Auszüge im Oberallgäu - Können diese zur Grundlage für Dauersiedlungen geworden sein?

von Dr. Thaddäus Steiner am 01.12.2017

Vorbemerkung:
Auszug ist ein finanztechnischer Ausdruck der frühen Neuzeit, der vor allem in den Steuerbüchern der hochstiftischen (bischöflichen) Finanzverwaltung, aber auch der königseggisch-rothenfelsischen, also der montfortischen Finanzverwaltung vorkommt, aber seltener auch in anderen Quellen. Was will er besagen? Ein Oberallgäuer, besonders ein Oberstdorfer, kann ihn mit dem Mundartwort „Füetrat” übersetzen. Ein weiter im Norden und zudem noch westlich der Iller lebender Allgäuer kann sich unter diesem Wort möglicherweise schon gar nichts mehr vorstellen.

Beim Auszug oder Füetrat handelt es sich um ein einfaches Haus mit Stall, das nicht ganzjährig bewohnt und bewirtschaftet wird, sondern nur in den Sommermonaten zur Viehweide oder auch Heugewinnung dient. Gegen den Herbst zu wird der Auszug oder das Füetrat wieder benutzt, bis dem Vieh im Dorf oder am Hauptwohnsitz des Eigentümers wieder Platz und Nahrung zur Verfügung steht.

Einen frühen Beleg bietet das rothenfelsische Steuerbuch vom Jahr 1585 mit einem Eintrag für den Fischinger Jorg Vogler, u. a. ain Auß Zug zu gaißalb und damit scheint die Titelfrage schon beantwortet, denn jeder Wanderer oder Tourist wird das Gasthaus Gaisalpe zwar als Dauersiedlung erfassen, doch wissen wir zu wenig Bescheid, zumal es nach Dertsch 1860 dort drei Alpen gab. Gerade bei der Gaisalp, über die Agnes Schöll, aus Reichenbach, in langjähriger Arbeit viele Nachrichten gesammelt hat, zeigt sich, dass die Entwicklung vom Auszug zur Dauersiedlung im einzelnen doch schwer zu verfolgen ist. Auch Willi Kappeler und Karl Zobel haben in „Unser Oberstdorf” mit einer Chronologie das Thema Siedlung in der Gaisalp schon einmal aufgegriffen. Nach ihnen wären bereits 1534 vier Anwesen, Hs.-Nr. 1, 2, 3 und 4, nachweislich schon ganzjährig bewohnt gewesen; leider fehlt der Nachweis. Hier sei nun versucht, anhand einer Auswahl von Belegen mögliche Fragestellungen und Antworten zu finden.

Das „Lehenbuch der Alpen und Weiden im Allgäu” von 1573/74 bietet in der Unteren Gaißalb [drei?] Auszüge. Im gleichen Lehenbuch empfängt ein Marx Schratt, Jergen sun in der Gaißalb als Lehenträger für sich und seine Geschwister die Wiß und Guet, dar Innen das Hauß steet. Doch hat ihr gemelter Vatter die Behaußung und Herberg und Underschlauf Im Hauß sein Lebenlang vorbehalten. Noch früher, bereits 1435, soll ein Annderlin von Gaissalbe 8 ß dn aus Gaissalbe Fallzins bezahlen. Der Zuname von Gaissalbe legt nahe, dass es sich auch hier bereits um eine Dauersiedlung handelt.

Für Beurteilung und Funktion der Auszüge im Gaisalpgebiet scheint es dienlich, die Steuerbewertung dieser Häuser zu beachten.

