9 - Gutensohn, »Sieben Schwaben«). Ignaz Zobels Leben endete am 28. April 1922 in Tiefenbach, wo er bei seiner Tochter, Karoline Schweier, lebte und bis ins hohe Alter als „Billeteur” beim Breitachklammverein tätig war.

Im Januar 1891 wurde der neue, von den Sektionen Kempten und Immenstadt aufgestellte Führertarif veröffentlicht. Die Verwaltung der Marktgemeinde Oberstdorf hat auch noch ihren Segen dazu gegeben. Auf Seite 2 des acht Seiten umfassenden Heftchens lesen wir da:

Namen der autorisierten Bergführer:
Franz Braxmaier, Karl Brutscher, Moritz Math, Ignaz Zobel, sämtliche Oberstdorf; Johann Baptist Schraudolph in Einödsbach.

Die Namen der dienstfreien ortsanwesenden Führer sind auf der am Rathaus angebrachten Führertafel ersichtlich.

Die verehrlichen Reisenden werden ersucht, sich bei ihren Touren nur der autorisierten Führer, für welche allein von den Sektionen die Verantwortung über die Befähigung als Bergführer übernommen wird, zu bedienen und jede ausgeführte Tour in das Führerbuch einzutragen.

Für alle Angelegenheiten des Führerwesens sind die Sektionen Algäu-Kempten und Algäu-Immenstadt durch den prakt. Arzt Dr. U. Reh in Oberstdorf vertreten.”

Brutscher, Schraudolph und Zobel sind uns ja schon „alte Bekannte”. Versuchen wir nun über die beiden „Neuen” etwas zu erfahren. Dazu bietet bereits der Jahresbericht 1885 der Sektion Allgäu-Immenstadt die Möglichkeit. Da ist zu lesen, daß „in Oberstdorf ein weiterer Führer in der Person des Schuhmachers Moritz Matt aufgestellt wurde.” Moritz Math (wie der Name richtig lautet) galt in Touristen- und Führerkreisen als Oberstdorfer „Hochvogelspezialist”.

In vielen Jahren seiner aktiven Führertätigkeit hat er diesen markanten Gipfel mehr als 300mal betreten. Natürlich führte Moritz Math auch andere Touren. Ein Erlebnis besonderer Art bereitete dem Führer im Sommer 1893 ein Graf, den er auf den Gipfel der Mädelegabel zu führen hatte. Am „Wändle”, unterhalb des Waltenbergerhauses, stürzte sich der Tourist urplötzlich auf den Führer und umklammerte ihn von hinten. Unter Aufbietung aller Kräfte konnte sich der Angegriffene befreien, den Angreifer festhalten und vor dem drohenden Absturz bewahren. Dieser einzigartige Vorfall ließ sich alsbald klären. Der Tourist hatte im Krieg 1870 eine Kopfverletzung erlitten und war seither gelegentlich Anfällen unterworfen. Die besonnene Art des Führers hat ihm wahrscheinlich das Leben gerettet. Übrigens, die Tour wurde durchgeführt, der Gipfel bestiegen und das Tal ohne weitere Zwischenfälle erreicht.

Bergführer - Heft 33

Bei der im Jahre 1911 erfolgten Aufstellung des Kreuzes auf dem Westgipfel der Höfats durch die Oberstdorfer Bergführer war Moritz Math der dienstälteste beteiligte Führer. Er war 1886 von der Alpenvereinssektion Allgäu- Kempten autorisiert worden und gehörte zu der Gruppe von Oberstdorfer Bergführern, die 1892 in München als erste einen Bergführerkurs absolvierten (darauf wird später noch gesondert eingegangen).

Von der aktiven Führertätigkeit trat der Sechzigjährige erst zurück, als er am Ende des ersten Weltkriegs bei der Bergung eines Abgestürzten eine schwere Fußverletzung davongetragen hatte.

Moritz Math war am 22. September 1856 in Oberstdorf geboren worden. In dem Anwesen Haus Nr. 222 (heute Bachstraße 16 - Math, Urenkel) betrieb er eine kleine Landwirtschaft und eine Schuhmacherei. Zusammen mit seiner Bergführertätigkeit war dies die Lebensgrundlage seiner großen Familie. Am 15. November 1933 trat Moritz Math seinen letzten Gang an.

