Von Hirt und Hutschaft, Gemeindehirt und Weide

von Eugen Thomma am 01.06.2018

Bei den Worten Hirt und Gemeindehirt denke ich jetzt nicht vorrangig an den hochwürdigen Pfarrherrn, der seine „weißen Schäflein” Zusammenhalten muss, der aber auch die „gefleckten” oder gar die „schwarzen Schafe”, die vom Weg abgekommen sind, wieder zur Herde und auf den Pfad der Tugend zurückführen sollte. Nein, ich denke an den Beaufsichtiger einer Gruppe von Haustieren, an den von Bauern oder der Gemeinde bestallten Hirten für eine Viehweide und an dessen Umfeld.

Seit der Domestizierung von Wildtieren haben Personen über dieses Besitztum, den neuen Hausgenossen, gewacht. Nicht selten lebten die Hirten mit ihren Schützlingen eng verbunden in freier Natur oder unter einem Dach, ja oft zusammen in einem Raum. Der Hirt ist einer der ältesten Berufe auf unserer Mutter Erde. Seien es nun seine eigenen Tiere gewesen, die er beaufsichtigte, oder hat er es im Lohn für einen anderen, einem Herrn, getan. Er war der Hüter des ihm anvertrauten wertvollen Gutes.

Durch seine Tätigkeit lebte der Hirt nahe an der Natur und mit ihr. Er setzt den alten Spruch, „unser Herrgott hat für jede Krankheit ein Kräutlein wachsen lassen” in die Tat um und bediente sich aus der „Apotheke Natur”. Sein Wissen über die Kraft der Wässerlein und Kräutlein oder die Herstellung von Tränklein und Tinkturen waren alte Überlieferung. Nach dem Motto, „was dem Menschen geholfen hat, kann für das Vieh auch nicht schlecht sein”, wurde gehandelt. Manchmal war es auch umgekehrt, woraus sich wohl die Bezeichnung „Rosskur” ableitet.

In früheren Jahrhunderten waren die Hirten oft die einzigen „Mediziner” eines Dorfes. Das Wissen um die Kräfte der Natur verlieh dem Hirten gerne den Ruf des Geheimnisvollen. Seine Kenntnisse in der Wetter- und Heilkunde brachten ihm, insbesondere während der Zeit der Inquisition, aber auch in die Gefahr, als Hexer verfolgt zu werden. Beredtes Beispiel ist hier der Oberstdorfer Rosshirt Chonrad Stöckhlin, der einem solchen unseligen Prozess zum Opfer fiel.

„Und es waren Hirten auf dem Felde, die hüteten des nachts die Herde”, so lesen wir auch im Neuen Testament. Diese biblischen Hirten hatten, neben ihrer Hütetätigkeit, auch die Aufgabe, die Herde gegen Angriffe von menschlichen und tierischen Räubern zu schützen. So war es nicht nur im Heiligen Land, sondern auch in unserer Heimat. Mit räuberischen Nomadenstämmen und mit streunenden Löwen hatten die Allgäuer Hirten nicht zu tun, aber Viehdiebe und hungrige Raubtiere gab es auch bei uns. Den größten Herdenräubern - wie Adler, Bär, Luchs und Wolf - war deshalb der Kampf angesagt und nur dem Adler ist es, dank strenger Schutzverordnungen, gelungen zu überleben.

Wenn man im Flachland vom Hirten spricht, denkt man heute fast nur noch an den Schäfer, der mit seiner blökenden Herde übers Land zieht. Diese „lebenden Rasenmäher” halten die Heide und andere Landschaften offen und verhindern die Verbuschung ganzer Landstriche. Rinder-, Ziegen-, Schweine- und Gänsehüter sind fast schon in Vergessenheit geraten. In den Notzeiten während und nach dem Zweiten Weltkrieg, wo zur besseren Versorgung der Familien mit Lebensmitteln jede Möglichkeit der Tierhaltung ausgenutzt wurde, waren diese Hüter alle noch im Einsatz.