Im Steuerbuch von 16771 heißt es von Martin Schratt: hat ainen halben Sommer und Winterauszug in der oberen und unteren Gaiß Alb zu 450 fl. Derselbe Steuerwert von 450 fl wird dann auch für den halben Sommer- und Winterauszug von Hans Schratten Kinder angegeben in der oberen und undren Gaißalb. Interessant ist hier nebenbei die Mitteilung von Kappeler und Zobel, dass 1604 Michael, Martin und Mang, die Schratten „alles Eigentum in der Gaisalb” besitzen. Es ist eigentlich nicht vorstellbar, dass es sich bei einfachen Auszügen um so hohe Vermögenswerte von 450 fl. handeln könnte, es sei denn, sie wären durch Ausbau und Verbesserungen ihres Wertes dem einer Dauersiedlung nahegekommen. Darauf scheint auch der Vermerk in besagter Gaisalpchronologie zu deuten, dass die Schweden 1634 Haus Nr. 3 auf der Gaisalpe niedergebrannt hätten, das Kind in der Wiege sei aber gerettet worden. Ob der genannte Sommer- und Winterauszug aber wirklich auf ganzjährigen Wohnsitz deutet, ist zweifelhaft. Eine Mitteilung vom Wirt der Richtersalpe, Herrn Johannes Holderried, der mit dem Gebiet von seiner Kindheit an bestens vertraut ist, dass noch im vorigen Jahrhundert Jugendliche der Besitzerfamilien mit dem Vieh bis Weihnachten oben auf der Gaisalpe bleiben und dieses versorgen mussten, gibt hier zu denken. Gegebenenfalls mussten sie sich, zusammen mit dem Vieh, einen Weg durch den Schnee ins Tal stapfen.

Unsere Ausgangsfrage kann in der Gaisalp nicht eindeutig beantwortet werden, eher sprechen die Quellen tatsächlich für eine sehr frühe Dauerbesiedlung oder für ganzjährige Wohnhäuser und Auszüge nebeneinander. Die Quellen belegen eine auffällige Eigenschaft der Gaisalpbewohner im Umgang mit ihrem Besitz an Grundstücken, Alpweiden und Ähnlichem aus diesem Bereich, es war der Handel damit. Selbstverständlich wurde auch viel vererbt, sodass auch Familienbesitz blieb, der aber nicht selten später doch noch verkauft oder auch getauscht wurde. Ein Ausnahmefall war Besitzerwerb und Verkauf im Bereich Wald und Holz. Vielleicht darf man an den großen Holzbedarf beim Bau oder der Reparatur von Alphütten, Auszügen und Wohnhäusern denken, wobei letztere sicher auch großen Heizungsbedarf im Winter hatten. Wie schon bemerkt, ging es beim Handel, Kauf oder Erbschaft mit eingeschlossen, fast nur um landwirtschaftliche Güter, oft um Weiden und Anteile oder Auszüge. In solchen Fällen wurde meist darauf geachtet, dass in den Verträgen die früheren Lehenträger mitgenannt wurden. Allerdings gab es nach Auswanderung oder Heirat auch Gaisalper mit auswärtigem Besitz, so z. B. Joh. Jakob Schratt, mit dem interessanten Zusatz: temporär: Gaißalp 1, sonst Oberstdorf; Bauer, andere in Schöllang oder Altstädten.

Rosa Gastl berichtet 1941, dass um 1870 die noch 1840 auf der Gaisalpe bestehenden Gehöfte Hs. Nr. 1 – 4 vollständig in Alpen umgewandelt wurden. Zwei Notizen in der Gaisalpchronik für 1851 und 1874, die vom Umbau von Hs. Nr. 1 und einem genehmigten Neubauplan für Hs. Nr. 3 handeln, deuten aber eher auf durchgehend bestehende Dauersiedlung.

Haus mit Stall - Heft 71

Gaisalpe wohl 1936: Links am Bildrand Hs. Nr. 3 (Gasthaus), bewirtschaftet von Familie Zobel. Bildmitte Hs. Nr. 2 Richtersalp, Familie Holderried. Im Talschluss rechts Hs.Nr. 4 Vorsäss im Prinzenberg. Hs.Nr. 1 Gschwender und die Kapelle, beide südseitig des Gaisalpbaches, sind nicht zu sehen.