Wiederum ein Jahresbericht der AV-Sektion Immenstadt, diesmal aus dem Jahre 1890, weist uns auf den nächsten Führer: „Für Oberstdorf wurde gemeinsam mit der Sektion Allgäu-Kempten in der Person des Zimmermanns Franz Braxmair ein weiterer Führer aufgestellt.” Und damit hatte die Sektion einen Glücksgriff getan, denn schon bald hatte dieser Zimmermann Braxmair einen hervorragenden Ruf als Bergführer. Nicht nur in den Oberstdorfer Bergen und den Allgäuer Alpen, auch in der Schweiz, in Österreich und in Italien begleitete Franz Braxmair seine Touristen. Piz Buin, Fluchthorn, Zuckerhütl, Ortler, Cristallo, Zinnen usw. sind klingende Namen in seiner „Gipfelsammlung”.

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Aber, was soll ich noch lange nach Beweisen und Erklärungen suchen, lassen wir doch einfach einen reden, den Braxmair über viele Jahre geführt hat: Hermann Uhde-Bernays. Er schreibt im Jahrbuch des Deutschen Alpenvereins 1959 in seiner Rückschau: „In Oberstdorf fand ich den besten Begleiter, den ich mir für meine persönliche Art nur wünschen konnte, den Allgäuer Bergführer Franz Braxmair, untersetzt und breitschultrig, mit kurzem Hals und einem runden Kopf, ein wenig gekrümmten Beinen, und einem schweren Gangwerk, im Besitz außergewöhnlicher Körperkraft, verfügte er über alle guten und alle schwierigen Eigenschaften des Allgäuer Menschenschlages.

Nachdenklich, schweigsam, jedes Wort langsam betonend, hatte er einen lebendigen Verstand, den ein treffender Witz ergänzte. [. . .] In den Bergen sanft wie ein Kind, griff er unten im Tal gerne zum Becher und suchte Streit. [. . .] Als wir uns kennenlernten, hegte er drei ehrgeizige Wünsche, von welchen ich ihm zwei erfüllen konnte. Er wollte vom Alpenverein das Zeugnis „erstklassig” verdienen, das in Bayern nur ein einziger Bergführer besaß, der alte Kederbacher [Hausname von Johann Grill] in der Ramsau bei Berchtesgaden [Anm.: hier irrt der Schreiber, J. B. Schraudolph besaß dieses Prädikat auch]. [. . .]

Weiterhin waren es zwei gefürchtete Besteigungen, die er auszuführen unablässig im Sinn hatte: die Durchkletterung der Südwand der Trettachspitze und der berüchtigten Watzmann-Ostwand am Königsee. Beide Touren wurden selten unternommen, jener stand der Widerspruch der Einheimischen, dieser das Verbot der Jagdverwaltung entgegen. Am Watzmann mißlangen uns zwei Versuche, die Trettachspitze erreichten wir nach geheimen Vorbereitungen im Juli 1900, und meinen Empfehlungen in Braxmairs Führerbuch war es zu danken, daß er endlich die ersehnten Auszeichnungen erwarb. [. . .]

Zu dem menschlichen Vertrauen, das ich ihm, der ich zwanzig Jahre jünger war, entgegenbrachte, und der hohen Einschätzung seiner Fähigkeiten als Gletschermann und Felskletterer kam die nach und nach stark ausgebildete gegenseitige Unterstützung bei den schwierigen Ersteigungen. [. . .] Zäh und ausdauernd waren wir beide, auch ungeheure Rucksäcke zu tragen gewohnt, und wenig anspruchsvoll, was die namentlich im Lechtal schwer zu beschaffende Verproviantierung betraf. Erstaunlich zeigte sich Braxmairs Sicherheit in der Auffindung der richtigen Wege und Einstiege.

Einmal im Herbst waren wir nach längeren Streifzügen schmierig, ungewaschen, mit zerfetzten Kleidern ins Inntal abgestiegen. Von Landeck bis St. Anton mußten wir mit dem Luxuszug Wien - Paris fahren, in dem wir nicht eben angenehm auffielen. Während ich meinen Kaffee trank, kauerte er wie ein verscheuchtger Hase auf seinem Stuhl und betrachtete den französischen Kellner im dunkelblauen Frack mit Goldknöpfen wie einen gefährlichen Gegner. [. . .]