Zur Schicht der privilegierten Einwohner eines Dorfes gehörten die Hirten kaum. Sogar in Legenden und Märchen rangieren die Gänsemagd und der Schweinehirt zu unterst in der Hierarchie der Berufe. Sehr oft war das gemeindliche Armenhaus die Unterkunft der Dorfhirten. Es waren aber auch die Kinder armer „Häuslerfamilien”, die an den schulfreien Nachmittagen - oder verbotener Weise auch an den Vormittagen - die Gänse und Schweine auf die Weide zu treiben und dort zu hüten hatten. Wenn wir da lesen, dass so eine „Gänseliesel” bis zu 400 Stück des schnatternden Federviehs auf die „Gänshut” zu bringen und dort zu beaufsichtigen hatte, war das eine ausfüllende Beschäftigung. Meister Reineke wird diese Masse von Leckerbissen, die am Bach oder im Weiher plantschte, auch höchste Aufmerksamkeit geschenkt haben. Was hat man wohl so einem armen Hirtenkind für Vorhaltungen gemacht, wenn sich der Fuchs einen Festtagsbraten besorgt hatte?

Eine andere Art der Hutschaft war die des Schweinehirten. In den Laubwäldern, z. B. in der Rhön, im Spessart und Harz oder im Teutoburger Wald, wurde die Eichel- und Bucheckermast seit ewigen Zeiten praktiziert. In diesem Eldorado für Schweine hatte der Hirt des Dorfes seine Herde täglich zu treiben. Bis zu 90 Stück der grunzenden Borstenträger, so ist in der Literatur zu lesen, waren in verschiedenen Gemeinden täglich ausgetrieben worden. Hausschweine waren in der Wald-Hutschaft teilweise Futterkonkurrenten der Wildschweine und es kam auch zu Kreuzungen der beiden Tierarten. Die so erzeugten Frischlinge einer Bache trugen dann nicht das gestreifte Jugendkleid, sondern als sichtbares Zeichen ihres „Fehltritts” ein gepunktetes. Wie mag es da in einer Waldung ausgesehen haben, wo eine solche Vielzahl an Schweinen gewühlt hat. Und wie sahen wohl die Zu- und Abgänge zur Weidefläche aus.

Der karge Lohn für die Hirtentätigkeiten wurde meist in Naturalien ausbezahlt. Korn, Erdäpfel, Bohnen, Rüben und Kraut waren dabei gängige Währung. Gelegentlich durfte so ein Hirt auch, mit eigenem Löffel bewaffnet, „reihum essen”, das heißt, jeden Tag bei einem anderen Bauern am Tisch sitzen. Mit dem Aufblühen des Wirtschaftswunders in den 1950er und 1960er Jahren und der Massentierhaltung verschwanden diese dörflichen Idyllen und Eigenheiten.

Doch lassen wir einmal alles andere außer Betracht und schauen nach dem Hirten- und Hutschaftswesen im oberen Allgäu, wo es, zumindest nach meiner Kenntnis, keinen Schweinehirten und keine Gänseliesel gegeben hat. Da beschert uns aber schon die Breitach-Illerlinie, die ehemalige Herrschaftsgrenze, einen Unterschied im Hirtenwesen. Westlich dieser Linie, im königseggschen Gebiet, wo die Vereinödung, heute Flurbereinigung genannt, durchgeführt wurde, wo Streusiedlungen und Einöden entstanden, ist eine gemeinsame bzw. gemeindliche Beweidung die große Ausnahme, während rechts der Illergrenze, im Bistum, diese auch heute noch nahezu Regel ist.

Ich möchte nun versuchen - wie könnte es anders sein - dies am Beispiel Oberstdorf zu erläutern.

Der heutige Ortsteil Tiefenbach gehörte einst als selbstständige Gemeinde zur Grafschaft Königsegg-Rothenfels. In den Jahren 1774/75 lösten die Tiefenbacher das Haufendorf auf und führten die teilweise Vereinödung durch. Häuser wurden im Ort abgebrochen und inmitten der arrondierten Grünflächen wieder errichtet. Begünstigt durch die an Quellen reiche Natur, konnten Streusiedlungen wie Ferlewang, Winkel und Oib entstehen. Bei dieser Dezentralisierung wurde auch ein Großteil der einstmals gemeinsam genutzten Gemeindeflur an die Aussiedler verteilt, die nun ihre eigenen Viehweiden hatten und nicht mehr an der gemeinsamen Beweidung teilnahmen.

