Das Geheimnis um den Freibergsee

von Anton Köcheler am 01.12.2011

Im Heft 2 (November 1982) von »Unser Oberstdorf« hat Anton Berktold in einem ausführlichen Bericht den Freibergsee, dessen Lage und die Besitzverhältnisse durch die Jahrhunderte bestens beschrieben. Ergänzend dazu möchte ich etwas über die wechselnde Wasserstände und einiges aus der Chronik und eigene Erinnerungen hinzufügen.

Der Freibergsee, ein Bergsee, liegt in einer Flyschmulde zwischen der „Ruine” im Osten und der „Blässe” im Westen, nach Norden hin begrenzt durch die Freiberghöhe mit fast 1.000 m. ü. M. Die Wasserfläche misst 50 Tagwerk und 57 Dezimale, also knapp 20 Hektar. Nach Messungen des Biologen Dr. Helmut Lutz im Jahr 1938 ist er der wärmste aller bayerischen Seen. Bei der in der Hydrobiologie zur Bestimmung der Wasserqualität gebräuchlichen „Forel-Ule-Farbenscala” kommt ihm die Formel X zu. In wunderbar grüner Farbe leuchtet der See aus seiner Wald- und Bergwiesen-Umgebung heraus und unterscheidet sich dadurch in seiner Charakteristik vollkommen von allen anderen Voralpenseen.

Außerordentlich sind seine Tiefenverhältnisse. Die seichteste Stelle mit 2,70 m ist nicht am Rande des Sees, sondern direkt in der Mitte. Die tiefste Stelle, mit 24,5 m, ist nahe dem Ostufer und im Westen beträgt die Tiefe 20,5 m.

Dr. Lutz war bei seinen Untersuchungen aufgefallen, dass durch den damaligen niedrigen Wasserstand die rein gelbe Verwitterungssubstanz des Flyschfelsens zu sehen ist, im Gegensatz dazu die völlig schwarzen Bodenproben aus großen Tiefen, die meist aus organischen Zersetzungsprodukten bestehen.

Am Westufer befinden sich kleine Zuflüsse, die ganzjährig eine geringe Menge Wasser zuführen. Ein Graben mündet beim Carbenhäusle, ein weiterer kommt von der Blässe herab und ein kleines Wässerchen fließt südöstlich der Insel von der Klauserwiese und an Stangers Mösle vorbei in den See.

Die beiden Wässer aus den Gräben sollen in früheren Jahren als Heilwasser verwendet worden sein, besonders von Leuten mit offenen Füßen. Hier holten die alten Oberstdorfer mit Kannen das Nass aus den westlichen Zuflüssen, um darin die Füße zu baden und anschließend zu verbinden. Nach einigen Fußbädern habe dann die Heilung begonnen. Bewirkt haben soll dies, laut damaliger Untersuchungen, der starke Gehalt an Kieselsäure im Wasser. Hierzu ist mir der Fall des Josef Schw. bekannt, der wegen seiner total offenen Füße wochenlang im Krankenhaus lag. Da diese einfach nicht zuheilten, brachte ihm sein Bruder K. einigemale Kannister mit dem Wasser ins Krankenhaus – und siehe da, sie heilten, wenn auch langsam, völlig zu. Nach der Entlassung aus dem Spital konnte Josef selbst wieder hinauf zum Freibergsee, wo er noch oft ein Fußbad nahm.

Da der See nach allen Himmelsrichtungen von höheren Bergen und Hügeln eingesäumt ist, ist nirgends ein offener Abfluss zu bemerken. Dieses Phänomen wurde wiederholt untersucht, aber es bleibt ein Geheimnis des Sees, wohin sich dessen Wasser verflüchtigt. Mit Blau- und Rotfärbemitteln wurde ein Abfluss gesucht. Die Einfärbungen waren im See nach ein bis zwei Tagen verschwunden, aber es gab an den möglichen Abflussstellen im östlichen und nördlichen Bereich keinerlei Verfärbung zu entdecken. Tagelang wurden auch die Stillachzuflüsse und das Ziegelbachgebiet überwacht und viele Proben genommen. Doch auch hier gab es nicht die geringste Spur von Farbe. Auch beim Laub, das rund um den See lediglich vom Wind an das Ufer gedrückt wird, ist keine Strömung erkennbar.

Was bewirkt die immer wieder auftretenden Absenkungen des Wasserspiegels des Freibergsees? Es muss also ein unterirdischer Abfluss vorhanden sein. Fischer, die den See seit Jahren bestens kennen, sowie Fachleute vermuten, dass dies etwa eine von Zeit zu Zeit sich öffnende und schließende Gesteinsspalte im nördlichen Bergrücken bewirkt. In früheren Jahren wurden ob des Verschwindens des Wassers bei fehlendem Abfluss Geistergeschichten erzählt, so z. B., dass die „Wilde Jagd” sich oft über dem See ausgetobt habe und deshalb das Wasser verschwunden sei.

