Oberstdorf vor 100 Jahren

von Eugen Thomma am 01.06.2016

1915

  • Die bestehende Landsturmriege erhält zur „militärischen Jugendausbildung” einen Zuschuss in Höhe von 60 M von der Gemeinde.
  • Die Betriebskrankenkasse der Allgäuer Baumwollspinnerei und -weberei, vormals Heinrich Gyr, Blaichach, schließt mit dem Krankenhaus Oberstdorf einen eigenen Vertrag ab.
  • Im Zuge der drohenden Lebensmittelknappheit kauft die Gemeinde Tiefenbach Mehl in großem Quantum ein und veräußert dies an die Gemeindemitglieder. Die Abgabe erfolgt nur gegen Barzahlung.
  • Als Vertreter des Marktes Oberstdorf wird der Käsefabrikant und Beigeordnete [Anm.: stellv. Bürgermeister] Magnus Haas für die Jahre 1915 bis 1917 in den Distriktsausschuss Sonthofen gewählt. Für die Gruppe der Großgrundbesitzer – in diesem Falle die Ortsgemeinde Oberstdorf kommt Josef Zobel in das Gremium.
100 Jahre - Heft 68

Der Käsefabrikant und Beigeordnete Magnus Haas vertritt den Markt Oberstdorf im Distriktsausschuss (heute Kreistag) in Sonthofen

  • Die Bäcker haben dem Brotmehl bereits 40 % Kartoffelmehl beizumengen.
  • Johann Müller, der Wirt von der Walserschanz, pachtet die Gaststätte Breitachklamm an und beantragt dafür eine Konzession.
  • Im Rahmen einer Versammlung werden die 38 Kuhweide-Rechte auf der Sölleralpe vergeben. Ein kleines Rätsel gibt die unterschiedliche Preisgestaltung (34 bis 37 Mark pro Kuh) auf, insbesondere dann, wenn ein Bauer für zwei Kühe unterschiedliche Summen zu bezahlen hat.
  • Die Geburtsjahrgänge 1869 bis 1883 werden zum Landsturm aufgerufen. Die Musterung der Männer findet in Sonthofen statt.
  • Lebensmittelkarten werden eingeführt und den Bäckern wird das Backen von Weißbrot verboten.
100 Jahre - Heft 68

Die Gaststätte Breitachklamm erhält mit Johann Müller einen neuen Pächter.

  • Maurermeister Max Brutscher fertigt Pläne für eine, vom kgl. Bezirksamt geforderte, Isolierstation beim Krankenhaus Oberstdorf.
  • Brutscher liefert auch die Maurerarbeiten, während Baumeister Wilhelm Huber die Zimmermannsarbeiten erbringt.
  • Als „Schulgeschenk” übergibt Schöllangs Pfarrer Josef Hinträger an die ausscheidenden Schüler acht Laudaten. Mit 50 Mark wird Rosalia Vorholzer dort als „Arbeitslehrerin” belohnt.
  • Wegen der „schweren Zeitumstände” werden die Hausbesitzer aufgefordert, während der Saison (15. Mai bis 15. September) entlang ihrer Anwesen auch die Straße sauber zu halten.
  • Die Gemeinde Oberstdorf wird vom Distrikt aufgefordert, für die Verbauung des Trettachufers, zwischen Schwand und Truppersoybrücke, ihren Beitrag von 11.000 Mark zu entrichten. Nachdem keine Mittel vorhanden sind, bittet die Gemeinde um Stundung des Betrages.
  • Der Besitzer der Weizenbierbrauerei Franz Ortbauer beantragt eine Gaststättenkonzession für sein Brauereianwesen HsNr. 182 in der heutigen Hauptstraße.
  • Der von Emil Gutermann am „Schlechten” angelegte Weg kann in jederzeit widerruflicher Weise als Fußweg benutzt werden. Das Fahren ist dort verboten.
  • Tiefenbachs Bürgermeister Ferdinand Mathes tritt zurück und übergibt am 31. Juli die Amtsgeschäfte an den Beigeordneten Müller. Dessen erste Amtshandlung als Bürgermeister ist die Verbriefung des neuen Spritzenhauses.
100 Jahre - Heft 68

Das Anwesen HsNr. 182 in der Hauptstraße erfährt einige Nutzungsänderungen: von der Bäckerei zur Weizenbierbrauerei, zu einem Café und dann zur Drogerie des Ernst Friederich.