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Tiefenbach um die Jahrhundertwende. In den Jahren 1774/75 führten die Bewohner die Vereinödung durch. Häuser wurden im Dorf abgebrochen und inmitten der neu arrondierten Grundstücke wieder aufgebaut

Ganz anders verhielt es sich rechts der Iller im „Gericht Oberstdorf”, wo in der Pfarrei Schöllang z. B. die Haufendörfer Rubi, Reichenbach und Schöllang erhalten blieben. Da wurden die ortsnahen (Gemeinde-)Viehweidböden noch im Rahmen der Allmende gemeinschaftlich genutzt wie auch im Markt Oberstdorf. Die Rubinger Dorfgenossen hatten aber das Problem, dass sie sich die rund 110 bayerische Tagwerk große Rubingeroy in der Beweidung mit den Oberstdorfer Dorfgenossen, den Rechtlern, teilen mussten. Die kleine Rubinger Herde durfte fünf Tage und die große Oberstdorfer Herde nur zwei Tage in der Woche dort aufgetrieben werden. Aber dies war keine gerechte Lösung und führte immer wieder zu Spannungen, bis endlich 1833 ein Teilungsvertrag geschlossen werden konnte. Die Rubinger teilten nun ihre Fläche unter den Dorfgenossen auf und beendeten damit die Gemeinschafts-Kuhweide. Für das Jungvieh besteht aber heute noch die Gemeinschaftsweide am Westabhang des Rubihorns. Der Oberstdorfer Anteil der Rubingeroy blieb im unverteilten Gemeindebesitz und wird heute noch als gemeinsame Kuhweide bewirtschaftet. Die Ortsteile Reichenbach und Schöllang haben heute noch, jeder für sich, den gemeinsamen Kuhaustrieb, aber auch noch die eigene Jungviehweide vor und nach der Alpzeit.

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Rubi um 1900. Das Haufendorf blieb bestehen und damit die gemeinschaftliche Bewirtschaftung der Gemeindefluren, mit Ausnahme der Kuhweiden

Der zweite Weihnachtsfeiertag, der Stephanstag, war in früheren Jahren in Oberstdorf ein wichtiger Tag für Bauern und Hirten, da fand die jedjährliche Hirtendingung statt. Durch Zeitungsinserate und Anschläge an den Sennküchen wurde auf das Ereignis hingewiesen. Nach dem vormittäglichen Gottesdienst saßen der Oberalpmeister, der Alpmeister der Jungviehalpen und die gemeindlichen Weidmeister im Nebenzimmer das Gasthofs Adler. Die „Hirten in spe” warteten in der Stube, bis die Alpe oder die Herde ihrer Wahl aufgerufen wurde. Dann stellten sich die einzelnen Interessenten den Fragen der betreffenden Alp- bzw. Weidemeister. Meist fiel diese Vorstellung ganz kurz aus, denn man kannte sich und war sich vorher schon einig geworden, wer nun die Hutschaft über diese oder jene Alpe übernehmen wird. Mancher Hirt war schon über Jahrzehnte auf der gleichen Alpe. Auch der Lohn, eine Pauschalsumme, und die Deputate (Wohnung, Brennmaterial und Weidefreiheit für die Hirtenkühe) standen schon fest, wurden aber erst bindend mit der Hirtendingung. Mit einer geringen Summe „Dinggeld” (Handgeld) wurde der Vertrag mit Handschlag abgeschlossen.

Nachdem die Alpmeister, jeder für seine Alpe, den Hirten angedungen hatten, kamen die Gemeindehirten an die Reihe. Das waren zuerst die beiden „Gassenkuhhirten”, dann die Jungviehhirten, darunter der Rinderhirt, der Kalbeleshirt, der Kälbleshirt, schließlich der Geißhirt und der Schafhirt. Bis zum Zwölf-Uhr-Läuten war die ganze Aktion erledigt, aber es war üblich, dass sich die Alp- und Weidmeister noch mit den Hirten zusammensetzten und den Vertrag begossen. Ich entsinne mich noch an Hirtendingungen, die bis in die späten Abendstunden andauerten und sehr anstrengend waren.