Im Jahr 1938 war, trotz eines schneereichen Winters und Hochwassers nach ausgiebigen Regenfällen, der Wasserspiegel des Sees um mindestens 1,20 m tiefer als im Vorjahr. Es war auch rätselhaft, warum nach einem eintägigen Starkregen, nachdem in der Klima-Kreisstelle 60 cm Niederschlag gemessen wurde, der Wasserspiegel des Sees aber nur um 2 cm gestiegen ist. Hingegen waren Breitach, Stillach, Trettach, Faltenbach, Oybach usw. sämtlich über die Ufer getreten. Wohin ist der Niederschlag dieses Tages aus dem Freibergsee verschwunden?

Das war aber schon immer so, vermerkt in Chronik-Einträgen über Absenkungen und Niedrigwasser im Freibergsee. So wird berichtet, dass trotz eines regenreichen Jahres 1810 der Wasserspiegel in der Seemitte um 1,60 m tiefer lag, als im Vorjahr. 1811 soll der See fast noch mehr abgesunken sein.

1834 war ein besonders trockenes Jahr. Der Winter 1833/34 brachte viel Schnee und war regnerisch, aber von April bis Mai herrschte große Trockenheit. Das Gras auf humusarmen Böden verdorrte und überall wurde das Wasser knapp. Am 25. und 26. Mai ging man mit Kreuz und Fahnen auf einen Bittgang nach Maria Loretto, um die Hilfe der Muttergottes zu erbitten, dass diese Trockenheit zu Ende gehen möge und endlich wieder Regen komme. Im Sommer 1834 war der See-Wasserspiegel so tief gesunken, dass der gelbliche Flyschfels und der Flyschsand am Seeboden überall sichtbar wurden und in hellem Grün-Gelb glänzten. Vom Süden her bis zur Mitte des Sees meinte man den Seeboden greifen zu können. Ignaz Dorn (Vater des Adlerkönigs Leo Dorn), der ein guter Schwimmer war, konnte nun zu Fuß von der Insel bis zur Seemitte gehen, wo er zwei Pfähle in den Seeboden schlug. Nach seiner Aussage war das Wasser bis in die Mitte nur noch einen Meter tief.

Dies war vermutlich der niedrigste Wasserstand, der je gemessen wurde.

Im Jahr 1854 war wieder ein trockener Winter und Vorsommer zu verzeichnen. So schrieb der Chronist:

Gelinder Januar ohne Schneefall, dann schneite es einige Zentimeter, die am 8. Februar wieder weg waren. Einen so milden Winter habe der älteste Mann in Oberstdorf noch nie erlebt. Im März konnte die ganze Feldarbeit verrichtet werden und im April wurden schon alle Vorweiden beschlagen. Am 15. April konnte man alles Vieh auf die Weiden treiben und alle Berge waren völlig schneefrei. Infolge der großen Trockenheit im Frühjahr hatten die Bäche wenig Wasser. So hatte z. B. der bei Normalwitterung fünf Meter tiefe Klingenkessel am 24. April noch keinen Tropfen Wasser. Er war total ausgetrocknet, was man bisher noch nicht erlebt hatte. Es dauerte danach noch einige Tage, dann füllte sich der Kessel langsam wieder auf. Am 21. Juli überschwemmte die Stillach alle Felder unterhalb von Oberstdorf.

In diesem Jahr 1854 hatte der See wieder einen totalen Niedrigstand, obwohl im Tal Hochwasser herrschte. Leo Dorn ging, wie schon sein Vater 20 Jahre zuvor, zur Seemitte und hat bei den zwei Pfählen noch einen dritten eingeschlagen.

Drei Jahre zuvor, im Hochwasserjahr 1851, hatte der Freibergsee keine Wasserschwankungen.

Freibergsee - Heft 59

Der Freibergsee um 1888.
Photo von Otto v. Zabuesnig, Kempten.

Im Hochwasserjahr 1910, als die Gewässer alle Brücken fortgerissen hatten (außer der Zwingbrücke am Haseltopf), waren im See keine Wasserspiegelschwankungen zu verzeichnen. Im Jahr darauf, also 1911, füllte sich der Freibergsee, nach einem totalen Tiefststand, im Laufe des Winters wieder auf.