Aber greifen wir nochmals auf die Brandschatzung von Hs. Nr. 3 im Jahr 1634 zurück. Das Vordringen der Schweden ins obere Illertal brachte nämlich auch die Gaisalpe und ihre Bewohner in schwere Existenzgefahr. Nach einer von Franz Alois Schratt überlieferten „histor. Sage” sollen schwedische Soldaten im Tal Forderungen gestellt haben, die ihnen nicht erfüllt wurden. Deshalb sollen sie auf die Gaisalp hinaufgezogen sein. Die Bewohner hatten aber offenbar schon vorher viele Wertsachen aus ihren Besitztümern geräumt und auswärts versteckt. Lassen wir F. A. Schratt weitererzählen: „Schon waren einige Schweden in der alten Stube, wo noch das jüngste Kind in einer Wiege schlummerte, welches die Mutter noch nachholen wollte. Als sie aber weiters nichts fanden, ärgerten sie sich, den unbequemen Weg umsonst hierher gemacht zu haben, u. so sollte den Bewohnern dieser Ärger u. Zorn dadurch fühlbar werden, daß sie dieses Anwesen in Brand steckten. Als das Kind in der Stube in seiner Unschuld doch durch sein Hilferufen das Mitleid eines der Schweden herausforderte, nahm derselbe noch rechtzeitig das Kind heraus u. setzt es auf den nächsten Hügel und ging davon. Als die Eltern u. Geschwister von fern das brennende Anwesen sahen, eilte besonders die Mutter, um das Kind zu retten – zu ihrer Überraschung konnte sie es guter Stimmung auf dem Hügel finden u. trotzdem das Anwesen abgebrannt war, dankte sie dem Herrgott, welcher doch nicht zuließ, daß ihr Kind nicht Erbarmen von den Schweden verdient hätte, wodurch dasselbe gerettet blieb – zu dankbarem Andenken aber ließ jenes [!] Familie Kind am Eingang z. Gaisalp, als es erwachsen war, einen Bildstock errichten als Erinnerung an diese Begebenheit.” In diesem Zusammenhang interessiert vielleicht auch noch eine Mitteilung aus der Chronologie, von der W. Kappeler und K. Zobel berichten: „Joh. Jakob von Gaisalp habe 1792 - 100 Gulden zur Errichtung der kleinen Kapelle bestimmt.”

Heute stehen im Bereich unterhalb der Abbrüche des Gaisalpsees vier Wohngebäude, mit den Hausnummern 1 – 4 (Hs. Nr. 1, „Gschwender”, ca. 100 m von der Kapelle aus erreichbar, die „Richtersalp”, Hs. Nr. 2, wird bewirtschaftet von Familie Holderried und das Wirtshaus, Hs. Nr. 3, wird bewirtschaftet von Familie Zobel). Nach Aussage von Herrn Holderried waren die Häuser Nr. 1 – 3 Dauersiedlungen, das Haus Nr. 4 „Vorsäß”, im „Prinzenberg”, im Talschluss, soll immer nur Auszug („Füetrat”) gewesen sein. Dauerhaft bewohnt ist heute nur noch das Gasthaus, Hs. Nr. 3.

Trotz guter Quellenlage im Gaisalpgebiet ist es schwierig, die frühen Quellen einzelnen Anwesen zuzuordnen oder gar einen lückenlosen Nachweis über die Art der Nutzung zu erbringen. Zum Rückgang der Dauerbesiedlung im 19. Jahrhundert schreibt Rosa Gastl: „Als Hauptgrund dieser totalen Siedlungspreisgabe darf wohl angenommen werden, daß hier die Ansiedlung auf landwirtschaftlich ungünstiges Gebiet übergegriffen hatte. Daß die Siedlung als Ganzes sich aber doch so lange halten konnte, dürfte auf eine gewaltige Arbeitsleistung der Siedler zurückzuführen sein.”