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Die Hauptaufgabe des Oberalpmeisters ist es, die anstehenden Aufgaben unter den Alpen zu koordinieren. Im Bild der langjährige Oberalpmeister Seppl Joas

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Im Gasthof Adler fand jedjährlich am Stephanstag die Hirtendingung für das kommende Weidejahr statt

Die Gassenkühe

Als Gassenkühe bezeichnet man schlechthin die Kühe, die während des Sommers nicht auf der Alpe weiden, sondern im Tal für die Milchversorgung zuständig sind und gemeinschaftlich auf die Weidegründe der Allmende (Allmende: gemeinsam genutztes Gemeindegut) getrieben wurden.

Bedingt durch die flächenmäßige Ausdehnung des Ortes und die Zahl der Kühe gab es in Oberstdorf immer zwei Gassenkuhherden, eine für den oberen und eine für den unteren Markt, wobei die Hauptstraße die Grenzlinie bildete. Für die beiden Herden, die jede 100 Köpfe zählte, war von der Ortsgemeinde je ein Hirt angedungen, der wiederum von sich aus den Kleinhirt zu stellen hatte. Nach Fortschritt der Vegetation begann und beginnt heute noch die Hutzeit im Laufe des Monats Mai. Sie endet am 20. September, denn am 21. September, dem „Mathästag”, kommen die Milchkühe von den Alpen und damit beginnt die gemeinsame „Eeschwaid”, wo alle Milchkühe dann offen auf den Wiesenflächen rings um Oberstdorf weiden.

Morgens, nach der Melkzeit, zog zum genau festgesetzten Zeitpunkt der Gassenkuhhirt mit seiner Schalmei, im Westen bzw. in der Mitte des Ortes beginnend, durch die Gassen. Er blies an den Kreuzungen und Einmündungen die einfache Melodie „Khüe lent üüs!”. Das war für die Bauern das Signal, die Stalltüren zu öffnen und ihre Gassenkühe auf die Straße zu treiben. Die Tiere reihten sich in die immer größer werdende Gruppe ein und zogen hinter dem Hirt hinaus auf die Weide. So eine alte Gassenkuh behauptete sich auf der Straße und hatte ihre eigene Auslegung der Vorfahrtsregelung. Wenn ihr gewohnter Weg in gewissen Teilstücken auf dem Gehsteig verlief, dann ging sie wegen ein paar Fußgänger nicht herunter, was oft zu ängstlicher Flucht oder zu Gelächter unter den Passanten führte. Am Spätnachmittag zog die Herde auf dem gleichen Weg wieder zurück. Jedes Tier ging selbstständig in seinen Stall und war pünktlich zur Melkzeit daheim.

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Mit der Schalmei, mit der er das „Khüe lent üüs!” bläst, gibt der Gassenkuhhirt (im Bild Max Bußjäger) das Zeichen für die Bauern, die Kühe auszutreiben

Im Juni, wenn die Tageshitze zu groß wurde, hat man den Weidebetrieb umgestellt, das heißt der Auftrieb erfolgte abends und die Kühe waren nachts auf der Weide. Meist Anfang September, wenn die Hitze nicht mehr so groß war, kehrte man zur Tagweide zurück. Auf all den Weideplätzen für Gassenkühe stehen Hirtenhütten, sodass der Hirt und seine Helfer sich vor den Unbilden der Witterung schützen und sich zur Nachtzeit auch aufs Ohr legen können. Bedingt durch den Rückgang der Landwirtschaft und die Errichtung von Aussiedlerhöfen ist die Stückzahl der Gassenkühe stark zurückgegangen und so ist leider auch die Schalmei nicht mehr zu hören.

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Mit ihren beiden Gassenkühen wartet Maria Huber, Lippars Marie, am Eingang zur Wurzergasse schon auf das Signal des Hirten

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Der Hirt Felix Blattner mit der Gassenkuhherde am Burgstall im Jahr 1883. Auffallend sind die damals noch vielen sog. Blaudachsen unter den Kühen

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Die abendliche Heimkehr der oberen Herde vom Weidegang

Die Galthirten

Die drei „Gölthierte” (Jungviehhirten) hatten im Frühjahr, vom Tag des ersten Auftriebs an bis zur „Alpfahrt”, dem Einschlag in die Galtalpen, ihre Herden innerhalb der Vorweide zu betreuen. Gleiches geschah im Herbst, vom Tag nach dem „Scheid”, also dem 14. September bis zum 31. Oktober; das war das Ende aller Hutschaften.

