Oberstdorf – seine Musik, sein Gesang

von Marie Luise Althaus am 01.06.2016

Kaum jemand ahnt, wenn er das hübsche Holzkirchlein St. Anna in Rohrmoos betritt, dass es eine volksmusikalische Rarität beherbergt, nämlich die Darstellung eines Alphorns, die älteste ihrer Art im Allgäu.

Dass der unbekannte Meister von 1568, inmitten einer orientalischen Darstellung der Geburt Jesu, einen Hirten mit Alphorn verewigt hat, muss jenem eine Herzensangelegenheit gewesen sein. Sicher war er ein Mann aus dem Volk, der mit dem Umgang dieses Verständigungsinstrumentes bestens vertraut war. Tatsächlich hat sich dieses Instrument bis in unsere Tage in Oberstdorf halten können. Das kleine Alphorn – von den Einheimischen „d’ Küehblôse” genannt – ertönte immer noch, nicht zweckentfremdet, zum Aus- und Eintrieb der Gassenkühe.

Dann schweigt die Geschichte lange Zeit über das musikalische Leben in Oberstdorf.

Erst rund 250 Jahre später wurde die Oberstdorfer Musikkapelle ins Leben gerufen. Damals hieß sie „Blechmusik” oder „Türkische Musik”. Das war 1833. Ein Schellenbaum von 1821, im Heimatmuseum aufbewahrt, bezeugt jedoch, dass es bereits früher eine lose Bläservereinigung gegeben haben muss. Nicht selten tauchen in ihren Reihen alter Oberstdorfer Familiennamen wie etwa Brutscher, Math, Schraudolph, Titscher, Vogler usw. auf, so wie die Gründungsmitglieder einst geheißen haben und deren musikalische Ader heute noch auf diese Weise zum Ausdruck kommt. Heute stellt die Kapelle, ebenso wie die Musikkapelle Schöllang (1864 gegründet), einen hervorragenden Klangkörper dar, der aus dem gesellschaftlichen Leben nicht wegzudenken wäre.

Musik - Heft 68

„Anbetung der Hirten”

Altarbild in der St. Anna-Kapelle in Rohrmoos, geschaffen 1568 von einem unbekannten Meister, nach dem Holzschnitt „Christi Geburt” von Albrecht Dürer, 1509/10. Hinzugefügt wurde dem Bild im Mittelgrund ein Hirte mit Schalmei.

Auf dem gesanglichen Sektor gibt es folgendes zu berichten:

Mit der Herausgabe des ersten Oberbayerischen Volksliederbuches 1846 durch Herzog Max in Bayern, dem „Zithermax”, wurde die bayerische Mundart hoffähig und mit ihr die Zither. So kam es, dass auch im alemannischen Oberstdorf, neben dem deutschen Volkslied, bayerisch gesungen wurde. In der Folgezeit kam die Zither regelrecht in Mode, was in der Gründung eines Zitherclubs gipfelte.

Mit dem Bau der Eisenbahn 1888 erfuhr der Tourismus in Oberstdorf einen weiteren Aufschwung. Etwa ab dieser Zeit sind frühe Gesangsgruppen bekannt, wie die Sangesbrüder vom Liederkranz oder die Familiengruppen Köcheler und Hengge, die bereits vor Gästen sangen. In den 1920er Jahren kam das Allgäuer Dialektlied auf.

Früher wurde in vielen Familien gesungen und musiziert. Erwähnenswert ist hier die Familie Schedler, die beinahe ein Jahrhundert das gesangliche Leben in Oberstdorf mit geprägt hat. Ihr waren die alten Jodler und der „Jüchzgar”, durch den älperischen Milchtrichter, ebenso geläufig wie vergleichsweise eine Mozartmesse. Stellte sie doch über Jahre hinweg die Solistenstimmen im Kirchenchor, ohne eine Note zu kennen. Aus der Familie stammt auch die Geschwistergruppe „Schedlerföhla”, die seit Jahren das Allgäuer Mundartlied pflegt. Auf ihre Initiative entstanden die Adventsveranstaltungen „‘s wiehnächtet” und „zu Bethlehem geboren”, welche schon über 30 Mal durchgeführt wurden.

Ab 1930 besteht eine feste Männer-Jodlergruppe, welche sich, wie der Name sagt, der Pflege des Jodelliedes verschrieben hat. Von ihr hört man nicht nur die überlieferten Jodler wie den „Dri- und Vierstimmar”, den „Hislar”, den „Michelsbüebar” oder „Doppeljohlar”, sondern auch alemannische Mundartlieder, die nicht selten aus der nahen Schweiz stammen. Ihr herrlicher Klangkörper stellt heute eine Institution des Ortes dar.

Nicht minder bekannt war das Trettach-Trio, eine Nachfolgegruppe des legendären Toni Brutscher-Trios, die die Tradition der Triomusik in Oberstdorf begründeten, welche bis heute bei Einheimischen und Gästen gleichermaßen beliebt ist.

Seit 1975 unterrichtet die Oberstdorfer Musikschule die Jugend vornehmlich in Volksmusik und die Früchte können sich sehen lassen! Aus ihr ging eine große Zahl von Nachwuchsgruppen hervor, die hier leider nicht alle e wähnt werden können.

Musik - Heft 68

Das Toni Brutscher-Trio,

(v. li.) mit Toni Gruber (Gitarre),
Toni Brutscher (Harmonie),
Otto-Mäx Titscher (Bass)

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