Auszüge südlich von Oberstdorf

Auszugsbesitzer, meist Auszügler genannt, kamen immer wieder mit der Gemeinde in Oberstdorf in Konflikt, denn sie wollten nicht auf die Nutzung der gemeindlichen Viehweiden verzichten, um so ihre eigenen Wiesen und Heuvorräte zu schonen. Im Kopialbuch von C. Jäger, S. 258, ist ein solcher Konflikt überliefert. Es geht dabei um die Gemeindeweide Ringang und Hocheleüthen genannt, die nur im Frühling mit Roß und Stier eine Zeitlang gebraucht würdt und in der auch ein Bannholz enthalten war, reserviert für Gotteshäuser, Müller und Wasserschutzbauten. Am 17. Oktober 1707 kam es zu einem Kompromiss mit den Auszüglern von Schwand und der Hochleite. Sie dürften laut Vertrag nach St. Mangen Tag ihr Vieh nicht mehr zur Gemeindeweide dort schlagen. Sollten sie dies vor Michaeli noch versuchen, würde ihr Vieh gepfändet, sie selbst würden von den aÿdtgenossen am Ehehaft-gericht als schuldig verklagt werden.

Zugeständnis: 8 Tage vor Michaeli dürfen die Auszügler auf Freyeneberg hürten und halten, aber auf Widerruf.
Hochleite ist zwar seit 1479 belegt, als Auszug jedoch erstmals im Steuerbuch von 1637. Pfarrer Johann Nep. Stützle unterscheidet 1848 eine vordere und hintere Hochleithe mit je zwei Futterhäusern. Die Auszüge wurden offenbar in kleine Privatalpen umgewandelt, von denen eine sich zum Gasthaus Hochleite entwickelte. Ob weiter Futterhäuser sich als Dauersiedlungen nachweisen lassen, bleibt solange unsicher, bis eine genauere Analyse der Taufbucheinträge zu Hochleiten mittels zu erstellender Familiengeschichten geschaffen wird.

Relativ klar sind Verhältnisse auf der Laiter. Das Steuerbuch von 1637 schreibt ain Außzug an der Laiter, und im Steuerbuch von 1746 heißt es auf der oberen Laither samt der halben Vichwaidt. Im Taufbuch der Pfarrei Oberstdorf erfahren wir dann für 1793 sogar die Besitzernamen: Joseph Vogler ... Joanna Hindelang, für 1834: J. A. Vogler (verheiratet mit) Maria Kappeler. Dieser ehemalige Auszug auf der Laiter ist dank seiner hervorragenden Aussichtslage und Küche ein vielbesuchtes Gasthaus, also eine Dauersiedlung geworden, immer noch von der Familie Vogler geführt.

Haus mit Stall - Heft 71

Ringang-Laitersteig um 1920

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Hochleite ca. 1920

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„Auf der Laiter”, vielbesuchtes Gasthaus, seit Generationen Familienbesitz der Familie Vogler (Fotoaufnahme koloriert, vor ungefähr 100 Jahren).

Weiter erscheint im Steuerbuch von 1637 ain schlechts Aus Zügl uf Hellins Eben. Unterhalb des Weges von Ringang nach Schlappold liegt auf einer deutlichen Verebnung am Hang, in 1.031 m Höhe, ein Wohnhaus, auf der AV-Karte „in der Ebene” benannt. Auch das nächstfolgende Haus, in 1.057 m Höhe, und seine umliegenden Güter laufen im Lagerbuch der Gde. Oberstdorf von 1836 unter dem Namen „Ebene”. Eines dieser Häuser dürfte mit dem Auszügle auf Hellins Eben identisch sein. Letzte Klarheit und Sicherheit ließen sich wohl nur erreichen, wenn aus den früheren Nutzerfamilien eine gute mündliche oder schriftliche Überlieferung vorläge.