Der Rinderhirt

Ihm oblag die Aufsicht über die Herde der Rinder. Unter „Rinder” sind die rund 2 1/2-jährigen trächtigen Jungtiere zu verstehen. Der erste gemeinsame Austrieb, den Termin legten die Weidmeister je nach Vegetationsfortschritt fest, war ein wichtiger Tag im Kalender der Bauern und der Hirten. Nach der ortsüblichen Bekanntmachung ging der Austrieb nach altherkömmlicher Weise vonstatten.

Ganz im Westen des Ortes, „Bei den Höfen”, gab der Rinderhirt morgens um fünf Uhr mit seinem Bockshorn das Startsignal, das er die Westsraße und weiter die Oststraße hinauf an jeder Kreuzung und Einmündung wiederholte. Im Laufschritt zog die Herde durch die Straßen bis zur Mühlenbrücke, zum Oybele, dann die „Roat Staig” hinauf zum Kühberg und von dort ins Oytal. Es war dies ein urtümliches Ereignis, verbunden mit einem Höllenlärm, dieser erste Austrieb. Das mehrhundertfache Geläute der Schellen und Glöckchen, das Brüllen der aufgeregten Tiere, die Rufe der Hirten und Treiber vermischten sich zu einem Konzert, das die neue Weidezeit einläutete. Einem eingefleischten Hirt, der die Weidezeit herbeisehnte, lief dabei die Gänsehaut über den Rücken.

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Die Rinderherde am Kühberg, im Hintergrund
(v. li.) Fürschießer, Kratzer und Trettachspitze

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Das Oytal, mit Blick zum Riegelanger, wird abgeschlossen von (v. li) Himmelhorn, Großer und Kleiner Wilde

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Über mehrere hundert Meter stürzt der Bach vom Seealpsee herab bis zum Seeanger im Oytal

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Namengebend für den Kreuzanger im Oytal, am Fuß des Riefenkopfes, ist dieses von dem Oberstdorfer Bildhauer Wilhelm Math geschaffene Kreuz

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Die Rinderherde am Ochsenhof

Am ersten Tag herrscht in so einer Herde eine grandiose Unruhe. Tiere aus einem Stall, die sich beim Trieb verloren hatten, suchen sich brüllend und schließen sich wieder zusammen. Vom „Heimweh” geplagte Tiere versuchen sich in Richtung des heimischen Stalles abzusetzen. Da und dort werden Rangkämpfe ausgefochten und die „Hackordnung” bestimmt. In der Rinderherde befanden sich früher auch immer einige Zuchtstiere, diese „Herden-Chefs” mischten beim Ringen um Reputation auch fleißig mit. Sehr bald bilden sich kleine Gruppen, die oft den ganzen Sommer zusammen bleiben. Ich habe auch erlebt, dass sich Tiere verschiedener Besitzer auf der Vorweide „anfreundeten”, den Sommer auf verschiedenen Alpen verbrachten und sich bei der Herbstweide wieder zusammenschlossen. Es gibt bei diesen Geschöpfen, wie beim Menschen, Sympathie und Antipathie. Nur sind die Tiere da etwas ehrlicher, sie zeigen gleich, wen sie mögen und wen nicht.

Im Verlauf der rund vier Wochen bis zur Alpfahrt weideten die Rinder auch noch am Ochsenhof und am Kühberg. Die einstigen Weiden am Stützl und in den Ortruben sind heute bewaldet.