  • Am 1. August, am „Deutschen Opfertag”, spendet Oberstdorf 2.850 Mark.
  • Der Rohstoffmangel macht sich immer mehr bemerkbar. Für die angesetzte „Webzeugsammlung” werden Ludwig Schmid, Josef Tauscher und Thaddäus Kiechle mit der Durchführung beauftragt.
  • Auf die bezirksamtliche Anfrage nach einer Beschäftigung von Kriegsgefangenen zu landwirtschaftlichen Arbeiten antwortet die Gemeinde, dass vorerst keine solchen benötigt werden.
  • Der Besitzer der Oberstdorfer Sonnenbrauerei, Karl Richter, zahlt als Pächter der Schöllanger Gemeindejagd an die dortige Gemeinde 4.000 Mark.
  • „Theaterdirektor” Renner, der mit seinem Ensemble in Oberstdorf gastiert, hat für die Sommersaison 50 Mark an Lustbarkeitssteuer zu entrichten.
  • Die Schützengesellschaft Oberstdorf fordert Schadensersatz, weil die Landsturmriege beim Übungsschießen Schäden am Schießstand verursacht hat.
  • Der Markt Oberstdorf bekommt über das Jahr eine ganze Reihe von Militäreinquartierungen: So findet im Bereich des Heilbronner Weges eine Hochgebirgsübung mit 120 Soldaten statt, kurz danach eine solche mit 200 Mann auf der Obermädelealpe und am Rappensee mit 150 Soldaten. Dann biwakieren 240 Mann im Oybele und haben das Nebelhorngebiet als Übungsgelände. Weiter werden im Ort Oberstdorf 280 Mann privat einquartiert. Die Liste ließe sich beliebig fortsetzen.
100 Jahre - Heft 68

Die alte Schießstatt am Faltenbach.

  • Das kgl. Bezirksamt verfügt im Rahmen der Hinterbliebenenhilfe am 2. 11. 1915, dass in den Gemeinden Wahrzeichen und Opferstöcke aufzustellen sind. Oberstdorf folgt dem nicht und hofft auf freiwillige Spenden.
  • Im Jahr 1915 verzeichnet die Gemeinde Schöllang bei 596 Einwohnern 31 Hundebesitzer, die pro Tier und Jahr 3 Mark zu entrichten haben.
  • Einige Zahlen über jährliche Einnahmen und Ausgaben bei der Ortsgemeinde Oberstdorf spiegeln das damalige Preisniveau wider.

Einnahmen:

Geschwister Sehrwind, Pachtschilling für das obere Mühl- und Sägeanwesen1200 Mark
Karl Tauscher für den Laden im Rathaus(Anm.: Baderstube)250 Mark
Jakob Vogler, Wohnungsmieter für das Haldeanwesen200 Mark
Verkehrs- und Kurverein, Pachtschilling für den Lesesaal und das
Bureau im Rathaus (Anm: heute Sitzungssaal und Bergschau)
500 Mark
Wilhelm Bauer, Pachtschilling für das Wirtschaftanwesen im Oytal1300 Mark
Magdalena Rees, Pachtschilling für die Heu- und Viktualienwaage170 Mark
Balbina Geißler, Pachtschilling für den Platz vor ihrer Grube-.50 Mark
Verkehrs- und Kurverein für Benützung des Sprunghügels (Anm.: Haldenschanze)-.50 Mark
Karl Tauscher für den Laden im Rathaus (Anm.: Baderstube)250 Mark