Auf dem Oberstdorfer Gemeindegebiet sind zwei weitere Auszüge belegt: 1637 ist von einem Auszug und einem Einfang die Rede, 1833 erscheint ein Taufbucheintrag (nicht identifizierbar), was bereits auf eine Dauersiedlung deutet. Bezüglich der Ortsnähe ist im Steuerbuch von 1746 ein Eintrag zu lesen: zu Rauchen samt dem Auszug Häuslen. Es dürfte sich um den Anwanderhof nördlich des Moorbades, ehemals „Rauhenbad”, handeln.

Einsam im Gelände westlich der Stillach liegt ein stattlich wirkendes Haus im Schneckenmoos. Es steht inmitten der es umgebenden Wiesen und einzelnen Waldstücken, in 881 m Höhe, am Nordfuße des 1.022 m hohen Simmeler. Vom Wiesengelände der Zimmeroy bei der Skiflugschanze ist das Schneckenmoos noch weit südlich entfernt. Im Osten ist der Fuß des Schrofensatzes jenseits der Stillach nur schlecht zu sehen, weil im „Gschlief” Wald und künstliche Tunnelstrecken Straße und Berghänge weitgehend verdecken. Belegt ist das Schneckenmoos schon seit 1600 im pfarrlichen Zinsbuch, dann wieder in den Steuerbüchern von 1637 und 1746, doch nie als Auszug.

Nach der mündlichen Überlieferung war dort stets eine Dauersiedlung, worauf auch die Hausnummer 316 deutet. Allerdings nennt Stützle, S. 77, schon 1848 das Haus ein Futterhaus, das nur einige Wochen bewohnt werde. Als Auszug nennt Meissinger, S. 32, das Schneckenmoos.

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„Hellins Eben” – „In der Ebene” (AVK)

Interessant ist ein Vertragsbrief aus dem Tresorbestand des Gemeindearchivs Oberstdorf den Himmelschrofen betreffend. Dazu ist eine ziemlich heftige Auseinandersetzung zwischen der Gemeinde Oberstdorf und einem gewissen Michel Ess zu Burgegg Burger Pfarr, dem Nutzer eines Auszugs am Himmelschrofen (heute Schrofensatz) überliefert. Es ging umb [und] wegen Trib vnnd thrat, des Außzugs des Himelnschroffen genant hinder O. gelegen, gen. M. Össen zugehörig. Allß das er Öß herab inn die Spaich Rubenin [...] herfür werz gegen O. in die weißen Rinnen under dem Himelnschrofen zu freiem Außzug gelegen, für sein aigen guet angesprochen. Ess hatte versucht, das günstigere Weideland vom Unterende seines Alpweges in Richtung Oberstdorf einzuzäunen und sprach das Weideland als seinen Privatbesitz an. Die Gemeinde verlangte den Verzicht auf den Zaun und bot ein Ende der Feindschaft an, unter der Bedingung: wenn er Öß ald jeder inhaber des Schrofens aus der alb zeucht [...] mögen die von Oberstdorf wie in anderen alben darnach wol hinauftreiben, steig und weg in die Alb oder Himelnschrofen hinauf durch Spaichrubiner Geeren. Zu dieser Zeit war der Auszug bereits ein Älpele. Wer je diesen miserablen und teilweise hochgefährlichen Weg begangen hat, kann sich gut vorstellen, warum dort oben gerade noch ein kleines Älpele bestehen konnte, aber nie eine Dauersiedlung.