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Die Sölleralpe liegt in unmittelbarer Nachbarschaft der Kalbelesweide

Die Kalbeln

Aber zurück in den Markt Oberstdorf. Kaum war die Rinderherde aus dem Ort, trat der Kalbeleshirt in Aktion. Die Kalbeln, in anderen Orten des Allgäus auch Schumpen genannt, bildeten die nächste Herde. Beim ersten gemeinsamen Austrieb dieser rund 1 1/2-jährigen Jungtiere ging es etwas flotter zur Sache als bei den Rindern. Die Kalbeln sind Jungrinder „in den Flegeljahren” und flinker und unfolgsamer als die Rinder. Der Austrieb erfolgte eine halbe Stunde nach der ersten Herde und verlief im Ort auf die gleiche Weise. An der Mühlenbrücke schwenkte diese Herde nach rechts ab und zog, entlang der „Halden”, in Richtung Süden bis zum Eingang des Stillachtales zur „Zimmeroy” (heute befindet sich dort die Heini-Klopfer- Skiflugschanze).

Der Kalbeleshirt war der Nomade unter den Oberstdorfer Galthirten. Er zog, nachdem die Zimmeroy abgeweidet war, mit der Herde hinauf zur Hochleite am Westabhang des Söllereck. Gerade etwa eine Woche reichte dort das Futter für die Masse der Tiere. Dann hieß es schon wieder wandern und diesmal den weitesten Weg von rund sieben bis acht Kilometern, zurück ins Tal, über die Halden, das Oybele zur Rubinger Oy und dann den steinigen und steilen Anstieg hinauf ins „Kehr” am Westabhang des Rubihorns. Nach etwa einer Woche war auch hier alles „blutt” (nackt, abgeweidet) und die Herde wurde mit viel „Hüh” und „Hoh” durch die steile Trift zum Roßbichl an der Südseite des Rubihorns hinaufgetrieben. Am Roßbichl und dem tiefer liegenden „Hafnarles Loo” konnte die Herde dann bis zum Vortag der Alpfahrt weiden. Am Nachmittag ging es dann für eine Nacht ins Tal hinunter in die heimischen Ställe, von wo aus früh am Morgen die Alpfahrt gestartet wurde.

Durch den Rückgang der Landwirtschaft werden einige Flächen, die man mit den Kalbeln aufgesucht hatte, nicht mehr genutzt. Das Weidegebiet im Kehr ist heute ganz bewaldet, auch andere Gebiete weisen wesentlich mehr Baumbewuchs auf als früher.

Die Kälber

Wenn Rinder und Kalbeln versorgt waren, dann kamen die Kälber an die Reihe. Nicht in der Herde gesammelt, sondern einzeln brachten die Bauern ihre „Jüngsten” ins Oybele. Der Kälberhirt, oft ein halbwüchsiger Bursche, war dort mit seiner Herde nahe dem Ort. Da weideten die gerade mal ein halbes Jahr alten Kälbchen in der Ebene. Dieser Hirt brauchte schon etwas Geduld, denn seine Tiere kannten noch keine Zucht und Ordnung. Der Kälberhirt hatte den Vorteil, er blieb die ganze Vorweidezeit im Bereich Oybele - Faltenbach und musste nicht weiterwandern. Im Herbst, bei der Nachweide, gab es keine Kälberherde mehr. Da waren die Tiere durch den Alpsommer schon so kräftig geworden, dass sie mit den Kalbeln zusammen ausgetrieben werden konnten. Besonders schwer hatten es die „Jäänar- Khelbr”, die im Januar geborenen Kälber, auf der Vorweide und dann erst recht auf der Hochalpe. Bei nassem Wetter oder gar Schneefall im Sommer auf der Alpe, da taten mir die kleinen Kälbchen schon manchmal leid, die froren dann wie die Hirtenbuben oft jämmerlich. Es war dies ein Hauptgrund, dass man versuchte, die Geburtszeiten der Kälber auf die Monate Oktober, November oder Dezember einzurichten.

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Meist waren die Kälberhirten halbwüchsige Burschen

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Der Plattenbichl diente als Kuhweide und Ausweiche für die Kälberherde

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Das obere Oybele war der Weidegrund für die Kälberherde im Frühjahr. Am Bildrand links steht heute die Oybele-Festhalle. Die Straße wurde vor etwa 70 Jahren nach rechts an das Flussufer der Trettach verlegt

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Vier Galthirten im Gespräch (v. li):
Anton Steurer, Anton Waibel, Xaver Vogler und Josef Schwarz