Am besten vertrug sich Braxmair mit dem alten Schraudolph, dem einstigen Häuptling der Allgäuer Führer und Gastwirt in Einödsbach, einem originellen Sonderling, der jedem Besucher angesichts des Panoramas der Mädelegabelgruppe mit groben Reden Tabak abnahm.”

Soweit aus dem Bericht von Uhde-Bernays über Franz Braxmair. Aber auch von seinen Führerkollegen wurde dieser als bester Oberstdorfer Führer jener Zeit anerkannt. Beim Alpenverein galt er auch als der Führer. Auf seinen Rat hörte man. In seinen Führerbüchem sind alleine mehr als 100 Trettach-Besteigungen auf den verschiedensten Routen zu finden. Viele Gipfelbücher tragen seinen Vermerk. Er war schon an die sechzig, und der Name seines Sohnes Leonhard stand schon als Führer im Gipfelbuch der Höfats, da tauchten immer noch Eintragungen auf: „Mit Führer Franz Braxmair alle vier Gipfel traversiert”.

Er war Bergführer mit Leib und Seele. Es war daher nicht verwunderlich, daß seine beiden Söhne Leonhard und Alois in die Fußstapfen des Vaters traten und die Besteigung der Berge zu ihrem „Beruf’ wählten.

Daß der Zimmermann Franz Braxmair beim Bau des Waltenbergerhauses (1875 und 1885) und der Rappenseehütte (1885) tätig war, sei nur am Rande vermerkt. Sein „Chef’, der Zimmermeister Leonhard Huber, konnte sich keinen „berggängigeren” Gesellen wünschen als seinen Schwiegersohn Franz Braxmair. Am 22. Januar 1857 hat das Leben dieses Alpinisten begonnen, und am 29. Mai 1922 brach er auf, den letzten Gipfel zu bezwingen.

Im Jahre 1892 hat der DuÖAV einen „Führer-Instructions-Curs” in München ausgeschrieben, der dann im April jenen Jahres in der Landeshauptstadt abgehalten wurde. Künftige Führer sollten erst nach Besuch eines solchen Kurses die Autorisierung erhalten. Auch den älteren Führern wurde die Teilnahme an diesen „theoretischen Übungen” wärmstens empfohlen. Von den 40 eingeladenen Führern waren 35 aus dem bayerischen Alpenraum erschienen. Der Unterricht umfaßte neben Kartenlesen auch den Umgang mit Kompaß und Barometer. Es sollte damit vermieden werden, daß - wie bei einer Überprüfung in Salzburg geschehen - ein Führer, nach dem Gebrauch von Barometer und Thermometer befragt, folgende Antwort gab: „Den Barometer braucht mer für die Kälten und den andern für die Hitz.” Neben diesen „technischen Disziplinen” nahm auch die Hilfeleistung bei Unfällen breiten Raum ein.

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Bergführerkurs 1892 in München.

Ein Artikel in der Zeitschrift »Der Sammler« gibt uns Auskunft über die Teilnehmer aus unserem Gebiet: „Vom Allgäu sind 9 Führer einberufen, die im Unterricht meist als sehr intelligent sich erweisen: Ad. Berktold, Wirth in Gerstruben bei Oberstdorf, war noch nie aus seiner Gegend hinausgekommen, nicht einmal nach Kempten, dann Kaufmann=Hinterstein, eine imposante Älplerfigur mit blondem Vollbart, ähnlich dem Adlerjäger Dorn, Brutscher Carl, Braxmair Franz, Zobel jun., Math Moritz=Oberstdorf, Besler=Hinterstein, Schraudolf Franz jun.=Einödsbach, Kiechle Anselm=Füssen.”

Beim Schlußfest dieses Kurses überreichten die neugeschulten Bergführer den anwesenden Damen der AV-Sektion München Sträuße von Alpenblumen, die korbweise von Berchtesgaden herangeschafft worden waren. Die besten Kursteilnehmer erhielten Ehrenpreise, wovon vier nach Oberstdorf gingen: Franz Braxmair (Eispickel), Carl Brutscher (Feldflasche), Moritz Math (Aneroid - Luftdruckanzeiger), Fuitpold Zobel (Feldflasche und Eierbecher).

Von diesen geprüften Oberstdorfer Bergführern kennen wir bereits Braxmair, Brutscher und Math. Neu zur Gilde gestoßen waren Adolf Berktold, Franz Schraudolph und Luitpold Zobel. Über Berktolds alpines Wirken konnte ich leider keine Hinweise finden. Doch bemerkte bereits der bekannte Hermann von Barth, daß man die Höfats nur mit einem tüchtigen Führer angehen sollte. In Gerstruben könne man solche mit Sicherheit finden.