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Schrofensatz vom Schneckenmoos aus aufgenommen

Auszüge im Stillachtal

Es geht hier natürlich nicht mehr um jene, die schon vorgestellt wurden: Schneckenmoos, Ringang, Laiter, Hochleite, Himmelschrofen, sondern etwa um den Auszug an der Au = Birgsau. Hier liegt ein Beleg aus dem Steuerbuch von 1637 vor: mit einem Auszug an der Aw und ebenso ein weiterer: ein heusl und garten an der Aw. Im gleichen Steuerbuch von 1637 wird, wohl überraschend, ein Auszug an der Renckh genannt, mit 6 + 6, als 12 Leithen Heu, weiter ein schlechtes Auszügle an der Renckh. Diese beiden Auszüge waren sicher, je nach ihrer Stellung im Bereich der Stillach, hochwassergefährdet.

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Birgsau in der zweiten Hälfte des vorigen Jahrhunderts

1848 schreibt Stützle: „[...] In der Birgsau sind 5 Häuser, ein Futterhaus wird im Winter als Schulhäuschen benutzt.” Ebenfalls 1848 „[...] wird die Kapelle in Birgsau (Hl. Maria) bedeutend erweitert.” „1872 erbaut Jochum Urban (Banes) die heutige Wirtschaft in der Birgsau (Gasthof zum Adler). Vorher wird in verschiedenen Häusern in Birgsau gewirtet, so z. B. bis etwa 1879 bei Hs. Nr. 332 (zum Hasen) Franz Math, Jockar.”

Der Anatswald ist im Steuerbuch von 1637 gleich zweimal mit einem Auszug belegt, während der Anatsstein, soweit bekannt, nie als Auszug erscheint, also wohl erst später, aber dann dauerhaft besiedelt wurde.

Bei Gundsbach und Gundsoy finden sich keine Auszüge aus den Steuerbüchern, dagegen gibt es Belege für frühe Dauersiedlung. So enthält das Sterbebuch der Pfarrei Einträge aus den Jahren 1619: Matthias Straub auf den Guzesbach (6 Kinder), 1620: Joannes Straub aus dem Guntersbach (Kind, 20 Wochen), 1624: Cristina Streib [feminine Form von Straub = Streubin] aus dem Gundtsbach (19 Jahre), 1625: Kappeler aus dem Guntsbach (Kind, 10 Monate), 1626: Jerg Straub aus dem Gundtbach, 1632: nochmals ein Jerg Straub aus dem Gundtsbach (Kind, 1 Jahr), 1741: Martinus Weittenauer Gundsbach (50 + einige Jahre). Der wohl früheste Beleg für eine kleine Siedlung lautet zum Jahr 1597: Hans Matt im Guntzbach (Literale 1283: Kleinzehnten, Spalte 3).

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Gundsoy ca. 1920

Für 1871 bietet „Alt Oberstdorf” einen „Auszug aus einem Verzeichnis der zugelassenen Sennalpen mit den gewöhnlich im Sommer darauf befindlichen Kühen:

Hochleuthe 16 Kühe
Schwand 8 Kühe
Laiter 10 Kühe
Ebene 8 Kühe
Schlappold 86 Kühe
Buchrainer Alp 42 Kühe
Peters Älpele 30 Kühe (lt. Überlieferung von Anton Waibel, Hs. Nr 22)
Breitengehren 36 Kühe
Gundsbach 7 Kühe von Käufler Peter
dto. 12 Kühe von Schraudolph Mathias
dto. 38 Kühe von Mühlegg Katharina
Birgsau 12 Kühe von Jochum Frz. Jos.
Anatswald 12 Kühe von Jochum Urban

Bei dem größten Teil dieser Sennalpen handelt es sich nur um im Sommer bewirtschaftete Futterhäuser oder um Anwesen, bei welchen die Besitzer auch noch in Oberstdorf einen Hof bewirtschafteten.”

Dass die Birgsau, vielleicht auch noch der Anatswald, nicht aber Anatsstein, aus den belegten Auszügen hervorgegangen sind, dürfte kaum zu bezweifeln sein.

Auszüge im Bereich des Trettachtales

1614: Auszug und wiesenmad beim See genannt (= Christlessee).