Die Geißen

Geißen sind das Barometer der Zeit: gibt es viele davon, sind die Zeiten schlecht, in guten Zeiten sieht man weniger dieser Tiere. Die Geiß, „die Kuh des kleinen Mannes”, spielte in Oberstdorf über Jahrhunderte eine wichtige Rolle. Viele Einwohner konnten sich eine Kuh finanziell nicht leisten bzw. besaßen nicht so viel Grund, dass sie das Winterfutter für eine Kuh gewinnen konnten. Bis in die Neuzeit, d. h. in die Nachkriegszeit, haben Geißbauern die steilsten Bergheugebiete gemäht, um mit dem so gewonnenen Heu ihre „Meckerer” über den Winter zu bringen. Die Sommerweide war dagegen nicht problematisch. Zwischen Anfang und Mitte Mai, je nachdem wie sich das Frühjahr gestaltete, hat der gemeindliche Geißhirt, der „Gaißar”, seine Arbeit aufgenommen. Wie für den Austrieb des Rindviehs war auch für die Geißweide der Weidmeister verantwortlich.

Täglich morgens, nach der Melkzeit, sammelte der Geißhirt seine Herde zusammen. Auch er gab mit einem Bockshorn das Zeichen zum Öffnen der Stalltüren und begann im äußersten Westen des Ortes das Sammeln. Bis er am östlichen Ortsende ankam, zählte seine Schar über 100 weiße, schwarze und scheckige Tiere. Die Geißherde bot mit ihren vielen kleinen Schellen und Glöcklein ein eigenartiges Gebimmel. Wer diesen nahenden Ton überhört und evtl, vergessen hatte, das Gartentürchen zu schließen, erlebte ein blaues - nein, ein scheckiges - Wunder in seinem Hausgärtchen. Salat, gelbe Rüben, Primeln und Geranien, nichts war sicher vor diesen Feinschmeckern. Es gab ja das geflügelte Wort: „Wer nicht selbst zum Stehlen gehen will, schafft sich eine Geiß an!”

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Die Geißherde auf der Weide am Weg ins Oytal

Das Ziel der Geißherde war der Kühberg und anfänglich besonders der Bereich dort, der wegen seiner Steilheit von den Rindern nicht abgeweidet werden konnte. Bis hinauf zur „weißen Wand” und zu den „Immenköpfen” stiegen die Tiere. Die Geiß ist ein Bergsteiger und steht in den Kletterkünsten der Gemse kaum nach. Diese Eigenschaft befähigt sie, als Feinschmecker die besten Gräschen und Kräutlein zu knabbern. Der „Gaißar” hatte öfters seine liebe Not die Tiere herunter zu holen, um zur Melkzeit im Ort zu sein. Es war dann ein lustiges Schauspiel für Alt und Jung, wenn die Geißenschar durch die Straßen zog und die kleinen Zicklein ihre akrobatischen Sprünge vollführten. Jedes der Tiere suchte von sich aus den heimischen Stall auf. Dem lag allerdings ein kleiner Trick zu Grunde. Die Tiere sind ja ganz wild auf Salz und eine Prise von dem begehrten Stoff in die Futtergrippe eingelegt bewirkt Wunder.

Die Weidezeit der Geißenherden endete, wie alle anderen Gemeindeweiden, am 31. Oktober. Seit Jahrzehnten ist das Bockshorn des Geißhirten verstummt, es gibt keine Geißenherde mehr. Dem Geißen-Barometer nach leben wir in einer sehr guten Zeit.

So manche Familie hat in früheren Jahrhunderten die Geiß geholfen den Winter zu überleben. Aus dieser Perspektive gesehen ist es darum kein Wunder, dass man Prozesse deswegen geführt hat, wer zwischen Geschröffen und Felswänden seine Geiß weiden lassen darf.

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Pünktlich zur Melkzeit waren die Geißen am Spätnachmittag wieder im Ort. Im Bild der Eintrieb in der Oststraße

Die Schafe

Aus Leder. Lein, Wolle, Holz und Stroh fertigten unsere Vorfahren ihre Kleidung und viele Gebrauchsgegenstände; der Lieferant für die Wolle war das Schaf. So wie in fast jedem Haus ein Spinnrad zu finden war, stand über den Winter im Stall auch zumindest ein Schaf.