Obwohl des Freiherrn Rat aus dem Jahre 1869 stammt und Berktold seinen Führerkurs erst 1892 absolviert hat, ist anzunehmen, daß er auch hauptsächlich Höfatsführer war. Nachdem Gerstruben aber im gleichen Jahr 1892 an drei Kemptener Geschäftsleute verkauft wurde, zogen die Bewohner 1893 ins Tal. Damit dürfte auch Berktolds spezielle Höfatszeit, er siedelte sich in „Ündra Duifebah” (Tiefenbach bei Sonthofen) an, zu Ende gewesen sein.

Bei der Person des Berktold tauchen überhaupt einige kleine Probleme auf. In den Münchner Berichten heißt es nur „Ad. Berktold, Wirth in Gerstruben”. Der Wirt in Gerstruben, der auf dem dortigen Haus Nr. 3 lebte, hieß Adolf Berktold. Auf der Oberstdorfer Trägertafel ist ein Adalbert Berktold aufgeführt, der aber sonst nirgends auftaucht. Adolf Berktold wiederum war bereits am 3. Janaur 1886 zusammen mit Carl Brutscher, Moritz Math und Ignaz Zobel autorisiert worden. Oberstdorfs Fremdenliste von 1892 weist Adolf Berktold als Führer aus. Aber in den Verzeichnissen des Alpenvereins tauchen weder ein Adolf noch ein Adalbert auf. Um das Verwirrspiel zu vervollständigen, ist auf der Oberstdorfer Trägertafel noch ein Anton Berktold vermerkt. Weder beim Alpenverein noch in der Literatur noch in den Archiven ist über ihn Alpines zu erfahren.
Eine amtliche Veröffentlichung des Marktes Oberstdorf bringt allerdings etwas Licht ins Dunkel:

Bekanntmachung

Die Sektionen Algäu-Immenstadt und Algäu-Kempten des Deutschen und Österreichischen Alpenvereins beabsichtigen in der Gemeinde Oberstdorf 6 offizielle Träger für Bergtouren aufzustellen, welche als Entlohnung 70 % der amtlich genehmigten Führerlöhne zu beanspruchen haben.

Die Namen dieser Träger werden, gleich die Namen der Bergführer in einer am Rathause angebrachten Tafel veröffentlicht und die Träger durch die Sektionen hinsichtlich ihrer Zuverlässigkeit, um dem reisenden Publikum die Möglichkeit einer raschen und sicheren Anwerbung verlässiger Träger zu bieten.

Es wird hiemit aufgefordert convenierenden Falles bei dem Unterfertigten für diesen Trägerdienst anzumelden.

Oberstdorf, 15. März 1896 Vogler, Bgmstr.”

Es gab eine Reihe von Meldungen.
Auf der angekündigten Trägertafel erschienen folgende Namen:

Berktold Adalbert HsNr. 66
Rietzler Kaspar HsNr. 1 1/2
Berktold Anton HsNr. 207
Schwarz Kaspar HsNr. 65
Geissler Otto HsNr. 75
Steiger Xaver HsNr. 225
Rees Adolf HsNr. 135

Von Geißler, Rietzler, Schwarz und Steiger hören wir später noch als Bergführern. Rees taucht als Träger nochmals auf, während die beiden Berktold anscheinend nur ein kurzes Gastspiel gegeben haben. Alles, was also vor 1896 über einen Berktold im Führerbereich gesprochen wurde, kann sich nur auf den Gerstruber Wirt Adolf Berktold beziehen.

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Wesentlich leichter als bei den Berktolds gestalten sich die Nachforschungen nach Franz Schraudolph. Er war ja auch der Sohn des legendären „Babischd”. Am 12. Januar 1866 in Einödsbach, also mitten in den Bergen geboren, war ihm bei einem solchen Vater der Bergführerberuf schon fast vorgezeichnet. Es ist deshalb sehr erstaunlich, daß er sich erst 1910 um die Autorisierung als Führer bemühte, obwohl er schon 1892 die Prüfung abgelegt hatte und auch laufend als Führer tätig war. Mit Sicherheit stand er auch etwas im Schatten seines berühmten Vaters.