Der oder die Auszügler am Christlessee fühlten sich offenbar durch die Nutzung der Gemeindeviehweide in ihrer Nachbarschaft geschädigt, denn im Gemeindebuch II, Abteilung IV, im Gemeindearchiv Oberstdorf, liegt ein „Beklagungsbrief etlicher Ausziegler zum See” vor.

Weit hinten im Tal, noch südlich der Dietersbachmündung in die Trettach, liegt das Gottenried. Einerseits heißt es im Steuerbuch 1746 ein Einfang zu 12 Laiti Heu, 3 Sommerweiden und einem Auszug Häuslein. Andererseits wird das hohe Alter dieser Siedlung schon früher belegt: 1451 heißt es: ain wis, genannt das Gottenried. Schon 1692 wird schriftlich festgehalten: Im Gotten Riedt samt dem Einfang und Vichwaidt zu 12 Laite Heu. Hier scheint demnach die Siedlung deutlich älter zu sein als der Auszug. Ähnlich scheinen die Verhältnisse am Dietersberg zu liegen, denn dort fehlen Auszugsbelege. Die Siedlung ist aber schon 1482 belegt als guet und wißmad am Dietersberg im Zusammenhang mit der Frühmessstiftung.

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Schulhäusle in Gottenried; nach Stützle, S. 64 f eine Winterschule für die schulpflichtige Jugend von Spielmannsau, Gerstruben, Dietersberg und Gottenried (Aufnahme ca. 1920)

Anders liegen die Verhältnisse im benachbarten Mummen, im Steuerbuch von 1637 als ain Auszügle zue Mummen erfasst. Eine Urkunde im Gemeindearchiv Oberstdorf von 1526, Mummen betreffend, legt nahe, dass bereits 1526 ein Auszug oder gar schon eine Dauersiedlung zu Mummen bestand. Die Gemeinde gesteht einem Cristan Schruttolffen gegen Bezahlung von 8 1/2 Pfund Haller so viel recht und gerechtigkeit zu Mumen zu, dass er und seine Erben mit ihrem Vieh heraus werz im Diethersperg bÿß an Oybach dergleichen jenhalb des Wassers am Hurenschwendele herauswez biß gegen dem Hurle nach der Seggis, so der gemain küehürt darin färt, auch faren und treyben mugen. Wozu brauchte Schraudolf diese Weiderechte, wenn nicht um seinen Besitz in Mummen zu schonen? Wegen der Angabe von Oberstdorf als Wohnsitz dürfte es sich 1526 noch um einen halbjährlich bewohnten Auszug gehandelt haben.

Eindeutig ist die Sache beim flussabwärts westlich der Trettach liegenden Haseltopf, 1637 im Steuerbuch verzeichnet: Ain Aus Zug und Heuat im Haßel Dopfen. In einer Urkunde von 1593, im Gemeindearchiv Oberstdorf, genehmigt die Gemeinde dem Besitzer dieses Grundstückes dort für ewige Zeiten eine Hofbaind einzuzäunen und ein Haus zu bauen. Als Gegenleistung musste er sich verpflichten, die Zwingbrücke über die Trettach zu unterhalten. Damit war der entscheidende Schritt getan, mit gemeindlicher Erlaubnis eine Dauersiedlung einzurichten; die Gemeinde verzichtete auf ihr ehemaliges Weiderecht.

Glasersberg, 1637: Auszug im Steuerbuch, ehemals Teil der gemeindlichen Viehweide, wie das benachbarte Hohe Schwendele, das wegen des Geländes für einen Auszug nicht in Frage kam.