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Für die Schafe gab es keine Talweide, sie mussten gleich hinauf in höhere Regionen am Schattenberg und dann am Einödberg. Die Einödbergalpe wurde in den Notjahren nach dem Ersten Weltkrieg von der Gemeinde angepachtet, damit ärmere Mitbürger dort ihre Schafe weiden lassen konnten

Wie für Kuh, Jungrind und Geiß hatte die Ortsgemeinde auch für die Schafe einen Hirt angestellt. An einem bestimmten Tag im Mai wurden die Tiere von den jeweiligen Besitzern ins Oybele verbracht. Mit weiteren Helfern zog der Schafhirt mit der Herde zum Kühberg und über den Ochsenhof hinauf in den Schäfhof an der Südwestflanke des Schattenberges. Die der Sonne zugewandte Bergseite war relativ früh schneefrei und so konnten die Schafe trotz der Höhenlage zeitig im Frühjahr ausgetrieben werden. Ein kleines Hüttlein für den Hirt und ein Brunnen für Mensch und Tier reichten aus für die Vorweide vor der Alpzeit. Dass in unseren Alpen schon Jahrhunderte Schafe weideten, geht nicht nur aus Urkunden, sondern auch aus alten Flurnamen hervor: Schäfalpen, Schäfhof, Schäfdrift und weitere geben davon Zeugnis.

Bei allen Austrieben, egal um welches Vieh es sich handelte, war darauf zu achten, dass es nicht an einem Sonntag, Mittwoch oder Freitag und auch nicht bei übergehendem Mond geschah. Den Sonntag, den Tag des Herrn, das war mir klar, den Freitag im Verruf als Unglückstag konnte ich auch verstehen, aber der Mittwoch? Es hieß einfach: „am Mikhte gend de Ünggschikte”, soll heißen am Mittwoch gehen die Ungeschickten. Woher und wieso das kam weiß ich nicht, aber wir hielten uns daran, denn wir wollten ja nicht als Ungeschickte gelten. Und das mit den Mondzeichen? Wenn ich ein bisschen mehr abergläubisch wäre, würde ich sagen, ich habe den Beweis. Es wird nämlich behauptet, wenn im Frühjahr die Herde erstmals ausgetrieben wird und das bei übergehendem Mond geschieht, dann sind die Tiere „fahrig” und ziehen immer in die Höhe. Ich kann mich an zwei solche Jahre erinnern, ein Zufall?

Das Leben des Hirten war in früheren Jahren sehr entbehrungsreich. Viele Ställe auf Bauernhöfen waren komfortabler ausgestattet als eine Hirtenhütte. So ein Galthirt hatte von Mitte Mai bis Allerheiligen nicht einen einzigen freien Tag. Die Entlohnung auf der Alp wie auch an der Gemeinde war eine Pauschalsumme. Aber es gab da einen alten Brauch, der mit dem Pfingstfest zusammenhing. Wurde vor Pfingsten an die Gemeinde getrieben, hatten die Bauern dem Hirten einen „Pfingstgroschen” zu bezahlen. Da gab es natürlich solche, die das Wort „Groschen” wörtlich genommen haben. Vereinzelt habe ich Anfang der 50er Jahre noch da und dort das Geld für eine „Pfingst- maß” erhalten.

Wenn der Hirt im Sommer auf der Hochalpe vom frühen Morgen bis in die Nacht bei der Herde draußen war und es tagelang geregnet hatte, der Nebel alles einhüllte, wenn man tagelang keinen Menschen gesehen hat, Schlagwetter niedergingen oder es geschneit hat wie normal im Winter, da fragte man sich schon, warum tue ich das? Und wenn anderntags die Sonne schien, die Tiere friedlich weideten und Zeit dafür war mit dem Glas nach Adler, Gems, Hirsch und Murmeltier zu schauen, dann war alles vergessen, man war ein König.

Hirten - Heft 72

Mit dem Eeschweidegang vom 21. September bis Allerheiligen schließt sich der Kreis der Weidezeit und damit auch die Hutschaft

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Angefangen mit der Vorweide im Mai hat der Hirt über den Alpsommer und der Nachweide bis Allerheiligen nicht einen freien Tag. Ein besonderer Festtag war und ist für den Hirten jedoch der Scheid (im Bild der Autor im Jahr 1955).

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