Trotzdem Franz Schraudolph die offiziell vorgeschriebene Träger- bzw. Aspirantenzeit nicht nachweisen konnte, schrieb Oberstdorfs Führerobmann Franz Xaver Volderauer an die Sektion Kempten, daß mit Einverständnis aller Oberstdorfer Führer keine Einwendungen gegen die ausnahmsweise vorgezogene Autorisierung erhoben werden. Der Hauptausschuß des DuÖAV in München signalisierte mit Schreiben vom 11. Juli 1910, daß auch von der Seite eine Autorisierung des schon 44 Jahre alten Schraudolph begrüßt wird.

Bergführer - Heft 33
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Wie begehrt er als Führer war, geht aus einem Aufsatz von Karl Hofmann hervor: Er trug Namen und Ruf des Vaters weiter. In seinem Führerbuch stehen neben den Allgäuer Bergen auch die Gipfelnamen Valluga, Scesaplana, Marmolata, Pilatus und Jungfrau, dann auch Wildspitze und Zugspitze.

Wie manch anderer Führer so hatte auch er Gäste, die nur von ihm geführt sein wollten. Dazu gehörte Medizinalrat Dr. Haag aus Heilbronn, der von 1894 bis 1906 fast zu jeder Zeit Schraudolph in Anspruch nahm. Neben Kletterfahrten auf fast alle Allgäuer Gipfel führte er seinen Gast 1901 auch in die Eiswelt der Westalpen, u. a. auf den Mont Blanc. Ein Eintrag, auf den er stolz war, leuchtet aus seinem Führerbuch besonders heraus: Friedrich August, König von Sachsen, am 26. 8. 1918. Er war auch ein königlicher Führer. Ein paar Zahlen wollen den Umfang von Schraudolphs Führertätigkeit noch deutlich machen: 150mal die Trettach, über 200mal die Mädelegabel, 50mal die Höfats. Diese Beispiele sind nur eine kleine Auslese einer Vielzahl von Führungsgängen dieses trefflichen Hochgebirgsmenschen.”

Nur 57 Jahre wurde Franz Schraudolph alt. Am 6. März 1923 schloß er die Augen für immer.

Luitpold Zobel, Sohn des Schlossermeisters und Bergführers Ignaz Zobel, trat voll in die Fußstapfen seines Vaters und wurde auch Schlossermeister und Bergführer. Schon mit 21 Jahren erhielt er 1891 die amtliche Autorisierung. Der Bekanntheitsgrad des Vaters dürfte da mit eine entscheidende Rolle gespielt haben. In der Liste der Bergführer, die 1892 in München den Kurs besucht haben, ist er als Zobel jun. verzeichnet und gehörte zu den Preisträgern. Im Führerverzeichnis des DuÖAV sind als von ihm geführte Touren verzeichnet: Mädelegabel, Hohes Licht, Krottenkopf, Fellhorn und Hochvogel.

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Bergführer Luitpold Zobel (rechts) mit
einem Touristenpaar um 1895.

Der junge Führer heiratete die Tochter des ersten Wirtes der Kemptner Hütte, des Führers Johann Friedle, aus Elbigenalp im Lechtal. Zobel muß ein guter Schlosser und auch ein tüchtiger Bergführer gewesen sein, aber beim Briefeschreiben war er äußerst ungeschickt. Er hat sich in Sachen seines Schwiegervaters mit den Oberen der AV-Sektion angelegt und war - obwohl im Unrecht - völlig uneinsichtig.

Daß in der Hitze des Gefechtes Worte fallen, die besser nicht gesagt wären, kann jedem passieren, aber schreiben sollte man so etwas nicht! Ein wenig Geschäftsneid am Heimatort spielte anscheinend auch noch mit eine Rolle, als Briefe gegen Zobel an die AV-Sektion Kempten gingen. So kam es, daß ihm 1898 die Autorisierung entzogen wurde. In Oberstdorf hat man das anscheinend nicht so genau genommen, denn der Bergführerobmann des Alpenvereins setzte Zobel trotzdem ein, wenn Not am Mann war. Erst 45jährig, starb der am 13. Januar 1870 geborene Luitpold Zobel am 13. Januar 1915.