Der gemeindliche Viehtrieb ging auf der Ostseite der Trettach weiter in die Oberen und Unteren Gruben. Diese sind nie als Auszüge belegt, aber seit 1541 fortlaufend, 1617 und 1619 im Sterbebuch der Pfarrei, demnach vermutlich schon damals als Dauersiedlungen.
Die Gemeindeweide verlief dann weiter über Dinnersberg, auch Dienersberg geschrieben. Stützle erwähnt 1848 zwei Futterhäuser. Im Gemeindebuch II, Abteilung IV, Nr. 83, im Gemeindearchiv Oberstdorf, sind Streitigkeiten wegen Hans Schrautolphs Wiese zu Dinnersberg überliefert. Unterm Datum 22. September 1682 heißt es: [...] außzuges oder Wyß im Dinerspergt genant [und] Es solle kein Auszug, nur noch Wiese sein. Dort entstand das große, weitbekannte Kinderheim, mit einer südlich davor stehenden Kapelle. Seither ist Dienersberg Dauersiedlung.

Ein nicht sicher identifizierter Auszug

Einträge in Steuerbüchern nennen u. a. ein Auszügle zu Breitenberg. Die Breitenberge in Untermädele, jene im NW-Abhang von Hirenalp-Stützel, kommen für einen Auszug wegen ihrer Geländebeschaffenheit nicht in Frage. Es ist deshalb anzunehmen, dass es sich hier um eine Entstellungsform von „Breitenbären” handelt, das 1388 als Praitenbaermun belegt ist, aber ab 1637 auch schon in der verhochdeutschten Form Breitenberg erscheint, die auch im Gasthausnamen „Café Breitenberg” übernommen wurde. Die konservative Oberstdorfer Mundart nennt das Gelände dort bis heute „im braitabeera”. Für diese Indentifikation spricht auch, dass in dem Gelände nördlich des Gasthauses Breitenberg heute noch mehrere Gebäude stehen, denen man zugestehen kann, es könnten ursprünglich Auszüge gewesen sein, insbesondere wenn man sie mit kleineren dortigen Heuschinden vergleicht.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass viele ehemalige Auszüge zu Dauersiedlungen geworden sind, andererseits sind manche ehemaligen Dauersiedlungen heute nicht mehr dauerhaft bewohnt, wie Gaisalpe Nr. 1 und 2 oder das Schneckenmoos. Viele der Dauersiedlungen verdanken ihre heutige Existenz dem Tourismus. Bemerkenswert ist der Auszug in der Birgsau, der den Winter über als Schulhaus genutzt wurde. Beim Schrofensatz verwundert es, dass er überhaupt einmal als Auszug genutzt wurde, dies zeugt von der wirtschaftlichen Not der damaligen Zeit. Das Beispiel von Gundsbach, soweit verfolgbar stets Dauersiedlung, führt eine andere Not vor Augen, die hohe Kindersterblichkeit. Unter den sechs hier aufgeführten Sterbefällen waren vier Kinder.

1941 hat Rosa Gastl nicht nur viel Material zu den Veränderungen in den Dauersiedlungen zusammengetragen, sondern sich auch bemüht, diese Veränderungen zu erklären. Sie ermittelte z. B. auch, dass Verbesserungen der Bodenqualität durch Düngung eine große Rolle spielten, besonders aber die Fortschritte in der Alpwirtschaft, wobei der nicht seltene Ersatz der Galtalpen durch Sennalpen hochwirksam waren. Ganz besonderen Wert hatten, nach ihrer Erkundung, der Ausbau des Verkehrsnetzes und des oft damit verbundenen Anwachsens des Fremdenverkehrs, für den sie mehrfach den Begriff „Fremdenindustrie” verwendet. Auch der Lage der Auszüge und Siedlungen misst sie hohe Bedeutung bei, z. B. der Hanglage oder flachen Hanglage, günstige Sonnenlage u. ä. Sie kann aber auch feststellen, dass es in nicht wenigen Gebieten nicht zur Aufgabe von Höfen kam und begründet damit auch ihre Hoffnung, dass die Entsiedlung nicht weitergehen wird.

Heute erleben wir wieder eine steigende Wertschätzung und Findigkeit, wie eine solche Heimat erhalten werden kann.

Kontakt

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1. Vorsitzender
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