Ausgaben:

Johann Besler, für die Lieferung des elektrischen Stroms zur Straßenbeleuchtung989,55 Mark
Johann Georg Schwendinger, hier, für 3 Zentner Coks5,85 Mark
Ludwig Schmid, hier, für Beihilfe zur Viehwaschung bei der
Klauenseuche auf der Alpe Lugenalpe
8 Mark
Wegmacher Karl Brutscher, Tagschicht3,20
Ein Teil der Lehrerbesoldung besteht auch aus der Lieferung von Brennholz:
So erhalten der Hauptlehrer Andreas Scheller5 Klafter
die Schulschwestern12 Klafter,
Lehrer Lorenz Lutz5 Klafter
der Schulverweser (Hilfslehrer)2 Klafter
die Schulverweserin in Birgsau2 Klafter
die Schulverweserin in Kornau2 Klafter
  • Die in Kornau tätige Lehrerin Maria Merk verdient sich noch „für Beheizung und Reinigung der Schule” 30 Mark pro Jahr [ich denke doch, dass sich die Lehrerin von den großen Schulbuben zumindest das Brennholz ins Schulzimmer tragen ließ].
  • Von der Grenzwache auf der Reute werden mehrmals geflüchtete Kriegsgefangene aufgehalten, die versucht haben, sich in die Schweiz durchzuschlagen.
  • Für die vierrädrige Feuerspritze lässt die Gemeinde Tiefenbach Gleitkufen anfertigen für den Winterbetrieb und kauft noch 100 Meter Hanfschläuche.
  • Zur genauen Erfassung der Lebensmittelbestände und möglicher Unterbindung von Schwarzschlachtung und Schwarzhandel werden im Verlaufe des Jahres 1915 vier Viehzählungen durchgeführt.
100 Jahre - Heft 68

Eine kleine Wissenschaft für das Gaststätten- und Verkaufspersonal stellt das unterschiedliche Bewirtschaftungsrecht für Lebensmittel in den verschiedenen Regionen des Deutschen Reiches dar, wenn Gäste von außerhalb Bayerns hier weilen.

Die Gemeinde Oberstdorf denkt an ihre im Felde stehenden Söhne und versendet 260 Weihnachtspäckchen im Wert von insgesamt 3.000 Mark. Auch verschiedene Vereine verschicken Liebesgaben an ihre Mitglieder, u. a. der Katholische Gesellenverein 42 und die Feuerwehr 81 Pakete.

100 Jahre - Heft 68

In Friedenszeit wäre Georg Schwendinger (im Bild links) wohl nie in den Balkan gekommen. Auf diese Weise lernte er, unfreiwillig, die balkanische Landwirtschaft kennen

100 Jahre - Heft 68

Der oberste Kriegsherr, der deutsche Kaiser Wilhelm II.

  • Oberstdorf hat den Verlust von 24 Männern zu beklagen, die im Verlaufe des Jahres 1915 gefallen sind.
    Aus vielen Schreiben geht die Hoffnung auf baldigen Frieden hervor, der – wie wir heute wissen – noch Jahre auf sich warten lässt.

Quellen: Gemeindearchiv Oberstdorf, verschiedene Chroniken, eigene Aufzeichnungen.

Kontakt

Verschönerungsverein Oberstdorf e.V.
1. Vorsitzender
Peter Titzler
Brunnackerweg 5
87561 Oberstdorf
Deutschland
Tel. +49 8322 6759

Der Verein

Unser gemeinnütziger Verein unterstützt und fördert den Erhalt und Pflege von Landschaft, Umwelt, Geschichte, Mundart und Brauchtum in Oberstdorf. Mehr

Unser Oberstdorf

Seit Februar 1982 werden die Hefte der Reihe "Unser Oberstdorf" zweimal im Jahr vom Verschönerungsverein Oberstdorf herausgegeben und brachten seit dem ersten Erscheinen einen wirklichen Schub für die Heimatforschung. Mehr