Der Adlerkönig Leo Dorn (Teil 1)

von Alexander Rößle am 01.12.2014

Gleich drei Räume sind im Heimatmuseum Oberstdorf dem Thema Jagd gewidmet. Das Waidwerk war am Ende des 19. Jahrhunderts eine wichtige Triebfeder des Tourismus. Prinzregent Luitpold und auch Baron von Heyl besaßen große Jagdgebiete in den Oberstdorfer Bergen. Da, wo sich solch illustre Herren aufhielten, wollten natürlich auch andere Urlaub machen. Im zweiten Jagdraum im Museum finden wir unter einem, leider von vielen Besuchern arg zerrupften Steinadler, eine weiße Büste mit der Aufschrift „Adler König Leo Dorn”. Das macht neugierig! Wie kommt ein einfacher Jäger zu solch einem Titel?

Leo Dorn wurde am 16. Januar 1836 in Oberstdorf geboren. Seine Familie lebte damals im Haus Nr. 97, heute Oststraße 5 (Franz Ohmayer), das damals mit Hausnamen „b’m Doan” hieß. Heute erinnert eine große Skulptur des Holzschnitzers Josef Ohmayer am neugebauten Haus an diesen berühmt gewordenen Bewohner. Seine Mutter hieß Genovefa Schmelz und kam, ebenso wie der Vater, nicht aus Oberstdorf. Woher sie kamen, weiß ich leider nicht.

Vater Ignaz Dorn wird im Jahr 1835 im Kirchenbuch mit dem Beruf Jäger geführt. Zu diesem Zeitpunkt war das Jagdrecht noch ein Privileg des Adels und müsste deshalb in den Händen des Bayerischen Königshauses gelegen haben. Dieses hatte die Jagden hier in unserem Raume zeitweise an den königlichen Landrichter Krum in Sonthofen verpachtet. Demnach war Ignaz Dorn bei ihm angestellt. In den zwanziger und dreißiger Jahren des 19. Jahrhunderts wurden die jungen Adler, unter seiner Leitung, alleine sechsmal wechselweise aus den beiden Horsten im Oytal weggenommen. Bis in den späten Herbst wurden sie nun großgezogen und anschließend für 15 bis 25 Gulden an Lechtaler verkauft. Diese „wanderten in alle Welt, um den königlichen Vogel in einem engen Kasten allenthalben um ein kleines Geschenk vorzuzeigen und den Leichtgläubigen von den schrecklichen Gefahren vorzuschwatzen, denen der Vorzeiger bei der Beraubung des Horstes durch die Wut des alten Adlerpaares ausgesetzt gewesen sei. Einer dieser Tyroler wanderte mit seinem Vogel auf dem Rücken durch das mittägige Frankreich bis nach Spanien. Jeder dieser sparsamen, klugen, wetterharten Männer brachte ein kleines Kapital nach Hause”.

Aufgrund der Revolution von 1848 wurde das Jagdprivileg des Adels abgeschafft und das Jagdrecht ging an den jeweiligen Grundbesitzer über. Die lange unterdrückten Bauern schossen nun innerhalb weniger Monate die Wildbestände leer. Deshalb wurde 1850 von König Maximilian II. schnellstens ein neues Jagdrecht geschaffen, bei dem nur noch größere Gemeinschafts- und Eigenjagdreviere zugelassen wurden. Damals pachtete Prinzregent Luitpold das Oberstdorfer Revier und begann gezielt Grundstücke in den Oberstdorfer und Hindelanger Bergen aufzukaufen, um sich größere Eigenjagdreviere anzueignen. Diese neuerliche Einschränkung der Bauernrechte führte sicher zu einem Ansteigen des Wildererunwesens und auch dazu, dass Jäger und Förster eher als Unterdrücker der örtlichen Bevölkerung galten und meist sehr unbeliebt waren.4) Trotzdem gab Vater Ignaz sein jagdliches Wissen, wie damals häufig üblich, an seinen Sohn weiter.

Schon in früher Jugend war Leo Dorn in Oberstdorf als Draufgänger bekannt. So soll er bereits als 15-Jähriger im Oytal einen Adlerhorst ausgenommen haben. Der „Adlerfang” wurde, wie wir bei Joseph Groß nachlesen können, regelmäßig mit einem großen Fest begangen, bei dem über tausend Zuschauer aus dem ganzen Allgäu erschienen und bewirtet wurden. Dazu spielte die Blasmusik.

Von klein auf durchstreifte Leo Dorn, zusammen mit seinem Vater, die Berge und lernte so jeden Weg und Steig kennen. Als Jugendlicher war er dann schon allein unterwegs, führte wagemutige Touren durch und bestieg viele unwegsame Berge. Dabei war er auch mit seinem Freund Thaddäus Blattner unterwegs, der, nach wilden Jugendjahren, später ebenso die Jägerlaufbahn einschlug. Der Alpinist Joseph Enzensperger hatte Dorn Jahre später wegen seiner Touren an der Höfats interviewt und er berichtete von einer Höfatsbesteigung Dorns:

„An einem Sommertage des Jahres 1856 befand sich Dorn, zu jener Zeit ein zwanzigjähriger Bursche, aber schon damals bekannt als verwegener Steiger, im Rothen Loch, während Blattner auf dem zweiten Gipfel sass. Er beschloss zu Blattner hinaufzuklettern. ... [So] gelangte er zu Blattner, der den Auf- und Abstieg auf diesem Wege ... schon öfters passiert hatte. Sie gingen darauf beide auf den Westgipfel, wo Blattner Dorn eine neue Probe aufgab, indem er ihn aufforderte, über den Nordgrat abzusteigen. Dorn liess sich dies nicht zweimal sagen und gelangte auch glücklich auf den Rauhenhalsgrat hinab, ... Dorn beschrieb mir die ganze Örtlichkeit im allgemeinen und ausserdem einzelne prägnante Stellen, deren zutreffende Schilderung ohne persönliche Kenntniss derselben nicht möglich wäre, in so detaillierter und mit der Wirklichkeit übereinstimmender Weise, dass ich den Beweis für die Richtigkeit seiner Angaben für voll erbracht halte. Die Beobachtungsgabe und das Ortsgedächtniss dieses Mannes, der doch seit mehr als dreissig Jahren den Schauplatz seiner damaligen kühnen Thaten nicht mehr betreten hat, hat mich bei dieser Gelegenheit wirklich in Staunen und Bewunderung versetzt.“

1881 gelang ihm allein die erste Winterbesteigung des Hochvogels, die er im Gipfelbuch mit folgenden Worten kommentiere: „Beschwerlich und gefährlich war das Steigen. Erhebet eure Augen und sehet, wer die Berge alle geschaffen hat.”

Adler - Heft 65

Leo Dorn (ganz rechts) mit dem Prinzregenten Luitpold (Vierter von links). Archiv Heimatmuseum Oberstdorf

Früh wurde auch Prinzregent Luitpold auf ihn aufmerksam, denn er suchte einen verwegenen Jäger für sein Revier in Hindelang, das er gerade mit neuem Rotwild bestückt hatte. 1857 wurde er vom Prinzregenten als Jagdgehilfe angestellt. Dort gab es regelmäßig Probleme mit Wilderern, die heimlich aus dem Tirolischen über die Grenze kamen. Für diese Aufgabe war der Draufgänger, der sich auch als Raufbold einen gewissen Ruf erworben hatte, wie geschaffen. Dorn führte ein Tagebuch und in einem Zeitschriftenartikel über ihn aus dem Jahre 1938 wird darauf Bezug genommen. Darin wird ausgiebig auch auf seinen Kampf mit den Wilderern eingegangen:

„4. November 1862. Ich kam von Schwarzwasser über das Schänzle herüber. Mit einem Male hörte ich Steingeriesel über die Wand hinunter. Ich suchte sogleich das Gelände ab und entdeckte einen Mann mit Gewehr, der in eine steile Felsrinne hinaufkletterte. Vorsichtig pirschte ich mich an ihn heran und fand dann hinter einem Latschengestrüpp eine dürftige Deckung. Mit schußbereitem Gewehr wartete ich, bis der Bursche hervortrat. ‚Kerl, die Büchse weg oder ich schieß dich die Wand herunter!‘ schrie ich ihn an. Doch dieser riß sofort das Gewehr hoch und hielt nach dem unangenehmen Rufer Ausschau. Noch einmal wiederholte ich die übliche Warnung, und da erst entdeckte er mich. Er wandte sich sofort mit seiner schußbereiten Büchse zu. Ehe er aber auf mich schießen konnte, traf ihn meine Kugel. Laut schrie er auf, daß man es weithin hören konnte.

Nach eigenen Angaben bezwang Oberjäger Dorn erfolgreich 41 Wilddiebe, in teilweise harten Kämpfen und Schusswechseln. Dabei betonte er jedoch, dass er keinen einzigen töten musste.

Ein weiterer Feind der Jäger war der damals häufig vorkommende Steinadler. Der König der Lüfte schlug gerne Reh- und Gämskitze. Außerdem waren junge Lämmer eine weitere bevorzugte Beute des größten Greifvogels unserer Region. 1886 soll einer sogar auf einer Alpe im Gebiet des Hohen Ifen ein zweijähriges Mädchen, das die Eltern beim Beerenpflücken abgelegt hatten, entführt haben. Nach heutigen wissenschaftlichen Erkenntnissen ist jedoch kein Steinadler in der Lage, so eine schwere Beute wegzutragen. Damit muss die Meldung wohl zu Propagandazwecken in die Welt gesetzt worden sein. Leo Dorn sah in der Ausrottung dieses üblen Feindes seine Lebensaufgabe. Außerdem gab es auch noch einen handfesten wirtschaftlichen Grund für diese Jagd: Die Federn waren als Hutschmuck und auch als Schreibfeder überaus begehrt und erzielten gute Preise.

Über seine Adlerjagdleidenschaft berichtete Erich Günther folgende Begebenheit:

„An der rund hundert Meter hohen überhängenden Wand war kaum ein Plätzchen zu finden, wo der Fuß Stand hätte fassen können. Mit einer starken Schnur um den Leib hatte er sich an einen Erding Wurzel gebunden, und nun herabgelassen. Am ersten Tage wartete er 10 Stunden auf diesem luftigen Sitz und am zweiten Tag dauerte es auch noch bis mittags, bis der Adler erschien. Ich erschoss ihn mitten durchs Herz, dass es dem König der Lüfte in den Horst schlug. Die jungen Adler, die im Horst waren, schrieen jämmerlich, und erst am nächsten Tag war es möglich, den toten Adler zu holen, und auch die beiden Jungen mitzunehmen.”

Adler - Heft 65

Leo Dorn im Winter vor Jagdhütte
(aus Förderreuther, 1. Ausgabe).

Fortsetzung folgt

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