Es gab auch harte Winter, in denen der Freibergsee mit einer Eisschicht von mehr als 40 cm zugefroren war. Dazu gibt es Berichte, dass man mit Pferdeschlitten das Nutzholz über den See zur Badeanstalt und über die Renk nach Oberstdorf transportiert hat. Auch das Baumaterial für das Hotel am See und für das Bad-Café hat man so zur Baustelle geschafft.

Als Dr. Lutz 1938 seine Forschungen anstellte, maß auch er einen Niedrigstand von mehr als 1,20 m unter normal. Die drei Pfähle von Ignaz und Leo Dorn wurden wieder sichtbar. Es gab dann einen nassen Herbst und der See füllte sich wieder bis zum normalen Pegel.

Interessant ist, dass sich der See, auch bei sehr nassen Sommern, nie über einen gewissen Pegel füllte. Dr. Lutz vermutete deshalb, dass ein versteckter Abfluss sich im oberen Bereich befinden müsse. Allerdings konnte er bei seinen Beobachtungen keine bestimmte Strömung feststellen.

Von einem besonderen Vorfall lesen wir in den Chroniken von Ignaz Math und Franz Alois Schratt:

„Es war am 5. August 1836, daß ein Gendarm, so in Unterjoch im Dienst gestanden, und sich nach Oberstdorf begeben hatte und von hier zum Freibergsee und dann am genannten Tag um 2.00 Uhr nachmittags in den See geschiffled und hat sich mit Gewehr und Waffen ins Wasser gestürzt und ist ertrunken. Kein Haar hat man von ihm gesehen für Jahre. Er ist nachgehends 3 Jahre in dieser Sache ins Register geraten. Hernach ist er wegen geistiger Ursache dekrediert worden und justament abgestraft. Alles vermutet Stolz und Hoffahrt und die Scham habe ihn zu diesem Verhängnis gebracht. 3 – 4 Leut haben ihm zugeschaut, die haben in der Blässe geheut. Es scheint, er hat dies aus Verzweiflung getan, doch wir wollen kein Urteil fällen, denn Gott wird ihn selbst verurteilen.

Am 16. Sept. 1839 ist vermelter Gendarm, Wagner genannt, wieder zum Vorschein gekommen, denn das Wasser hat in geschupft und bis an das Ufer der Westseite gekommen. Nachdem man ihn herunter und ohne Gesang und Klang, allhier im Friedhof zu unterst im Winkel bei der Zigeunerhütte vergraben hat. Säbel und Pfatei-Taschen und noch 36 Kreuzer Geld hat er noch bei sich gehabt. Das Gewehr liegt noch im See.”

In den Monaten März und April 1836 hatte der See zwar wieder einen geringen Pegelstand, aber vielleicht hat er sich bis zum Unfalltag im August wieder normalisiert. Die Anlandung der Leiche erst drei Jahre später ist ebenfalls ein Indiz, dass im See keinerlei Strömung herrscht.

1938 war ich mit meinem Freund, dem Braxmair Luggi, öfters bei seinem Onkel am Freibergsee, dem Café-Wirt Leonhard Braxmair. Der hat uns vorgeschlagen, ältere Leute im Boot auf den See hinaus zu rudern. Den Preis dafür hat er festgelegt: eine halbe Stunde 10 Pfennige, eine ganze Stunde 20 Pfennige und länger bis zu 50 Pfennige. Das Trinkgeld war erfreulicherweise oft höher als der Tarif.

Da kam es schon mal vor, dass Ruhe suchende Fahrgäste baten, anzuhalten zum Sonnenbaden auf dem See, da sie den Rummel beim Strandcafé nicht mochten. Der Kahn blieb dabei auf der Stelle, weil wirklich keine Strömung zu bemerken war. Ich erinnere mich daran, wie uns der Leonhard diesen Stillstand erklärte: „Rüedred it zu Hanneslars Wôld num, det isch dr Sea am tuifschde und dô isch öu die groaß Krodd [Kröte] dünda, wo voarem Üsfluss hocked. Wenn die amôl voar deam Loh weck gôht, no isch dr Sea leer.”

Anfangs hatten wir ihm das Märchen von der „Krodd” noch geglaubt, doch als ich ihn besser kannte, wusste ich, was man davon zu halten hatte.

Freibergsee - Heft 59

„Dr klui Lonzar” als Ruderknecht auf dem Freibergsee in den 1930er Jahren.

Das Rätsel um den Ablauf im See wird noch viele beschäftigen, so wie sich schon seit Jahrhunderten Biologen und Naturforscher „vrkopfed” haben.

Ob sich nun Naturschützer oder Grüne plötzlich Sorgen um den See machen, der Pegel wird sich immer wieder absenken und auch wieder steigen, denn die Natur regelt sich selbst ... es wäre denn, dass die „Krodd” aus dem Loch des Abflusses herauskäme!

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