Der bereits zur Mitte des 19. Jahrhunderts bei den Führern aufgetauchte Familienname Weitenauer erscheint in den 90er Jahren wieder. Im Gipfelbuch des Hohen Lichts findet sich folgender Eintrag:

„16. Aug. 1893 The Bishop of Birmingham in England,
RW-C - Bruce, Selly Park, Birmingham, England.”

Diese Zeilen sind von einer schreibgewohnten Hand gesetzt. Etwas härter, aber in gestochener Sütterlinschrift, folgt der Nachsatz:

„geführt von Wendelin Weitenauer, bei klarem Wetter.”

Wie lange Wendelin Weitenauer schon geführt hatte, ehe er den englischen Kirchenmann aufs Hohe Licht geleitet hat, weiß ich nicht. Mit Sicherheit war es nicht seine erste Führungstour, denn einem Neuling hätte man eine solche Persönlichkeit bestimmt nicht anvertraut.

1895 wurde „WW” (so das Zeichen auf all seinen Werkzeugen und Gerätschaften) autorisiert, nachdem ihm Hofrat Dr. Ulrich Reh 1894 die dafür erforderliche körperliche Gesundheit bescheinigt hatte. Den „Führer-Instructions-Curs” absolvierte Weitenauer 1897 in Innsbruck.

Der Führerreferent der Sektion Kempten schrieb über Weitenauer folgende Beurteilung in die Unterlagen des Alpenvereins: „Sicherer und kuragierter Führer, der so ziemlich alle schwierigen Touren im Allgäu [Anm.: die damals begangenen] schon öfters gemacht hat; nüchtern und wortkarg, in guten Vermögensverhältnissen lebend.” - Den letzten Halbsatz dieser Beurteilung wage ich anzuzweifeln, es sei denn, daß eine Landwirtschaft mit zwei bis drei Kühen und das gelegentliche Einkommen eines Bergführers gute Vermögensverhältnisse darstellten.

Durch einen Artikel im »Allgäuer Anzeigeblatt« vom Sommer 1906 erfahren wir wieder etwas vom Führer Weitenauer: „Aus den Bergen. - Oberstdorf, 19. Juli. Beim Abstieg vom Hohen Ifen hörte gestern Nachmittag Bergführer Weitenauer aus Oberstdorf Hilferufe. Nach längerem Suchen fand er in einem Steinkar einen abgestürzten Touristen namens Dr. Höfer aus Koburg, der nach seinen Angaben schon vorgestern an der bezeichneten Stelle abstürzte. Dr. Höfer wollte abrollenden Steinen, die oben von weidenden Schafen losgelöst wurden, ausweichen, machte hiebei einen Fehltritt und stürzte rücklings ca. 12 Mt. tief ab. Der Verletzte zeigte zwar keine äußerlichen Verletzungen, er konnte sich aber nicht bewegen, weder sitzen noch stehen und klagte über starke Schmerzen im Rücken. Mit vielen Mühen wurde Herr Dr. Höfer auf die Ifenalm verbracht, von wo er aber Schmerzen halber nicht weitertransportiert werden wollte. Ärztliche Hilfe wurde ihm heute zuteil, nachdem die Bergung noch gestern geschehen.”

Dieser Bericht zeigt auch die unendlichen Schwierigkeiten der Bergrettung von damals - und auch das, was ein Verletzter ausstehen mußte, ehe er im Tal in ärztliche Behandlung kam. (Heute könnte eine Bergung dieser Art mit dem Hubschrauber in einer Stunde geschehen.)

Als am 29. Mai 1911 Oberstdorfs Bergführer auf dem Westgipfel der Höfats ein Kreuz errichteten, war Wendelin Weitenauer auch dabei. Zu seinem 25jährigen Bergführerjubiläum gratulierte der Alpenverein 1920 mit einem Geldgeschenk. Erst mit fast 60 Jahren trat der Führer in den Ruhestand. Aus dem Fonds für invalide Führer erhielt er eine kleine Rente.

Wendelin Weitenauer war am 12. Oktober 1859 in Oberstdorf geboren. Er erlernte in Hindelang das Handwerk eines Messerschmiedes, verheiratete sich mit Maria Rosina Witwer und lebte mit seiner Familie auf dem Anwesen Haus Nr. 138 (heute Pfarrstraße 10 - Armin Weitenauer, Urenkel). Am 10. April 1935 trat der Führer seine letzte Tour an.

Bergführer - Heft 33

Bergführer Wendelin Weitenauer

Fortsetzung folgt

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